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Notizen/Deutsch/Sprache und Sprachgebrauch reflektieren
Notizen · DeutschDE · Abitur

Sprache und Sprachgebrauch reflektieren

Sprachreflexion ist die Fähigkeit, Sprache als System und Gebrauch zu durchschauen — von Grammatik und Semantik über Pragmatik bis zu gesellschaftlichen Sprachpolitik-Debatten. Sie verknüpft fachliche Kategorien mit der Reflexion eigener und fremder Sprachpraxis.

6 Abschnitte·~25 Min Lesezeit·2 Kompetenzen·Niveau Basis 1 · Standard 3 · Vertiefung 2·Stand 06/2026

T·0333 / 12
Prüfungsprofil
KMK-2.5 · Sprache und Sprachgebrauch reflektierenKMK-Sprachbewusstheit · Sprachbewusstheit auf System- und Gebrauchsebene
Operatoren:analysierenerläuternbeurteilenerörtern

grundlegendes Niveau

gA-Niveau: sicherer Umgang mit grammatischen und semantischen Grundkategorien, Reflexion über Sprachvarietäten und einfache pragmatische Kontexte. Erwartet: präzise Begriffsverwendung und einfache Sprachreflexion.

erhöhtes Niveau

eA-Niveau: vertiefte sprachwissenschaftliche Reflexion mit theoretischen Bezügen (z. B. Saussure, Bühler, Habermas), Diskursanalyse, Sprachpolitik. Erwartet: methodisch reflektierte Position zu Sprache-Macht-Beziehungen.

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Sprache und Sprachgebrauch reflektieren
    • 01Sprache als System — Grammatik, Lexik, Semantik○
    • 02Pragmatik — Sprache im Gebrauch◐
    • 03Sprachvarietäten — Soziolekt, Dialekt, Jugend- und Fachsprachen◐
    • 04Sprachwandel — diachron und synchron◐
    • 05Genderdiskurs — sprachliche Gleichbehandlung●
    • 06Sprache und Macht — Diskurs, Framing, politische Sprache●
§ 01

Sprache als System — Grammatik, Lexik, Semantik#

●○○BasisLPKMK-2.5

Kernpunkte

Sprachreflexion setzt voraus, dass man Sprache als beschreibbares System begreift — mit klar abgegrenzten Ebenen und je eigenen kleinsten Einheiten. Die Linguistik beschreibt sie als Schichten, die aufeinander aufbauen: Phonetik/Phonologie (Laute und bedeutungsunterscheidende Phoneme), Morphologie (Wortbildung und Flexion, mit dem Morphem als kleinster bedeutungstragender Einheit), Syntax (Satzbau), Semantik (Bedeutung) und Lexikologie (Wortschatz). Über dem System steht die Pragmatik, die den Gebrauch im Kontext untersucht (siehe den folgenden Abschnitt). Jede Ebene hat ihre Fachbegriffe, und ihre präzise Verwendung ist die Grundlage jeder Sprachanalyse.
Den theoretischen Rahmen liefert Ferdinand de Saussure in seinem postum erschienenen „Cours de linguistique générale" (1916), dem Gründungstext des Strukturalismus. Er unterscheidet langue (das überindividuelle Sprachsystem) von parole (der konkreten Einzeläußerung) und fasst das sprachliche Zeichen als Einheit von signifiant (Lautbild) und signifié (Vorstellung), deren Verbindung arbiträr (beliebig, durch Konvention gesetzt) ist. Hinzu kommen zwei für die Analyse zentrale Achsen: die paradigmatische Achse der Auswahl (welches Wort statt eines anderen?) und die syntagmatische Achse der Kombination (wie werden die Wörter verkettet?) sowie die Unterscheidung von synchroner (zustandsbezogener) und diachroner (entwicklungsbezogener) Betrachtung.
Die Morphologie unterscheidet die zentralen Wortbildungsverfahren. Die Komposition fügt zwei Stämme zu einem Wort und ist im Deutschen außerordentlich produktiv — sie erlaubt im Prinzip beliebig lange Bildungen („Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän") und macht das Deutsche zur typischen Kompositionssprache. Die Derivation bildet Wörter durch Affixe (Vor- und Nachsilben: „un-glaub-lich"), die Konversion überführt ein Wort ohne Affix in eine andere Wortart (das Substantiv „das Laufen" aus dem Verb). Diese Verfahren erklären die Wortschatzdynamik, etwa bei Neologismen wie „Energiewende" oder „digitalisieren".
Die Syntax beschreibt den Bau des Satzes mit den Satzgliedern (Subjekt, Prädikat, Objekt, Adverbiale, Attribut) und der für das Deutsche charakteristischen Satzklammer: Das finite Verb steht im Aussagesatz an zweiter Stelle, im Nebensatz am Ende, und die verbalen Teile bilden eine Klammer um das Mittelfeld. Ein wichtiges Beschreibungsmittel ist die Valenz (Lucien Tesnière, „Éléments de syntaxe structurale", 1959): Das Verb eröffnet wie ein Prädikat in der Logik bestimmte Leerstellen für Ergänzungen (Aktanten) — „geben" verlangt drei (wer gibt wem was), „schlafen" nur eine.
Die Semantik untersucht die Bedeutung auf mehreren Ebenen. Zu trennen sind Denotation (der begriffliche Bedeutungskern) und Konnotation (die mitschwingenden Bewertungen und Assoziationen): „Köter" und „Hund" denotieren dasselbe Tier, unterscheiden sich aber konnotativ. Die Sinnrelationen ordnen den Wortschatz: Synonymie (bedeutungsgleich — meist nur partiell), Antonymie (Gegensatz), Hyperonymie/Hyponymie (Ober-/Unterbegriff). Streng zu unterscheiden sind Polysemie (eine Wortform, mehrere verwandte Bedeutungen mit gemeinsamem Kern, z. B. „Läufer" als Sportler, Teppich und Schachfigur) und Homonymie (eine Form, unverwandte Bedeutungen ohne gemeinsamen Kern, z. B. „Bank" als Sitzmöbel und Geldinstitut oder „Kiefer" als Baum und Gesichtsknochen).
Diese Systemkenntnis ist kein Selbstzweck, sondern das Handwerkszeug jeder Sprachreflexion: Wer „behaupten", „argumentieren" und „suggerieren" semantisch genau unterscheidet, kann eine Argumentation präziser analysieren; wer Komposition und Derivation kennt, kann Wortneubildungen einordnen; wer langue und parole trennt, kann das System vom Einzelgebrauch unterscheiden. Die exakte Fachterminologie (Lexem, Morphem, Konstituente, Valenz, Sem) ist deshalb nicht akademischer Ballast, sondern die Voraussetzung präziser Analyse.

