Zum Hauptinhalt springen
EuraStudyMatura · Abitur · Bac · Selectividad · MMXXVI
StartMaturaAbiturBacSelectividadMaturitàHAVOVWOSecundárioA-LevelsLeaving CertificateMaturaΠανελλαδικέςNachrichtenForschung
AnmeldenRegistrieren
EuraStudy
Notizen/Deutsch/Lesen
Notizen · DeutschDE · Abitur

Lesen

Der Kompetenzbereich Lesen umfasst die Strategien, mit denen komplexe Texte erschlossen, gewichtet und gedeutet werden. Die Lesekompetenz ist Voraussetzung jeder Textproduktion — ohne tragfähige Lektüre keine tragfähige Analyse oder Erörterung.

6 Abschnitte·~24 Min Lesezeit·2 Kompetenzen·Niveau Basis 1 · Standard 4 · Vertiefung 1·Stand 06/2026

T·0222 / 12
Prüfungsprofil
KMK-2.3 · Lesen — komplexe Texte rezipieren und reflektierenKMK-LV · Leseverstehensstrategien (LV)
Operatoren:analysierenerläuterneinordnenuntersuchen

grundlegendes Niveau

gA-Niveau: sicherer Umgang mit globalem, selektivem und detailliertem Lesen; Erschließungsstrategien für mittellange Texte (bis ca. 2000 Wörter); zuverlässige Inhaltsangaben.

erhöhtes Niveau

eA-Niveau: methodisch reflektiertes Lesen, das verschiedene Strategien einsetzt und die Wahl der Strategie selbst rechtfertigt; Erschließung längerer literarischer und essayistischer Texte; kontextualisierende Lektüre mit Forschungsbezug.

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Lesen
    • 01Lesestrategien — globales, selektives, detailliertes Lesen○
    • 02Textgrammatik — Kohäsion, Kohärenz, Verweisstruktur◐
    • 03Lange Texte erschließen — Roman, Drama, Sachbuch◐
    • 04Multimodale Texte — Bild, Diagramm, Infografik◐
    • 05Kritische Rezeption — Quellenprüfung und Glaubwürdigkeit●
    • 06Werkkenntnis — Pflichtlektüren effizient erschließen◐
§ 01

Lesestrategien — globales, selektives, detailliertes Lesen#

●○○BasisLPKMK-2.3

Kernpunkte

Lesen ist nicht eine einzige Tätigkeit, sondern ein Bündel verschiedener Verfahren, das man je nach Ziel bewusst auswählt — und genau diese Strategiewahl unterscheidet den geübten vom ungeübten Leser. Die Leseforschung (u. a. im Umkreis der PISA-Studien) zeigt, dass nicht die Lesegeschwindigkeit, sondern der gezielte Einsatz von Lesestrategien das Textverstehen bestimmt. Drei Grundstrategien sind zu unterscheiden, die sich in Ziel, Tempo und Ergebnis unterscheiden: globales, selektives und detailliertes Lesen.
Das globale (orientierende) Lesen verschafft in drei bis fünf Minuten einen Gesamteindruck — Thema, Textsorte, grober Aufbau und Hauptaussage. Man überfliegt dazu gezielt die markanten Stellen: Titel, Vorspann, Einleitung, Schluss und die ersten Sätze der Absätze. Dieses Überfliegen baut ein erstes Vorverständnis auf, das die genaue Analyse leitet (vgl. den hermeneutischen Zirkel) — es steht deshalb vor jeder Detailarbeit.
Das selektive (suchende) Lesen zielt auf bestimmte Informationen und arbeitet eine konkrete Frage ab — etwa „Wo argumentiert der Autor gegen die Wahlrechtssenkung?". Der Blick springt zu den relevanten Stellen, statt linear zu lesen. Es ist die Kernstrategie der Materialerschließung beim materialgestützten Schreiben und der Quellenprüfung, wo man rasch entscheiden muss, was ein Material zu einer Leitfrage beiträgt.
Das detaillierte (totale) Lesen ist die langsame Zeile-für-Zeile-Lektüre mit Markierung, Annotation und Strukturierung — die eigentliche analytische Arbeit. Hier wird jeder Satz auf seine Funktion befragt, werden Stilmittel, Argumentschritte und Bezüge erfasst. Diese intensive Lektüre lohnt sich nur für die wirklich analyserelevanten Passagen, nicht für den ganzen Text.
Die drei Strategien werden in der Regel geschichtet eingesetzt: global → selektiv → detailliert. Diese Schichtung spart Zeit und schärft den Blick, weil der Gesamteindruck verhindert, dass man sich vorschnell in Einzelheiten verliert. Wer direkt mit dem detaillierten Lesen beginnt, dem fehlt der Überblick, und die Analyse läuft in Sackgassen.
Aktives Lesen macht die Lektüre produktiv und umfasst drei Techniken: Markieren (gestuft — Hauptaussagen anders als Schlüsselbegriffe, und sparsam: Wer fast jeden Satz anstreicht, hebt nichts mehr hervor), Annotieren (Randnotizen, eigene Fragen, Querverweise) und Strukturieren (Absatznummerierung, Cluster, Mindmap, Tabelle). Das Ergebnis ist ein „erschlossener" Text, dessen Annotationen die spätere Schreibphase tragen — fehlen sie oder werden sie ignoriert, ist die Lesearbeit vergeudet.
Entscheidend ist die Metakognition: Lesestrategien sind keine „Natur", sondern erlernbare, bewusst steuerbare Verfahren. Wer vor dem Lesen klärt, mit welchem Ziel er liest, und die Strategie danach wählt, liest effizienter als wer „einfach liest". Pro Aufgabentyp lässt sich eine bevorzugte Lesereihenfolge einüben — für den Sachtext etwa eine systematische Methode wie SQ3R (siehe den Abschnitt „Lange Texte erschließen").

