Bibelwissenschaft und Hermeneutik
Aufbau und Kanonbildung der christlichen Bibel, historisch-kritische Methode, Gattungen, hermeneutische Modelle (Schleiermacher, Bultmann, Gadamer, Ricoeur) und ihre Anwendung auf konkrete Exegesen. Methodische Grundlage der gesamten evangelisch-religiösen Arbeit. Querverweise: „Altes Testament: Schöpfung, Bund, Prophetie, Weisheit" und „Neues Testament" wenden die hier entwickelten Methoden exegetisch an.
Operatoren:darstellen · erschließen · analysieren · interpretieren · erörtern · beurteilen
grundlegendes Niveau
gA: Aufbau der Bibel (AT/NT, vier Hauptgruppen), drei zentrale Schritte der hist.-krit. Methode (Text-, Literar-, Formgeschichte), zwei hermeneutische Modelle in Grundzügen, drei Gattungen (Prophetie, Gleichnis, Brief).
erhöhtes Niveau
eA: vollständige fünfschrittige hist.-krit. Methode inkl. Redaktions- und Sachkritik, Spannung diachron/synchron, Bultmanns Entmythologisierung, Gadamers Horizontverschmelzung, Ricoeurs Symboltheorie, Anwendung auf einen unbekannten Text.
Aufbau der Bibel und Kanonbildung
BasisNRW-KLP-EvR-IF6KMK-EPA-EvR-I.1Kernpunkte
- Die christliche Bibel besteht aus Altem Testament (39 Bücher im ev. Kanon, hebräisch/aramäisch) und Neuem Testament (27 Bücher, griechisch koiné).
- AT-Gliederung: Thora (5), Geschichtsbücher (12), Lehr-/Weisheitsbücher (5), Propheten (17) — evangelisch-jüdisch identisch.
- NT-Gliederung: Evangelien (4), Apostelgeschichte (1), Briefe (21 — Paulinen, Deuteropaulinen, Pastoral- und Katholische Briefe), Offenbarung (1).
- Kanonbildung AT: Abschluss frühestens 100 n. Chr. (Synode von Jamnia umstritten); christliche Kanonbildung NT bis ca. 400 (Festkanon: Athanasius 367, Synode von Hippo 393).
- Apokryphen (LXX-Zusatzbücher: Jesus Sirach, Weisheit, Tobit, Judit, 1+2 Makk u. a.): in katholischer Bibel kanonisch, in evangelischer Bibel „nützlich, aber nicht heilig" (Luther).
- Kanonisches Kriterium der Reformation: testimonium internum Spiritus Sancti — Schrift bezeugt sich selbst als Gottes Wort durch den Heiligen Geist, nicht durch Kirchenautorität.
- Textüberlieferung AT: masoretischer Text (BHS), Septuaginta (LXX), Qumran-Funde. NT: Nestle-Aland (28. Aufl., Standardausgabe), ca. 5800 griech. Handschriften.
TRIAS DER BIBELAUSLEGUNG (SYNCHRON, DIACHRON, APPLIKATIV)
Methodisch sauber zwischen den drei Ebenen unterscheiden; Aktualisierung ist legitim, darf aber nicht den Befund verdecken.
KANONISCHER AUFBAU DER CHRISTLICHEN BIBEL
Welche drei Beschriftungen in "Kanonischer Aufbau der christlichen Bibel" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
- AT mit „jüdischer Bibel" gleichsetzen, ohne die jüdische Gliederung (Tanach: Thora-Nebiim-Ketubim) zu erwähnen.
- Apokryphen als „verfälschte" Texte abtun statt als deuterokanonische Schriften.
- Kanonbildung als einmaligen Akt darstellen — sie war ein Jahrhunderte langer Prozess.
- Luther für Bilderstürmerei am Kanon verantwortlich machen — er entfernte keine NT-Bücher, sortierte aber Hebräer, Jakobus, Judas und Offenbarung an den Schluss.
Übungsaufgabe
Stellen Sie den Aufbau der christlichen Bibel dar und erläutern Sie den Unterschied zwischen evangelischem und katholischem Kanonumfang anhand mindestens dreier konkreter Bücher.
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Vergleichen Sie das reformatorische Kanonprinzip (sola scriptura, testimonium internum) mit dem katholischen (Schrift + Tradition + Lehramt) und problematisieren Sie die Frage, wie sich der Kanon „selbst" bezeugen kann, ohne in einen Zirkel zu geraten.
Quellen: Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft) · Luthers Septembertestament 1522 — gemeinfreier Volltext (Deutsches Textarchiv (BBAW)) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK)
Die historisch-kritische Methode
StandardNRW-KLP-EvR-IF6KMK-EPA-EvR-I.2Kernpunkte
- Fünf-Schritt-Standard: Textkritik (ältester Wortlaut aus Handschriften), Literarkritik (Quellen, Brüche, Schichten), Formgeschichte (Gattung, Sitz im Leben), Traditions-/Redaktionsgeschichte (Vorgeschichte, Endredaktion), Sachkritik/Aktualisierung.
- Begründer: J. Wellhausen (AT, Pentateuch-Quellen JEDP), H. Gunkel (Formgeschichte AT), R. Bultmann (Formgeschichte NT, Entmythologisierung).
- Diachron — was war vor dem Text (Quellen, mündliche Tradition)? Synchron — wie funktioniert der Text als Ganzes?
- Ergänzungsmethoden seit den 1970er Jahren: narrative criticism, reader-response, kanonische Exegese (B. S. Childs), Sozialgeschichte, Wirkungsgeschichte.
- Die Methode setzt voraus, dass die Bibel ein historisch gewachsener Text ist — sie ist kompatibel mit dem Bekenntnis zur Inspiration, sofern Inspiration nicht als Verbalinspiration verstanden wird.
- Folgen: man kann das Gottes-Reden in den Texten methodisch ehrlich verorten, ohne fundamentalistische Vereinfachungen oder reduktionistischen Skeptizismus.
SCHRITTE DER HISTORISCH-KRITISCHEN METHODE
Welche drei Beschriftungen in "Schritte der historisch-kritischen Methode" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Musterlösung
Bibelhermeneutik — Schleiermachers und Gadamers Zirkelmodell
Erläutern Sie den hermeneutischen Zirkel bei Schleiermacher und Gadamer und beurteilen Sie seine Bedeutung für die Bibelexegese.
- Schritt 1 — Schleiermachers Konzept
F. Schleiermacher („Hermeneutik und Kritik", 1838): Verstehen pendelt zwischen grammatischem (Sprache, Satzbau) und psychologischem (Autorintention) Verstehen, zwischen Teil und Ganzem. Der hermeneutische Zirkel: das Ganze versteht man aus den Teilen, aber die Teile nur vom Ganzen her — ein produktiver, nicht vitiöser Zirkel.
- Schritt 2 — Gadamers Erweiterung
H.-G. Gadamer „Wahrheit und Methode" (1960): Vorverständnis (Vorurteil im technischen Sinn) ist Bedingung des Verstehens, nicht Hindernis. „Horizontverschmelzung" zwischen Text-Horizont und Leser-Horizont. Verstehen ist immer schon Geschichtlich Verstehen — „wirkungsgeschichtliches Bewusstsein".
- Schritt 3 — Anwendung auf Bibelexegese
Reine Objektivität ist Illusion; der Exeget bringt seine Tradition (kirchlich, kulturell, methodisch) mit. Aufgabe: das eigene Vorverständnis bewusst machen, am Text korrigieren, eine Horizontverschmelzung anstreben. Historisch-kritische Methode bleibt nötig (vermeidet Eisegese), reicht aber nicht — die Aktualisierungsfrage muss explizit gestellt werden.
- Schritt 4 — Anfragen
Befreiungstheologie (G. Gutiérrez): der „Ort" des Lesers (privilegiert vs. arm) beeinflusst das Verstehen — daher „Vorzugsoption für die Armen" als hermeneutische Position. Feministische Hermeneutik (E. Schüssler Fiorenza): Geschlechterperspektive deckt verdeckte Gewichtungen auf. Beide Ansätze radikalisieren Gadamers These und fordern, die soziale Verortung explizit zu machen.
- Schritt 5 — Beurteilung
Der hermeneutische Zirkel ist methodologisch unhintergehbar; er ist keine Schwäche, sondern Bedingung des Verstehens. Für die Bibelexegese folgt: Bibel ist nie „objektiv von außen" lesbar — sie spricht in Gemeinschaft und Tradition. Eine reflektierte Exegese kombiniert historisch-kritische Disziplin mit ehrlicher Reflexion auf den eigenen Standort.
