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Notizen/Philosophie/Wissenschaftstheorie — Popper, Kuhn
Notizen · PhilosophieDE · Abitur

Wissenschaftstheorie — Popper, Kuhn

Wissenschaftstheorie fragt: Was unterscheidet wissenschaftliche Erkenntnis von Pseudowissenschaft? Wie schreitet Wissenschaft voran? Karl Popper (Logik der Forschung 1934) antwortet mit dem Falsifikationismus: nicht Verifikation, sondern Falsifizierbarkeit ist Demarkationskriterium. Thomas Kuhn (The Structure of Scientific Revolutions 1962) kontert mit einer historisch-soziologischen Analyse: Wissenschaft entwickelt sich in Paradigmen, getrennt durch Revolutionen. Imre Lakatos und Paul Feyerabend ergänzen und radikalisieren. Aktuelle Debatten: Reproduzierbarkeitskrise, KI in der Forschung, post-truth.

6 Abschnitte·~31 Min Lesezeit·1 Kompetenz·Niveau Standard 3 · Vertiefung 3·Stand 06/2026

T·111111 / 15
Prüfungsprofil
KMK-EPA-Philosophie-IF6 · Geltungsansprüche der Wissenschaften
Operatoren:analysierenvergleichenerörternbeurteilen

grundlegendes Niveau

gA-Niveau: Popper-Falsifikationismus und Kuhn-Paradigmenwechsel als Grundpositionen; Induktionsproblem; Verifikations- vs. Falsifikationslogik.

erhöhtes Niveau

eA-Niveau: Asymmetrie von All- und Existenzsätzen; Demarkationskriterium; Kuhns Inkommensurabilitätsthese; Lakatos’ Forschungsprogramme; Feyerabends „Anything goes" (Wider den Methodenzwang 1975).

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Wissenschaftstheorie — Popper, Kuhn
    • 01Popper — Falsifikationismus◐
    • 02Kuhn — Paradigmen und wissenschaftliche Revolutionen●
    • 03Induktionsproblem und Erklärungsmodelle◐
    • 04Lakatos und Feyerabend — Forschungsprogramme und Methodenpluralismus●
    • 05Werturteilsstreit und Verantwortung der Wissenschaft◐
    • 06Naturalismus, Reduktion und Grenzen der Wissenschaft●
§ 01

Popper — Falsifikationismus#

●●○StandardLPkmk-epa-philosophie-if6

Falsifikationismus (Popper)

Falsifikationismus (Popper)Netzgraph, All-Satz / Hypothese → Bewährung, All-Satz / Hypothese → Falsifikation, Bewährung → vorläufig akzept., Falsifikation → Theorie verwerfenAll-Satz /HypotheseBewährungFalsifikationvorläufigakzept.Theorieverwerfenbewährt sich1 Gegenfall
Abb. 1Asymmetrie von Verifikation und Falsifikation: keine endliche Beobachtung verifiziert einen All-Satz, eine einzige falsifiziert ihn.

Kernpunkte

Die Wissenschaftstheorie stellt zwei Grundfragen: Was unterscheidet Wissenschaft von Nicht- oder Pseudowissenschaft (das Abgrenzungs- oder Demarkationsproblem), und wie schreitet Wissenschaft voran? Der Wiener Kreis (logischer Empirismus) hatte das Verifikationskriterium aufgestellt: Eine Aussage sei nur dann wissenschaftlich und sinnvoll, wenn sie empirisch verifizierbar ist. Karl Popper („Logik der Forschung", 1934) verwirft dieses Kriterium. Seinen Ausgangspunkt bildet eine Beobachtung: Einsteins Relativitätstheorie machte riskante, scheiternfähige Voraussagen (die Lichtablenkung an der Sonne, 1919 geprüft), während Marx’ Geschichtstheorie und die Psychoanalyse Freuds und Adlers ihm scheinbar alles erklären konnten — jede Beobachtung „passte" zu ihnen. Daraus zieht Popper den Schluss, dass nicht die Bestätigbarkeit, sondern die Widerlegbarkeit das Wissenschaftliche auszeichnet.
Den logischen Kern bildet die Asymmetrie von Verifikation und Falsifikation (vgl. Abb. Falsifikation). Ein Allsatz wie „Alle Schwäne sind weiß" lässt sich durch keine noch so große endliche Zahl von Beobachtungen endgültig verifizieren — man kann nicht alle, schon gar nicht die zukünftigen Schwäne prüfen (das ist Humes Induktionsproblem). Ein einziger Gegenfall (ein schwarzer Schwan) widerlegt ihn jedoch endgültig. Diese Falsifikation ist logisch zwingend als modus tollens: Wenn die Theorie T gilt, dann ist Beobachtung P zu erwarten; P tritt nicht ein; also gilt T nicht. Allsätze sind demnach falsifizierbar, aber nicht verifizierbar — darin liegt die ganze Pointe.
Folglich macht Popper die Falsifizierbarkeit (nicht die Verifizierbarkeit) zum Demarkationskriterium zwischen empirischer Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft: Eine Theorie ist wissenschaftlich genau dann, wenn sie etwas verbietet — wenn es denkbare Beobachtungen gibt, die sie widerlegen würden. Sie muss „ihren Kopf hinhalten". Theorien, die mit jeder möglichen Beobachtung verträglich sind und auch ihr Gegenteil noch erklären können (Popper wirft das der marxistischen Geschichtsdeutung und der Psychoanalyse vor), sind nach diesem Maßstab nicht wissenschaftlich. Wichtig: „nicht-wissenschaftlich" heißt bei Popper nicht „sinnlos" oder „falsch" — anders als der Wiener Kreis verwirft er die Metaphysik nicht als Unsinn; das Demarkationskriterium ist gerade keine Theorie der Bedeutung.
Da Theorien sich nicht verifizieren lassen, fragt Popper nach dem Status einer Theorie, die Prüfungen übersteht. Sie ist bewährt (corroboration): Sie hat ernsthaften Widerlegungsversuchen standgehalten — bleibt aber niemals als wahr oder auch nur als wahrscheinlich erwiesen, sondern eine „kühne Vermutung", vorläufiges, hypothetisches Wissen. Entscheidend ist, dass Bewährung keine abgeschwächte Verifikation und keine Wahrscheinlichkeitserhöhung ist. Im Gegenteil schätzt Popper gerade die gehaltvollen, hochgradig falsifizierbaren Theorien: Je mehr eine Theorie verbietet (je kühner und informativer sie ist) und je strenger sie geprüft wurde, desto wertvoller ist sie — Wahrscheinlichkeit und Gehalt verhalten sich umgekehrt.
Diese Haltung systematisiert Popper als kritischen Rationalismus (Logik der Forschung 1934; „Conjectures and Refutations", 1963): Erkenntnis wächst durch kühne Vermutungen und strenge Widerlegungsversuche — „trial and error" auf der Ebene der Theorien. Der Wissenschaftler soll aktiv versuchen, seine Theorien zu falsifizieren, nicht sie zu bestätigen. Eine Induktion im Sinne eines Schlusses von Einzeldaten auf ein Gesetz gibt es danach in der realen Wissenschaft gar nicht: Wir verallgemeinern nicht aus Daten, sondern erfinden Hypothesen und prüfen sie deduktiv. So löst Popper das Humesche Induktionsproblem, indem er bestreitet, dass die Wissenschaft überhaupt auf Induktion angewiesen sei (Deduktivismus).
Diesen Antidogmatismus überträgt Popper auf die Politik („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde", 1945): Die offene Gesellschaft erlaubt Kritik, Fehlerkorrektur und schrittweise Reform (piecemeal engineering); die geschlossene Gesellschaft beansprucht endgültige Wahrheit und verbietet Kritik — als ihre „falschen Propheten" eines geschichtsgesetzlichen Denkens (Historizismus) klagt er Platon, Hegel und Marx an. Kritisiert wird der Falsifikationismus seinerseits durch die Duhem-Quine-These (eine Hypothese wird nie isoliert geprüft, sodass eine Widerlegung nie eindeutig die schuldige Annahme benennt) und durch Kuhns historischen Einwand, dass Forscher ein Paradigma gerade nicht bei der ersten Anomalie aufgeben. Für die Klausur gilt: das Asymmetrie-Argument sauber als modus tollens führen; die Demarkation als Pointe benennen; die Bewährung niemals als Verifikation darstellen; und beachten, dass Falsifizierbarkeit die LOGISCHE Möglichkeit der Widerlegung meint, nicht ein einzelnes gescheitertes Experiment.
Musterlösung

