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DE-Abitur · Evangelische ReligionslehreT·055 / 7
Christliche Antworten auf die Gottesfrage: biblische und systematische Gottesbilder, trinitarisches Bekenntnis (Nicäa/Konstantinopel), Theodizee-Problem (Epikur, Leibniz, Hiob, Auschwitz), Religionskritik (Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud) und ihre evangelisch-theologische Antwort. Inhaltsfeld 2 der KMK EPA. Querverweise: die Theodizee greift die Hiob-Weisheit aus „Altes Testament" auf, das trinitarische Bekenntnis verweist auf „Christologie".
6Abschnitteca. 16Min Lesezeit5Kompetenzen
Operatoren:darstellen · erläutern · analysieren · vergleichen · erörtern · beurteilen
grundlegendes Niveau
gA: drei biblische Gottesbilder (Schöpfer, Vater, Befreier), Grundstruktur der Trinität (drei Personen / eine Wesenheit), Theodizee-Trilemma in Grundform, zwei klassische Religionskritiker (Feuerbach, Freud) mit Kernthese, eine evangelische Antwortskizze.
erhöhtes Niveau
eA: vier zentrale Gottesattribute (Allmacht, Allgüte, Allwissen, Ewigkeit) systematisch und in ihren Spannungen, immanente vs. ökonomische Trinität (Karl Rahners „Grundaxiom"), vier Theodizee-Positionen mit Stärken/Grenzen, vier Religionskritiken (Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud) mit innerer Logik und Antwortstrategien (Barth, Tillich, Sölle, Moltmann).
Kernpunkte
WÜRDE-BEGRÜNDUNG BIBLISCH (GEN 1,27)
Die Würde des Menschen wurzelt in seiner Gottebenbildlichkeit — relational, nicht leistungs- oder vernunftgebunden.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Diskutieren Sie Karl Barths These „Gott offenbart sich als der, der er ist" (KD I/1) im Kontrast zur klassischen natürlichen Theologie (Thomas, Cohen) und beurteilen Sie die evangelische Konzentration auf die Offenbarung.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophy of Religion (Stanford University) · EKD-Texte (Grundlagenpapiere) (EKD)
Kernpunkte
Musterlösung
Erläutern Sie die Unterscheidung von ökonomischer und immanenter Trinität (K. Rahner) und beurteilen Sie deren Bedeutung für ein evangelisches Gottesbild.
Trinität, wie sie sich in der Heilsgeschichte (oikonomia) zeigt: Vater als Schöpfer, Sohn als Erlöser, Heiliger Geist als Lebendigmacher. Biblische Basis: Mt 28,19 (Taufformel), 2 Kor 13,13 (Gnadengruß), Joh 14–16 (Parakletreden).
Trinität, wie Gott in sich selbst ist (theologia): drei Hypostasen einer Usia, „eingegrenzt" durch die Relationen (Zeugung, Hervorgang, Liebe). Klassische Formulierungen: Nicäno-Konstantinopolitanum 381, Symbolum Athanasianum, Augustinus „De Trinitate".
K. Rahner: „Die ökonomische Trinität ist die immanente Trinität und umgekehrt." Bedeutet: Gottes Sein und Gottes Heilshandeln fallen zusammen. Diese These verhindert sowohl die Spekulation einer „verborgenen" Trinität jenseits des Heilshandelns als auch eine bloße Personalisierung dreier göttlicher Aspekte.
Luther stand der trinitarischen Tradition zustimmend gegenüber, akzentuierte aber den Christus-Bezug (Theologie des Wortes). K. Barth erneuerte trinitarische Theologie als „Wer offenbart sich, was offenbart er, wer ist der Offenbarende": Vater (Offenbarer), Sohn (Offenbarung), Geist (Offenbartsein). E. Jüngel: Trinität als „Geheimnis der Welt" — Gott ist „der seiend Liebende".
Rahners Axiom ist ein Schutz gegen Mythologisierung Gottes (drei Götter) und Schutz gegen Pseudo-Demut (Gott „eigentlich" anders als sein Heilshandeln). Theologisch tragfähig, weil sie biblisch verankert ist und ethische Konsequenzen freisetzt: Wer den dreieinigen Gott bekennt, kann nicht autoritär „den einen" Willen Gottes monopolisieren — Gott ist in sich Beziehung und ruft in Beziehung.
