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Notizen/Philosophie/Religionsphilosophie — Gottesbeweise, Theodizee, Religionskritik
Notizen · PhilosophieDE · Abitur

Religionsphilosophie — Gottesbeweise, Theodizee, Religionskritik

Religionsphilosophie reflektiert die Geltungsansprüche religiösen Denkens mit philosophischen Mitteln — säkular, ohne Glaubensvoraussetzung. Drei zentrale Themen: (1) klassische Gottesbeweise (ontologisch, kosmologisch, teleologisch) und ihre Kritik (Kant, Hume); (2) Theodizee-Problem (Leibniz): wie ist das Übel mit Allgüte und Allmacht Gottes vereinbar?; (3) Religionskritik (Feuerbach, Marx, Freud, Nietzsche) — Religion als Projektion, Opium, Illusion, Sklavenmoral. Habermas (postsäkular) reflektiert das Verhältnis von säkularer Vernunft und religiösen Geltungsansprüchen neu.

6 Abschnitte·~33 Min Lesezeit·2 Kompetenzen·Niveau Basis 1 · Standard 3 · Vertiefung 2·Stand 06/2026

T·121212 / 15
Prüfungsprofil
KMK-EPA-Philosophie-IF4 · Werte und Normen des HandelnsKMK-EPA-Philosophie-Ästhetik · Ästhetik und Religionsphilosophie
Operatoren:analysierenrekonstruierenerörternbeurteilen

grundlegendes Niveau

gA-Niveau: drei klassische Gottesbeweise mit Aufbau und Hauptkritik; Theodizee-Problem (Leibniz, Hiob); Religionskritik (Feuerbach: Projektion; Marx: Opium; Freud: Illusion).

erhöhtes Niveau

eA-Niveau: Anselms Proslogion II als Originaltext rekonstruieren; Kants Sein-ist-kein-Prädikat-Argument (KrV B 620); Theodizee-Antworten (Leibniz, Augustinus, Hick); Nietzsche-Religionskritik („Tod Gottes"); Habermas-Postsäkularität.

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Religionsphilosophie — Gottesbeweise, Theodizee, Religionskritik
    • 01Klassische Gottesbeweise — Anselm, Aquin, Paley◐
    • 02Theodizee und Religionskritik●
    • 03Glaube und Vernunft — vom Mittelalter zur Aufklärung◐
    • 04Religiöse Erfahrung, Pascalsche Wette und Glaubensrechtfertigung●
    • 05Religionskritik im 20. Jh. und Säkularisierung◐
    • 06Sinn, Tod und Unsterblichkeit○
§ 01

Klassische Gottesbeweise — Anselm, Aquin, Paley#

●●○StandardLPkmk-epa-philosophie-aesthetik

Klassische Gottesbeweise

Klassische GottesbeweiseTabelle mit 3 Spalten und 3 Zeilen, Daten: Beweis · Struktur · Kritik; ontologisch · Begriff → Existenz · Sein kein Prädikat; kosmologisch · Kontingenz → Ursache · Kausalität empirisch; teleologisch · Ordnung → Designer · Selektion (Darwin), hervorgehobene Zelle: Sein kein PrädikatBEWEISSTRUKTURKRITIKontologischBegriff → ExistenzSein kein PrädikatkosmologischKontingenz → UrsacheKausalität empirischteleologischOrdnung → DesignerSelektion (Darwin)Kant, KrV B 620
Abb. 1Ontologisch (Anselm), kosmologisch (Aquin), teleologisch (Paley) — und Kants Kritik.

Kernpunkte

Die Religionsphilosophie reflektiert die Geltungsansprüche religiösen Denkens mit philosophischen Mitteln — säkular, ohne Glaubensvoraussetzung. Die natürliche Theologie (im Unterschied zur Offenbarungstheologie) versucht, Gottes Existenz allein durch die Vernunft zu erweisen. Drei klassische Gottesbeweise repräsentieren drei Argumenttypen (vgl. Abb. Gottesbeweise): der ontologische (a priori, allein aus dem Begriff Gottes), der kosmologische (a posteriori, aus der Existenz der Welt) und der teleologische (a posteriori, aus ihrer Ordnung). Sie wollen zeigen, dass der Gottesglaube rational zwingend und nicht bloß Sache des Glaubens ist.
Der ontologische Beweis stammt von Anselm von Canterbury (Proslogion II, 1077/78): Gott ist „id quo maius cogitari nequit" — „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann." Selbst der Tor (insipiens, Psalm 14), der Gott leugnet, hat diesen Begriff in seinem Verstand (in intellectu). Ein Wesen aber, das auch in der Wirklichkeit (in re) existiert, ist größer (vollkommener) als eines, das nur im Verstand existiert. Existierte Gott also nur im Verstand, ließe sich ein Größeres denken (derselbe Gott, wirklich existierend) — ein Widerspruch, da Gott das ist, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Folglich muss Gott in der Wirklichkeit existieren. Das Argument ist rein a priori, allein aus dem Begriff, ohne jede Erfahrung. (Proslogion III ergänzt: Gott existiert notwendig — er kann gar nicht als nicht-existierend gedacht werden.)
Schon der Mönch Gaunilo wandte in „Pro insipiente" („Zugunsten des Toren") die Analogie der „vollkommensten Insel" ein: Nach Anselms Logik müsste auch die vollkommenste denkbare Insel existieren, was absurd ist. Anselm erwiderte, das Argument greife NUR für das schlechthin größte Wesen, in dessen Begriff die Existenz selbst liege, nicht für die größte Insel (ein kontingentes Ding). Gaunilo legt damit die Grundfrage offen, die später Kant zuspitzt: Kann man etwas durch bloße Definition in die Existenz bringen?
Der kosmologische Beweis (Thomas von Aquin, Summa Theologiae I, q.2, die fünf Wege / quinque viae) argumentiert a posteriori aus Merkmalen der Welt: aus der Bewegung (ein erster, unbewegter Beweger), aus den Wirkursachen (eine erste Ursache) und aus der Kontingenz (ein notwendiges Wesen) — um einen unendlichen Regress zu vermeiden, wird je ein erstes Glied gesetzt, „und dies nennen alle Gott". (Der 4. Weg argumentiert aus Vollkommenheitsstufen, der 5. aus der Zweckmäßigkeit der Natur — letzterer ist bereits teleologisch.) Der teleologische Beweis (William Paley, „Natural Theology", 1802) schließt aus der feinen Ordnung und Angepasstheit der Welt (das Auge; die Analogie der auf der Heide gefundenen Uhr, die einen Uhrmacher verlangt) auf einen intelligenten Schöpfer — ein Analogieargument. David Hume hatte es in den „Dialogen über natürliche Religion" (1779) schon kritisiert: Die Analogie ist schwach, die Welt könnte sich selbst organisieren, und selbst ein Designer wäre nicht der allmächtige, allgütige Gott des Theismus.
Die entscheidende Kritik liefert Immanuel Kant (Kritik der reinen Vernunft, B 620 ff.). Gegen den ontologischen Beweis: „Sein ist offenbar kein reales Prädikat" — Existenz fügt dem Begriff einer Sache nichts hinzu. „Hundert wirkliche Taler enthalten nicht das Mindeste mehr als hundert mögliche" — der Begriff bleibt derselbe; Existenz ist die Setzung des Gegenstands, keine Eigenschaft im Begriff. Man kann die Existenz also nicht aus einem Begriff herausanalysieren; der ontologische Beweis verwechselt ein logisches mit einem realen Prädikat. Den kosmologischen Beweis entlarvt Kant als heimlich auf den ontologischen angewiesen (er braucht den Begriff eines notwendigen Wesens, dessen Existenz aus seinem Begriff folgen soll) — also fällt er mit jenem. Der teleologische (physikotheologische) Beweis zeigt bestenfalls einen Weltbaumeister (der an gegebener Materie arbeitet), keinen Schöpfer, und muss ebenfalls zum ontologischen Beweis Zuflucht nehmen, um zum unendlichen Gott zu gelangen. Tiefer noch: Die Kategorie der Kausalität und die Idee des Unbedingten gelten nur INNERHALB der Erfahrung; jenseits ihrer angewandt (auf eine erste Ursache der Welt im Ganzen) erzeugen sie nur transzendentalen Schein. Kant widerlegt damit alle drei theoretischen Beweise — verlegt Gott aber in ein Postulat der praktischen Vernunft.
Moderne Varianten: Alvin Plantingas modaler ontologischer Beweis (über mögliche Welten: Ist die Existenz eines notwendigen, maximal vollkommenen Wesens auch nur möglich, so existiert es in allen Welten — die Last ruht aber ganz auf der umstrittenen Prämisse „Gottes Existenz ist möglich"); der teleologische Gedanke kehrt als „Intelligent Design" gegen die Evolutionstheorie wieder (die darwinsche natürliche Selektion liefert einen nicht-intelligenten Mechanismus für scheinbares Design — Dawkins’ „blinder Uhrmacher"); und das Feinabstimmungsargument aus den kosmologischen Konstanten (dem die Multiversum-Hypothese entgegengehalten wird). Für die Klausur: jeden Beweis mit seiner Argumentstruktur (Prämissen → Konklusion) rekonstruieren; a priori (ontologisch) und a posteriori (kosmologisch, teleologisch) unterscheiden; Kants „Sein ist kein reales Prädikat" als zentralen Kritikpunkt darstellen UND beachten, dass es alle drei Beweise trifft; und ontologischen und kosmologischen Beweis nicht vermischen.
Musterlösung