Abiturfokus

  • Fachbegriffe präzise verwenden — Lexem, Morphem, Konstituente, Valenz, Aktant, Denotation/Konnotation.
  • Saussures Grundunterscheidungen (langue/parole, signifiant/signifié, synchron/diachron, paradigmatisch/syntagmatisch) als eA-Standard führen.
  • Wortbildungsverfahren (Komposition, Derivation, Konversion) sicher unterscheiden und am Beispiel zeigen.
  • Sinnrelationen genau trennen — besonders Polysemie (verwandt) vs. Homonymie (unverwandt).
  • Systemwissen funktional einsetzen — als Werkzeug der Argumentations- und Stilanalyse, nicht als Selbstzweck.

Typische Fehler

  • Fachbegriffe werden ungenau verwendet („Wort" statt „Lexem", „Satzteil" statt „Konstituente").
  • Syntax und Semantik werden vermischt — Bedeutung wird unreflektiert aus dem Satzbau abgeleitet.
  • Konnotation wird mit Denotation gleichgesetzt — die wertende Mitbedeutung wird übersehen.
  • Polysemie und Homonymie werden verwechselt — der gemeinsame Bedeutungskern wird nicht geprüft.
  • Langue und parole werden nicht getrennt — Systemregel und Einzelgebrauch werden verwechselt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erläutern Sie Saussures These von der Arbitrarität des sprachlichen Zeichens und diskutieren Sie ihre Grenzen (Onomatopöie/Lautmalerei, partielle Motiviertheit bei Komposita und Ableitungen). Reflektieren Sie, inwiefern die Unterscheidung von langue und parole das Verhältnis von Sprachsystem und individuellem Sprachgebrauch — und damit auch von Sprachnorm und Sprachwandel — präzisiert.

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie an drei selbst gewählten Beispielen den Unterschied zwischen Komposition und Derivation und bestimmen Sie je ein Beispiel für Polysemie und Homonymie. Beurteilen Sie, welche Wortbildungsstrategie im Deutschen produktiver ist und warum.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012) (Kultusministerkonferenz) · Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen (Ministerium für Schule und Bildung NRW)

§ 02

Pragmatik — Sprache im Gebrauch#

●●○StandardLPKMK-2.5

Vier-Seiten-Modell der Kommunikation (Schulz von Thun)

Vier-Seiten-Modell (Schulz von Thun)Netzgraph, Sender · 4 Schnäbel → Sachinhalt, Sender · 4 Schnäbel → Selbstkundgabe, Sender · 4 Schnäbel → Beziehung, Sender · 4 Schnäbel → Appell, Sachinhalt → Empfänger · 4 Ohren, Selbstkundgabe → Empfänger · 4 Ohren, Beziehung → Empfänger · 4 Ohren, Appell → Empfänger · 4 OhrenSender · 4SchnäbelSachinhaltSelbstkundgabeBeziehungAppellEmpfänger · 4Ohren
Abb. 1Jede Äußerung hat einen Sachinhalt, eine Selbstkundgabe, eine Beziehungsebene und einen Appell.

Kernpunkte

Die Pragmatik untersucht nicht, was Sätze bedeuten, sondern was Menschen mit ihnen tun — Sprache als Handlung im Kontext. Ihre Gegenstände sind Sprechakte (versprechen, fragen, anweisen), Implikaturen (Mitgemeintes ohne explizites Sagen), Deixis (kontextabhängige Zeigwörter wie „hier", „morgen", „du"), Höflichkeitsstrategien und überhaupt die Abhängigkeit der Äußerungsbedeutung von der Situation. Sie ist damit das wichtigste Werkzeug der Sachtext- und Dialoganalyse, weil sie die kommunikative Strategie hinter den Wörtern sichtbar macht.
Begründet wird die Sprechakttheorie von John L. Austin („How to Do Things with Words", 1962), der zeigt, dass viele Äußerungen nicht beschreiben, sondern handeln (performative Äußerungen: „Ich verspreche …" tut etwas). Jede Äußerung umfasst dabei drei Akte: den lokutionären (das bloße Sagen eines Satzes), den illokutionären (die damit vollzogene Handlung, die „illokutionäre Rolle" — eine Drohung, Bitte, Behauptung) und den perlokutionären (die beim Hörer erzielte Wirkung). John Searle systematisiert dies in „Speech Acts" (1969) und unterscheidet 1975/76 fünf Klassen illokutionärer Akte: Assertive/Repräsentative (behaupten), Direktive (auffordern), Kommissive (sich verpflichten), Expressive (Gefühle ausdrücken) und Deklarative (durch Sprechen Realität schaffen, etwa „Ich taufe …").
Praktisch besonders wichtig ist der Unterschied von direktem und indirektem Sprechakt: „Können Sie mir das Salz reichen?" ist der Form nach eine Entscheidungsfrage (lokutionär), der Funktion nach aber eine höfliche Aufforderung (illokutionär). Die Pragmatik überlagert hier die Semantik — die wörtliche Bedeutung trifft nicht die gemeinte Handlung. Genau dieses Auseinandertreten von Gesagtem und Gemeintem macht Dialoge analysierbar und ist in literarischen Figurengesprächen oft der Schlüssel zur Subtextebene.
H. Paul Grice („Logic and Conversation", 1975) erklärt das Mitgemeinte über das Kooperationsprinzip und seine vier Konversationsmaximen: Quantität (so informativ wie nötig, nicht mehr), Qualität (nur Wahres bzw. Begründbares sagen), Relation (relevant bleiben) und Modalität (klar, eindeutig, geordnet sprechen). Wer eine Maxime sichtbar verletzt, ohne unkooperativ zu sein, erzeugt eine konversationelle Implikatur — so entstehen Ironie (Verstoß gegen die Qualität), Untertreibung oder vielsagendes Schweigen. Maximenverletzungen sind daher kein Fehler, sondern ein Bedeutungsmittel, das die Analyse aufdecken muss.
Mehrere Kommunikationsmodelle ergänzen die Sprechakttheorie und dürfen nicht vermischt werden, weil sie verschiedene Reichweiten haben. Karl Bühlers Organonmodell (Sprachtheorie, 1934) beschreibt drei Funktionen des sprachlichen Zeichens: Darstellung (Symbol für den Gegenstand), Ausdruck (Symptom des Senders) und Appell (Signal an den Empfänger). Paul Watzlawick und Mitautoren formulieren in „Menschliche Kommunikation" (1969) fünf pragmatische Axiome — darunter das berühmte „Man kann nicht nicht kommunizieren", die Unterscheidung von Inhalts- und Beziehungsaspekt und die Rolle der „Interpunktion" von Ereignisfolgen.
Das schulische Standardmodell ist Friedemann Schulz von Thuns Vier-Seiten-Modell (auch „Kommunikationsquadrat" oder „Vier-Ohren-Modell"; Miteinander reden, Bd. 1, 1981). Es zerlegt jede Nachricht in vier Botschaften, die zugleich gesendet und empfangen werden: Sachinhalt (worüber ich informiere), Selbstoffenbarung (was ich von mir preisgebe), Beziehung (was ich vom anderen halte) und Appell (wozu ich ihn bewegen will). Auf der Empfängerseite entsprechen dem „vier Ohren" — Missverständnisse entstehen, wenn Sender und Empfänger verschiedene Seiten betonen (der berühmte Beifahrer-Hinweis „Die Ampel ist grün" als Sachaussage oder als Appell). Dieses Modell eignet sich besonders zur Analyse von Konfliktdialogen.
Die pragmatische Analyse ist damit Pflicht bei jeder Untersuchung pragmatischer und literarischer Dialogtexte: Sie zeigt, welche Handlung eine Äußerung vollzieht, welche Implikaturen mitschwingen und auf welcher Botschaftsebene die Figuren tatsächlich verhandeln. Wo die bloße Inhaltsangabe nur referiert, was gesagt wird, legt die Pragmatik frei, was getan wird.
Musterlösung

Operator „analysieren" — Sprechakte und Konversationsmaximen in einem Dialog

Analysieren Sie den folgenden paraphrasierten Dialogausschnitt sprechakttheoretisch: A fragt „Ist hier noch frei?", B antwortet „Ich warte auf jemanden." Welche Sprechakte und welche Maximen sind im Spiel?

  1. 01Schritt 1 — Sprechakte bestimmen (Searle)

    A vollzieht einen Direktiv in Frageform (Bitte um Information, zugleich indirekte Bitte um Erlaubnis). B vollzieht formal einen Assertiv („Ich warte …"), der aber funktional als Direktiv (Ablehnung der Bitte) wirkt. Die Differenz von formalem und funktionalem Sprechakt ist der analytische Kern.

  2. 02Schritt 2 — Lokution, Illokution, Perlokution trennen (Austin)

    Lokution von B: die Aussage über das Warten. Illokution: höfliche Zurückweisung des Sitzplatzwunsches. Perlokution: A bleibt stehen oder sucht einen anderen Platz. Die eigentliche Handlung („Nein") wird nicht ausgesprochen, sondern erschlossen.

  3. 03Schritt 3 — Konversationsmaxime prüfen (Grice)

    B verletzt scheinbar die Maxime der Relation (der Antwortsatz beantwortet nicht direkt die Ja/Nein-Frage). Genau diese Verletzung erzeugt die Implikatur „der Platz ist nicht frei für dich". Das Kooperationsprinzip bleibt gewahrt: der Hörer rekonstruiert die gemeinte Botschaft.

  4. 04Schritt 4 — Höflichkeit deuten

    Die indirekte Form ist gesichtswahrend (face-saving): eine direkte Ablehnung („Nein, setz dich woandershin") wäre unhöflich. Die Implikatur erlaubt beiden Beteiligten, das Gesicht zu wahren — ein pragmatisches Standardverfahren.

  5. 05Schritt 5 — Funktionsdeutung

    Der Dialog zeigt, dass kommunikative Bedeutung nicht in der Wortbedeutung (Semantik) aufgeht, sondern pragmatisch konstituiert wird. Die Analyse macht sichtbar, wie viel ungesagt mitgeteilt wird — relevant für jede Dialoganalyse literarischer Dramen.

Ergebnis: Der Befund verbindet Searles Sprechakttypen, Austins Dreiteilung und Grices Implikaturmodell zu einer integrierten Pragmatik-Analyse. KMK-Operator „analysieren" verlangt diese Verknüpfung von Beobachtung und kommunikativer Funktion — eine reine Begriffsnennung genügt nicht.

Abiturfokus

  • Die drei Aktebenen (lokutionär/illokutionär/perlokutionär) und Searles fünf Sprechakttypen sicher unterscheiden.
  • Direkte und indirekte Sprechakte erkennen — Gesagtes vs. Gemeintes (Subtext) freilegen.
  • Grice’ Konversationsmaximen funktional nutzen — Maximenverletzung erzeugt Implikatur (Ironie, Untertreibung).
  • Die Modelle nicht vermischen: Bühler (Zeichenfunktionen), Watzlawick (Axiome), Schulz von Thun (vier Seiten der Nachricht).
  • Pragmatik in jeder Sachtext- und Dialoganalyse explizit machen — kommunikative Strategie ist Funktionsanalyse.

Typische Fehler

  • Pragmatik wird auf „Adressatenbezug" reduziert — die Tiefe (Sprechakte, Maximen, Botschaftsebenen) fehlt.
  • Die Kommunikationsmodelle (Bühler, Watzlawick, Schulz von Thun) werden vermischt — verschiedene Reichweiten.
  • Implikaturen werden nicht erkannt — ironische oder indirekte Aussagen werden wörtlich gelesen.
  • Die Sprechakttheorie wird nicht angewendet, obwohl sie das beste Werkzeug der Dialoganalyse ist.
  • Lokutionärer und illokutionärer Akt werden gleichgesetzt — die Form der Äußerung wird mit ihrer Handlung verwechselt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Reflektieren Sie Jürgen Habermas' Theorie des kommunikativen Handelns (1981) und die Idee der „herrschaftsfreien Kommunikation". Wie verhält sie sich zur Realität medialer Kommunikation 2026 (Algorithmen, KI, Echokammern)? Querverweis: Die Sprechaktanalyse trägt unmittelbar in das Thema „Erzähltextanalyse" (Dialoganalyse, Bewusstseinsdarstellung) und in „Sprechen und Zuhören" (Gesprächsführung, mündliche Prüfung).