Ergebnis: Rahners Identifikation ökonomischer und immanenter Trinität ist heute Konsensposition: sie schützt den biblischen Gottesbegriff vor zwei Verzerrungen und macht Trinität als Beziehungsstruktur ethisch produktiv.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Vergleichen Sie soziale Trinitätslehren (Moltmann, „Trinität und Reich Gottes", 1980) mit personalen Trinitätsmodellen (Barth, „Kirchliche Dogmatik" I/1) und beurteilen Sie ihre jeweilige Anschlussfähigkeit an die biblische Rede von Gott.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophy of Religion (Stanford University) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK)
Kernpunkte
LOGISCHES THEODIZEE-ARGUMENT (EPIKUR)
Aus Allmacht und Allgüte Gottes folgt: es darf kein Übel geben. Existiert Übel, ist die Konklusion (¬malum) falsch — also muss eine Prämisse reformuliert werden.
THEODIZEE-TRILEMMA (EPIKUR / LEIBNIZ)
Welche drei Beschriftungen in "Theodizee-Trilemma (Epikur / Leibniz)" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Musterlösung
Vergleichen Sie Hans Jonas’ „Gottesbegriff nach Auschwitz" (1984) mit Jürgen Moltmanns „Der gekreuzigte Gott" (1972) und beurteilen Sie, welche Antwort auf das Theodizee-Problem evangelisch tragfähiger ist.
Nach der Shoa verliert die spekulative Theodizee ihre Plausibilität: Jede Rechtfertigung Gottes angesichts der ermordeten Kinder von Auschwitz droht das Leid zu verharmlosen. Das klassische Trilemma (Allmacht · Allgüte · Realität des Übels) muss neu beantwortet werden, ohne das Leid zu „erklären".
H. Jonas gibt die Allmacht preis: Gott hat sich in der Schöpfung „entäußert", sich selbst eingeschränkt und der Welt ihre Freiheit überlassen. Gott ist leidend, werdend und sich sorgend, aber nicht eingreifend allmächtig. Der Preis: Allgüte und Allwissen bleiben, die Allmacht wird metaphysisch zurückgenommen.
J. Moltmann hält an Gottes Gottheit fest, denkt sie aber kreuzestheologisch: Im Kreuz Christi erleidet Gott selbst den Gottverlust („Mein Gott, warum hast du mich verlassen?"). Gott ist nicht der ferne Zuschauer des Leidens, sondern im trinitarischen Geschehen selbst der Leidende — die Theodizee wird nicht gelöst, sondern in Gott hineingenommen.
Beide verlassen den unbewegten Gott der Metaphysik (apatheia). Jonas argumentiert philosophisch-mythisch und opfert die Allmacht; Moltmann argumentiert biblisch-christologisch und reinterpretiert die Allmacht als Macht der mitleidenden Liebe. Jonas’ Gott kann nicht mehr erlösen, Moltmanns leidender Gott bleibt der erlösende.
Moltmann ist evangelisch tragfähiger, weil er die theologia crucis (Luther) aufnimmt und die Hoffnung auf Auferstehung als Antwort auf das Leid bewahrt; Jonas’ preisgegebene Allmacht kollidiert mit der reformatorischen sola gratia (ein ohnmächtiger Gott kann nicht rechtfertigen). Jonas bleibt jedoch als Anfrage wertvoll, weil er die billige Allmachtsrede entlarvt. Eine verantwortete Antwort verbindet Moltmanns Kreuzestheologie mit praktischer Solidarität (Metz, Sölle).
Ergebnis: Moltmanns gekreuzigter Gott ist evangelisch tragfähiger als Jonas’ ohnmächtiger Gott, weil er Leiden und Erlösung zusammenhält; Jonas bleibt als Kritik der unreflektierten Allmachtsrede bedeutsam, scheitert aber an der Rechtfertigungslehre.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Diskutieren Sie Hans Jonas’ These vom „leidenden, werdenden, sich um seine Schöpfung sorgenden Gott" und problematisieren Sie deren Vereinbarkeit mit der reformatorischen Tradition (sola gratia).