Anselms ontologischer Gottesbeweis — Rekonstruktion und Kant-Kritik

Rekonstruieren Sie Anselms ontologischen Gottesbeweis (Proslogion II) als formales Argument und prüfen Sie ihn anhand von Gaunilos und Kants Einwänden.

  1. 011. Definition als Ausgangspunkt

    Anselm definiert Gott als „id quo maius cogitari non potest" — das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Selbst der Tor (Ps 14,1), der sagt „es ist kein Gott", versteht diesen Begriff und hat ihn so im Verstand (in intellectu).

  2. 022. Prämissen explizieren

    P1: Gott (als id quo maius …) existiert zumindest im Verstand. P2: Existenz in der Wirklichkeit (in re) ist größer/vollkommener als bloße Existenz im Verstand. P3: Angenommen, Gott existierte nur im Verstand — dann ließe sich ein Größeres denken (dasselbe Wesen, das auch in Wirklichkeit existiert).

  3. 033. Konklusion (reductio ad absurdum)

    Aus P3 folgt ein Widerspruch: „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann", wäre etwas, worüber hinaus doch Größeres gedacht werden kann. Also muss Gott auch in der Wirklichkeit existieren. K: Gott existiert notwendig.

  4. 044. Gaunilos Einwand

    Gaunilo (Pro insipiente): Analog ließe sich die „vollkommenste Insel" herbeidenken — aus dem Begriff der größten Insel folgte ihre Existenz, was absurd ist. Anselms Replik: Das Argument gilt nur für ein Wesen, dessen Nicht-Existenz undenkbar ist (notwendige Existenz), nicht für kontingente Dinge wie Inseln.

  5. 055. Kants entscheidende Kritik

    Kant (KrV B 620 ff.): „Sein ist offenbar kein reales Prädikat" — Existenz fügt einem Begriff keine Eigenschaft hinzu. „100 wirkliche Taler enthalten nicht das Mindeste mehr als 100 mögliche Taler." Existenz ist eine Setzung (Position), kein vollkommenheitssteigerndes Merkmal. Damit bricht P2 zusammen.

  6. 066. Reflektierte Stellungnahme

    Das Argument ist formal gültig (reductio), aber P2 ist nach Kant falsch: Existenz steigert keine Vollkommenheit. Der Beweis macht die Existenz analytisch aus einem Begriff — doch Existenzaussagen sind synthetisch. Bleibender Wert: die Klärung des Verhältnisses von Begriff und Sein; moderne modallogische Varianten (Gödel, Plantinga) verlagern die Frage auf die Möglichkeit notwendiger Existenz.

Ergebnis: Anselms Beweis ist als reductio formal stringent, scheitert aber an Prämisse P2: Mit Kant ist Existenz kein reales Prädikat, das Vollkommenheit steigert. Der ontologische Beweis überführt unzulässig eine Begriffsanalyse in eine Existenzaussage.

Abiturfokus

  • Drei Beweise mit Argumentstruktur (Prämissen → Konklusion) sauber rekonstruieren.
  • A-priori (ontologisch) vs. a-posteriori (kosmologisch, teleologisch) unterscheiden.
  • Kants Sein-Prädikat-Argument als zentralen Kritikpunkt — und dass es ALLE drei Beweise trifft.
  • Aktuelle Variante: Intelligent Design vs. Evolutionstheorie.

Typische Fehler

  • Ontologischer und kosmologischer Beweis werden vermischt.
  • Der ontologische Beweis wird als a-posteriori-Argument (aus der Welt) gelesen — er ist rein begrifflich (a priori).
  • Kants Kritik wird auf Anselm verkürzt — sie betrifft ALLE drei Beweise.
  • Teleologischer Beweis wird mit der biblischen Schöpfungsgeschichte verwechselt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Die moderne Logik präzisiert Kants Verdikt „Sein ist kein reales Prädikat". Nach Gottlob Frege und Bertrand Russell ist Existenz kein Prädikat erster Stufe (eine Eigenschaft von Gegenständen wie „rot" oder „weise"), sondern eine Aussage zweiter Stufe über einen Begriff: „Es gibt Tiger" heißt, dass der Begriff „Tiger" mindestens einmal erfüllt ist (der Existenzquantor). „Gott existiert" ist demnach keine Eigenschaftszuschreibung an einen bereits gegebenen Gott, sondern die Behauptung, der Gottesbegriff sei erfüllt — und ob er erfüllt ist, kann nicht aus dem Begriff selbst folgen. Diskutieren Sie demgegenüber Plantingas modalen Beweis und prüfen Sie, warum die ganze Beweislast auf der Prämisse „Gottes Existenz ist möglich" ruht und ob deren Verneinung („Gottes Existenz ist unmöglich") nicht ebenso plausibel behauptet werden könnte.