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie einen Dialog aus einem Drama oder einem Interview hinsichtlich der Sprechakttypen (Searle) und der Verletzung von Konversationsmaximen (Grice). Beurteilen Sie die kommunikative Wirkung.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012) (Kultusministerkonferenz) · Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen (Ministerium für Schule und Bildung NRW)

§ 03

Sprachvarietäten — Soziolekt, Dialekt, Jugend- und Fachsprachen#

●●○StandardLPKMK-2.5

Sprachvarietäten — Schichtung des Deutschen

Sprachvarietäten — Schichtung des DeutschenPyramide, 5 Stufen, Daten: Jugend- & Mediensprache, Dialekte, Umgangssprache · Soziolekte, Bildungs- & Fachsprachen, StandardspracheJugend- & MedienspracheDialekteUmgangssprache · SoziolekteBildungs- & FachsprachenStandardspracheIm Abitur erwartet: Standard- und Bildungssprache.
Abb. 2Vom Standard zur regionalen, sozialen und mediengebundenen Varietät; daneben Fach- und Jugendsprachen.

Kernpunkte

Eine Sprache ist kein einheitliches Gebilde, sondern ein gegliederter Raum von Varietäten — systematischen Ausprägungen, die nach verschiedenen Achsen variieren. Die Soziolinguistik unterscheidet vier Dimensionen (in der Tradition Eugenio Coserius): die diatopische (regional — Dialekte), die diastratische (sozial — Soziolekte), die diaphasische (situativ — Register/Stilebenen) und die diamesische (medial — Mündlichkeit/Schriftlichkeit). Entscheidend ist die Grundeinsicht: Auch die Standardsprache ist nur eine Varietät unter mehreren — die kodifizierte, überregionale Prestigeform (Duden, amtliche Regelung) —, nicht eine „neutrale" oder „eigentliche" Sprache.
Die regionalen Varietäten (Dialekte/Mundarten wie Bairisch, Sächsisch, Schwäbisch, Niederdeutsch/Plattdeutsch, Friesisch) unterscheiden sich auf allen Ebenen — phonetisch, lexikalisch, morphologisch und syntaktisch — von der Standardsprache. Sie bilden mit ihr ein Kontinuum (Dialekt — regionale Umgangssprache/Regiolekt — Standard), zwischen dessen Polen Sprecher je nach Situation wechseln. In der deutschsprachigen Schweiz liegt sogar eine Diglossie vor: Dialekt und Standard sind funktional klar getrennten Domänen zugeordnet.
Die sozialen Varietäten (Soziolekte) sind schicht- und gruppenspezifische Sprachformen; im Deutschen wird oft zwischen Bildungssprache, Alltags-/Umgangssprache und gruppenspezifischen Registern unterschieden. Klassisch — und umstritten — ist Basil Bernsteins Unterscheidung von „elaboriertem" und „restringiertem Code" (1971), die als Defizithypothese kritisiert wurde (William Labov wies nach, dass nichtstandardsprachliche Varietäten eigene, vollwertige Regelsysteme sind). Ein aktuelles Beispiel ist das Kiezdeutsch (Heike Wiese, „Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht", 2012): ein multiethnischer Jugendsoziolekt mit eigener Grammatik — kein „gebrochenes Deutsch".
Gruppen- und Sondersprachen erfüllen je eigene Funktionen. Die Jugendsprache („cringe", „lit", „digga") ist schnelllebig, identitäts- und abgrenzungsstiftend; sie ist ein Motor des Wortschatzwandels. Die Fachsprachen (juristisch, medizinisch, technisch) dienen der Präzision und Ökonomie innerhalb einer Domäne und sind reguläre bildungssprachliche Varietäten, keine „Geheimsprachen". Auch sie sind funktional, nicht defizitär.
Die funktionalen Varietäten betreffen das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Peter Koch und Wolfgang Österreicher (1985) unterscheiden das Medium (phonisch/graphisch) von der Konzeption (Sprache der Nähe vs. Sprache der Distanz): Ein wissenschaftlicher Vortrag ist medial mündlich, aber konzeptionell schriftlich (distanzsprachlich), eine Chatnachricht medial schriftlich, aber konzeptionell mündlich (nahesprachlich). Diese Unterscheidung erklärt, warum digitale Schriftlichkeit so „mündlich" wirkt.
Sprachlich gesehen sind Varietäten weder „besser" noch „schlechter" — sie haben unterschiedliche kommunikative Funktionen und Angemessenheiten. Die verbreitete Hierarchisierung (Standard „hoch", Dialekt „derb", Soziolekt „prekär") folgt sozialen Prestigewertungen, nicht linguistischen Kriterien; sie ist eine Standardsprachenideologie. Die Schule lehrt die Standardsprache als Bildungs- und Teilhabemedium — die KMK fordert aber ausdrücklich die „Reflexion über Sprachvarietäten" als eigenständige Kompetenz, also gerade das Durchschauen dieser Wertungen.
In literarischen Texten ist der Varietätengebrauch nie zufällig, sondern Figurencharakterisierung: Dialekt und Soziolekt markieren soziale Herkunft, Bildung und Milieu (Sozialcharakteristik). Der Naturalismus setzt dies programmatisch ein — Gerhart Hauptmann lässt in „Die Weber" (1892) die schlesischen Weber Dialekt sprechen, um soziale Wirklichkeit und Klassenlage unmittelbar abzubilden. Wer in der Analyse den Varietätenwechsel einer Figur übersieht, verliert eine zentrale Bedeutungsebene.

Abiturfokus

  • Varietäten ohne Wertung beschreiben — Dialekt/Soziolekt sind nicht „falsche" oder „minderwertige" Sprache.
  • Die vier Variationsachsen (diatopisch/diastratisch/diaphasisch/diamesisch) unterscheiden und zuordnen.
  • Medium und Konzeption trennen (Koch/Österreicher) — mediale vs. konzeptionelle Mündlichkeit/Schriftlichkeit.
  • Funktionale Analyse: welche Varietät passt zu welcher Kommunikationssituation?
  • In literarischen Texten den Varietätengebrauch als Figurencharakterisierung (Sozialcharakteristik) deuten.