Falsifizierbarkeit prüfen — Demarkation am Beispiel

Prüfen Sie die folgenden vier Aussagen auf Falsifizierbarkeit und beurteilen Sie, welche nach Popper als wissenschaftlich gelten: (1) „Alle Metalle dehnen sich bei Erwärmung aus." (2) „Es gibt irgendwo ein Perpetuum mobile." (3) „Wer an Astrologie glaubt, wird sein Glück finden — sofern er es nur fest genug will." (4) „Die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum beträgt rund 3·10⁸ m/s."

  1. 011. Kriterium klären

    Popper fragt nicht „Ist die Aussage wahr?", sondern „Kann sie prinzipiell durch eine Beobachtung widerlegt werden?". Wissenschaftlich ist eine Aussage genau dann, wenn ein potenzieller Falsifikator angebbar ist (Logik der Forschung, 1934).

  2. 022. All-Satz (1) und Messsatz (4) prüfen

    All-Sätze („alle …") sind nie endgültig verifizierbar, aber durch ein einziges Gegenbeispiel falsifizierbar (modus tollens). Aussage (1) ist ein solcher All-Satz: ein einziges Metall, das sich beim Erwärmen zusammenzieht, würde sie widerlegen — falsifizierbar, also wissenschaftlich. Aussage (4) ist kein klassischer All-Satz, sondern eine singuläre Größenaussage über eine Naturkonstante mit impliziter Allgemeinheit (c gilt überall/immer); auch sie ist falsifizierbar, weil eine reproduzierbare Messung mit anderem Wert sie widerlegen würde.

  3. 033. Existenz-Satz prüfen (2)

    Reine Existenzsätze („es gibt irgendwo …") sind nicht falsifizierbar: kein endlicher Suchaufwand kann ihre Nicht-Existenz beweisen, weil „irgendwo" unbegrenzt bleibt. Aussage (2) ist somit nicht falsifizierbar — metaphysisch, nicht wissenschaftlich (kann aber heuristisch sinnvoll sein).

  4. 044. Immunisierung erkennen (3)

    Aussage (3) enthält eine eingebaute Immunisierungsklausel („sofern er es nur fest genug will"): jeder Misserfolg lässt sich umdeuten („er wollte es nicht fest genug"). Damit ist kein Falsifikator möglich. Solche ad-hoc-Immunisierungen sind das Kennzeichen von Pseudowissenschaft.

  5. 055. Verdikt und Reflexion

    Wissenschaftlich (falsifizierbar): (1) und (4). Nicht-wissenschaftlich: (2) reiner Existenzsatz, (3) immunisiert. Reflektiert: Falsifizierbarkeit ist Demarkations-, kein Wahrheitskriterium — auch falsche, aber falsifizierbare Theorien sind wissenschaftlich; nicht-falsifizierbare Sätze sind nicht „falsch", sondern empirisch gehaltlos.

Ergebnis: Falsifizierbar und damit wissenschaftlich sind die All- bzw. Messsätze (1) und (4); die reine Existenzbehauptung (2) und die immunisierte Astrologie-These (3) sind nach Poppers Demarkationskriterium nicht wissenschaftlich.

Abiturfokus

  • Asymmetrie-Argument logisch sauber führen (modus tollens).
  • Demarkationskriterium als Pointe — Popper grenzt Wissenschaft ab, ohne sie metaphysisch zu begründen.
  • Bewährung niemals als Verifikation darstellen.
  • Deduktivismus: Wissenschaft braucht keine Induktion (Auflösung des Humeschen Problems).
  • Verbindung zur Politik (offene Gesellschaft) als eA-Bonus.

Typische Fehler

  • Falsifikation wird mit „Widerlegung in einem Experiment" verwechselt — gemeint ist die LOGISCHE Möglichkeit der Falsifikation.
  • Bewährung wird zur abgeschwächten Verifikation verflacht.
  • Unfalsifizierbar wird mit „falsch" oder „sinnlos" gleichgesetzt — Popper grenzt nur ab und erklärt Metaphysik (anders als der Wiener Kreis) nicht für unsinnig.
  • Popper wird auf Naturwissenschaft eingeschränkt — er bezieht sich explizit auch auf Sozialwissenschaft.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Popper räumt selbst eine konventionelle Schwachstelle ein. Eine Theorie wird nie durch „nackte" Tatsachen widerlegt, sondern durch Basissätze (Beobachtungsaussagen) — und auch diese sind theoriegeladen und fehlbar, also selbst wieder prüfbar. Damit droht ein infiniter Regress: Worauf stützt sich die Falsifikation letztlich? Poppers Antwort ist eine methodologische Festsetzung (ein Beschluss): Die Forschergemeinschaft einigt sich, bestimmte wiederholbare Basissätze vorläufig nicht weiter anzuzweifeln — das „Fundament" der Wissenschaft ruht, in Poppers Bild, auf Pfählen, die in einen Sumpf gerammt sind, nicht auf festem Grund. Diskutieren Sie, ob diese konventionelle Komponente den Falsifikationismus relativiert und ihn der Duhem-Quine-These annähert, wonach stets ganze Theoriegefüge und nicht isolierte Hypothesen auf dem Prüfstand stehen.

Aktive Wiederholung

Ist die Aussage „Es gibt schwarze Schwäne" falsifizierbar? Was unterscheidet All- von Existenzsätzen logisch?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Karl Popper (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)

§ 02

Kuhn — Paradigmen und wissenschaftliche Revolutionen#

●●●VertiefungLPkmk-epa-philosophie-if6

Kuhns Paradigmen-Zyklus

Kuhns Paradigmen-ZyklusNetzgraph, 1. Paradigma → 2. Normalwiss., 2. Normalwiss. → 3. Anomalien, 3. Anomalien → 4. Krise, 4. Krise → 5. Revolution, 5. Revolution → 1. Paradigma1. Paradigma2. Normalwiss.3. Anomalien4. Krise5. Revolution
Abb. 2Paradigma → Normalwissenschaft → Anomalien → Krise → Revolution → neues Paradigma.