Abiturfokus

  • Vor jeder Detailanalyse global lesen — in den ersten Minuten der Klausur den Gesamteindruck sichern.
  • Materialerschließung zuerst selektiv (was trägt das Material zur Leitfrage bei?), dann detailliert.
  • Detailliertes Lesen auf die analyserelevanten Passagen begrenzen — nicht den ganzen Text totlesen.
  • Gestuft und sparsam markieren, annotieren, strukturieren — die Annotationen tragen die Schreibphase.
  • Strategiewahl bewusst treffen und reflektieren — pro Aufgabentyp eine feste Lesereihenfolge.

Typische Fehler

  • Detailliertes Lesen wird sofort eingesetzt — ohne Gesamteindruck läuft die Analyse in Sackgassen.
  • Die Markierung wird übertrieben — fast jeder Satz wird angestrichen, die Hervorhebung verliert ihre Funktion.
  • Die Annotationen werden in der Schreibphase ignoriert — die Lesearbeit ist vergeudet.
  • Die Lesestrategie wird nicht bewusst gewählt — es wird „wie immer" gelesen, unabhängig vom Ziel.
  • Selektives und detailliertes Lesen werden vermischt — man liest alles gleich intensiv und verliert Zeit.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Reflektieren Sie das Verhältnis von Lesestrategie und Textsorte. Warum verlangt ein dicht gefügter lyrischer Text eine andere Lese-Ökonomie als ein langer essayistischer Sachtext, und wie verändert das digitale, hypertextuelle Lesen (Sprünge, Links, Scrollen) die klassische lineare Lesehaltung? Beziehen Sie Befunde der Leseforschung zur sinkenden Tiefenlektüre am Bildschirm ein.

Aktive Wiederholung

Üben Sie an einem 1500-Wörter-Kommentar die dreistufige Lesefolge global → selektiv → detailliert. Notieren Sie pro Stufe Ihre Erkenntnisse, halten Sie die Stufen sauber getrennt und prüfen Sie am Ende, ob die globale Stufe Ihren Detailblick tatsächlich geleitet hat.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012) (Kultusministerkonferenz) · Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen (Ministerium für Schule und Bildung NRW)

§ 02

Textgrammatik — Kohäsion, Kohärenz, Verweisstruktur#

●●○StandardLPKMK-2.3LPKMK-2.5

Kernpunkte

Die Textgrammatik (Textlinguistik) untersucht, was eine bloße Satzfolge zu einem Text macht — also die Mittel, die einen Text als zusammenhängende Einheit konstituieren. Robert de Beaugrande und Wolfgang Dressler nennen in ihrer „Einführung in die Textlinguistik" (1981) sieben Kriterien der Textualität (Kohäsion, Kohärenz, Intentionalität, Akzeptabilität, Informativität, Situationalität, Intertextualität). Für die Textanalyse sind die beiden ersten zentral, weil sie die innere Verknüpfung beschreiben und sowohl beim Lesen (Argumentation entschlüsseln) als auch beim Schreiben (eigenen Zusammenhalt herstellen) wirksam werden.
Zu trennen sind Kohäsion und Kohärenz. Kohäsion ist die grammatisch-lexikalische Verknüpfung an der Textoberfläche — durch Pronomen, Konnektoren und Wiederaufnahme; sie ist sichtbar und zählbar. Kohärenz ist der tiefere, inhaltlich-logische Sinnzusammenhang, der „rote Faden", der nicht an der Oberfläche steht, sondern vom Leser erschlossen wird. Beide fallen nicht zusammen: Ein Text kann oberflächlich verknüpft (kohäsiv), aber gedanklich zusammenhanglos (inkohärent) sein — und umgekehrt.
Die Wiederaufnahme (Rekurrenz) hält den Text thematisch zusammen und tritt in mehreren Formen auf: explizite Wiederaufnahme (Wiederholung des Substantivs), Pro-Formen (die Pronomen „er", „sie", „es", Pronominaladverbien „dadurch", „darauf") und Substitution durch Synonyme, Ober- und Unterbegriffe oder Umschreibungen („Goethe — der Dichter — der Weimarer Klassiker"). Die Bezüge laufen meist rückwärts (anaphorisch), seltener vorwärts (kataphorisch). Wer diese Kette aufdeckt, sieht, wovon ein Text durchgehend handelt.
Konnektoren (Konjunktionen und Konjunktionaladverbien) steuern die logischen Beziehungen und sind die wichtigsten Anker der Argumentationsanalyse, weil sie die Denkrichtung markieren: kausal („daher", „weil"), adversativ („jedoch", „im Gegensatz dazu"), konzessiv („obwohl", „dennoch"), additiv und gliedernd („erstens — zweitens"), konditional („falls"). Sie zeigen, ob ein Satz eine Begründung, einen Einwand oder eine Folgerung liefert — und sind damit der zuverlässigste Wegweiser durch den Argumentationsverlauf.
Die Thema-Rhema-Gliederung (funktionale Satzperspektive der Prager Schule) beschreibt die Informationsverteilung im Satz: Das Thema (Bekanntes) steht meist am Satzanfang, das Rhema (Neues) am Satzende. Die Art, wie das Rhema des einen Satzes zum Thema des nächsten wird, ergibt die Thema-Rhema-Progression (František Daneš) — linear fortlaufend, mit durchlaufendem Thema oder aus einem Oberthema abgeleitet. Diese Progression macht den Textfortschritt aus; ihr bewusster Einsatz ist zugleich ein Mittel stilistischer Variation in der eigenen Schreibproduktion.
Das Identifizieren der Verweisstrukturen ist ein analytisches Werkzeug: Worauf bezieht sich „dieses Phänomen", wer ist mit „der Kritiker" gemeint, welche Aussage nimmt „das" wieder auf? Erst die saubere Auflösung dieser Bezüge legt die Argumentation frei. In der eigenen Klausur gilt dasselbe umgekehrt: Unklare Pronominalbezüge („dieser zeigt, dass …" — wer ist „dieser"?) sind ein häufiger Punktabzug, weil sie die Kohäsion zerstören.
Kohärenzbrüche sind diagnostisch besonders wertvoll. Wo der Zusammenhang plötzlich abreißt, liegt entweder ein Argumentationssprung (eine Schwäche des Textes) oder ein gewolltes rhetorisch-literarisches Verfahren vor — Ironie, Verfremdung, eine bewusste Leerstelle. Ein Kohärenzbruch ist selten Zufall; ihn als Analyseergebnis auszuweisen und zu deuten (Fehler oder Absicht?) ist anspruchsvoller als ihn als „Fehler" abzutun.
Musterlösung