Typische Fehler

  • Dialekte/Soziolekte werden als „minderwertige Sprache" beschrieben — sprachpolitische Unschärfe statt Analyse.
  • Jugendsprache wird normativ abgewertet, statt funktional (identitätsstiftend, abgrenzend) analysiert.
  • Soziolekte werden mit Dialekten verwechselt — die diastratische und die diatopische Achse werden vermengt.
  • Fachsprachen werden als „Geheimsprache" abgegrenzt, obwohl sie reguläre bildungssprachliche Varietäten sind.
  • Mediale und konzeptionelle Mündlichkeit/Schriftlichkeit werden gleichgesetzt (der Vortrag als „mündlich").

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Untersuchen Sie das Konzept der „linguistischen Diskriminierung" (Lippi-Green 1997, mit Bezug aufs Deutsche: Maitz/Elspaß 2013) und reflektieren Sie, wie sich Sprachvarietäten in beruflichen und institutionellen Kontexten auswirken — etwa bei Bewerbungen, vor Gericht oder im Bildungssystem.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie die Frage, ob die schulische Privilegierung der Standardsprache eine soziale Schließung erzeugt. Beziehen Sie konkrete Beispiele für Dialekt und Soziolekt sowie die Unterscheidung von linguistischer und sozialer Bewertung mit ein.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012) (Kultusministerkonferenz) · Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen (Ministerium für Schule und Bildung NRW)

§ 04

Sprachwandel — diachron und synchron#

●●○StandardLPKMK-2.5

Sprachwandel — Mechanismen und Beispiele

Sprachwandel — MechanismenTabelle mit 3 Spalten und 5 Zeilen, Daten: Mechanismus · Beispiel · Erläuterung; Lautwandel · mîn → mein · Diphthongierung, 2. Lautverschiebung; Bedeutungswandel · „frouwe" → „Frau" · Pejorisierung, Verengung; Wortbildung · „Klimaneutralität" · Komposition, Derivation; Lehnwortschatz · „downloaden", „Fenster" · Anglizismen, Latinismen; Pragmatik / Medien · Chat-Syntax, Emoji · Mündlichkeit verschriftlicht, hervorgehobene Zelle: BedeutungswandelMECHANISMUSBEISPIELERLÄUTERUNGLAUTWANDELmîn → meinDiphthongierung, 2.LautverschiebungBEDEUTUNGSWANDEL„frouwe" → „Frau"Pejorisierung, VerengungWORTBILDUNG„Klimaneutralität"Komposition, DerivationLEHNWORTSCHATZ„downloaden", „Fenster"Anglizismen, LatinismenPRAGMATIK / MEDIENChat-Syntax, EmojiMündlichkeit verschriftlichtFünf Felder des Sprachwandels mit Beispielen.
Abb. 3Lautwandel, Bedeutungswandel, Wortbildung, Lehnwortschatz, Pragmatik — fünf Felder mit Beispielen.

Kernpunkte

Sprachwandel ist die ständige, unausweichliche Veränderung sprachlicher Strukturen über die Zeit — und zwar auf allen Ebenen des Systems: Lautwandel, Formen- und Flexionswandel, Bedeutungswandel, Wortbildungsdynamik und syntaktischer Wandel. Keine lebende Sprache steht still; der Wandel ist nicht die Ausnahme, sondern der Normalzustand. Diese Einsicht ist die Voraussetzung, um aktuelle Sprachphänomene nüchtern statt alarmistisch zu beurteilen.
Zwei Perspektiven sind sauber zu trennen (im Anschluss an Saussure): Die diachrone Betrachtung verfolgt die Entwicklung über historische Zeit (Althochdeutsch → Mittelhochdeutsch → Frühneuhochdeutsch → Neuhochdeutsch), die synchrone vergleicht gleichzeitig existierende Sprachformen (verschiedene Generationen, Regionen, Medien). Aktuelle Phänomene wie das Nebeneinander von Jugend- und Standardsprache sind synchrone Variation, die mit der Zeit zu diachronem Wandel werden kann.
Der Lautwandel formt die Lautgestalt um. Die zweite (hochdeutsche) Lautverschiebung (etwa 6.–9. Jahrhundert) trennt das Hochdeutsche vom Niederdeutschen und Englischen („maken" → „machen", „dat" → „das", „Appel" → „Apfel"). Die neuhochdeutsche Diphthongierung (ab dem 12. Jahrhundert) macht aus langen Monophthongen Zwielaute (mittelhochdeutsch „mîn hûs" → „mein Haus"), die Monophthongierung umgekehrt aus Zwielauten lange Vokale (mhd. „guot" → „gut"). An solchen Lautgesetzen lässt sich Wandel systematisch, nicht als Zufall, beschreiben.
Der Bedeutungswandel folgt typisierbaren Mustern: Bedeutungserweiterung/Generalisierung (mhd. „Sache" als Rechtsstreit → heute allgemein „Ding/Angelegenheit"), Bedeutungsverengung/Spezialisierung („Hochzeit" früher allgemein „hohes Fest" → heute Eheschließung; „Gift" früher „Gabe", vgl. engl. „gift" → heute Toxin), Bedeutungsverschiebung („toll" früher „verrückt/töricht" → heute „großartig"), Bedeutungsverschlechterung/Pejorisierung („Weib", „Dirne" früher neutral → heute abwertend) und Bedeutungsverbesserung/Melioration („Marschall" früher Pferdeknecht → hoher Rang). Als Triebkräfte wirken oft Metapher, Metonymie und Euphemismus.
Die Wortbildungsdynamik hält den Wortschatz beweglich. Produktiv sind im Deutschen vor allem Komposition („Klimaneutralität", „Energiewende") und Derivation („verwertbar", „digitalisieren"); hinzu kommen Kurzwortbildung und vor allem die Entlehnung. Anglizismen werden dabei meist nicht roh übernommen, sondern in die deutsche Morphologie integriert (sie erhalten deutsche Flexion: „downloaden — downloadete — heruntergeladen/downgeloadet", „gegoogelt") — ein Zeichen dafür, dass die entlehnende Sprache die Kontrolle behält, nicht „überfremdet" wird.
Sprachwandel hat erklärbare Ursachen. Rudi Keller beschreibt ihn in „Sprachwandel" (1990) mit der Theorie der „unsichtbaren Hand": Wandel ist kein geplantes Ziel und kein bloßer Zufall, sondern das unbeabsichtigte Kollektivergebnis vieler individueller Sprechentscheidungen, die jeweils kommunikativen Maximen (Ökonomie, Auffälligkeit, soziales Prestige) folgen. So erklärt sich, warum Wandel regelhaft verläuft, obwohl ihn niemand steuert.
Der Gegenwartswandel ist an aktuellen Phänomenen ablesbar: zunehmende Anglizismen (seit den 1990ern), Genderschreibungen (2010er Jahre), digitale Schriftlichkeit (nahesprachlicher Chat-Stil, Emojis als paralinguistische Marker, Akronyme) und seit etwa 2024 auch KI-bedingte Verschiebungen (durch Sprachmodelle geprägte Formulierungsmuster). Entscheidend ist die linguistische Konsensposition: Sprachwandel ist kein „Verfall", sondern Anpassung an neue kommunikative Anforderungen — die „Sprachverfallsklage" ist selbst ein uralter, in jeder Generation neu auftretender Topos.
Musterlösung