Ergebnis: Der hermeneutische Zirkel macht Bibelexegese zu einem Gespräch zwischen Text und Leser im Horizont der Tradition. Methodische Disziplin und Reflexion des eigenen Vorverständnisses sind beide nötig — Objektivismus und Subjektivismus sind gleichermaßen Sackgassen.
Typische Fehler
- Hist.-krit. Methode als „Glaubenszerstörung" darstellen — sie ist im Gegenteil ein Mittel theologisch verantworteter Schriftauslegung.
- Sachkritik mit Subjektivismus verwechseln; sie ist methodisch geregelt.
- Form- und Gattungsfrage nicht stellen; daraus folgt regelmäßig die Verwechslung von Gattungen (Gleichnis als historischer Bericht).
- Quellenkritik (Literarkritik) als reine „Bibelzerstückelung" missverstehen.
Übungsaufgabe
Erschließen Sie Gen 1,1–2,4a in den fünf Schritten der historisch-kritischen Methode und beurteilen Sie, welche Aussagen für eine evangelische Schöpfungstheologie zentral sind.
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Diskutieren Sie die Kritik der hist.-krit. Methode (B. S. Childs „kanonische Exegese"; H. Frei „narrative theology") und entwickeln Sie einen Methodenmix, der diachrone und synchrone Zugänge integriert.
Quellen: Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK)
Hermeneutische Modelle
VertiefungNRW-KLP-EvR-IF6KMK-EPA-EvR-I.3Kernpunkte
- F. Schleiermacher (1838): grammatisches und psychologisches Verstehen; hermeneutischer Zirkel (Teil/Ganzes).
- W. Dilthey (1900): Hermeneutik der Geisteswissenschaften — Verstehen statt Erklären.
- R. Bultmann (1948): existenziale Interpretation; Entmythologisierung als Übersetzung biblischer Mythen in existenziale Aussagen.
- H.-G. Gadamer (1960): Vorurteilsstruktur des Verstehens, Horizontverschmelzung, wirkungsgeschichtliches Bewusstsein.
- P. Ricoeur (1965ff.): „Symbol gibt zu denken"; biblische Sprache als Symbol- und Erzählsprache, die Welt entwirft, in die der Leser eintritt.
- Befreiungstheologische und feministische Hermeneutik (Gutiérrez, Schüssler Fiorenza): die soziale Verortung des Lesers ist hermeneutisch relevant.
- Wirkungsgeschichte ist Teil des Textsinns; die Reformationszeit, Aufklärung und Postkolonialität haben das Bibellesen geprägt — auch das eigene.
TRIAS DER BIBELAUSLEGUNG (SYNCHRON, DIACHRON, APPLIKATIV)
Methodisch sauber zwischen den drei Ebenen unterscheiden; Aktualisierung ist legitim, darf aber nicht den Befund verdecken.
Musterlösung
Hermeneutische Modelle vergleichen — Bultmanns Entmythologisierung und Ricoeurs Symboltheorie an Mk 1,9–13
Vergleichen Sie Bultmanns existenziale Interpretation mit Ricoeurs Symboltheorie an der Taufperikope Mk 1,9–13 und beurteilen Sie, welche Hermeneutik der Pluralität biblischer Sprache besser gerecht wird.
- Schritt 1 — Textbefund Mk 1,9–13
Die Perikope enthält geöffnete Himmel, herabsteigenden Geist „wie eine Taube", Himmelsstimme („Du bist mein lieber Sohn") und vierzig Tage Wüste/Versuchung. Mythische Sprachelemente (Himmelsöffnung, Stimme, Satan, dienende Engel) tragen die theologische Aussage.
- Schritt 2 — Bultmanns Zugriff (Entmythologisierung)
R. Bultmann liest das mythische Weltbild nicht kosmologisch, sondern existenzial: Das Bild des geöffneten Himmels meint die Erschließung neuer Existenzmöglichkeit; die Stimme meint Anrede, die den Hörer ins Heute der Entscheidung ruft. Der Mythos wird nicht gestrichen, sondern auf seinen Aussagekern (Selbstverständnis vor Gott) hin „übersetzt".
- Schritt 3 — Ricoeurs Zugriff (Symbol und Erzählwelt)
P. Ricoeur („Symbol gibt zu denken") wendet sich gegen die Reduktion auf einen begrifflichen Kern: Das Symbol (Taube, Himmel, Wüste) besitzt einen Überschuss an Sinn, der sich nicht restlos in Existenzaussagen auflösen lässt. Der Text entwirft eine Welt, „vor" die der Leser tritt (Welt des Textes); Verstehen heißt, sich von dieser Welt etwas sagen zu lassen.
- Schritt 4 — Vergleich der Leistungen
Bultmann sichert Übersetzbarkeit und Relevanz, riskiert aber Sinnverlust durch Verengung auf das existenziale Subjekt. Ricoeur bewahrt den Mehrwert der Symbolsprache und die narrative Ganzheit, riskiert aber Unbestimmtheit der konkreten Anrede. Beide eint die Absage an einen naiv-historischen Literalismus.
- Schritt 5 — Beurteilung
Für die Pluralität biblischer Sprache ist Ricoeur tragfähiger, weil er die unterschiedlichen Gattungen (Mythos, Symbol, Erzählung, Gleichnis) in ihrem je eigenen Sinnüberschuss anerkennt. Bultmanns Entmythologisierung bleibt jedoch als Korrektiv unverzichtbar, wo Texte fundamentalistisch verdinglicht werden. Eine reflektierte Exegese kombiniert Ricoeurs Symbolsensibilität mit Bultmanns Frage nach der existenziellen Verbindlichkeit.
Ergebnis: Ricoeurs Symboltheorie wird der Pluralität biblischer Sprache besser gerecht als Bultmanns Verengung auf das Existenzial; beide Modelle ergänzen sich, weil Symbolüberschuss und existenzielle Anrede zusammengehören.
Typische Fehler
- Hermeneutik mit Bibel-Übersetzung verwechseln.
- Bultmanns Entmythologisierung als „Bibelreduktion" darstellen — sie zielt auf bessere Verständigung, nicht auf Streichung.
- Vorverständnis als Bias abwerten statt als Verstehensbedingung anerkennen.
Übungsaufgabe
Vergleichen Sie Bultmanns existenziale Interpretation mit Ricoeurs Symboltheorie an Mk 1,9–13 (Taufe Jesu) und beurteilen Sie, welche Hermeneutik der Pluralität biblischer Sprache besser gerecht wird.
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Diskutieren Sie das Verhältnis von hist.-krit. Methode (J. Roloff, U. Luz) und kanonisch-narrativer Theologie (B. S. Childs, H. Frei) als methodische Ergänzung.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophy of Religion (Stanford University) · Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft)
Biblische Gattungen
StandardNRW-KLP-EvR-IF6KMK-EPA-EvR-I.4Kernpunkte
- AT-Gattungen: Mythos (Urgeschichte Gen 1–11), Erzählung/Saga (Gen 12–50), Gesetz (Ex 20ff., Lev), Prophetie (Wort-, Vision- und Symbolhandlungsberichte), Weisheit (Sprüche, Hiob, Koh), Lyrik (Psalmen), Apokalyptik (Dan 7–12).
- NT-Gattungen: Evangelium (eigene Gattung — Mischung aus Bios und Verkündigung), Apostelgeschichte (Geschichtsdarstellung), Brief (paulinisch + katholisch), Apokalyptik (Offenbarung), Wundererzählung, Streitgespräch, Gleichnis.
- Gattungserkennung steuert die Auslegung: ein Gleichnis ist kein Bericht, ein Mythos kein Protokoll, eine apokalyptische Vision keine Prognose.
- Sitz im Leben (H. Gunkel): typische soziale Verwendungssituation einer Gattung — Klagepsalm hat Sitz im Tempelkult, Streitgespräch im Lehrhaus.
- Form bestimmt Inhalt: dieselbe theologische Aussage kann hymnisch (Phil 2,6–11), prosaisch (Joh 1,1–14) oder argumentativ (Rom 9–11) entfaltet werden.
GLEICHNIS-HERMENEUTIK NACH JÜLICHER / LINNEMANN
Welche drei Beschriftungen in "Gleichnis-Hermeneutik nach Jülicher / Linnemann" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
- Mythos abwerten („nur Mythos") — Mythos ist eine theologisch dichte Gattung.
- Apokalyptische Bilder als Endzeit-Fahrplan lesen.