Aktive Wiederholung

Rekonstruieren Sie Anselms ontologischen Beweis als formales Argument. Wie funktioniert Kants Kritik?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ontological Arguments (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Cosmological Argument (Stanford University)

§ 02

Theodizee und Religionskritik#

●●●VertiefungLPkmk-epa-philosophie-aesthetik

Kernpunkte

Die Theodizee (griech. theos und dikē, „Rechtfertigung Gottes"; der Begriff wurde von Leibniz geprägt, „Essais de Théodicée", 1710) fragt: Wie ist die Existenz des Übels mit einem allwissenden, allmächtigen und allgütigen Gott vereinbar? Die klassische Zuspitzung geht auf Epikur (überliefert bei Laktanz) zurück — das inkonsistente Quartett bzw. Dilemma: Entweder Gott will das Übel beseitigen, kann es aber nicht (dann nicht allmächtig); oder er kann, will aber nicht (dann nicht allgütig); oder er weiß es nicht (dann nicht allwissend); oder er will und kann — woher dann das Übel? Zu unterscheiden sind das malum morale (moralisches Übel aus menschlicher Freiheit: Grausamkeit, Krieg), das malum physicum (natürliches Leid: Krankheit, Erdbeben) und das malum metaphysicum (die Endlichkeit/Unvollkommenheit jedes Geschöpfs). Das Erdbeben von Lissabon 1755 (am Allerheiligentag, Zehntausende Tote in der Messe) machte das Problem für das 18. Jahrhundert akut.
Leibniz’ Antwort: Der vollkommene Gott überschaute vor der Schöpfung alle möglichen Welten und schuf nach dem Satz vom zureichenden Grund die beste aller möglichen Welten. Das Übel ist nicht um seiner selbst willen gewollt, sondern notwendige Bedingung oder Nebenfolge höherer Güter: Das metaphysische Übel (Endlichkeit) ist in jedem Geschöpf unvermeidlich; moralisches und physisches Übel werden zugelassen, weil eine Welt mit freien Wesen und gesetzmäßiger Natur besser ist als eine sterile, übelfreie Marionettenwelt. Voltaire verspottete diesen Optimismus in „Candide ou l’optimisme" (1759) — Doktor Pangloss wiederholt inmitten der Katastrophe (auch das Erdbeben von Lissabon kommt vor) „alles ist zum Besten in der besten aller möglichen Welten". Der Spott: Solcher Optimismus verharmlost das wirkliche Leid.
Augustinus erklärt das Übel als privatio boni — als Mangel, als Fehlen des Guten (wie Blindheit das Fehlen des Sehvermögens ist), also kein positives Sein, das Gott geschaffen hätte. Das moralische Übel tritt durch den Missbrauch der geschöpflichen Freiheit (Engel, dann Menschen — der Sündenfall) in die Welt. Das ist die Wurzel der Free-Will-Defence (später formalisiert von Alvin Plantinga, „God, Freedom, and Evil", 1974): Eine Welt mit echt freien, zum Guten fähigen Wesen ist wertvoller als eine von Automaten, doch Freiheit schließt logisch die Möglichkeit der Bosheit ein — Gott könnte keine freien Wesen schaffen, die garantiert nie sündigen, ohne sich zu widersprechen. Das löst das moralische Übel, ringt aber mit dem natürlichen (Erdbeben, tierisches Leid lange vor dem Menschen).
Die härtesten Fälle strapazieren jede Theodizee: der Holocaust, das Leiden unschuldiger Kinder (Dostojewskis Iwan Karamasow gibt seine „Eintrittskarte" in einen Himmel zurück, der mit den Tränen eines einzigen gequälten Kindes erkauft ist). Die „Anti-Theodizee" (nach Auschwitz) hält es für selbst unmoralisch, solches Übel zu rechtfertigen, weil das Leiden damit „sinnvoll" gemacht und dadurch entschuldigt werde (Theodor W. Adorno; Hans Jonas schlägt in „Der Gottesbegriff nach Auschwitz", 1984, einen NICHT allmächtigen Gott vor — einen sich selbst zurücknehmenden, mit der Schöpfung leidenden Gott). Das Buch Hiob ist die biblische Verweigerung der billigen Theodizee: Gott antwortet Hiob nicht mit Gründen, sondern aus dem Wettersturm — mit der Unbegreiflichkeit seiner Wege.
Die Religionskritik des 19. und 20. Jahrhunderts kehrt die Frage um: Statt Gott zu rechtfertigen, erklärt sie die Religion als menschliches Produkt. Ludwig Feuerbach („Das Wesen des Christentums", 1841): Theologie ist Anthropologie — Gott ist die Projektion des menschlichen Gattungswesens (Vernunft, Wille, Liebe) auf ein eingebildetes himmlisches Subjekt; nicht Gott schuf den Menschen, sondern der Mensch Gott nach seinem Bilde. Karl Marx baut darauf auf: Religion ist „das Opium des Volkes" — Trost in und Symptom realer Not zugleich, „der Seufzer der bedrängten Kreatur", der betäubt und durch Veränderung der Verhältnisse überwunden werden muss. Sigmund Freud („Die Zukunft einer Illusion", 1927): Religion ist kollektive Wunscherfüllung aus kindlicher Hilflosigkeit — Gott der projizierte, erhöhte Vater; eine „Illusion" (ein wunschgetriebener, nicht notwendig falscher, aber unbewiesener Glaube). Friedrich Nietzsche („Die fröhliche Wissenschaft", § 125, der tolle Mensch): „Gott ist tot … und wir haben ihn getötet" — eine Kulturdiagnose, dass der Glaube an den christlichen Gott unglaubwürdig geworden ist, mit dem Nihilismus als Folge; dazu die genealogische Kritik („Zur Genealogie der Moral", 1887) der christlichen Moral als „Sklavenmoral" der ressentimentgeladenen Schwachen.
Methodisch entscheidend: Die Projektionstheorien (Feuerbach, Freud) erklären die psychologisch-soziale Genese des Glaubens, doch die Genese entscheidet nicht über die Geltung — von „die Religion entsprang einem Wunsch, also ist sie falsch" zu schließen, ist der genetische Fehlschluss. Die Kritik kann die Glaubwürdigkeit der Religion erschüttern, ohne Gott zu widerlegen. Jürgen Habermas („Glauben und Wissen", Friedenspreisrede 2001) bezieht eine postsäkulare Position: In der pluralistischen Moderne müssen sich säkulare und religiöse Stimmen wechselseitig ernst nehmen; religiöse Gehalte sind in allgemein zugängliche Sprache zu „übersetzen" (Übersetzungsproviso). Für die Klausur: das Theodizee-Trilemma sauber formulieren (die drei Eigenschaften gegen das Übel); mindestens zwei Theodizee-Antworten (Leibniz, Augustinus/Free-Will, Hick) UND die Grenzen (Hiob, Anti-Theodizee) darstellen; mindestens zwei Religionskritiker präzise wiedergeben; und den genetischen Fehlschluss wie die wörtliche Lesart des „Tod Gottes" meiden.
Musterlösung

Theodizee-Problem — das Trilemma prüfen

Rekonstruieren Sie das Theodizee-Problem als logisches Trilemma und beurteilen Sie zwei Lösungsversuche (Leibniz, Free-Will-Defence).

  1. 011. Die unverträglichen Sätze benennen

    Drei Annahmen scheinen unvereinbar: (1) Gott ist allmächtig. (2) Gott ist allgütig. (3) Es gibt Übel in der Welt. Wären (1) und (2) wahr, dürfte es (3) nicht geben — ein allmächtiger, allgütiger Gott könnte und wollte das Übel verhindern (Epikur, zugeschrieben).