Operator „untersuchen" — Kohäsion und Kohärenz eines Sachtextabschnitts

Untersuchen Sie die folgende paraphrasierte Sachtextpassage hinsichtlich ihrer Verknüpfungsmittel: „Die Energiewende stockt. Sie scheitert nicht an der Technik. Vielmehr fehlt der politische Wille. Dieser zeigt sich besonders beim Netzausbau." Welche Kohäsionsmittel tragen den Textfortschritt?

  1. 01Schritt 1 — Wiederaufnahmen markieren

    Pronominale Wiederaufnahme: „Sie" (Satz 2) nimmt „Die Energiewende" (Satz 1) wieder auf; „Dieser" (Satz 4) verweist auf „der politische Wille" (Satz 3). Explizite Wiederaufnahme fehlt — die Kohäsion läuft rein pronominal, was den Text verdichtet, aber Bezugsklarheit voraussetzt.

  2. 02Schritt 2 — Konnektoren klassifizieren

    „Vielmehr" (Satz 3) ist ein adversativer Konnektor: er widerruft die im Vorsatz ausgeschlossene Erklärung (Technik) und führt die eigentliche These ein. „besonders" (Satz 4) ist ein fokussierender Operator, der ein Exempel hervorhebt. Konnektoren sind hier die Anker der Argumentationsrichtung.

  3. 03Schritt 3 — Thema-Rhema-Progression rekonstruieren

    Satz 1 setzt das Thema („Energiewende") und das Rhema („stockt"). Satz 2–3 arbeiten mit linearer Progression: das Rhema des Vorsatzes (das Scheitern) wird zum Thema des Folgesatzes. Satz 4 nimmt das Rhema „politischer Wille" auf und konkretisiert es — die Progression verdichtet schrittweise die These.

  4. 04Schritt 4 — Kohärenz prüfen

    Die gedankliche Verknüpfung ist trotz knapper Oberfläche kohärent: Problem (Satz 1) → Ausschluss einer Scheinursache (Satz 2) → eigentliche Ursache (Satz 3) → Beleg/Konkretisierung (Satz 4). Das ist die klassische Figur „Negation der erwarteten Erklärung, dann Lieferung der eigentlichen".

  5. 05Schritt 5 — Funktionsdeutung

    Die parataktische Kürze und das adversative „Vielmehr" inszenieren rhetorische Entschiedenheit: der Text wirkt diagnostisch und pointiert. Die pronominale Verdichtung verlangt einen aufmerksamen Leser — ein Stilsignal kommentierender (nicht informierender) Textsorten.

Ergebnis: Die Verknüpfung läuft über pronominale Wiederaufnahme, einen adversativen Konnektor und lineare Thema-Rhema-Progression. KMK-Operator „untersuchen" verlangt die Verbindung von Befund (welches Mittel?) und Funktion (was leistet es für die Argumentation?) — nicht das bloße Auflisten von Pronomen.

Abiturfokus

  • Kohäsion (Oberfläche) und Kohärenz (Sinnzusammenhang) sauber unterscheiden — beide gezielt analysieren.
  • Konnektoren als Anker der Argumentationsanalyse nutzen — sie markieren Begründung, Einwand, Folgerung.
  • Wiederaufnahme- und Verweisketten auflösen, um das durchgehende Thema und die Bezüge freizulegen.
  • Pronominalbezüge in der eigenen Schreibproduktion eindeutig führen — unklare Bezüge kosten Punkte.
  • Kohärenzbrüche als Analyseergebnis ausweisen und deuten (Argumentationssprung vs. gewolltes Verfahren).

Typische Fehler

  • Pronominalbezüge bleiben unklar („dieser zeigt, dass …" — wer ist „dieser"?).
  • Konnektoren werden überlesen, obwohl sie die Argumentationsrichtung markieren.
  • Kohäsion und Kohärenz werden gleichgesetzt — oberflächliche Verknüpfung gilt als gedanklicher Zusammenhang.
  • Wiederholung ohne Variation in der eigenen Produktion — die Textoberfläche wirkt monoton.
  • Kohärenzbrüche werden pauschal als „Fehler" gewertet statt als möglicherweise gestalterisches Verfahren gedeutet.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Analysieren Sie an einem literarischen oder essayistischen Text einen bewussten Kohärenzbruch (etwa eine ironische Wendung, einen Perspektivenwechsel, eine Leerstelle) und erläutern Sie mit Bezug auf die Kriterien der Textualität (de Beaugrande/Dressler 1981), warum hier nicht ein Mangel, sondern ein gestalterisches Verfahren vorliegt — und welche Verstehensleistung der Text dem Leser dabei abverlangt.