- Briefe wie systematische Theologie behandeln — sie sind Gelegenheitsschriften.
Übungsaufgabe
Identifizieren Sie die Gattung von Ps 22 und interpretieren Sie den Psalm gattungsspezifisch; vergleichen Sie das Ergebnis mit der christologischen Auslegung in Mt 27,46.
Quellen: Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK)
Textkritik und Bibelübersetzung
StandardNRW-KLP-EvR-IF6KMK-EPA-EvR-I.5Kernpunkte
- Textkritische Standardausgaben: Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS), Septuaginta (Rahlfs), Nestle-Aland (NA 28).
- Wichtige Übersetzungstypen: kommunikativ (Gute Nachricht, BasisBibel), philologisch (Elberfelder, Zürcher), historisch geprägt (Luther 2017, Luther 1984 — beide urheberrechtlich geschützt).
- Historische Luther-Textzeugen (z. B. das Septembertestament 1522) sind gemeinfrei — Standardquelle für historische Textbelege; Luther 1984/2017 ist dagegen urheberrechtlich geschützt.
- Bibel-Übersetzung ist Interpretation: die Wahl zwischen „Gott" und „Herr", „Knecht" und „Sklave", „Geist" und „Atem" trägt theologische Last.
- Geschlechtergerechte Sprache: BibelInGerechterSprache (2006), Luther 2017 mit moderaten Anpassungen; kontrovers diskutiert.
Typische Fehler
- Eine Übersetzung als „die Bibel" behandeln — sie ist immer schon Auslegung.
- Textkritische Marginalapparate ignorieren.
- Kommunikative und philologische Übersetzungstypen verwechseln und Verständlichkeit gegen Texttreue ausspielen, statt beide Zielkonflikte zu benennen.
- Luthers Zusatz „allein" (Rom 3,28) für eine Verfälschung halten, statt ihn als interpretierende Hervorhebung der Rechtfertigungslehre einzuordnen.
Übungsaufgabe
Vergleichen Sie zwei Übersetzungen (Luther 2017 und Elberfelder) zu Rom 3,28 und beurteilen Sie die theologischen Implikationen der Wortwahl „allein" (nur Luther).
Quellen: Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft) · Luthers Septembertestament 1522 — gemeinfreier Volltext (Deutsches Textarchiv (BBAW))
Die Bibel im Religionsunterricht
BasisNRW-KLP-EvR-IF6KMK-EPA-EvR-I.6Kernpunkte
- Religionsunterricht ist nach Art. 7 Abs. 3 GG ordentliches Lehrfach mit konfessioneller Bindung.
- Hermeneutische Doppelfunktion des Bibelunterrichts: Vermittlung des biblischen Erbes (Bildungsdimension) und Anstoß zu existenzieller Auseinandersetzung (Glaubensdimension).
- Kompetenzorientierung (KMK EPA 2006): Sach-, Methoden-, Urteils- und Handlungskompetenz; Operatoren steuern Aufgabentypen.
- Schülerorientierung verlangt, Bibeltexte mit Lebenswelten der Lernenden ins Gespräch zu bringen — ohne sie zu trivialisieren.
- Konfessionell-kooperativer Religionsunterricht (BY, NRW, NS): evangelische und katholische Theologie im Gespräch, ohne Identität aufzugeben.
Typische Fehler
- KMK-Operatoren als Synonyme behandeln — sie verlangen unterschiedliche Anforderungsbereiche.
- Religionsunterricht mit Religionskunde verwechseln (letzteres ist neutral-religionswissenschaftlich).
- Den Bildungsanspruch gegen den Glaubensanspruch ausspielen, statt die hermeneutische Doppelfunktion (Erbe vermitteln und existenziell erschließen) zusammenzudenken.
- Die verfassungsrechtliche Verankerung (Art. 7 Abs. 3 GG, konfessionelle Bindung) übergehen und Religionsunterricht als beliebiges Wahlfach darstellen.
Übungsaufgabe
Erörtern Sie das Verhältnis von Bildungsanspruch und Glaubensanspruch im evangelischen Religionsunterricht und beurteilen Sie, wie dieses Verhältnis im Abitur prüfungspraktisch eingelöst wird.
Quellen: KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK) · NRW Kernlehrplan Evangelische Religionslehre GOSt (MSB NRW)