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophy of Religion (Stanford University) · EKD-Texte (Grundlagenpapiere) (EKD)
Kernpunkte
NEUZEITLICHE RELIGIONSKRITIK IM ÜBERBLICK
Welche drei Beschriftungen in "Neuzeitliche Religionskritik im Überblick" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Musterlösung
Erörtern Sie Feuerbachs Projektionsthese („Religion ist die Selbstentfremdung des Menschen") und entwickeln Sie eine theologisch-philosophische Antwort.
„Das Wesen des Christentums" (1841): Gott ist die hypostasierte Summe menschlicher Wesensprädikate (Liebe, Weisheit, Macht). Indem der Mensch sie auf ein höheres Wesen projiziert, entfremdet er sich selbst. Aufklärung der Religion bedeutet Rückführung der Prädikate auf den Menschen — „Homo homini Deus".
Sie erklärt religionspsychologisch plausibel, warum Gottesbilder kulturabhängig variieren. Sie macht ideologiekritisch sensibel für Projektion (z. B. patriarchale Gottesbilder, Nationaltheologien). Sie ist mit Religionssoziologie (Durkheim, Weber) verträglich.
Die These setzt voraus, was sie beweisen will (atheistische Prämisse). Sie kann nicht zwischen „projiziertes Bild Gottes" und „realer Gott" differenzieren — beides würde im Selbstbild erscheinen. Sie reduziert Religion auf Kompensation und übersieht ihre prophetisch-gesellschaftskritische Dimension (Amos, Bonhoeffer).
Karl Barths theologia crucis: Gott offenbart sich nicht als Erfüllung menschlicher Wünsche, sondern am Kreuz — also gerade als das Gegenteil einer Projektion. Bonhoeffers „mündige Welt": Gott am Kreuz lässt sich gerade nicht als Lückenbüßer instrumentalisieren. Damit wird Feuerbach in seiner ideologiekritischen Funktion akzeptiert, aber als globale Religionserklärung zurückgewiesen.
Theologie nach Feuerbach darf nicht hinter ihn zurückfallen: jedes Gottesbild ist projektionsverdächtig und muss christologisch und biblisch korrigiert werden. Die Wahrheitsfrage selbst lässt Feuerbach jedoch offen — sie kann nur in einer existenziellen Entscheidung beantwortet werden, nicht durch ein Wesensargument.
Ergebnis: Feuerbach diagnostiziert zu Recht die Projektivität religiöser Bilder, kann aber die Existenz Gottes weder beweisen noch widerlegen. Eine christliche Antwort akzeptiert die Ideologiekritik und antwortet christologisch — nicht spekulativ-anthropologisch.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Vergleichen Sie Freuds Religionskritik mit der existenzphilosophischen Antwort Paul Tillichs („Mut zum Sein", 1952) und beurteilen Sie, inwiefern Tillichs Begriff der „letzten Angelegenheit" Freuds Projektionsverdacht entgeht.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophy of Religion (Stanford University) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK)
Kernpunkte
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Diskutieren Sie die Plausibilität von Karl Rahners „anonymem Christentum" als ökumenisch-religionstheologische Brücke und problematisieren Sie deren protestantische Anschlussfähigkeit.
Quellen: EKD-Texte (Grundlagenpapiere) (EKD) · Bertelsmann Religionsmonitor — empirische Studien zur Religiosität (Bertelsmann Stiftung)
Kernpunkte
ONTOLOGISCHER GOTTESBEWEIS (ANSELM, „PROSLOGION" 2)
Gott ist definiert als das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann; ein nur im Verstand existierendes Höchstes wäre geringer als ein zugleich real existierendes — also muss Gott auch in der Wirklichkeit existieren. Kant bestreitet den Schluss: „Sein ist kein reales Prädikat".
KLASSISCHE GOTTESBEWEISE UND KANTS KRITIK
Welche drei Beschriftungen in "Klassische Gottesbeweise und Kants Kritik" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Erörtern Sie, ob Kants moralischer Gottesbeweis als Postulat der praktischen Vernunft gegenüber den theoretischen Beweisen einen tragfähigeren Zugang zur Gottesfrage eröffnet, und beziehen Sie Karl Barths Verwerfung jeder natürlichen Theologie kritisch ein.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophy of Religion (Stanford University) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK)