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Notizen/Katholische Religionslehre/Bibelwissenschaft und Hermeneutik
Notizen · Katholische ReligionslehreDE · Abitur

Bibelwissenschaft und Hermeneutik

Aufbau des katholischen Bibelkanons (73 Bücher inkl. Deuterokanonika), historisch-kritische Methode, vier Schriftsinne und kanonische Lektüre im Sinne von Dei Verbum 11–12. Methodische Grundlage jeder katholischen Schrifttheologie und Voraussetzung für die folgenden Inhaltsfelder.

6 Abschnitte·~27 Min Lesezeit·4 Kompetenzen·Niveau Basis 2 · Standard 3 · Vertiefung 1·Stand 06/2026

T·0111 / 12
Prüfungsprofil
KATH-REL-K1 · Aufbau und Kanon der katholischen Bibel darstellenKATH-REL-K2 · Historisch-kritische Methode und kanonische Lektüre unterscheiden und verbindenKATH-REL-K3 · Biblische Gattungen erkennen und gattungsspezifisch interpretierenKATH-REL-K4 · Die Rolle des Lehramts (Dei Verbum 10) in der Auslegung einordnen
Operatoren:darstellenerläuternanalysiereninterpretierenerörtern

grundlegendes Niveau

gA: Aufbau AT/NT mit den Hauptbuchgruppen, drei Schritte der hist.-krit. Methode (Text-, Literar-, Formkritik), Grundzüge der vier Schriftsinne sowie Dei Verbum 11 (Inspiration) und 12 (Sinnsuche).

erhöhtes Niveau

eA: vollständige fünfstufige hist.-krit. Methode inklusive Traditions- und Redaktionskritik, Synopsenarbeit (Zwei-Quellen-Theorie), kanonische Lektüre nach B. S. Childs, Verhältnis von Schrift, Tradition und Lehramt (DV 9–10), Bibelkommission „Auslegung der Bibel in der Kirche" (1993).

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Bibelwissenschaft und Hermeneutik
    • 01Kanon und Aufbau der katholischen Bibel○
    • 02Hermeneutische Methoden — hist.-krit., Schriftsinne, kanonisch◐
    • 03Biblische Gattungen und ihre Auslegung◐
    • 04Schrift, Tradition und Lehramt (Dei Verbum 7–10)●
    • 05Textüberlieferung — Septuaginta, Kanonbildung, Textkritik◐
    • 06Bibel als Wort Gottes in Liturgie und Glaubenspraxis○
§ 01

Kanon und Aufbau der katholischen Bibel#

●○○BasisLPkmk-epa-religion-kath-bibelkundeLPvat-ii-dei-verbum-art-11

Aufbau der katholischen Bibel (Kanon)

Aufbau der katholischen Bibel (Kanon)Tabelle mit 2 Spalten und 5 Zeilen, Daten: Altes Testament (46) · Neues Testament (27); Pentateuch · Evangelien (4); Geschichtsbücher · Apostelgeschichte; Weisheitsbücher · Paulusbriefe; Prophet. Bücher · Katholische Briefe; Deuterokanonisch · Offenbarung (Apk), hervorgehobene Zelle: DeuterokanonischALTES TESTAMENT (46)NEUES TESTAMENT (27)PentateuchEvangelien (4)GeschichtsbücherApostelgeschichteWeisheitsbücherPaulusbriefeProphet. BücherKatholische BriefeDeuterokanonischOffenbarung (Apk)73 Bücher; Kanon nach Trient (1546)
Abb. 1Altes Testament (46 Bücher inkl. Spätschriften) und Neues Testament (27 Bücher) — katholischer Umfang nach Trient (1546).