Kernpunkte

Thomas Kuhn („The Structure of Scientific Revolutions", 1962; dt. „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen") war Physiker und wandte sich der Wissenschaftsgeschichte zu. Gegen das Bild der Wissenschaft als rein rationale, stetig anwachsende (logischer Empirismus) oder dauerhaft selbstkritische Unternehmung (Popper) setzt er eine historisch-soziologische Analyse: Reale Wissenschaft entwickelt sich weder linear-kumulativ noch durch permanente Widerlegungsversuche, sondern in unstetigen Zyklen, die von Paradigmen strukturiert werden. Wissenschaft ist für Kuhn primär eine Tätigkeit von Gemeinschaften, keine Logik — was eine Theorie wissenschaftlich macht, entscheidet nicht ein zeitloses Kriterium, sondern die jeweils tragende Forschergemeinschaft.
Ein Paradigma ist eine anerkannte wissenschaftliche Musterleistung, die einer Gemeinschaft auf Zeit Modellprobleme und Modelllösungen vorgibt: geteilte Theorien, Gesetze, Methoden, Instrumente, Wertmaßstäbe und exemplarisch gelöste Probleme. (Kuhn präzisierte später zwei Bedeutungen: die weite „disziplinäre Matrix" als ganzes Geflecht und die enge der „exemplars", der vorbildlich gelösten Musteraufgaben.) Das Paradigma legt fest, was als legitimes Problem und als gute Lösung gilt. Beispiele sind die newtonsche Mechanik, das ptolemäische und dann das kopernikanische Weltbild, Lavoisiers Sauerstoff-Chemie, die darwinsche Biologie oder die Plattentektonik.
Der Entwicklungszyklus verläuft in Phasen (vgl. Abb. Paradigmen): Einer vorparadigmatischen Phase konkurrierender Schulen ohne Konsens folgt (1) die Verfestigung eines Paradigmas; dann (2) die Normalwissenschaft als „Rätsellösen" (puzzle-solving) innerhalb des Paradigmas, das selbst nicht in Frage gestellt wird — Anomalien werden zunächst beiseitegelegt oder dem Forscher angelastet; mit der Zeit häufen sich (3) Anomalien (hartnäckig ungelöste Probleme), die in eine (4) Krise führen, in der das Vertrauen schwindet und Grundlagendebatten und Alternativen wiederaufleben; schließlich (5) die wissenschaftliche Revolution, in der ein neues Paradigma das alte ablöst (Paradigmenwechsel) — und eine neue Normalwissenschaft beginnt.
Den schärfsten Punkt bildet die Inkommensurabilitätsthese: Konkurrierende Paradigmen sind „inkommensurabel", es gibt kein gemeinsames Maß. Sie unterscheiden sich in den Begriffen (dasselbe Wort, etwa „Masse" oder „Planet", bedeutet etwas anderes), darin, welche Probleme als wichtig gelten, und in den Lösungsstandards; es gibt keine theorieneutrale Beobachtungssprache und keinen geteilten Maßstab, an dem man sie schlicht der Reihe nach abrechnen könnte. Daher Kuhns provokante Rede, Anhänger verschiedener Paradigmen „lebten in verschiedenen Welten", und der Paradigmenwechsel gleiche eher einem Gestaltwechsel oder einer Bekehrung (Konversion) als einem schrittweisen rationalen Beweis.
Daraus folgt eine veränderte Sicht des Fortschritts. Wissenschaftliche Entwicklung ist nicht einfach die kumulative Annäherung an „die Wahrheit"; Kuhn bezweifelt die Vorstellung, die Wissenschaft konvergiere gegen eine geistunabhängige Realität. Fortschritt ist „Fortschritt von" (wachsende Problemlösekraft im Feld), nicht „Fortschritt auf ein festes Ziel hin" — Kuhn vergleicht dies mit der darwinschen Evolution, die sich ohne Telos entwickelt. Externe Faktoren (Persönlichkeiten, Generationen — Max Plancks Bemerkung, eine neue Wahrheit setze sich durch, weil ihre Gegner aussterben —, Institutionen, Überredung) spielen beim Paradigmenwechsel eine reale Rolle, was die Verteidiger der Wissenschaftsrationalität als Relativismus alarmierte.
Im Zentrum steht die Kontroverse Kuhn gegen Popper: das rational-kumulativ-kritische Bild (Wissenschaft als permanente Revolution durch Falsifikationsversuche) gegen das revolutionär-diskontinuierliche (lange, konservative Normalwissenschaft, unterbrochen von seltenen Krisen; Anomalien werden toleriert, nicht als tödlich behandelt). Popper hält die Normalwissenschaft für eine Gefahr (unkritischer Dogmatismus), Kuhn für die Voraussetzung tiefer Arbeit. Für die Klausur gilt: den Fünf-Phasen-Zyklus sauber wiedergeben; die Inkommensurabilität als Pointe darstellen (Paradigmen sind nicht bloß bessere oder schlechtere Versionen desselben, und „inkommensurabel" heißt „ohne gemeinsames Maß", nicht „unvergleichbar"); „Paradigma" im Kuhnschen Fachsinn (nicht als Alltags-„Denkweise") verwenden; und konkrete Beispiele benennen können (kopernikanische Wende, Sauerstoff statt Phlogiston, Plattentektonik, Quantenphysik).

Abiturfokus

  • Fünf-Phasen-Zyklus sauber wiedergeben (Paradigma → Normalwissenschaft → Anomalie → Krise → Revolution).
  • Inkommensurabilitätsthese als Pointe — Paradigmen sind nicht bloß bessere/schlechtere Versionen voneinander.
  • Kuhn vs. Popper als zentrale Kontroverse: rational-kumulativ vs. revolutionär-diskontinuierlich.
  • Beispiele konkret benennen können (kopernikanische Wende, Quantenphysik, Plattentektonik).

Typische Fehler

  • Paradigma wird im Alltagssinn („Denkweise") verwendet statt im Kuhnschen Fachsinn.
  • Normalwissenschaft wird als Stillstand abgewertet — sie ist bei Kuhn die produktive, rätsellösende Regelphase, nicht Untätigkeit.
  • Revolution wird romantisiert — Kuhn beschreibt sie nüchtern als Gestalt- bzw. Konversionsphänomen.
  • Inkommensurabilität wird mit „Unvergleichbarkeit" verwechselt — gemeint ist „kein gemeinsames Maß".

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Macht die Inkommensurabilität eine rationale Theoriewahl unmöglich? Kuhn antwortet in „Objectivity, Value, and Theory Choice" (1977): Es gibt durchaus paradigmenübergreifende Werte der Theoriebeurteilung — Genauigkeit, Widerspruchsfreiheit, Reichweite (scope), Einfachheit und Fruchtbarkeit. Diese liefern aber keinen Algorithmus: Sie können einander widersprechen (eine genauere Theorie ist oft komplexer) und werden von verschiedenen Forschern unterschiedlich gewichtet. Theoriewahl ist daher rational geleitet, aber nicht eindeutig erzwungen — vernünftige Wissenschaftler dürfen im Übergang divergieren. Diskutieren Sie, ob Kuhn damit dem Relativismusvorwurf entgeht oder ihn nur abmildert, und verknüpfen Sie diese „Werte ohne Algorithmus" mit der Theorieladung der Beobachtung (N. R. Hanson: „seeing as").