Operator „beurteilen" — Anglizismen im Deutschen

Beurteilen Sie die These, dass Anglizismen das Deutsche „verarmen". Wie strukturieren Sie eine begründete Stellungnahme?

  1. 01Schritt 1 — These präzisieren

    Was bedeutet „verarmen"? Lexikalische Vielfalt? Stilistische Differenzierung? Idiomatische Eigenständigkeit? Die These auf eine prüfbare Form bringen: „Anglizismen reduzieren den Wortschatz nativer Lexeme und gefährden die idiomatische Eigenständigkeit des Deutschen."

  2. 02Schritt 2 — Sprachwissenschaftliche Befunde

    Empirie: Anglizismen machen ca. 3–5 % des Standardwortschatzes aus (Duden 2024). Lehnwortintegration ist ein historisches Konstanzphänomen — Latinismen im Mittelalter, Gallizismen im 17./18. Jh. Die Belegbasis spricht gegen die „Verarmungsthese".

  3. 03Schritt 3 — Differenzierung

    Argument für „bedingte Verarmung": fachsprachliche Anglizismen ohne deutsche Übersetzung erschweren die Teilhabe nicht-fachkundiger Sprecher (digitale Verwaltung). Argument gegen pauschale Verarmung: gleichzeitige Neologismen wie „Klimakleber", „Tafelsilber" zeigen lexikalische Produktivität.

  4. 04Schritt 4 — Norm- und Wertentscheidung

    Beurteilen heißt Kriterien offen legen. Maßstab 1: Funktionalität (kann der Sprecher kommunizieren?). Maßstab 2: kulturelle Identität (welche Sprachpolitik gewünscht?). Maßstab 3: soziale Teilhabe (wer wird ausgeschlossen?). Je nach Maßstab kommt die Beurteilung anders aus.

  5. 05Schritt 5 — Eigene Position formulieren

    Begründete Stellungnahme: „Die Verarmungsthese überzieht. Anglizismen bereichern lexikalisch und werden idiomatisch integriert (verbale Derivation: „downloaden, downloadete, downgeloadet"). Problematisch sind nicht Anglizismen an sich, sondern die soziale Stratifikation, die englische Fachsprachen erzeugen — hier braucht es sprachpolitische Aufmerksamkeit, nicht Verteidigungsreflexe."

Ergebnis: Beurteilung in fünf Schritten: These präzisieren → Empirie → Differenzierung → Maßstäbe → Position. KMK-Operator „beurteilen" verlangt offene Kriterienreflexion, keine bloße Meinungsäußerung.

Abiturfokus

  • Diachrone und synchrone Perspektive sicher unterscheiden und zuordnen.
  • Bedeutungswandeltypen (Erweiterung, Verengung, Verschiebung, Pejorisierung, Melioration) am Beispiel anwenden.
  • Lautwandel an Gesetzen festmachen (2. Lautverschiebung, Diphthongierung) — nicht als Zufall.
  • Aktuelle Phänomene (Anglizismen, Gendern, KI) sprachwissenschaftlich-deskriptiv beschreiben, nicht ideologisch.
  • Wandel als „unsichtbare Hand" (Keller) erklären und gegen die normative Verfallsklage abgrenzen.

Typische Fehler

  • Sprachwandel wird als „Verfall" beschrieben — Sprachpurismus statt linguistischer Analyse.
  • Diachrone und synchrone Perspektive werden vermischt.
  • Bedeutungswandeltypen werden ungenau verwendet — alles wird pauschal zu „Bedeutungsverschiebung".
  • Aktuelle Phänomene werden ideologisch geframt („das Gendern zerstört die Sprache") statt analytisch betrachtet.
  • Anglizismen werden als „Überfremdung" gewertet, obwohl sie morphologisch integriert (also angeeignet) werden.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erläutern Sie Rudi Kellers Theorie der „unsichtbaren Hand" (1990) am Beispiel eines konkreten Wandels (etwa der Ausbreitung von „weil" mit Hauptsatzstellung oder der Integration von Anglizismen). Diskutieren Sie, wie sich aus unzähligen individuellen, absichtsvollen Sprechakten ein gerichteter, von niemandem geplanter Wandel ergibt — und was das für die Frage „Sprachpflege oder Sprachbeschreibung?" bedeutet.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie die These, dass die zunehmende Verwendung von Anglizismen das Deutsche „bedroht". Verwenden Sie sprachwissenschaftliche Befunde (Integration durch Flexion, „unsichtbare Hand") und unterscheiden Sie konsequent zwischen normativer (wertender) und deskriptiver (beschreibender) Position.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012) (Kultusministerkonferenz) · Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen (Ministerium für Schule und Bildung NRW)