  2. 022. Das Trilemma formulieren

    Angesichts des Übels muss mindestens eine Annahme fallen: entweder Gott will das Übel nicht beseitigen (dann nicht allgütig), oder kann es nicht (dann nicht allmächtig), oder kennt es nicht (dann nicht allwissend). Die Theodizee versucht, alle drei zu retten.

  3. 033. Übelarten unterscheiden

    Moralisches Übel (malum morale) entsteht durch menschliches Handeln (Krieg, Grausamkeit); natürliches/physisches Übel (malum physicum) durch Naturereignisse (Erdbeben, Krankheit). Verschiedene Übel verlangen verschiedene Antworten.

  4. 044. Lösungsversuch 1 — Leibniz

    Leibniz (Théodicée 1710): Diese Welt ist die „beste aller möglichen Welten". Das Übel ist metaphysisch notwendig (Endlichkeit) oder dient höheren Gütern (Freiheit, moralisches Wachstum). Einwand (Voltaire, Candide): angesichts realen Leids (Erdbeben Lissabon 1755) wirkt der Optimismus zynisch.

  5. 055. Lösungsversuch 2 — Free-Will-Defence

    Plantinga: das moralische Übel ist der Preis der menschlichen Willensfreiheit — eine Welt mit freien (also auch fehlbaren) Wesen ist wertvoller als eine Welt determinierter Marionetten. Greift jedoch nicht für das natürliche Übel (Erdbeben sind nicht Folge menschlicher Freiheit) — Ergänzung durch Hicks „Soul-Making".

  6. 066. Reflektierte Stellungnahme

    Das logische Theodizee-Problem (strikte Unvereinbarkeit) gilt durch die Free-Will-Defence als entschärft; das evidentielle Problem (die schiere Menge sinnlosen Leids) bleibt eine ernste Herausforderung. Theodizee „rettet" Gott nicht beweisend, sondern zeigt nur die logische Möglichkeit der Vereinbarkeit — die existenzielle Wucht des Leids bleibt.

Ergebnis: Das Theodizee-Trilemma zwingt dazu, Allmacht, Allgüte oder die Realität des Übels aufzugeben. Die Free-Will-Defence entschärft das logische Problem (für moralisches Übel), das natürliche Übel und das evidentielle Problem (Ausmaß des Leids) bleiben jedoch ungelöst.

Abiturfokus

  • Theodizee-Trilemma sauber formulieren — Allwissen, Allgüte, Allmacht vs. Übel.
  • Übelarten unterscheiden (malum morale / physicum / metaphysicum).
  • Mindestens zwei Theodizee-Antworten (Leibniz, Augustinus/Free-Will, Hick) und ihre Grenzen darstellen.
  • Mindestens zwei Religionskritiker (Feuerbach, Marx, Freud, Nietzsche) sicher wiedergeben.
  • Habermas’ Postsäkularität als Vermittlungsposition.

Typische Fehler

  • Theodizee wird mit Theologie verwechselt — Theodizee ist die Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels.
  • Religionskritik wird mit Atheismus gleichgesetzt — Feuerbach kritisiert Religion, ohne ihre Funktion zu leugnen.
  • Aus der psychologisch-sozialen Genese (Projektion, Wunsch) wird auf die Falschheit der Religion geschlossen — der genetische Fehlschluss.
  • Nietzsches „Tod Gottes" wird wörtlich genommen statt als kulturdiagnostische These.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Stellen Sie zwei gegensätzliche moderne Theodizee-Strategien gegenüber. John Hicks irenäische „Soul-Making"-Theodizee („Evil and the God of Love", 1966) deutet die Welt als „vale of soul-making": Das Leiden ist die notwendige Umgebung, in der sich Menschen erst zu sittlich-geistigen Personen entwickeln — ein Kontrast zur augustinisch-plantingaschen Free-Will-Defence, die das Übel allein aus dem Freiheitsmissbrauch erklärt. Dem zieht Hans Jonas in „Der Gottesbegriff nach Auschwitz" (1984) eine radikale Grenze: Angesichts der Shoah opfert er lieber die Allmacht Gottes als seine Güte — ein sich selbst zurücknehmender, mit der Schöpfung leidender, gerade nicht allmächtiger Gott. Diskutieren Sie, ob eine Theodizee, die das Leiden „rechtfertigt", nicht selbst unmoralisch wird (die Anti-Theodizee Adornos und Levinas’), und ob Hiobs Antwort aus dem Wettersturm (die Unbegreiflichkeit) nicht der ehrlichere Weg ist.

Aktive Wiederholung

Wie würde ein moderner Theodizee-Verteidiger auf das Erdbeben in Lissabon (1755), den Holocaust oder die Corona-Pandemie reagieren? Argumentieren Sie mit mindestens zwei Theodizee-Modellen.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — The Problem of Evil (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas (Stanford University)