Aktive Wiederholung

Wenden Sie Kuhns Zyklus auf die kopernikanische Wende oder die Entdeckung der DNA an: Welche Phase entspricht welchem historischen Ereignis?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Thomas Kuhn (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Karl Popper (Stanford University)

§ 03

Induktionsproblem und Erklärungsmodelle#

●●○StandardLPkmk-epa-philosophie-if6

Kernpunkte

Das Induktionsproblem (David Hume) ist die Grundfrage der empirischen Methodenlehre: Aus endlich vielen Beobachtungen folgt logisch kein allgemeines Gesetz, denn der Schluss vom Beobachteten auf das Unbeobachtete setzt die Gleichförmigkeit der Natur (dass die Zukunft der Vergangenheit gleicht) voraus — und diese Annahme ist selbst weder logisch beweisbar (ihr Gegenteil ist widerspruchsfrei denkbar) noch empirisch begründbar, ohne sie schon vorauszusetzen (Zirkel). Dennoch scheint die empirische Wissenschaft wesentlich auf Induktion angewiesen: Sie verallgemeinert aus Experimenten und projiziert Gesetze in die Zukunft. Das ist die Grundspannung — die Methode, die wissenschaftliches Wissen erzeugt, hat keine deduktive Rechtfertigung.
Auf das Induktionsproblem antworten drei Familien. Karl Poppers Deduktivismus bestreitet die Existenz der Induktion überhaupt: Wissenschaft vermutet und falsifiziert deduktiv, ein positiver Schluss von Daten auf Gesetze finde nie statt. Der Bayesianismus deutet Induktion als rationale Anpassung von Glaubensgraden (Wahrscheinlichkeiten) nach dem Satz von Bayes: Eine Evidenz bestätigt eine Hypothese, indem sie deren Wahrscheinlichkeit erhöht (Bestätigung als Wahrscheinlichkeitserhöhung). Rudolf Carnaps induktive Logik versucht, eine logische Bestätigungsfunktion c(h,e) zu definieren, die misst, in welchem Grad eine Evidenz e eine Hypothese h stützt. Jede Lösung hat ihren Preis (Popper: Kann die Wissenschaft wirklich jede positive Stütze für das Handeln entbehren? Bayes: Woher kommen die Ausgangswahrscheinlichkeiten?).
Eine zentrale Aufgabe der Wissenschaft ist nicht nur das Beschreiben (dass etwas ist), sondern das Erklären (warum es ist). Carl Gustav Hempel und Paul Oppenheim (1948) formulierten dafür das deduktiv-nomologische (DN-)Modell, das „Covering-Law"-Modell: Eine wissenschaftliche Erklärung ist ein logisch gültiges Argument, in dem das Explanandum (das zu Erklärende) aus dem Explanans deduziert wird, das aus (i) mindestens einem allgemeinen Gesetz (nomos) und (ii) den besonderen Randbedingungen (antecedens) besteht. Adäquatheitsbedingungen: Das Explanans muss wahr sein, ein für die Ableitung wirklich nötiges Gesetz enthalten und empirischen Gehalt haben. Schema: Gesetz „Alle Metalle dehnen sich bei Erwärmung aus" plus Randbedingung „dieser Stab ist aus Metall und wurde erwärmt" ergibt das Explanandum „dieser Stab dehnte sich aus".
Aus dem DN-Modell folgt die Symmetriethese: Erklärung und Voraussage haben dieselbe logische Struktur und unterscheiden sich nur pragmatisch — bei der Voraussage ist das Explanandum noch nicht bekannt, bei der Erklärung schon. Erklären heißt zeigen, dass das Ereignis angesichts der Gesetze und Bedingungen zu erwarten war. Doch Gegenbeispiele brechen diese Symmetrie. Die berühmte Fahnenmast-Schatten-Asymmetrie: Aus der Masthöhe und dem Sonnenstand lässt sich die Schattenlänge ableiten und „erklären" — ebenso aber aus der Schattenlänge die Masthöhe; der Schatten erklärt die Masthöhe jedoch NICHT. Ableitbarkeit genügt also nicht für eine Erklärung; diese verlangt offenbar eine kausale, gerichtete Ordnung, die das DN-Modell nicht erfasst. Hinzu kommt das Irrelevanzproblem (Wesley Salmons Beispiel: „Dieser Mann wurde nicht schwanger, weil er Antibabypillen nahm" — eine gültige Ableitung, aber keine echte Erklärung).
Nicht jede Erklärung ist deduktiv aus strengen Gesetzen. Hempel ergänzte für Wahrscheinlichkeitsaussagen das induktiv-statistische (IS-)Modell: Das Explanans macht das Explanandum sehr wahrscheinlich, doch der Schluss ist induktiv, nicht deduktiv. Auch das ist problematisch, weil hohe Wahrscheinlichkeit weder notwendig (auch seltene Ereignisse werden erklärt) noch hinreichend (Irrelevanz) ist. Wesley Salmons kausal-mechanisches und statistisch-relevantes Modell will dies reparieren: Eine gute Erklärung nennt die statistisch bzw. kausal relevanten Faktoren und verfolgt die kausalen Prozesse, statt das Ereignis bloß unter eine Regelmäßigkeit zu subsumieren — Erklärung handelt von Ursachen, nicht nur von Erwartbarkeit.
Was macht überhaupt ein „Gesetz" aus? Echte Naturgesetze stützen Kontrafaktische („wäre dieses Kupfer erhitzt worden, hätte es sich ausgedehnt") und tragen Voraussagen, während akzidentelle (zufällig wahre) Allsätze dies nicht tun („alle Münzen in meiner Tasche sind aus Kupfer" — wahr, aber ohne kontrafaktische Kraft). Diese Unterscheidung der Gesetzesartigkeit (lawlikeness) ist für das DN-Modell entscheidend, da nur echte Gesetze erklären. Für die Klausur gilt: das Humesche Induktionsproblem präzise formulieren (kein logischer Schluss vom Einzelnen aufs Allgemeine); das DN-Schema (Gesetz + Randbedingung → Explanandum) sauber darstellen; die Symmetriethese UND die Asymmetrie-/Irrelevanz-Gegenbeispiele kennen; und Beschreiben (dass), Erklären (warum) und Voraussagen sowie Korrelation und Kausalität (post hoc ergo propter hoc) auseinanderhalten.
Musterlösung

Humes Induktionsproblem — Argumentanalyse

Rekonstruieren Sie Humes Argument gegen die rationale Rechtfertigung der Induktion und beurteilen Sie, ob es die empirische Wissenschaft entwertet.

  1. 011. Das Problem fassen

    Induktion schließt von beobachteten Einzelfällen auf ein allgemeines Gesetz oder auf unbeobachtete Fälle (z. B. „Die Sonne ging bisher immer auf, also geht sie morgen auf"). Hume (Enquiry IV–V) fragt: Womit ist dieser Schluss gerechtfertigt?