Aktive Wiederholung

Untersuchen Sie an einem essayistischen Text die Kohäsionsmittel (Pronomen, Konnektoren, Wiederaufnahme) und die Thema-Rhema-Progression. Beurteilen Sie, wie diese Mittel die Argumentationsführung stützen, und prüfen Sie, ob die oberflächliche Kohäsion an jeder Stelle auch eine inhaltliche Kohärenz trägt.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012) (Kultusministerkonferenz) · Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen (Ministerium für Schule und Bildung NRW)

§ 03

Lange Texte erschließen — Roman, Drama, Sachbuch#

●●○StandardLPKMK-2.3LPKMK-2.4.1

Kernpunkte

Lange Texte — ein Roman, ein Drama, ein Sachbuch von mehreren hundert Seiten — lassen sich nicht wie ein Klausurtext „durcharbeiten", weil das Gedächtnis ihre Fülle nicht im Kopf behält. Sie verlangen darum eine eigene Strategie: gestaffeltes Lesen in geplanten Sitzungen über Wochen, eine kapitelweise Strukturierung und eine kontinuierliche, schriftliche Annotation. Das Prinzip ist, den Text durch eine externe Struktur (Notizen, Profile) verfügbar zu halten, statt sich auf das Erinnern zu verlassen.
Pro Kapitel oder Abschnitt hält man die tragenden Elemente fest: das Hauptereignis, die Figurenkonstellation und ihre Veränderung, ein bis zwei paraphrasierbare Schlüsselzitate (mit Seitenangabe) und die thematische Linie. So entsteht parallel zur Lektüre eine fortlaufende Werkkarte, die später die Klausurvorbereitung trägt.
Das wichtigste Werkzeug ist das Lektüretagebuch (Lesejournal): fünf bis zehn Notizen pro Lesesitzung — Beobachtungen, Fragen, auffällige Stellen, erste Deutungen. Es ist die Grundlage der späteren Vorbereitung und sollte früh begonnen werden (idealerweise Monate vor der Klausur), weil sich eine Pflichtlektüre nicht „auf einmal" erschließen lässt. Wer es führt, spart sich das mühsame Wiederlesen unter Zeitdruck.
Innerhalb jedes Werks identifiziert man die Schlüsselszenen — meist vier bis sieben Szenen, die den Plot vorantreiben, die Thematik bündeln oder eine Figurenwandlung markieren (typisch: Exposition, erster Konflikteinbruch, Wende-/Höhepunkt, Schlüsseldialog, Schlussszene). Zu jeder Schlüsselszene gehören zwei bis drei paraphrasierbare Belegstellen mit Akt-, Kapitel- oder Seitenangabe; sie bilden die Belegbasis für jede Klausur, die ohne Textbeigabe geprüft wird.
Pflichtlektüren werden mehrfach und mit unterschiedlichem Fokus gelesen — eine Spirallektüre: das erste Lesen für Plot, Ton und Gesamteindruck; das zweite mit Annotation für Struktur und Sprache; das dritte, gezielte Lesen mit Sekundärliteratur für die Deutung. Jeder Durchgang baut auf dem vorigen auf und vertieft das Verständnis, statt es bloß zu wiederholen.
Sekundärliteratur (etwa Reclam Lektüreschlüssel, Königs Erläuterungen, Klett-Lektürehilfen) ist Werkzeug, nicht Ersatz. Sie wird erst nach der eigenen Lektüre konsultiert und kritisch gelesen — als eine Interpretationsstimme unter mehreren, nicht als „die Wahrheit". Wer die Primärlektüre durch Lektürehilfen ersetzt, dem fehlt in der Klausur die Belegtiefe und die Fähigkeit, eigene Beobachtungen am Text zu machen; das wird unmittelbar sichtbar.
Lange Sachtexte (etwa wissenschaftliche Essays) erschließt man effizient mit einer strukturierten Methode wie SQ3R (Francis P. Robinson, „Effective Study", 1946): Survey (Überblick verschaffen), Question (Leitfragen bilden), Read (gezielt lesen), Recite (das Gelesene in eigenen Worten wiedergeben) und Review (das Ganze rekapitulieren). Das aktive Fragen und Wiedergeben unterscheidet diese Methode vom passiven Durchlesen und verankert das Verstandene dauerhaft.

Abiturfokus

  • Pro Pflichtlektüre ein Kompaktprofil (Autor, Jahr, Epoche, Inhalt in 5 Sätzen, Figurenkonstellation, 3 Schlüsselszenen, 3 Interpretationsachsen).
  • Schlüsselszenen mit präzisen Stellenangaben lernen — sie sind die Belegbasis der Werkkenntnisaufgabe.
  • Das Lektüretagebuch als langfristige Vorbereitung früh beginnen — nicht erst kurz vor der Klausur.
  • Spirallektüre (Plot → Struktur → Deutung) statt einmaligem Durchlesen.
  • Sekundärliteratur kritisch und erst nach eigener Lektüre lesen — eine Lesart, nicht die Wahrheit.

Typische Fehler

  • Die Pflichtlektüre wird nur einmal gelesen — die Belegtiefe für die Klausur fehlt.
  • Sekundärliteratur ersetzt die Primärlektüre — die fehlende Lesetiefe wird sofort sichtbar.
  • Das Lektüretagebuch wird nicht geführt — die spätere Vorbereitung ist mühsam und lückenhaft.
  • Schlüsselszenen werden nicht ausgewählt oder ohne Stellenangabe gelernt — die Belegbasis bleibt diffus.
  • Lange Sachtexte werden passiv durchgelesen statt mit einer aktiven Methode (Fragen, Wiedergeben) erschlossen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Lesen Sie zu einer Pflichtlektüre einen wissenschaftlichen Aufsatz (z. B. aus „Text + Kritik" oder einer literaturwissenschaftlichen Zeitschrift) und reflektieren Sie, welche Lesart er vertritt, mit welchen Argumenten er sie stützt und wie diese Deutung Ihre eigene Interpretation verschiebt, bestätigt oder schärft.