§ 05

Genderdiskurs — sprachliche Gleichbehandlung#

●●●VertiefungLPKMK-2.5

Kernpunkte

Der Genderdiskurs betrifft die Frage, wie eine Sprache mit grammatischem Genus die Geschlechter ihrer Sprecher repräsentiert. Im Deutschen konkurrieren mehrere Formen: das generische Maskulinum („die Schüler" für alle), die Beidnennung/Paarform („Schülerinnen und Schüler"), verkürzte Formen (Schrägstrich „Schüler/-innen", Klammer, früher das Binnen-I „SchülerInnen") sowie die mehrgeschlechtlich offenen Zeichenformen (Gendersternchen „Schüler*innen", Doppelpunkt „Schüler:innen", Unterstrich „Schüler_innen") und geschlechtsneutrale Bildungen (Substantivierung „Studierende", neutrale Bezeichnungen „Lehrkraft"). Die Sonderzeichenformen zielen ausdrücklich darauf, auch nichtbinäre Personen einzuschließen.
Den sachlichen Kern bildet die empirische Frage, ob das generische Maskulinum tatsächlich geschlechtsneutral verstanden wird. Sprachpsychologische Studien (etwa Stahlberg/Sczesny 2001, Vervecken/Hannover 2015) zeigen, dass es mental überwiegend männliche Referenten aktiviert — bei „den Wissenschaftlern" denken Versuchspersonen eher an Männer. Das generische Maskulinum ist also kognitiv nicht neutral; dieser Befund ist von der politischen Bewertung zu trennen, ob daraus eine Pflicht zur Änderung folgt.
Auf der normativen Ebene ist der Rat für deutsche Rechtschreibung zuständig, der das amtliche Regelwerk verantwortet. Er hat die Sonderzeichenformen (Stern, Doppelpunkt, Unterstrich) bislang nicht in das amtliche Regelwerk aufgenommen, beobachtet die Entwicklung aber fortlaufend; Beidnennung und geschlechtsneutrale Bildungen sind regelkonform. In der eigenen Klausur ist daher keine bestimmte Genderform vorgeschrieben — gefordert ist jedoch Konsistenz: Ein Wechsel zwischen mehreren Formen wirkt unsicher.
Pragmatisch betrachtet ist jede Formwahl ein Sprechakt: Gendern markiert Sichtbarkeit und signalisiert eine Haltung, doch auch das bewusste Nicht-Gendern ist in der polarisierten Gegenwart eine erkennbare Positionierung geworden. Die Form transportiert also über den Sachinhalt hinaus eine Selbstoffenbarungs- und Beziehungsbotschaft (vgl. Schulz von Thun) — was den Diskurs so aufgeladen macht.
Methodisch entscheidend ist die strikte Trennung von deskriptiver und normativer Ebene: Die Linguistik kann empirisch beschreiben, wie Formen verstanden werden und wirken; ob eine Form vorgeschrieben werden soll, ist dagegen eine politisch-normative Wertungsfrage, die nicht aus der Empirie allein folgt. Wer beides vermengt, argumentiert unsauber — sei es, indem er aus dem Bias-Befund unmittelbar eine Pflicht ableitet, sei es, indem er die Befunde ideologisch beiseiteschiebt.
Der internationale Vergleich öffnet den Blick: Das Englische nutzt das „singular they" für eine geschlechtsneutrale Einzelreferenz, das Schwedische hat mit „hen" ein neutrales Pronomen etabliert (seit den 2010er Jahren, 2015 in das offizielle Wörterbuch aufgenommen). Solche Lösungen zeigen, dass verschiedene Sprachgemeinschaften dasselbe Repräsentationsproblem unterschiedlich und je nach Sprachstruktur lösen — ein ergiebiger eA-Diskussionsraum.
Im Abitur ist der Genderdiskurs ein klassisches Sprachreflexions- und Erörterungsthema: Verlangt wird die begründete eigene Position, gestützt auf empirische Befunde, normative Regelung und pragmatische Funktion — nicht die Übernahme einer Parole. Die linguistische Analyse muss dabei zwischen Forschungsbefund und politischer Meinung sichtbar unterscheiden.

Abiturfokus

  • Die Formen (generisches Maskulinum, Beidnennung, Neutralbildung, Zeichenformen) und ihre Reichweite genau benennen.
  • Den empirischen Kern (Bias des generischen Maskulinums) referieren — mit Studienbezug, nicht als Behauptung.
  • Deskriptive (Befund) und normative (Wertung) Ebene konsequent trennen.
  • Die eigene Schreibweise in der Klausur konsistent halten — Wechsel zwischen Formen vermeiden.
  • Vergleichende Perspektive (singular they, schwedisches „hen") als eA-Erweiterung nutzen.

Typische Fehler

  • Der Diskurs wird ideologisch geframt („Genderwahnsinn" / „wer nicht gendert, ist sexistisch") — die linguistische Analyse fehlt.
  • Empirische Befunde werden ignoriert oder ungeprüft als Beweis für eine politische Forderung ausgegeben.
  • Deskriptive und normative Ebene werden vermengt — aus dem Bias-Befund wird unmittelbar eine Pflicht abgeleitet.
  • Die eigene Schreibweise in der Klausur ist inkonsistent (Wechsel zwischen Beidnennung und Sternchen).
  • Die internationale Vergleichsperspektive fehlt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Reflektieren Sie das Verhältnis von deskriptiver Linguistik und normativer Sprachpolitik. Welche institutionellen Akteure (Rat für deutsche Rechtschreibung, Duden, Gesellschaft für deutsche Sprache, Medien) prägen den Diskurs, und welche Legitimationsstrukturen haben sie? Diskutieren Sie, ob und wie sich Sprachgebrauch überhaupt „von oben" steuern lässt (vgl. die Theorie der unsichtbaren Hand im Abschnitt „Sprachwandel").

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie auf Grundlage sprachwissenschaftlicher Befunde und gesellschaftlicher Positionen, welche Form der sprachlichen Gleichbehandlung in offiziellen Texten (Behörden, Schule, Universität) gewählt werden sollte. Berücksichtigen Sie auch Vergleichsbeispiele aus anderen Sprachen.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012) (Kultusministerkonferenz) · Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen (Ministerium für Schule und Bildung NRW)