  2. 022. Prämissen explizieren

    P1: Induktive Schlüsse setzen das Prinzip der Gleichförmigkeit der Natur voraus (die Zukunft gleicht der Vergangenheit). P2: Dieses Prinzip ist weder logisch notwendig (sein Gegenteil ist denkbar, kein Widerspruch) noch empirisch beweisbar — denn jeder empirische Beweis wäre selbst induktiv.

  3. 033. Konklusion (Zirkel)

    K: Eine Rechtfertigung der Induktion durch Erfahrung wäre zirkulär (sie setzt voraus, was sie beweisen soll). Also gibt es keine rationale (nicht-zirkuläre) Begründung der Induktion. Unsere Erwartung beruht auf Gewohnheit (custom and habit), nicht auf Vernunft.

  4. 044. Tragweite prüfen

    Das Argument trifft jede empirische Verallgemeinerung — auch die Naturwissenschaft. Es ist ein skeptisches Argument über die Geltung, nicht über die Praxis: Hume bestreitet nicht, dass wir induktiv schließen, sondern dass wir es vernünftig begründen können.

  5. 055. Antwortversuche

    Popper: Verzicht auf Induktion — Wissenschaft arbeitet deduktiv durch Falsifikation (das Problem wird umgangen, nicht gelöst). Bayesianismus: Induktion als rationale Wahrscheinlichkeitsanpassung (setzt aber Prioris voraus). Pragmatische Rechtfertigung (Reichenbach): wenn überhaupt eine Methode funktioniert, dann die Induktion.

  6. 066. Reflektierte Stellungnahme

    Humes Argument ist gültig: Eine nicht-zirkuläre Letztbegründung der Induktion gibt es nicht. Es entwertet die Wissenschaft jedoch nicht — es zeigt nur, dass ihre Geltung fallibilistisch (vorläufig, korrigierbar) ist. Wissenschaftlicher Erfolg ersetzt keine logische Garantie, sondern bewährt sich pragmatisch.

Ergebnis: Humes Argument weist gültig nach, dass die Induktion nicht zirkelfrei begründbar ist; unsere Erwartung beruht auf Gewohnheit. Es entwertet die Wissenschaft nicht, sondern begründet ihren fallibilistischen Status — Geltung als Bewährung, nicht als logische Garantie.

Abiturfokus

  • Das Humesche Induktionsproblem präzise formulieren (kein logischer Schluss von Einzelnem auf Allgemeines).
  • Das DN-Schema (Gesetz + Randbedingung → Explanandum) sauber darstellen.
  • Die Symmetriethese und die Asymmetrie-/Irrelevanzprobleme als klassische Einwände kennen.
  • Echte Naturgesetze (kontrafaktisch stützend) von akzidentellen Allsätzen unterscheiden.
  • Erklären, Beschreiben und Voraussagen unterscheiden.

Typische Fehler

  • Induktion wird als logisch gültiger Schluss missverstanden.
  • Erklärung (warum) und Beschreibung (dass) werden gleichgesetzt.
  • Das DN-Modell wird mit Kausalerklärung gleichgesetzt — die Asymmetrie- und Irrelevanzfälle zeigen, dass bloße Ableitbarkeit ohne Kausalität nicht genügt.
  • Korrelation wird mit Kausalität verwechselt (post hoc ergo propter hoc).

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Nelson Goodman verschärft das Induktionsproblem zum „neuen Rätsel der Induktion" („Fact, Fiction, and Forecast", 1955). Definiere das Prädikat „grue": Ein Gegenstand ist grue, wenn er vor einem künftigen Zeitpunkt t als grün und ab t als blau beobachtet wird. Alle bisher beobachteten Smaragde stützen induktiv gleichermaßen „Alle Smaragde sind grün" wie „Alle Smaragde sind grue" — die Daten unterscheiden nicht zwischen beiden Hypothesen, obwohl sie für die Zukunft Unverträgliches voraussagen. Das Problem ist also nicht mehr, OB Induktion gültig ist, sondern WELCHE Regelmäßigkeiten überhaupt induktiv projizierbar (projectible) sind. Diskutieren Sie Goodmans Lösung über die „Verschanzung" (entrenchment) bewährter Prädikate und prüfen Sie, ob sie das Problem löst oder nur in die Sprachpraxis verschiebt.

Aktive Wiederholung

Rekonstruieren Sie eine alltägliche Erklärung („Das Wasser kocht, weil es erhitzt wurde") als DN-Schema und prüfen Sie, ob die Asymmetrie von Erklärung und Voraussage erfüllt ist.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Hume (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Karl Popper (Stanford University)

§ 04

Lakatos und Feyerabend — Forschungsprogramme und Methodenpluralismus#

●●●VertiefungLPkmk-epa-philosophie-if6

Kuhns Paradigmen-Zyklus

Kuhns Paradigmen-ZyklusNetzgraph, 1. Paradigma → 2. Normalwiss., 2. Normalwiss. → 3. Anomalien, 3. Anomalien → 4. Krise, 4. Krise → 5. Revolution, 5. Revolution → 1. Paradigma1. Paradigma2. Normalwiss.3. Anomalien4. Krise5. Revolution
Abb. 3Paradigma → Normalwissenschaft → Anomalien → Krise → Revolution → neues Paradigma.