Aktive Wiederholung

Erstellen Sie für eine Ihrer Pflichtlektüren ein Kompaktprofil (Autor, Jahr, Epoche, Inhalt in 5 Sätzen, Figurenkonstellation, 3 Schlüsselszenen mit Belegstelle und kurzer Begründung, 3 Interpretationsachsen). Prüfen Sie das Profil mit einer Lernpartnerin auf Lücken.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012) (Kultusministerkonferenz) · Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen (Ministerium für Schule und Bildung NRW)

§ 04

Multimodale Texte — Bild, Diagramm, Infografik#

●●○StandardLPKMK-2.3LPKMK-2.4.3

Vier-Seiten-Modell der Kommunikation (Schulz von Thun)

Vier-Seiten-Modell (Schulz von Thun)Netzgraph, Sender · 4 Schnäbel → Sachinhalt, Sender · 4 Schnäbel → Selbstkundgabe, Sender · 4 Schnäbel → Beziehung, Sender · 4 Schnäbel → Appell, Sachinhalt → Empfänger · 4 Ohren, Selbstkundgabe → Empfänger · 4 Ohren, Beziehung → Empfänger · 4 Ohren, Appell → Empfänger · 4 OhrenSender · 4SchnäbelSachinhaltSelbstkundgabeBeziehungAppellEmpfänger · 4Ohren
Abb. 1Jede Äußerung hat einen Sachinhalt, eine Selbstkundgabe, eine Beziehungsebene und einen Appell.

Kernpunkte

Multimodale Texte verbinden Sprache mit Bild, Diagramm und Infografik; ihre Aussage entsteht im Zusammenspiel der Codes. Die Lektüre muss darum jeden semiotischen Code eigens lesen und ihre Wechselwirkung deuten — ein Bild oder ein Diagramm „illustriert" einen Sachverhalt nicht bloß, es trägt eigene Information und kann sie sogar gegen den Text stellen. Diese Lesekompetenz ist gerade beim materialgestützten Schreiben gefordert, wo Bild- und Diagrammmaterial gleichberechtigt neben Texten steht.
Die Bildlektüre erfasst den Bildaufbau (Komposition, Vorder- und Hintergrund, Perspektive), die Blickführung, Farb- und Lichtgestaltung, die Symbolik und die Bildunterschrift. Bild und Text stehen dabei in einer steuerbaren Beziehung: Bei der Verankerung legt der Text (etwa die Bildunterschrift) die vieldeutige Bildbotschaft auf eine Lesart fest, beim Relais ergänzen sich beide, und im Kontrast laufen sie absichtlich gegeneinander (Roland Barthes, „Rhétorique de l’image", 1964; siehe das Thema „Sich mit Texten auseinandersetzen"). Die Bildunterschrift gehört deshalb zum Bild — sie zu überlesen verfälscht die Deutung.
Die Diagrammlektüre prüft systematisch Achsenbeschriftung, Skala, Datenquelle, Erhebungszeitraum und Aussagefokus. Diagramme können auf vielfache Weise manipulieren: durch eine abgeschnittene oder gestauchte Achse (kleine Unterschiede wirken dramatisch), durch eine suggestive Skala, durch selektive Zeiträume oder durch die Darstellung einer bloßen Korrelation als scheinbare Kausalität. Wer ein Diagramm ungeprüft übernimmt, übernimmt seine Suggestion mit.
Die Infografik fasst Text, Zahl und Bild zu einer komprimierten Aussage zusammen. Man liest sie, indem man die Hauptmessage, die sekundären Daten, die Datenquelle und die gestalterische Suggestion (Farben, Größenverhältnisse, Anordnung) trennt und die zentrale Aussage in wenigen Sätzen formuliert. Dabei prüft man, ob die Gestaltung die Daten redlich abbildet oder sie überzeichnet.
Die Quellenkritik am Bild ist 2026 ein Kernbestandteil der Lesekompetenz. Zu fragen ist: Wer hat das Bild aufgenommen und in wessen Auftrag? Was wurde durch den gewählten Ausschnitt weggelassen? In welchem Kontext (Zeit, Ort) entstand es, und welche Funktion erfüllt es in seinem Trägermedium? Erst diese Fragen entscheiden über die Aussagekraft eines Bildbelegs.
Bildmanipulation ist keine Randerscheinung mehr: KI-generierte Bilder, nachträgliche Bearbeitung und dekontextualisierte Ausschnitte sind alltägliche Lese-Herausforderungen geworden. Die Echtheit eines Bildes oder Tondokuments ist nicht mehr selbstverständlich, und die Quellenprüfung (siehe den Abschnitt „Kritische Rezeption", SIFT-Methode) ist deshalb Teil der multimodalen Lektüre — ein scheinbar dokumentarisches Foto kann eine Konstruktion sein.

Abiturfokus

  • Bild-, Diagramm- und Infografik-Material gleichberechtigt mit Texten behandeln — jeden Code eigens lesen.
  • Jedes Diagramm in Worte fassen und auf Achsenmanipulation (abgeschnittene/gestauchte Skala) prüfen.
  • Bildunterschriften als Teil des Bildes lesen — sie verankern die Deutung.
  • Quellenkritik am Bild (Urheber, Ausschnitt, Kontext, Funktion) durchführen.
  • Die Authentizität von Bildern 2026 nicht voraussetzen — KI-Erzeugung und Manipulation mitbedenken.