§ 03

Glaube und Vernunft — vom Mittelalter zur Aufklärung#

●●○StandardLPkmk-epa-philosophie-aesthetikLPkmk-epa-philosophie-if6

Kernpunkte

Das Verhältnis von Glaube (fides) und Vernunft (ratio) ist die Leitfrage der Religionsphilosophie und besonders des mittelalterlichen Denkens: Stehen Glaube und Vernunft im Widerspruch, in Harmonie oder in getrennten Bereichen? Diese drei Grundmodelle bilden das Ordnungsraster für das ganze Feld: das Widerspruchsmodell (eines schließt das andere aus), das Harmoniemodell (beide sind vereinbar, ja stützen einander) und das Trennungs- oder Unabhängigkeitsmodell (sie betreffen verschiedene Bereiche und konkurrieren nicht). Von Augustinus bis zur Gegenwart lässt sich jede Position in dieses Raster einordnen.
Augustinus formuliert das Harmoniemodell mit Vorrang des Glaubens: „credo ut intelligam" — „ich glaube, um zu verstehen" (im Anschluss an Jesaja 7,9 der Septuaginta: „Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr nicht verstehen"). Der Glaube geht dem Verstehen voraus und begründet es, die Vernunft entfaltet dann, was der Glaube hält. Anselm von Canterbury radikalisiert dies zum Programm „fides quaerens intellectum" — „der Glaube, der die Einsicht sucht": Der Glaube selbst drängt zur vernünftigen Durchdringung (sein ontologischer Beweis ist ein Beispiel — er glaubt und sucht zu verstehen, WARUM Gott sein muss).
Thomas von Aquin („Summa contra gentiles") gibt das klassische Harmoniemodell mit relativer Eigenständigkeit der Vernunft: Glaube und Vernunft können einander nicht widersprechen, da beide letztlich von Gott stammen (Wahrheit kann der Wahrheit nicht widersprechen). Die Philosophie ist „ancilla theologiae" (Magd der Theologie), aber eine echte, autonome Disziplin mit eigener (aristotelischer) Methode. Aquin unterscheidet die natürliche Theologie (Wahrheiten über Gott, die die Vernunft allein erreicht — etwa dass Gott existiert, über die fünf Wege) von der Offenbarungstheologie (Geheimnisse, die nur durch Offenbarung zugänglich sind — Trinität, Inkarnation). Vernunft und Offenbarung sind zwei nicht-konkurrierende, teils überlappende Wege.
Davon zu unterscheiden ist die „Lehre von der doppelten Wahrheit" (dem lateinischen Averroismus, Siger von Brabant zugeschrieben; ob tatsächlich vertreten, ist umstritten): Philosophie und Theologie könnten in ihren je eigenen Bereichen gegensätzliche Wahrheiten lehren — von der Kirche verurteilt (die Pariser Verurteilungen von 1277). Am entgegengesetzten Pol steht der Fideismus: Der Glaube steht gegen oder unabhängig von der Vernunft. „Credo quia absurdum" („ich glaube, weil es widersinnig ist"; traditionell Tertullian zugeschrieben, der jedoch „credibile est, quia ineptum est" schrieb — Wortlaut und Zuschreibung sind unsicher). Modern: Kierkegaard (der Glaube als leidenschaftlicher Sprung jenseits der Vernunft) und der Wittgensteinsche Fideismus (D. Z. Phillips: Religion ist ein eigenes „Sprachspiel" und eine eigene Lebensform, der äußere Vernunftmaßstab unangemessen) — ein Trennungsmodell.
Die Aufklärung deutet das Verhältnis neu. Gotthold Ephraim Lessing („Über den Beweis des Geistes und der Kraft", 1777) spricht vom „garstigen breiten Graben" zwischen notwendigen Vernunftwahrheiten und zufälligen Geschichtswahrheiten: Zufällige historische Berichte (Wunder, Auferstehung) können niemals notwendige, allgemeingültige religiöse Wahrheiten begründen — über diesen Graben kann man nicht springen. Immanuel Kant („Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft", 1793) reduziert Religion auf eine moralische Vernunftreligion: Nicht Dogma oder Kult zählen, sondern die sittliche Gesinnung — „Alles, was außer dem guten Lebenswandel der Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn." Gott, Freiheit und Unsterblichkeit werden zu Postulaten der praktischen Vernunft. Ein Harmoniemodell, aber mit der (praktischen) Vernunft als Maß der Religion.
Darüber hinaus: Karl Barths dialektische Theologie (die Offenbarung kommt „senkrecht von oben" und übersteigt jede menschliche Vernunft — ein erneuertes Modell des Vorrangs des Glaubens); und die Debatte Wissenschaft gegen Religion (Stephen Jay Goulds „non-overlapping magisteria", NOMA, als Trennungsmodell; der „Neue Atheismus" als Widerspruchsmodell). Für die Klausur: die drei Grundmodelle (Widerspruch, Harmonie, Trennung) als Ordnungsraster einsetzen; Augustins „credo ut intelligam" (Vorrang des Glaubens innerhalb der Harmonie) von Aquins Autonomie-Harmonie unterscheiden; natürliche und Offenbarungstheologie auseinanderhalten; Lessings „Graben" und Kants Vernunftreligion als Aufklärungspositionen darstellen; und das Tertullian-Zitat vorsichtig behandeln. Die Religionsphilosophie behandelt dabei reflektierten Glauben, nicht Leichtgläubigkeit oder Aberglauben.

Abiturfokus

  • Die drei Grundmodelle (Widerspruch, Harmonie, Trennung) als Ordnungsraster einsetzen.
  • Augustins „credo ut intelligam" und Aquins Autonomie-Harmonie-Modell unterscheiden.
  • Natürliche Theologie (Vernunfterkenntnis Gottes) und Offenbarungstheologie auseinanderhalten.
  • Lessings „garstigen Graben" und Kants Vernunftreligion als Aufklärungspositionen darstellen.

Typische Fehler

  • Glaube und Aberglaube werden gleichgesetzt — Religionsphilosophie behandelt reflektierten Glauben.
  • „credo quia absurdum" wird wörtlich Tertullian zugeschrieben (Quellenlage unsicher).
  • Natürliche Theologie (Vernunfterkenntnis) und Offenbarungstheologie werden vermengt.
  • Aquins „ancilla"-Formel wird als Geringschätzung der Philosophie gelesen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Wie kann die Vernunft überhaupt von Gott reden, wenn dieser unendlich und die menschliche Sprache endlich ist? Thomas von Aquin antwortet mit der Lehre von der Analogie (analogia entis): Prädikate wie „gut" oder „weise" gelten von Gott und Geschöpf weder eindeutig (univok — dann wäre Gott nur ein großes Geschöpf) noch bloß zweideutig (äquivok — dann sagten wir gar nichts über Gott), sondern analog: Gott ist „gut" im ursprünglichen, eminenten Sinn, an dem das geschöpfliche Gutsein nur teilhat. Stellen Sie dem die negative Theologie (via negationis; Pseudo-Dionysius, Maimonides) gegenüber, die nur sagen kann, was Gott NICHT ist. Diskutieren Sie, ob die Analogielehre einen Mittelweg zwischen anthropomorpher Gottesrede und vollständigem Schweigen eröffnet — und was daraus für die Prüfbarkeit religiöser Aussagen folgt.

Aktive Wiederholung

Vergleichen Sie das Harmoniemodell (Aquin) und das Trennungsmodell (Fideismus) hinsichtlich der Frage, ob religiöse Aussagen vernünftig prüfbar sind.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Cosmological Argument (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)