Kernpunkte

Aus der Konfrontation von Popper und Kuhn (dokumentiert im Londoner Kolloquium 1965, publiziert als „Criticism and the Growth of Knowledge", 1970) gehen zwei große Antworten hervor: Lakatos und Feyerabend. Den Hintergrund bildet die Duhem-Quine-These (Pierre Duhem um 1906; W. V. O. Quine, „Two Dogmas of Empiricism", 1951): Eine Hypothese wird nie isoliert geprüft, sondern stets im Verbund mit einem Bündel von Hilfsannahmen (Instrumente, Hintergrundtheorien, Anfangsbedingungen). Scheitert eine Voraussage, sagt die Logik allein nicht, WELCHES Glied schuld ist — man kann den Kern stets retten, indem man eine Hilfsannahme revidiert. Quine radikalisiert: „Jede Aussage kann als wahr festgehalten werden, was auch immer geschieht, wenn wir nur anderswo drastisch genug Anpassungen vornehmen." Bestätigung ist holistisch. Das untergräbt den naiven Falsifikationismus, denn ein sauberer modus tollens auf eine einzelne Hypothese ist nicht möglich.
Imre Lakatos („The Methodology of Scientific Research Programmes", gesammelt 1978) vermittelt zwischen Popper und Kuhn, indem er die Einheit der Beurteilung verschiebt: Nicht die einzelne Theorie, sondern das Forschungsprogramm — eine zeitliche Folge von Theorien mit gemeinsamem Kern — wird geprüft. Damit nimmt er die Duhem-Quine-Holismus produktiv auf: Das ganze Programm, nicht der isolierte Satz, steht zur Beurteilung.
Ein Forschungsprogramm hat eine charakteristische Struktur: einen harten Kern (hard core) aus grundlegenden, per methodologischer Entscheidung als unwiderlegbar behandelten Annahmen (etwa Newtons drei Bewegungsgesetze und das Gravitationsgesetz), umgeben von einem Schutzgürtel (protective belt) aus Hilfshypothesen, die Anomalien auffangen und revidiert werden dürfen. Die negative Heuristik verbietet, den modus tollens auf den Kern zu richten (sie schützt ihn); die positive Heuristik ist ein Plan zur Entwicklung des Schutzgürtels (welche Probleme anzugehen, wie das Modell zu verfeinern ist). Anomalien widerlegen ein Programm also nicht — sie sind Aufgaben für den Gürtel.
Das rationale Beurteilungskriterium ist die Unterscheidung progressiv/degenerativ: Ein Programm ist theoretisch progressiv, wenn jede neue Fassung neue Tatsachen voraussagt, und empirisch progressiv, wenn einige dieser neuen Voraussagen bestätigt werden; es ist degenerativ, wenn es nur noch bekannte Anomalien nachträglich und ad hoc wegerklärt, ohne neuen Gehalt. Ein Programm ist dem konkurrierenden rational überlegen, wenn es progressiv ist, während der Rivale degeneriert. Entscheidend: Dies ist ein langfristiges, rückblickendes Urteil — es gibt keinen sofortigen Falsifikationszwang; ein zeitweise degeneratives Programm darf weiterverfolgt werden und kann ein Comeback erleben. Beispiele sind der Übergang vom newtonschen zum relativistisch-quantenmechanischen Programm oder Mendelejews erfolgreiche Element-Voraussagen (progressiv) gegenüber bloßen Rettungsmanövern (degenerativ).
Paul Feyerabend („Wider den Methodenzwang" / „Against Method", 1975) zieht die radikale Konsequenz: Es gibt KEINE universale wissenschaftliche Methode, die historisch durchgängig gegolten hätte und die man durchsetzen sollte. Das einzige Prinzip, das die Geschichtsprüfung übersteht, sei „anything goes" — gemeint: Zu jeder methodologischen Regel gibt es Situationen, in denen der Fortschritt ihren Bruch verlangte. Historischer Beleg ist Galilei, der die kopernikanische Lehre mit Rhetorik, Propaganda und gegen die damals verfügbare Evidenz und die geltenden Methodenstandards durchsetzte (das Turmargument, die umstrittene Verlässlichkeit des Fernrohrs). Ein Methodenfetisch hätte diesen Fortschritt erstickt. „Anything goes" ist also eine metatheoretische, historische These über das Scheitern einer festen Methode — nicht die triviale Behauptung, jede Theorie sei gleich gut.
Feyerabend plädiert für theoretischen Pluralismus (die Vermehrung konkurrierender Theorien fördert den Fortschritt; selbst „widerlegte" Theorien liefern Kritik) und bestreitet der Wissenschaft jeden epistemischen Sonderstatus gegenüber anderen Wissensformen — sie sei „eine Ideologie unter vielen", und eine freie Gesellschaft solle Wissenschaft und Staat trennen (wie sie Kirche und Staat trennt). In der Bewertung gilt: Lakatos rettet die Rationalität der Theoriewahl (progressiv/degenerativ), Feyerabend radikalisiert Kuhns Historisierung bis zum Relativismus — die beiden Pole der post-popperianischen Debatte. Für die Klausur: die Lakatossche Struktur (harter Kern + Schutzgürtel, negative/positive Heuristik) sauber darstellen; progressiv gegen degenerativ als sein Kriterium erklären; Feyerabends „anything goes" als methodenkritisch-historische These (nicht als „alles gleich gut") lesen; „Forschungsprogramm" und „Paradigma" unterscheiden; und alle vier (Popper — Kuhn — Lakatos — Feyerabend) auf der Achse Rationalität gegen Historisierung verorten.

Abiturfokus

  • Lakatos’ Struktur (harter Kern + Schutzgürtel, positive/negative Heuristik) sauber darstellen.
  • Progressiv vs. degenerativ als Lakatos’ Bewertungskriterium erklären.
  • Die Duhem-Quine-These als Grund für den Übergang vom Satz zum Programm benennen.
  • Feyerabends „anything goes" nicht als beliebigen Relativismus, sondern als methodenkritische These darstellen.
  • Die Vierer-Debatte (Popper — Kuhn — Lakatos — Feyerabend) systematisch verorten.

Typische Fehler

  • Lakatos wird mit Kuhn gleichgesetzt — Lakatos hält an rationaler Theoriewahl fest.
  • Feyerabends „anything goes" wird als „alles ist gleich gut" verflacht.
  • Die Duhem-Quine-These wird übersehen — sie erklärt erst, warum nie eine isolierte Hypothese, sondern stets ein Theoriegefüge geprüft wird.
  • Forschungsprogramm und Paradigma werden synonym verwendet.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie Feyerabends These vom fehlenden Sonderstatus der Wissenschaft im Licht aktueller Wissenschaftsskepsis (Impfgegnerschaft, Klimaleugnung, „alternative Fakten"). Stärkt oder schwächt der Methodenpluralismus die Autorität der Wissenschaft — und lässt sich gegen die populistische Berufung auf „anything goes" Lakatos’ Kriterium der progressiven gegenüber der degenerativen Forschung als rationale, nicht-autoritäre Demarkation in Stellung bringen? Prüfen Sie zudem, ob „Wissenschaft als eine Ideologie unter vielen" deskriptiv (Kritik des Szientismus) oder normativ (Gleichgültigkeit der Geltung) gemeint ist — und welche Lesart Feyerabend selbst nahelegt.

Aktive Wiederholung

Beurteilen Sie an einem Beispiel (z. B. Newton vs. Einstein), ob ein Forschungsprogramm progressiv oder degenerativ ist. Wenden Sie Lakatos’ Kriterien an.

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Thomas Kuhn (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Karl Popper (Stanford University)