Typische Fehler

  • Bilder werden als bloße „Illustration" abgetan — die eigenständige Bildanalyse fehlt.
  • Diagramme werden ohne Skalenprüfung übernommen — Achsenmanipulationen bleiben unentdeckt.
  • Bildunterschriften werden überlesen — die durch Verankerung gesteuerte Deutungsperspektive geht verloren.
  • Eine Korrelation im Diagramm wird als Kausalität gelesen.
  • KI-generierte oder bearbeitete Bilder werden für authentische Fotografien gehalten.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Untersuchen Sie an einem konkreten Beispiel, wie dasselbe Datenmaterial durch unterschiedliche grafische Aufbereitung (Achsenwahl, Diagrammtyp, Farbgebung) gegensätzliche Eindrücke erzeugen kann. Reflektieren Sie, wo die Grenze zwischen legitimer Visualisierung und manipulativer Suggestion verläuft und welche Verantwortung der Leser (Datenkompetenz) und welche der Urheber trägt.

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie eine politische Infografik (z. B. zu Wahlergebnissen oder Klimadaten) hinsichtlich Hauptmessage, sekundärer Daten, Datenquelle und gestalterischer Suggestion. Prüfen Sie die Skalen auf Manipulation und beurteilen Sie die Vertrauenswürdigkeit der Darstellung.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012) (Kultusministerkonferenz) · Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen (Ministerium für Schule und Bildung NRW)

§ 05

Kritische Rezeption — Quellenprüfung und Glaubwürdigkeit#

●●●VertiefungLPKMK-2.3

Kernpunkte

In einer Zeit der Informationsflut, der Desinformation und der KI-erzeugten Inhalte ist die kritische Prüfung von Quellen zur Kernkompetenz des Lesens geworden — Lesen heißt nicht mehr nur, einen Text zu verstehen, sondern auch, seine Vertrauenswürdigkeit zu beurteilen. Diese Prüfung setzt auf mehreren Ebenen an: beim Autor (Fachkompetenz, Interessen, Belegbarkeit), beim Trägermedium (Reichweite, Tendenz, redaktionelle Standards), bei den textinternen Quellen (worauf beruft sich der Text?) und bei der Argumentationsqualität (schlüssig, belegt, einseitig?).
Eine bewährte Prüfheuristik ist die SIFT-Methode (Mike Caulfield, 2019): Stop (innehalten, bevor man glaubt oder teilt), Investigate the source (die Quelle untersuchen), Find better coverage (nach besserer, unabhängiger Berichterstattung suchen) und Trace claims, quotes and media to the original context (Behauptungen, Zitate und Bilder bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen). Ihr Kern ist das „laterale Lesen" (Wineburg/McGrew, Stanford History Education Group): Statt sich in die Quelle zu vertiefen, verlässt man sie und prüft sie an unabhängigen Stellen — so arbeiten geübte Faktenprüfer.
Die konkrete Internet-Quellenprüfung folgt festen Indikatoren: Wem gehört die Domain? Gibt es ein Impressum (in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben)? Sind Erscheinungsdatum und Autorenangaben vorhanden, sind Belege verlinkt und führen sie zu seriösen Quellen? Fehlende Angaben sind Warnsignale — Anonymität, kein Datum und fehlende Belege machen eine Quelle nicht automatisch falsch, aber unzuverlässig.
Bestimmte Manipulationsmarker lassen sich systematisch erkennen: starke Emotionalisierung und Empörungssprache, fehlende oder vage Quellenangaben, Scheinkorrelationen (eine Korrelation wird als Ursache ausgegeben), unzulässige Generalisierungen aus Einzelfällen, manipulatives Framing, Cherry-Picking (selektive Belegauswahl) sowie Bildmanipulation. Treten mehrere dieser Marker gehäuft auf, ist besondere Vorsicht geboten.
Die Vertrauenswürdigkeit ist gestuft — als Heuristik gilt: peer-reviewte wissenschaftliche Quelle > etabliertes Qualitätsmedium > Boulevardpresse > anonymer Social-Media-Post. Diese Hierarchie ist jedoch keine Garantie: Auch innerhalb jeder Stufe gibt es erhebliche Variation, und auch seriöse Medien irren. Die Stufung ersetzt deshalb nicht die Prüfung im Einzelfall, sondern lenkt nur die anfängliche Skepsis.
Faktenchecks (etwa Correctiv, dpa-Faktencheck, ARD-Faktenfinder) sind ein nützliches Werkzeug, aber nicht „die Wahrheit": Auch sie folgen redaktionellen Standards und Auswahlentscheidungen und sind sekundäre, nicht primäre Quellen. Man zitiert sie deshalb mit Quellenangabe und prüft ihre Belege, statt sie als letzte Instanz zu behandeln. Eine besondere neue Herausforderung sind KI-Halluzinationen: Große Sprachmodelle erzeugen plausibel klingende, aber falsche „Fakten" und sogar erfundene Quellenangaben, die zwingend an Primärquellen zu verifizieren sind.
Im Abitur kann die kritische Quellenprüfung ausdrücklich verlangt werden — besonders im materialgestützten Schreiben („Beurteilen Sie die Tragfähigkeit von M3"). Hier zeigt sich die Verbindung zur Lese- und Schreibkompetenz insgesamt: Wer die Glaubwürdigkeit eines Materials einschätzen kann, setzt es im eigenen Text gewichtet und transparent ein, statt es unkritisch zu übernehmen.
Musterlösung

Operator „beurteilen" — Glaubwürdigkeit eines Materials prüfen (SIFT)

Beurteilen Sie die Vertrauenswürdigkeit eines Online-Materials (paraphrasiert): ein Blogbeitrag ohne Autorangabe behauptet, „Studien zeigen", dass Tempolimits die Unfallzahlen nicht senken. Wie gehen Sie methodisch vor?

  1. 01Schritt 1 — Stop (Innehalten)

    Die starke, kontraintuitive Behauptung und die affektive Rahmung („endlich die Wahrheit") sind Warnsignale. Vor der inhaltlichen Bewertung wird die Quelle geprüft — nicht die eigene Vorannahme bestätigt.

  2. 02Schritt 2 — Investigate the source (Quelle untersuchen)

    Fehlende Autorangabe, fehlendes Impressum, kein Erscheinungsdatum: drei Defizite, die die institutionelle Verlässlichkeit untergraben. Ein Blog ohne nachprüfbare Verantwortlichkeit rangiert in der Quellenhierarchie unter Qualitätsmedien und peer-reviewter Forschung.

  3. 03Schritt 3 — Find better coverage (bessere Belege suchen)

    Statt der Einzelquelle zu folgen, wird das Thema breiter abgesichert: Was sagen Bundesanstalt für Straßenwesen oder Umweltbundesamt? Konvergieren mehrere unabhängige, ausgewiesene Quellen, ist das tragfähiger als ein anonymer Beitrag.

  4. 04Schritt 4 — Trace claims (Behauptung zur Originalquelle zurückverfolgen)

    Die Formel „Studien zeigen" ist ohne konkrete Studie wertlos. Welche Studie, welches Jahr, welche Stichprobe, welche Methode? Lässt sich die Behauptung nicht auf eine identifizierbare Originalquelle zurückführen, ist sie als Beleg unbrauchbar.

  5. 05Schritt 5 — Begründetes Urteil mit Maßstab

    Maßstab offen legen: bewertet wird nach Verantwortlichkeit, Nachprüfbarkeit und Quellenkonvergenz. Urteil: „Das Material ist als alleiniger Beleg nicht tragfähig; es kann allenfalls als Beispiel für eine verbreitete Position zitiert werden, nicht als Faktenbeleg." Die Bewertung trennt empirische Geltung von rhetorischer Wirkung.

Ergebnis: Die SIFT-Heuristik (Stop — Investigate — Find — Trace) führt zu einem begründeten, maßstabsgeleiteten Urteil. KMK-Operator „beurteilen" verlangt die offene Kriterienreflexion (Verantwortlichkeit, Nachprüfbarkeit, Konvergenz) statt einer bloßen Plausibilitätsvermutung.

Abiturfokus

  • SIFT-Methode bei jeder Materialerschließung anwenden — laterales Lesen statt blindes Vertrauen.
  • Manipulationsmarker erkennen (Emotionalisierung, fehlende Quelle, Scheinkorrelation, Generalisierung, Framing, Bildmanipulation, Cherry-Picking).
  • Die Quellenhierarchie als Heuristik nutzen, aber im Einzelfall prüfen — auch seriöse Quellen irren.
  • Faktenchecks als sekundäre Quellen mit Angabe zitieren, nicht als letzte Instanz.
  • KI-erzeugte „Fakten" und Quellen an Primärquellen verifizieren.

Typische Fehler

  • Quellen werden unhinterfragt zitiert — die Glaubwürdigkeit wird nicht reflektiert.
  • Boulevard und Wissenschaft werden gleichwertig behandelt — die Quellenhierarchie wird ignoriert.
  • Social-Media-Posts werden ohne Quellenprüfung als Belege übernommen.
  • Faktenchecks werden als unfehlbare Wahrheit statt als sekundäre Quelle behandelt.
  • KI-generierte „Fakten" und erfundene Quellenangaben (Halluzinationen) werden nicht erkannt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Reflektieren Sie methodisch das Konzept der „epistemischen Demut": Unter welchen Bedingungen lässt sich eine Quelle „für glaubwürdig halten"? Welche Rolle spielt institutionelles Vertrauen, welche das persönliche Urteil? Querverweis: Die kritische Quellenprüfung wird im Thema „Schreiben" beim materialgestützten Verfassen produktiv (Bewertung der Materialtragfähigkeit) und im Thema „Sprache und Sprachgebrauch reflektieren" diskursanalytisch vertieft (Framing, Manipulation).

Aktive Wiederholung

Wenden Sie die SIFT-Methode auf drei Materialien aus einer aktuellen gesellschaftspolitischen Debatte an. Beurteilen Sie pro Material die Vertrauenswürdigkeit und begründen Sie Ihr Urteil.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012) (Kultusministerkonferenz) · IQB Aufgabenpool Sekundarstufe II Deutsch — Beispiel- und Vergleichsaufgaben (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen)