§ 04

Religiöse Erfahrung, Pascalsche Wette und Glaubensrechtfertigung#

●●●VertiefungLPkmk-epa-philosophie-aesthetik

Kernpunkte

Nicht jede Rechtfertigung des Glaubens läuft über Beweise. Neben der evidentialistischen Begründung (durch Argumente und Belege) gibt es nicht-evidentialistische Wege: über die Erfahrung, über die Pragmatik (Klugheit) oder über die unmittelbare Gewissheit. Der Hintergrundstreit ist der Evidentialismus von W. K. Clifford („The Ethics of Belief", 1877: „Es ist immer, überall und für jedermann falsch, irgendetwas auf unzureichender Evidenz zu glauben") gegen die Auffassung, manche Überzeugungen seien auch ohne Argument rational. Dieser Abschnitt mustert die Nicht-Beweis-Wege zum Glauben und ihre Kritik.
Die religiöse Erfahrung (William James, „Die Vielfalt religiöser Erfahrung", 1902) gilt als primäre Quelle religiöser Gewissheit; James nennt vier Merkmale des mystischen Zustands: Unaussprechlichkeit (er entzieht sich dem Ausdruck), noetische Qualität (er scheint Erkenntnis zu vermitteln, nicht bloß Gefühl), Flüchtigkeit (er währt nicht) und Passivität (der Mensch fühlt sich ergriffen, nicht handelnd). Rudolf Otto („Das Heilige", 1917) bestimmt den Kern der Religion als Erfahrung des Numinosen — das „Heilige" als nicht-rationale Kategorie, das mysterium tremendum et fascinans: das „ganz Andere", das zugleich erschauern lässt (tremendum) und anzieht (fascinans). Religion wurzelt danach in dieser eigenartigen (sui generis) Erfahrung, nicht in der Lehre.
Das Argument aus der religiösen Erfahrung lautet: Erlebnisse, die sich als Erfahrungen Gottes geben, sind Evidenz für Gott (Richard Swinburnes „Prinzip der Leichtgläubigkeit"/principle of credulity: Erfahrungen sind ohne Gegengründe für bare Münze zu nehmen). Dagegen sprechen mehrere Kritikpunkte: erstens der Zirkel- bzw. Begriffsladungseinwand — etwas ALS Gott zu erfahren, setzt den Gottesbegriff bereits voraus; dieselbe Roherfahrung wird je nach Tradition als Gott, als Brahman oder als neuronales Ereignis gedeutet (Steven Katz: es gibt keine unvermittelte mystische Erfahrung). Zweitens naturalistische Erklärungen (Neurotheologie, Schläfenlappen-Aktivität, Substanzen) — wobei die Genese die Geltung nicht entscheidet (genetischer Fehlschluss). Drittens heben sich die einander widersprechenden Zeugnisse der Religionen in ihrer Beweiskraft gegenseitig auf.
Die Pascalsche Wette („Pensées", posthum 1670) ist ein entscheidungstheoretisches Argument, KEIN Existenzbeweis: Unter Ungewissheit über Gottes Existenz ist der Glaube die rational kluge Wahl. Die Matrix: Glaubt man und Gott existiert, ist der Gewinn unendlich (ewige Seligkeit); glaubt man und er existiert nicht, ist der Verlust endlich; glaubt man nicht und er existiert, ist der Verlust unendlich; glaubt man nicht und er existiert nicht, ist der Gewinn endlich. Da der mögliche unendliche Gewinn jeden endlichen Einsatz dominiert, ist es nach dem Erwartungswert rational, auf Gott zu setzen. Entscheidend: Das Argument betrifft, ob es vernünftig ist zu GLAUBEN (oder den Glauben zu kultivieren), nicht, ob Gott existiert.
Gegen Pascal stehen drei Haupteinwände. Erstens der Viele-Götter-Einwand: Auf welchen Gott soll man setzen? Die Wette sagt es nicht, und andere Götter versprechen unverträgliche Auszahlungen (ein eifersüchtiger Gott könnte den kalkulierenden Wettenden gerade verdammen). Zweitens der Aufrichtigkeitseinwand: Ein Gott könnte einen bloß strategischen, eigennützigen „Glauben" verachten — kann eine Wette überhaupt echten Glauben erzeugen? Drittens der doxastische Voluntarismus: Kann man auf Befehl glauben? Pascals Antwort — handle, als ob du glaubtest (besuche die Messe, nimm das Weihwasser), und der Glaube wird folgen (die Gewohnheit formt die Überzeugung) — wird bezweifelt, da Glaube vielleicht nicht willentlich wählbar ist.
Die reformierte Erkenntnistheorie (Alvin Plantinga, „Warranted Christian Belief", 2000) hält den Gottesglauben für eine „properly basic belief" — rational auch ohne Argument, analog zur Überzeugung von der Existenz anderer Geister, der Außenwelt oder der Erinnerung; er entspringt einer von Gott gegebenen Erkenntnisanlage (sensus divinitatis) und braucht keine Evidenzstütze, was Cliffords Evidentialismus direkt beantwortet. Der theologische Nonkognitivismus (R. B. Braithwaite; die Wittgensteinsche Linie) deutet religiöse Sätze nicht als Tatsachenbehauptungen, sondern als Ausdruck einer Lebenshaltung — so entgehen sie dem Wahr-Falsch-Schema (und damit der Evidenzforderung) überhaupt. Für die Klausur: evidentialistische (Beweise) und nicht-evidentialistische (Erfahrung, Pragmatik, Basizität) Begründung unterscheiden; Pascals Wette als entscheidungstheoretisch (nicht als Existenzbeweis) darstellen; die Haupteinwände (Viele-Götter, Aufrichtigkeit, Voluntarismus) kennen; Plantingas „properly basic" gegen Cliffords Evidentialismus stellen; und die religiöse Erfahrung nicht unkritisch als Beweis behandeln (Zirkel).

Abiturfokus

  • Evidentialistische (Beweise) und nicht-evidentialistische (Erfahrung, Pragmatik, Basizität) Glaubensbegründung unterscheiden.
  • Pascals Wette als entscheidungstheoretisches, nicht als Existenzargument darstellen.
  • Die Haupteinwände gegen Pascal (Viele-Götter, Aufrichtigkeit, Voluntarismus) kennen.
  • Plantingas „properly basic belief" gegen Cliffords Evidentialismus stellen.

Typische Fehler

  • Pascals Wette wird als Gottesbeweis missverstanden.
  • Religiöse Erfahrung wird unkritisch als Beweis behandelt (Zirkel: etwas als Gott zu erfahren, setzt Gott voraus).
  • Cliffords Evidentialismus wird mit Atheismus gleichgesetzt — er ist eine allgemeine Ethik des Für-wahr-Haltens, kein Gottesargument.
  • Der theologische Nonkognitivismus wird mit Atheismus verwechselt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Spiegelbildlich zum Argument aus religiöser Erfahrung steht das Argument der Verborgenheit Gottes (J. L. Schellenberg, „Divine Hiddenness and Human Reason", 1993). Als gültiger Schluss: (1) Gäbe es einen vollkommen liebenden Gott, so sorgte er dafür, dass jeder aufrichtig Suchende eine bewusste Beziehung zu ihm haben kann — es gäbe also kein „nicht-resistentes" Nichtglauben. (2) Es gibt aber aufrichtige Sucher, die nicht glauben können (nicht-resistentes Nichtglauben existiert). (3) Also existiert ein solcher Gott nicht. Diskutieren Sie die theistischen Erwiderungen — die Verborgenheit wahre die menschliche Freiheit (ein zu evidenter Gott erzwänge den Glauben) oder diene dem „soul-making" (vgl. Hick) — und beurteilen Sie, ob die Verborgenheit Gottes ein eigenständiges Übel ist, das die Theodizee zusätzlich belastet.

Aktive Wiederholung

Beurteilen Sie Pascals Wette als rationales Argument für den Glauben. Greifen der Viele-Götter-Einwand und der Aufrichtigkeitseinwand?

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ontological Arguments (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — The Problem of Evil (Stanford University)

§ 05

Religionskritik im 20. Jh. und Säkularisierung#

●●○StandardLPkmk-epa-philosophie-aesthetikLPkmk-epa-philosophie-if5

Religionskritik des 19./20. Jahrhunderts

Religionskritik 19./20. Jh.Tabelle mit 3 Spalten und 4 Zeilen, Daten: Denker · Religion ist… · Pointe; Feuerbach 1841 · Projektion · Anthropologie; Marx · Opium des Volkes · Trost über Not; Freud 1927 · Illusion/Wunsch · projizierter Vater; Nietzsche · Sklavenmoral · Ressentiment, hervorgehobene Zelle: ProjektionDENKERRELIGION IST…POINTEFeuerbach 1841ProjektionAnthropologieMarxOpium des VolkesTrost über NotFreud 1927Illusion/Wunschprojizierter VaterNietzscheSklavenmoralRessentiment
Abb. 2Feuerbach (Projektion), Marx (Opium), Freud (Illusion), Nietzsche (Sklavenmoral) — vier Reduktionsfiguren der Religionskritik.