§ 05

Werturteilsstreit und Verantwortung der Wissenschaft#

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Kernpunkte

Unter dem Stichwort „Werturteilsstreit" werden zwei Auseinandersetzungen gebündelt. Der ursprüngliche Werturteilsstreit (im Verein für Socialpolitik, um 1909) zwischen Max Weber und Gustav von Schmoller fragt, ob die Sozial- und Wirtschaftswissenschaft Werturteile fällen darf. Webers Position („Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher Erkenntnis", 1904; „Wissenschaft als Beruf", 1919): Die Wissenschaft kann Mittel-Zweck-Relationen klären, die innere Stimmigkeit von Wertsetzungen prüfen und die empirischen Folgen einer Wertentscheidung aufzeigen — die letzten Werte selbst aber kann sie nicht wissenschaftlich begründen oder ordnen; das ist Sache des „Kampfes der Götter", der persönlichen Entscheidung. Daraus folgt die Werturteilsfreiheit als methodische Norm: Der Forscher darf seine politischen Wertungen nicht vom Katheder als wissenschaftliche Ergebnisse ausgeben.
Webers Werturteilsfreiheit wird oft missverstanden; man muss drei Ebenen trennen. Erstens die Wertbasis bzw. Wertbeziehung: Schon die Wahl des Forschungsgegenstands und die Konstitution sozialwissenschaftlicher Objekte sind wertgeleitet (wir untersuchen das „kulturell Bedeutsame") — in diesem Sinn ist Wissenschaft gerade NICHT wertfrei. Zweitens die Wertfreiheit der Methode: Ist das Thema gewählt, dürfen Gewinnung und Bewertung der Daten nicht durch die Wünsche des Forschers verfälscht werden; die Ergebnisse müssen intersubjektiv prüfbar bleiben. Drittens die Wertung der Folgen, also die Werturteile darüber, was mit den Ergebnissen geschehen soll — diese sind legitim, gehören aber in die Politik, nicht in die Wissenschaft als solche. „Wertfrei" meint also nur die zweite Ebene, nicht „Wissenschaft hat mit Werten nichts zu tun".
Systematisch ruht dies auf Humes Gesetz (dem Sein-Sollen-Hiatus, „Treatise" III.1.1): Aus rein deskriptiven Prämissen folgt logisch keine normative Konklusion (verwandt: G. E. Moores naturalistischer Fehlschluss). Webers Werturteilsfreiheit ist die methodische Konsequenz daraus: Da die Wissenschaft beschreibt (Sein) und kein Sollen ableiten kann, muss sie beides trennen und darf Wertbindungen nicht als Befunde verkleiden. So wird die Werturteilsfreiheit zum Garanten wissenschaftlicher Redlichkeit UND der geistigen Freiheit — sie schützt die Studierenden vor Indoktrination —, nicht zu einer Leugnung der Bedeutung von Werten.
Der spätere Positivismusstreit (deutsche Soziologie, ab 1961, ausgelöst auf der Tübinger Tagung) stellt Karl Popper und Hans Albert (kritischer Rationalismus) gegen Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas (Frankfurter Schule). Popper formuliert seine Thesen zur Logik der Sozialwissenschaften (Einheit der Methode, Problemorientierung, Falsifikation). Adorno und Habermas werfen den kritischen Rationalisten vor, von der gesellschaftlichen „Totalität" und von den erkenntnisleitenden Interessen jeder Forschung zu abstrahieren und damit den Status quo stillschweigend zu bestätigen: Eine „wertfreie" Sozialwissenschaft, die die Gesellschaft nur beschreibt, wie sie ist, helfe sie zu reproduzieren. (Popper war kein Positivist im Sinn des Wiener Kreises; das Etikett war polemisch.)
Habermas systematisiert dies in „Erkenntnis und Interesse" (1968): Es gibt kein interessefreies Erkennen; drei anthropologisch verwurzelte erkenntnisleitende Interessen konstituieren drei Typen von Wissenschaft. Das technische Interesse (Naturbeherrschung, Voraussage) trägt die empirisch-analytischen Wissenschaften; das praktische Interesse (Verständigung) trägt die historisch-hermeneutischen Wissenschaften; das emanzipatorische Interesse (Befreiung von Herrschaft, Selbstreflexion) trägt die kritischen Wissenschaften (Psychoanalyse, Ideologiekritik). Das positivistische Selbstbild — Wissenschaft sei ein reiner Spiegel der Tatsachen — ist nach Habermas selbst eine Ideologie, die ihr eigenes technisches Verfügungsinteresse verbirgt.
Davon zu unterscheiden ist die Verantwortung der Wissenschaft: Hiroshima (das Manhattan-Projekt), Gentechnik, Künstliche Intelligenz. Die Göttinger Erklärung (1957, in der 18 Atomphysiker die Mitwirkung an Kernwaffen verweigerten) und Hans Jonas’ „Prinzip Verantwortung" (1979, mit dem neuen Imperativ des technologischen Zeitalters: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden") sind Beispiele wissenschaftlicher Selbstreflexion. Aktuell kommen die Reproduzierbarkeitskrise, die Wissenschaftsfreiheit (Art. 5 III GG), die Forschungsethik (Ethikkommissionen), die Dual-Use-Problematik und die Rolle von Expertise gegenüber demokratischer Kontrolle (Technokratie, post-truth) hinzu. Für die Klausur: Webers Werturteilsfreiheit präzise fassen; Wertbasis, Wertfreiheit der Methode und Folgenbewertung trennen; Habermas’ drei Interessen als Kritik am Positivismus darstellen; und die Verantwortung an konkreten Fällen (Kernphysik, KI) erörtern.

Abiturfokus

  • Webers Werturteilsfreiheit präzise fassen (keine Letztbegründung von Werten, wohl aber Mittel-Zweck-Analyse).
  • Wertbasis (Themenwahl), Wertfreiheit der Methode und Folgenbewertung auseinanderhalten.
  • Humes Gesetz (Sein-Sollen-Hiatus) als systematischen Grund der Werturteilsfreiheit nennen.
  • Habermas’ drei Erkenntnisinteressen als Kritik am Positivismus darstellen.
  • Verantwortung der Wissenschaft an konkreten Beispielen (Kernphysik, KI) erörtern.

Typische Fehler

  • Werturteilsfreiheit wird als „Wissenschaft hat nichts mit Werten zu tun" missverstanden.
  • Werturteilsfreiheit wird auch auf die Themenwahl bezogen — die Wertbeziehung (Relevanz) ist gerade NICHT wertfrei.
  • Der Positivismusstreit wird als reiner Methodenstreit gelesen, nicht als Streit um Gesellschaftstheorie.
  • Wissenschaftsfreiheit wird mit Verantwortungslosigkeit gleichgesetzt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Vertiefen Sie Habermas’ „Erkenntnis und Interesse" (1968): Das emanzipatorische Erkenntnisinteresse (Selbstreflexion, Befreiung von Herrschaft) trägt die kritischen Wissenschaften (Psychoanalyse, Ideologiekritik) und enthüllt den vermeintlich interessefreien Positivismus als selbst ideologisch (er verschleiert sein eigenes technisches Verfügungsinteresse). Diskutieren Sie den Einwand, Habermas begehe einen genetischen Fehlschluss (das Interesse hinter einer Theorie sage nichts über ihre Geltung) — und prüfen Sie umgekehrt, ob die strikte Trennung von Entdeckungs- und Begründungszusammenhang (Hans Reichenbach), auf die sich der kritische Rationalismus beruft, gerade das ausblendet, was Habermas sichtbar machen will.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie: Darf bzw. soll Wissenschaft wertfrei sein? Beziehen Sie Webers Werturteilsfreiheit und Habermas’ Erkenntnisinteressen ein.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)