§ 06

Werkkenntnis — Pflichtlektüren effizient erschließen#

●●○StandardLPKMK-2.3LPKMK-2.4.1

Kernpunkte

Die Werkkenntnisaufgabe prüft eine Pflichtlektüre ohne Textbeigabe — das Werk muss also vollständig im Kopf präsent sein. Effizient gelingt das über ein standardisiertes Erschließungsprofil je Werk, das die folgenden Felder abdeckt: bibliographische Daten, Epochen- und Entstehungskontext, Plot in etwa sieben Sätzen, Figurenkonstellation, Schlüsselszenen mit Belegen, zentrale Thematik und Motive, charakteristische sprachliche Verfahren und Wirkungsgeschichte. Dieses Profil ist die verdichtete, abrufbare Form des Werks — der Unterschied zur allgemeinen Langtext-Strategie (siehe den Abschnitt „Lange Texte erschließen") liegt in seiner systematischen Vollständigkeit.
Das Werk wird in einer Spirallektüre mehrfach gelesen: die erste Lektüre für Plot, Ton und Gesamteindruck, die zweite mit Annotation für Struktur und Sprache, die dritte mit Sekundärliteratur für die Deutung. Jeder Durchgang füllt andere Felder des Erschließungsprofils — so wächst das Profil mit der vertiefenden Lektüre, statt am Ende mühsam rekonstruiert werden zu müssen.
Den Kern bilden drei tragende Interpretationsachsen pro Werk — wiederkehrende thematische Linien, an denen sich eine Interpretation entlanghangeln kann (für Goethes „Faust" etwa das maßlose Erkenntnis- und Tatstreben, die Gretchentragödie mit der Schuldfrage und die Wette/der Pakt als Strukturprinzip). Mit drei solchen Achsen ist ein Werk für ganz unterschiedliche Aufgabenstellungen gerüstet, weil sich nahezu jede thematische Frage einer der Achsen zuordnen lässt.
Die Schlüsselszenen werden an der dramatischen bzw. erzählerischen Wendepunktstruktur ausgerichtet — beim Drama klassisch entlang von Freytags Modell (Exposition, erregendes Moment, Höhepunkt/Peripetie, retardierendes Moment, Katastrophe oder Lösung; siehe das Thema „Dramenanalyse"), beim Roman entlang der narrativen Wendepunkte. Zu jeder Schlüsselszene gehören zwei bis drei paraphrasierbare Textstellen mit Akt-, Kapitel- oder Seitenangabe, denn die Textstütze ohne Buch in der Hand ist in der Werkkenntnisaufgabe Pflicht.
Ein Werk besteht nicht nur aus seinem Plot, sondern aus seiner sprachlichen Machart — diese gehört zwingend ins Profil. Der Knittelvers und die Stilhöhenmischung in „Faust", der Botenbericht im klassischen Drama, die erlebte Rede im modernen Roman: Wer ein Werk auf die Handlung reduziert, verliert in der Klausur die ganze formanalytische Dimension. Das Profil hält darum die typischen sprachlich-formalen Verfahren ausdrücklich fest.
Die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte verortet das Werk in der Zeit und zeigt Kontextbewusstsein (ein eA-Bonus): Wie wurde es aufgenommen — mit welchen Skandalen (Goethes „Die Leiden des jungen Werthers", 1774, löste das „Wertherfieber" und Nachahmungssorgen aus), welchen Adaptionen, welcher Kanonisierung? Diese Dimension verbindet sich mit dem rezeptionsästhetischen Erwartungshorizont (Jauß; siehe das Thema „Sich mit Texten auseinandersetzen") — die Bedeutung eines Werks verändert sich mit seinem Publikum.
Pflichtlektüren lassen sich nicht „auf einmal" lernen. Die Vorbereitung beginnt idealerweise rund sechs Monate vor der Klausur und stützt sich auf das kontinuierlich geführte Lektüretagebuch; die Profile werden früh angelegt und über die Spirallektüre verfeinert. Diese langfristige, verteilte Arbeit ist der eigentliche Grund, warum geübte Leser in der Klausur souverän belegen können.

Abiturfokus

  • Pro Pflichtwerk ein vollständiges Erschließungsprofil (alle Felder), nicht nur einen Plot-Abriss.
  • Drei tragende Interpretationsachsen je Werk vorbereiten — sie machen das Werk für jedes Aufgabenformat verfügbar.
  • Schlüsselszenen entlang der Wendepunktstruktur mit präziser Akt-/Kapitel-/Seitenangabe lernen.
  • Die sprachlich-formalen Verfahren ins Profil aufnehmen — das Werk nicht auf die Handlung reduzieren.
  • Wirkungs-/Rezeptionsgeschichte als eA-Bonus mitführen; Vorbereitung früh und verteilt anlegen.

Typische Fehler

  • Das Pflichtwerk wird auf den Plot reduziert — Sprache, Form und Struktur fehlen.
  • Schlüsselszenen werden ohne Belegstellen gelernt — die Klausur verliert an Tiefe.
  • Die Wirkungs-/Rezeptionsgeschichte fehlt — das Werk wirkt isoliert und kontextlos.
  • Sekundärliteratur ersetzt die Primärlektüre — eigene Textbeobachtungen fehlen.
  • Die Vorbereitung wird auf die letzten Wochen verschoben — das Werk lässt sich so nicht in der Tiefe erschließen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Wählen Sie ein Werk und rekonstruieren Sie seine Rezeptionsgeschichte (zeitgenössische Aufnahme, spätere Umdeutungen, gegenwärtige Lesarten) mit Bezug auf Jauß’ Begriff des „Erwartungshorizonts". Reflektieren Sie, wie sich die Bedeutung des Werks mit den wechselnden Erwartungen seiner Leserschaft verändert hat — und was das für Ihre eigene Interpretation bedeutet.

Aktive Wiederholung

Erstellen Sie für eine Pflichtlektüre Ihres Bundeslandes ein vollständiges Erschließungsprofil mit allen Feldern, drei Interpretationsachsen, fünf Schlüsselszenen (jeweils mit paraphrasierten Textbelegen und Stellenangabe) und einem Stichwort zur Wirkungsgeschichte.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012) (Kultusministerkonferenz) · Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen (Ministerium für Schule und Bildung NRW)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Lesestrategien — globales, selektives, detailliertes Lesen○
    • 02Textgrammatik — Kohäsion, Kohärenz, Verweisstruktur◐
    • 03Lange Texte erschließen — Roman, Drama, Sachbuch◐
    • 04Multimodale Texte — Bild, Diagramm, Infografik◐
    • 05Kritische Rezeption — Quellenprüfung und Glaubwürdigkeit●
    • 06Werkkenntnis — Pflichtlektüren effizient erschließen◐

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

Lesen

Festige dieses Thema an passenden Aufgaben aus der Fragenbank.

~24
Min
2
Kompetenzen
Üben

Belege & Quellen

Quellen

Kultusministerkonferenz

  • Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife (KMK 2012)

Ministerium für Schule und Bildung NRW

  • Kernlehrplan Deutsch — Gymnasiale Oberstufe Nordrhein-Westfalen

Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

  • IQB Aufgabenpool Sekundarstufe II Deutsch — Beispiel- und Vergleichsaufgaben

Vorheriges Thema

Sich mit Texten und Medien auseinandersetzen

Nächstes Thema

Sprache und Sprachgebrauch reflektieren

EuraStudy·Notizen T·02·MMXXVI

Weiter mit dem nächsten Thema — der Lernpfad bleibt erhalten.