Kernpunkte

Die Säkularisierungsthese behauptet, mit Aufklärung, Wissenschaft und Modernisierung verliere die Religion ihre gesellschaftliche Geltung (Privatisierung, Rückgang von Glaube und Praxis). Ihre Wurzeln sind Max Webers „Entzauberung der Welt" (die moderne Rationalisierung entzieht der Welt das Magische und Heilige) und Auguste Comtes „Drei-Stadien-Gesetz" (die Menschheit schreite vom theologischen über das metaphysische zum positiv-wissenschaftlichen Stadium fort). Die These beherrschte die Soziologie des 20. Jahrhunderts, ist aber empirisch umstritten: die weltweite Wiederkehr der Religion, die Fundamentalismen, die Vitalität der Religion in den USA und im globalen Süden. Peter Berger, einst führender Säkularisierungstheoretiker, widerrief sie später (Stichwort „Desäkularisierung"). Säkularisierung ist also eine — teils eurozentrische — Hypothese, kein Faktum.
Sigmund Freuds Religionskritik („Die Zukunft einer Illusion", 1927; „Totem und Tabu", 1913) deutet Religion als kollektive Zwangsneurose und als Wunscherfüllung; Gott ist der projizierte, erhöhte Vater (die Sehnsucht nach Schutz aus kindlicher Hilflosigkeit), „Totem und Tabu" spekuliert über den Ursprung im Urhorden-Vatermord. Methodisch entscheidend (und mit Nachdruck zu wiederholen): Die psychoanalytische Genese entscheidet die Geltungsfrage nicht — von „die Religion entspringt einem Wunsch" auf „die Religion ist falsch" zu schließen, ist der genetische Fehlschluss. Freud selbst räumt ein, eine Illusion müsse kein Irrtum sein, sondern sei nur ein wunschgetriebener Glaube.
Friedrich Nietzsche, „Die fröhliche Wissenschaft" § 125 (der tolle Mensch): „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!" Dies ist eine Kulturdiagnose, keine metaphysische Behauptung: Der Glaube an den christlich-moralischen Gott ist im Gefolge von Wissenschaft und Aufklärung unglaubwürdig geworden — und „wir" (die europäische Kultur) haben ihn durch die eigene Redlichkeit getötet. Die Folge ist die Gefahr des Nihilismus (die höchsten Werte entwerten sich, alle bindende Sinngebung zerfällt), den Nietzsche durch die „Umwertung aller Werte" und die Gestalt des wertsetzenden Übermenschen überwinden will. Der tolle Mensch kommt „zu früh" — die Menschheit hat die Größe der Tat noch nicht begriffen.
Die Theologie antwortet auf die Kritik von innen. Dietrich Bonhoeffer (Gefängnisbriefe, „Widerstand und Ergebung") entwirft für eine „mündig gewordene Welt" eine „religionslose Christlichkeit": Gott ist nicht der Lückenbüßer für die Grenzen des Wissens, sondern in der Mitte des Lebens zu finden — ein Glaube jenseits des „Gottes der Lücken". Paul Tillich deutet Gott nicht als Seiendes unter Seienden (was der Atheismus zu Recht ablehnt), sondern als „Grund des Seins" und als Gegenstand des „unbedingten Angegangenseins" (ultimate concern) jenseits des klassischen Theismus — ein Versuch, Gott der empirischen Kritik zu entziehen.
Jürgen Habermas („Glauben und Wissen", 2001) prägt den Begriff der postsäkularen Gesellschaft: Die Moderne ist nicht einfach nachreligiös; säkulare und religiöse Bürger müssen sich wechselseitig anerkennen und voneinander lernen. Die säkulare Vernunft soll religiöse Traditionen nicht hochmütig als irrationale Relikte abtun (sie können moralisch-semantische Potentiale bergen, etwa Solidarität und die Unantastbarkeit der Person); die religiösen Bürger wiederum sollen ihre Beiträge für den politischen Diskurs in allgemein zugängliche Sprache „übersetzen" (Übersetzungsproviso). Das ist eine normativ-prozedurale Regelung des Verhältnisses von Religion und Moderne, zu unterscheiden von der empirischen Säkularisierungsthese.
Politisch geht es um Religionsfreiheit und staatliche Neutralität. Art. 4 GG garantiert die Glaubensfreiheit; die Modelle reichen von der strikten Laizität (Frankreich: Trennung, der öffentliche Raum bleibt säkular) bis zum deutschen „kooperativen Modell" (der „hinkenden Trennung": Kirchensteuer, Religionsunterricht, theologische Fakultäten). Für die Klausur: die Säkularisierungsthese kritisch (als Hypothese, nicht als Faktum) darstellen; Freud, Nietzsche und Marx als drei VERSCHIEDENE Kritiken unterscheiden (Projektion/Wunsch, Kulturdiagnose, Ideologie); den genetischen Fehlschluss in der Projektionskritik erkennen; Habermas’ Postsäkularität als Vermittlungsposition einsetzen; und Religionskritik (Kritik) von Religionsfeindlichkeit (Feindschaft) trennen.

Abiturfokus

  • Die Säkularisierungsthese kritisch (nicht als Faktum) darstellen.
  • Freud, Nietzsche und Marx als drei verschiedene Religionskritiken unterscheiden.
  • Den genetischen Fehlschluss in der projektionstheoretischen Kritik erkennen.
  • Habermas’ Postsäkularität als Vermittlungsposition einsetzen.

Typische Fehler

  • Religionskritik wird mit Religionsfeindlichkeit gleichgesetzt.
  • Nietzsches „Tod Gottes" wird als Triumphmeldung statt als Diagnose einer Krise gelesen.
  • Freuds „Illusion" wird mit „Irrtum/Lüge" gleichgesetzt — eine Illusion ist bei Freud ein wunschgetriebener Glaube, nicht notwendig falsch.
  • Die Säkularisierungsthese wird als empirisch bestätigt vorausgesetzt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Vertiefen Sie das Böckenförde-Diktum (1967): „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Der liberale Staat kann seine eigene normative Grundlage — die Bindungskraft von Werten wie Würde, Solidarität und Gemeinsinn — nicht mit den Mitteln des Rechts erzwingen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben; woher also kommt der moralische „Kitt", der ihn zusammenhält? Diskutieren Sie die Antworten: Religion und vorpolitische Traditionen (Böckenförde; der späte Habermas der „Dialektik der Säkularisierung", 2004, im Gespräch mit Joseph Ratzinger) gegenüber dem „Verfassungspatriotismus" und dem Vertrauen auf eine selbsttragende demokratische Vernunft. Beurteilen Sie, ob der säkulare Staat auf religiöse Quellen angewiesen bleibt oder seine Voraussetzungen selbst erneuern kann.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie, ob Freuds projektionstheoretische Religionskritik die Wahrheitsfrage der Religion entscheidet oder umgeht.

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)