§ 06

Naturalismus, Reduktion und Grenzen der Wissenschaft#

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Kernpunkte

Der Naturalismus ist die These, dass die Wirklichkeit in der von der Naturwissenschaft untersuchten Natur aufgeht. Zu unterscheiden sind der ontologische Naturalismus (es existiert nur, was naturwissenschaftlich erforschbar ist — keine immateriellen Seelen, nichts Übernatürliches) und der methodische Naturalismus (nur naturwissenschaftliche Methoden liefern Erkenntnis; die Philosophie steht im Kontinuum der Wissenschaft — vgl. Quines „naturalisierte Erkenntnistheorie"). Die Verabsolutierung ist der Szientismus: die Behauptung, die Naturwissenschaft sei die EINZIGE legitime Form des Wissens und der Maßstab jeder vernünftigen Überzeugung. Der Naturalismus ist heute der dominierende Hintergrund weiter Teile der Philosophie des Geistes und darüber hinaus.
Eng verbunden ist der Reduktionismus: Höhere Phänomene (Leben, Geist, Gesellschaft) lassen sich auf grundlegendere Ebenen (Biologie → Chemie → Physik) zurückführen und aus ihnen erklären. Das klassische Programm ist die Einheitswissenschaft des Wiener Kreises (Carnap, Neurath): Alle Wissenschaften bilden ein System mit gemeinsamer (physikalistischer) Sprache, verbunden durch „Brückengesetze" (Ernest Nagels Modell der Theorienreduktion, etwa die Rückführung der Thermodynamik auf die statistische Mechanik: Temperatur = mittlere kinetische Energie der Moleküle). Reduktion verspricht erklärende Vereinheitlichung und ontologische Sparsamkeit.
Dem hält der Antireduktionismus die Emergenz entgegen: Höhere Ebenen weisen wirklich neue Eigenschaften auf, die nicht vollständig aus der Basis ableitbar oder voraussagbar sind — „das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile" (Leben, Bewusstsein, soziale Tatsachen). Die schwächere Abhängigkeitsrelation der Supervenienz erlaubt es, einen nicht-reduktiven Physikalismus zu formulieren: Es kann keinen Unterschied in den höheren Eigenschaften ohne einen Unterschied in der Basis geben (das Mentale superveniert auf dem Physischen), ohne dass die höhere Ebene mit der Basis typenidentisch oder auf sie reduzierbar wäre. So wird ein „Naturalismus ohne Reduktionismus" denkbar.
Quer dazu steht der Methodendualismus von Erklären und Verstehen: Wilhelm Dilthey und Johann Gustav Droysen trennen die Naturwissenschaften, die „erklären" (kausal-nomologisch unter Gesetze subsumieren), von den Geisteswissenschaften, die „verstehen" (Sinn und Absichten von innen erfassen — die hermeneutische Methode). Ihre Gegenstände unterscheiden sich: Natur ist stumme Kausalität, Geschichte ist sinnhaftes Handeln. Die Gegenposition ist die methodische Einheit der Wissenschaft (Popper, Hempel): Es gibt nur eine Logik der Forschung; „Verstehen" sei allenfalls heuristisch, und selbst die Geschichte verwende Gesetze (Hempel, „The Function of General Laws in History", 1942). Max Weber vermittelt mit dem „verstehenden Erklären": den subjektiven Sinn deuten UND zugleich kausal erklären.
Die Wissenschaft stößt schließlich an Grenzen, die sie nicht aus sich heraus entscheiden kann. Normative Fragen (Ethik) sind ihr verschlossen, weil aus dem Sein kein Sollen folgt (Humes Gesetz); ebenso die Sinnfragen und die metaphysischen Fragen (Willensfreiheit, Existenz der Außenwelt). Am schärfsten zeigt sich dies bei den Geltungsbedingungen der Wissenschaft selbst: Sie kann ihre eigenen Voraussetzungen — die Verlässlichkeit der Induktion, die Gesetzmäßigkeit der Natur, den Wert der Wahrheit — nicht ohne Zirkel naturwissenschaftlich begründen; das sind philosophische, keine empirischen Fragen. Wittgenstein notiert (Tractatus 6.52): „Wir fühlen, daß selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind."
Daraus folgt für die Geltungsansprüche: Die Wissenschaftstheorie reflektiert sowohl die Reichweite als auch die Grenze wissenschaftlicher Geltung — gegen den Szientismus, der die Wissenschaft in Ethik, Sinn und Metaphysik überdehnt, UND gegen die Wissenschaftsfeindlichkeit, die der Wissenschaft ihre wohlbegründete Autorität in ihrem Bereich abspräche. Die redliche Mitte: Innerhalb ihres Gebiets ist die Wissenschaft die beste Methode empirischer Erkenntnis; außerhalb sind andere Vernunftformen (praktische, hermeneutische) gefragt. Für die Klausur: ontologischen und methodischen Naturalismus unterscheiden und den Szientismus als Verabsolutierung kritisieren; Reduktionismus und Emergenz als Gegenpositionen (mit Supervenienz als Mitte) darstellen; den Methodendualismus Erklären/Verstehen erklären; die Grenzen (normativ, Sinn, Metaebene) benennen; und aus „die Wissenschaft hat Grenzen" nicht vorschnell „die Wissenschaft ist beliebig" folgern.

Abiturfokus

  • Ontologischen und methodischen Naturalismus unterscheiden; Szientismus als Verabsolutierung kritisieren.
  • Reduktionismus und Emergenz als Gegenpositionen darstellen (Supervenienz als Mittelweg).
  • Den Methodendualismus „Erklären vs. Verstehen" (Dilthey) erklären; Webers „verstehendes Erklären" als Vermittlung.
  • Die Grenzen wissenschaftlicher Geltung (normative, Sinn-, Metaebene) benennen.

Typische Fehler

  • Naturalismus wird mit „Naturschutz" oder „Naturphilosophie" verwechselt.
  • Emergenz wird mystifiziert statt als wissenschaftstheoretische These verstanden.
  • Aus dem Methodendualismus (Erklären/Verstehen) wird ein Wahrheitsdualismus — auch Geisteswissenschaften beanspruchen Geltung, nicht bloß „Einfühlung".
  • Aus den Grenzen der Wissenschaft wird vorschnell auf ihre Beliebigkeit geschlossen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Prüfen Sie das Bewusstsein als Härtefall des Reduktionismus. Joseph Levine spricht von einer „Erklärungslücke" (explanatory gap, 1983), David Chalmers vom „harten Problem des Bewusstseins" (1995): Selbst eine vollständige physikalisch-neuronale Beschreibung des Gehirns scheint nicht zu erklären, WARUM und WIE damit subjektives Erleben (Qualia, das „Wie-es-ist") verbunden ist. Frank Jacksons Gedankenexperiment „Mary" (das Wissensargument, 1982) verschärft dies: Die Farbforscherin Mary, die alles physikalische Wissen über das Farbsehen besitzt, aber nur in Schwarz-Weiß lebte, lernt beim ersten Anblick von Rot etwas hinzu — also gäbe es nichtphysikalische Tatsachen. Diskutieren Sie die physikalistischen Erwiderungen (Daniel Dennetts Bestreiten der Qualia; die „ability hypothesis", Mary erwerbe nur ein Können, kein neues Faktum) und beurteilen Sie, ob das Bewusstsein den ontologischen Naturalismus widerlegt oder nur dessen heutige Grenzen markiert.

Aktive Wiederholung

Beurteilen Sie die szientistische These „Nur die Naturwissenschaft liefert echtes Wissen". Wenden Sie das Erklären-Verstehen-Argument und die Grenzen der Wissenschaft an.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Karl Popper (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Popper — Falsifikationismus◐
    • 02Kuhn — Paradigmen und wissenschaftliche Revolutionen●
    • 03Induktionsproblem und Erklärungsmodelle◐
    • 04Lakatos und Feyerabend — Forschungsprogramme und Methodenpluralismus●
    • 05Werturteilsstreit und Verantwortung der Wissenschaft◐
    • 06Naturalismus, Reduktion und Grenzen der Wissenschaft●

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Aus den Notizen ins Training

Wissenschaftstheorie — Popper, Kuhn

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1
Kompetenzen
Üben

Belege & Quellen

Quellen

Stanford University

  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Karl Popper
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Thomas Kuhn
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Hume
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas

KMK

  • KMK EPA Philosophie 2006

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