§ 06

Sprache und Macht — Diskurs, Framing, politische Sprache#

●●●VertiefungLPKMK-2.5

Kernpunkte

Die Grundannahme dieses Themenfelds lautet: Sprache ist nicht neutral. Sie beschreibt die Wirklichkeit nicht bloß, sondern strukturiert die Wahrnehmung, etabliert Realitäten und stützt oder unterläuft Machtverhältnisse. Diese Einsicht — in der schwachen Form der sprachlichen Relativität (Sapir/Whorf: Sprache prägt das Denken; die starke Form der völligen Determination gilt als widerlegt) — verbindet drei einflussreiche Forschungsrichtungen: die Diskursanalyse (Foucault), die Framing-Forschung (Lakoff) und die Kritische Diskursanalyse (Critical Discourse Analysis, u. a. Fairclough, Wodak).
Der Diskursbegriff Michel Foucaults („Die Ordnung des Diskurses", 1971; „Archäologie des Wissens", 1969) meint nicht „eine Diskussion", sondern das institutionalisierte, regelgeleitete Sprechen, das festlegt, was wann von wem als wahr gesagt werden kann. Diskurse haben Machtfunktion: Sie regulieren das Sagbare, schließen bestimmte Aussagen aus und bringen das Wissen, über das sie zu sprechen scheinen, überhaupt erst hervor (Foucaults Verschränkung von Macht und Wissen). In der Analyse fragt man deshalb nicht nur, was gesagt wird, sondern was sagbar ist und was ausgeschlossen bleibt.
Das Framing-Konzept George Lakoffs („Don't Think of an Elephant!", 2004; mit Mark Johnson „Metaphors We Live By", 1980) zeigt, dass jede sprachliche Wahl ein konzeptuelles Deutungsraster (Frame) aktiviert, das Wertungen und Schlussfolgerungen mitliefert. Frames sind nicht bloße „Wortwahl", sondern kognitive Strukturen — und sie lassen sich nicht durch Verneinung neutralisieren (wer „kein Elefant" sagt, ruft den Elefanten auf). „Steuerlast" und „Steuerbeitrag" benennen dieselbe Sache, aktivieren aber gegensätzliche Frames (Bürde vs. solidarische Leistung).
Die politische Sprache nutzt Framing systematisch und mit erkennbaren Mitteln: euphemistische und dysphemistische Bezeichnungen („geflüchtete Menschen" vs. „Flüchtlingsstrom" — ein Naturkatastrophen-Frame —, „Sozialleistungsempfänger" vs. „Sozialschmarotzer"), Fahnen- und Stigmawörter (positiv bzw. negativ besetzte Schlagwörter der politischen Lager), Nominalisierung und Passivkonstruktionen (die Akteure verschwinden lassen) sowie Präsuppositionen (strittige Annahmen als selbstverständlich unterstellen). Diese Mittel sind das Analyseobjekt — nicht der Anlass zur eigenen Meinungsäußerung.
Desinformation und Verschwörungsnarrative (etwa „Great Reset", „Umvolkung") tragen spezifische sprachliche Marken, die man linguistisch beschreiben kann, statt sie bloß moralisch abzulehnen: Akteursverdichtung (eine anonyme, allmächtige „sie"-Gruppe), Pseudoklarheit (scheinbar einfache Erklärungen für komplexe Sachverhalte), Anekdotenverallgemeinerung (vom Einzelfall zur Regel), Feindbildkonstruktion und suggestive Fragen. Die linguistische Beschreibung dieser Marken ist analytisch wirksamer als die bloße Empörung.
Hate Speech und sprachliche Gewalt schließlich lassen sich mit der Sprechakttheorie präzise fassen: als illokutionärer Akt (die Herabwürdigung, die in der Äußerung selbst vollzogen wird) mit perlokutionärer Wirkung (die Verletzung und Einschüchterung beim Adressaten). Judith Butler analysiert in „Excitable Speech" (1997) gerade diese performative, wirklichkeitssetzende Kraft verletzender Sprache. Damit schließt das Thema an die Pragmatik (siehe den Abschnitt „Pragmatik") an: Sprache als Handlung, die Realität schafft.
Im Abitur werden der Diskurs- und der Framing-Begriff zunehmend erwartet — besonders in der Erörterung und Analyse gesellschaftspolitischer Texte. Sie verleihen der Untersuchung methodische Schärfe, weil sie über die Stilmittelliste hinaus zeigen, wie Sprache Positionen vorbereitet und Wahrnehmung lenkt. Voraussetzung bleibt die analytische Haltung: Politische Sprache wird untersucht, nicht beurteilt.

Abiturfokus

  • Diskurs- (Foucault) und Framing-Begriff (Lakoff) sicher und präzise anwenden — eA-Standardwerkzeug der Sachtextanalyse.
  • Framing als konzeptuelle Struktur fassen, nicht als bloße „Wortwahl".
  • Politische Sprachmittel benennen (Euphemismus/Dysphemismus, Fahnen-/Stigmawörter, Nominalisierung, Präsupposition).
  • Hate Speech und Desinformation linguistisch beschreiben (illokutionär/perlokutionär), nicht moralisierend.
  • Die analytische Haltung wahren — politische Sprache als Analyseobjekt, nicht als Anlass eigener Wertung.

Typische Fehler

  • Framing wird als bloße „Wortwahl" missverstanden — die konzeptuelle, frame-aktivierende Tiefe fehlt.
  • Der Diskursbegriff wird umgangssprachlich verwendet („eine Diskussion") statt im Sinne Foucaults.
  • Politische Sprache wird normativ bewertet, statt analysiert.
  • Verschwörungsnarrative und Hate Speech werden moralisch abgelehnt, statt sprachlich beschrieben.
  • Die sprachliche Relativität wird in ihrer starken (deterministischen) Form unkritisch übernommen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Reflektieren Sie das Verhältnis von Diskursanalyse und Hermeneutik. Wo ergänzen sich beide Verfahren (das eine fragt nach den Machtregeln des Sagbaren, das andere nach dem Sinn des Einzeltextes), wo geraten sie in Spannung? Diskutieren Sie an einem aktuellen gesellschaftlichen Konflikt, welches Verfahren mehr Erklärungskraft besitzt.

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie zwei Kommentare entgegengesetzter politischer Ausrichtung zum selben Anlass (z. B. Klimaproteste, Migrationspolitik) hinsichtlich der eingesetzten Frames und Schlagwörter. Beurteilen Sie, wie die Wortwahl die jeweilige politische Position sprachlich vorbereitet, ohne selbst Partei zu ergreifen.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012) (Kultusministerkonferenz) · Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen (Ministerium für Schule und Bildung NRW)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Sprache als System — Grammatik, Lexik, Semantik○
    • 02Pragmatik — Sprache im Gebrauch◐
    • 03Sprachvarietäten — Soziolekt, Dialekt, Jugend- und Fachsprachen◐
    • 04Sprachwandel — diachron und synchron◐
    • 05Genderdiskurs — sprachliche Gleichbehandlung●
    • 06Sprache und Macht — Diskurs, Framing, politische Sprache●

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

Sprache und Sprachgebrauch reflektieren

Festige dieses Thema an passenden Aufgaben aus der Fragenbank.

~25
Min
2
Kompetenzen
Üben

Belege & Quellen

Quellen

Kultusministerkonferenz

  • Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012)

Ministerium für Schule und Bildung NRW

  • Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen

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