§ 06

Sinn, Tod und Unsterblichkeit#

●○○BasisLPkmk-epa-philosophie-aesthetikLPkmk-epa-philosophie-if1

Kernpunkte

Die Sinnfrage („Wozu lebe ich? Warum bin ich überhaupt da?") ist eine religionsphilosophische und anthropologische Grenzfrage — eine Frage, die an die Grenzen des Wissbaren rührt. Die Antworten reichen von der religiösen Heilshoffnung (das Leben empfängt seinen Sinn aus einer transzendenten Quelle, aus Gott) über die existenzialistische Selbstsetzung (Sartre, Camus: kein vorgegebener Sinn, wir schaffen ihn) bis zur naturalistischen Sinnverneinung (die kosmische Bedeutungslosigkeit des Menschen, das „Absurde"). Wichtig ist die Abgrenzung von der Glücksfrage: Ein sinnvolles Leben muss kein glückliches sein und umgekehrt — Sinn und Glück sind verschiedene Dimensionen.
Zwei Grundmodelle ordnen die Sinnantworten. Der Sinn von außen (objektiv-transzendent) stammt aus einem kosmischen Plan, aus Gott oder aus von uns unabhängigen objektiven Werten. Der Sinn von innen (subjektiv) ist das, was wir durch unsere eigenen Projekte, Bindungen und Engagements selbst schaffen; es gibt keinen vorgegebenen Zweck. Die moderne Diskussion (Susan Wolf, „Meaning in Life and Why It Matters", 2010; Thaddeus Metz) sucht eine Verbindung: Sinn entsteht, wo „subjektive Anziehung auf objektive Anziehungskraft trifft" (Wolf) — im leidenschaftlichen Engagement für etwas wirklich Wertvolles. Reiner Subjektivismus machte jede beliebige Obsession „sinnvoll", reiner Objektivismus überginge, dass Sinn die Person ergreifen muss.
Zur Todesfrage liefert Epikur das klassische Argument gegen die Todesfurcht (Brief an Menoikeus): „Der Tod geht uns nichts an, denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr." Der Tod ist nie ein Erlebnis, das wir machen: Solange wir existieren, ist er abwesend; ist er da, sind wir es nicht. Da alles Gute und Üble in der Empfindung besteht und der Tod die Beraubung jeder Empfindung ist, „geht der Tod uns nichts an" — er ist für einen selbst weder zu fürchten noch zu betrauern. (Das epikureische Symmetrieargument: Unser Nichtsein nach dem Tod ist nicht schlimmer als unser Nichtsein vor der Geburt, das wir auch nicht beklagen.)
Der stärkste Einwand ist Thomas Nagels Deprivationstheorie („Death", 1970): Der Tod ist ein Übel nicht wegen eines erlebten Zustands, sondern weil er der Person die künftigen Güter (Erlebnisse, Projekte) vorenthält, die sie sonst gehabt hätte — das Schlechte ist vergleichend/relational, nicht erlebnishaft. Epikur hat also recht, dass der Tod kein schmerzhaftes Erleben enthält, aber unrecht, dass er deshalb kein Übel sei: Eine Beraubung kann für jemanden schlecht sein, auch wenn er sie nicht „fühlt" (so wie ein nie entdeckter Verrat einem schaden kann). Ob das Nichtsein nach dem Tod schlimmer ist als das vor der Geburt (warum wir nur das eine betrauern), ist umstritten (Parfits „Voreingenommenheit zugunsten der Zukunft").
Vorstellungen der Unsterblichkeit: Platons Seelenwanderung und seine Unsterblichkeitsbeweise (Phaidon: die Seele als einfach/unauflöslich, das Verwandtschafts- und das Wiedererinnerungsargument); die christliche Auferstehung des Leibes (nicht die griechische Unsterblichkeit der Seele, sondern Gottes Neuschöpfung der ganzen Person); und Kants Postulat der Unsterblichkeit (die Unsterblichkeit der Seele ist ein Postulat der praktischen Vernunft — die endlose Annäherung an die Heiligkeit/das Sittengesetz verlangt eine endlose Existenz). Dem steht die naturalistische Ablehnung gegenüber (der Geist hängt am Gehirn; der Tod ist Vernichtung). Der Punkt: Unsterblichkeit ist theoretisch nicht beweisbar; sie ist entweder Sache des Glaubens oder, bei Kant, ein praktisches Postulat.
Martin Heidegger („Sein und Zeit", §§ 46–53, das „Sein zum Tode") fasst den Tod nicht primär als künftiges Ereignis, sondern als existenziale Struktur des Daseins: Das Dasein IST „Sein-zum-Tode". Erst im eigentlichen „Vorlaufen" zur eigensten, unbezüglichen, gewissen und doch unbestimmten Möglichkeit des Todes ergreift der Mensch seine Existenz als endliches Ganzes und lebt „eigentlich" — herausgerissen aus dem anonymen „Man" und seinem alltäglichen Gerede, der Tod treffe „eines Tages, aber vorläufig noch nicht" irgendwen. Dies ist eine existenziale, keine morbide Kategorie: Das Angesicht der Endlichkeit individualisiert und befreit zu einem eigenen Leben. Für die Klausur: Sinn-von-innen und Sinn-von-außen unterscheiden; Epikur präzise rekonstruieren (Tod als Nicht-Erlebnis) und Nagels Deprivationstheorie dagegenstellen; Kants Unsterblichkeit als praktisches (nicht theoretisches) Postulat darstellen; Heideggers „Sein zum Tode" als existenzial (nicht als Todessehnsucht) erklären; und die Sinn- nicht mit der Glücksfrage gleichsetzen.

Abiturfokus

  • Sinn-von-innen und Sinn-von-außen unterscheiden (subjektiv vs. transzendent).
  • Epikurs Argument gegen die Todesfurcht präzise rekonstruieren und Nagels Einwand dagegenstellen.
  • Kants Unsterblichkeitspostulat als praktisches (nicht theoretisches) Argument darstellen.
  • Heideggers „Sein zum Tode" als existenziale (nicht morbide) Kategorie erklären.

Typische Fehler

  • Die Sinnfrage wird mit der Glücksfrage gleichgesetzt.
  • Epikurs Argument wird als Verharmlosung des Sterbens (statt des Todeszustands) gelesen.
  • Christliche Auferstehung (des Leibes) wird mit platonischer Unsterblichkeit der Seele gleichgesetzt — es sind verschiedene Modelle.
  • Heideggers „Sein zum Tode" wird als Pessimismus oder Todessehnsucht missverstanden.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Wäre Unsterblichkeit überhaupt wünschenswert? Bernard Williams („The Makropulos Case: Reflections on the Tedium of Immortality", 1973) bezweifelt es am Beispiel von Janáčeks Figur Elina Makropulos, die mit 342 Jahren in tödliche Langeweile verfällt. Williams’ Dilemma: Ein ewiges Leben verlöre entweder die „kategorischen Wünsche" (die Projekte, die uns überhaupt Gründe zum Weiterleben geben) und würde unerträglich öde — oder es verlangte so tiefe Veränderungen der Person, dass am Ende nicht mehr ICH weiterlebte, sondern jemand anderer. Diskutieren Sie diese These gegen die religiöse Verheißung des ewigen Lebens und gegen Nagels Deprivationstheorie: Ist der Tod ein Übel, weil er Güter vorenthält — oder gerade die Bedingung dafür, dass ein Leben als sinnhaft-ganzes überhaupt Gestalt gewinnt?

Aktive Wiederholung

Beurteilen Sie Epikurs These „Der Tod geht uns nichts an" mithilfe von Nagels Deprivationstheorie. Ist der Tod ein Übel?

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Albert Camus (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Søren Kierkegaard (Stanford University)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Klassische Gottesbeweise — Anselm, Aquin, Paley◐
    • 02Theodizee und Religionskritik●
    • 03Glaube und Vernunft — vom Mittelalter zur Aufklärung◐
    • 04Religiöse Erfahrung, Pascalsche Wette und Glaubensrechtfertigung●
    • 05Religionskritik im 20. Jh. und Säkularisierung◐
    • 06Sinn, Tod und Unsterblichkeit○

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

Religionsphilosophie — Gottesbeweise, Theodizee, Religionskritik

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~33
Min
2
Kompetenzen
Üben

Belege & Quellen

Quellen

Stanford University

  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ontological Arguments
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Cosmological Argument
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — The Problem of Evil
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Albert Camus
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Søren Kierkegaard

KMK

  • KMK EPA Philosophie 2006

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