Kernpunkte

Der Begriff Kanon (griechisch kanṓn, „Maßstab, Richtschnur") bezeichnet das verbindliche Verzeichnis jener Schriften, die die Kirche als von Gott inspiriertes Wort Gottes und damit als Norm des Glaubens anerkennt. Der Kanon ist kein willkürlich zusammengestellter Bücherkatalog, sondern das Ergebnis eines jahrhundertelangen Rezeptions- und Unterscheidungsprozesses, in dem sich herausbildete, welche Schriften in Gottesdienst und Lehre der Gemeinden tatsächlich als maßgeblich gelesen wurden. Die katholische Bibel umfasst 73 Bücher — 46 im Alten und 27 im Neuen Testament; die Kenntnis ihres Aufbaus ist die Voraussetzung jeder seriösen Schriftauslegung und damit das Fundament aller folgenden Inhaltsfelder.
Das Alte Testament gliedert sich in vier große Buchgruppen (vgl. Abb. „Aufbau der katholischen Bibel"). Am Anfang steht der Pentateuch oder die Tora (Gen, Ex, Lev, Num, Dtn) — die fünf Bücher Mose mit Urgeschichte, Vätererzählungen, Exodus und Gesetz. Es folgen die Geschichtsbücher (Josua bis Ester, dazu 1/2 Makkabäer), die das Geschick Israels von der Landnahme bis in die hellenistische Zeit erzählen. Die Weisheitsbücher (Ijob, Psalmen, Sprichwörter, Kohelet, Hoheslied sowie die deuterokanonischen Bücher Weisheit und Jesus Sirach) sammeln Gebet und Lebensreflexion. Den Abschluss bilden die prophetischen Bücher (Jesaja bis Maleachi, dazu Baruch und Daniel) mit ihrer Gerichts- und Heilsverkündigung.
Das Neue Testament beginnt mit den vier Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes), die in je eigener Theologie Leben, Sterben und Auferstehung Jesu bezeugen. Die Apostelgeschichte des Lukas schildert die Ausbreitung der Kirche von Jerusalem bis Rom. Es folgen die Paulusbriefe (mit dem Hebräerbrief vierzehn), die sieben katholischen Briefe (Jakobus, 1/2 Petrus, 1–3 Johannes, Judas) und als Abschluss die Offenbarung des Johannes (Apokalypse). Zwei Bestimmungen sind prüfungsrelevant: Das Evangelium ist eine eigene literarische Gattung (kein moderner Lebensbericht), und die katholischen Briefe heißen so, weil sie an die ganze Kirche (katholikós = allgemein) gerichtet sind, nicht an eine Einzelgemeinde wie die meisten Paulusbriefe.
Der Unterschied zum evangelischen Kanon betrifft allein das Alte Testament: Die katholische Kirche zählt sieben weitere Bücher — Tobit, Judit, Weisheit, Jesus Sirach, Baruch sowie 1 und 2 Makkabäer (dazu griechische Zusätze zu Ester und Daniel) — zum Kanon, die in der hebräischen Bibel fehlen. Sie heißen deuterokanonisch („zweitkanonisch"), weil ihre Kanonizität länger umstritten war, nicht weil sie minderrangig wären. Grund der Differenz ist die Textbasis: Die alte Kirche las das AT in der griechischen Septuaginta (LXX), die diese Bücher enthält; die Reformation kehrte zum kürzeren hebräischen (masoretischen) Umfang zurück und stufte sie als „Apokryphen" zurück. Das Konzil von Trient erklärte daraufhin in der Sessio IV (8. April 1546) den vollen Kanon der 73 Bücher für verbindlich.
Theologisch entscheidend ist, in welchem Sinn diese Schriften „Wort Gottes" sind. Dei Verbum 11 lehrt die Inspiration: Gott selbst ist Urheber (auctor) der heiligen Schriften, hat aber „erwählte Menschen" als wahre Verfasser (veri auctores) in Dienst genommen, die mit ihren eigenen Fähigkeiten und in ihrer Sprache schrieben. Damit weist das Konzil zwei Verkürzungen ab — die Verbal- oder Diktatinspiration, die den Menschen zum bloßen Schreibwerkzeug machte, und eine rein menschliche Deutung, die Gottes Wirken leugnet. Die Schrift lehre, so DV 11, „ohne Irrtum die Wahrheit, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte" (veritas salutaris); die Irrtumslosigkeit bezieht sich also auf die Heilswahrheit, nicht auf naturwissenschaftliche oder historische Detailfragen.
Die Festlegung durch Trient ist nicht der Beginn, sondern der lehramtliche Abschluss eines langen Prozesses. Schon im 4. Jahrhundert nennt das 39. Osterfestschreiben des Athanasius (367) genau die 27 Bücher des Neuen Testaments, und die nordafrikanischen Synoden von Hippo (393) und Karthago (397) bestätigen den vollen Umfang. Trient reagierte erst angesichts der reformatorischen Kanonbeschneidung mit einer dogmatischen Definition. Der Kanon ist damit ein Musterfall des katholischen Zusammenspiels von Schrift und kirchlicher Rezeption: Die Kirche hat den Kanon nicht „erfunden" oder beschlossen, sondern die bereits wirksame inspirierte Autorität der Schriften erkannt und festgestellt.
Die offizielle deutschsprachige katholische Bibelausgabe ist die Einheitsübersetzung (revidiert 2016), herausgegeben von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Katholischen Bibelwerk. Bibelstellen werden nach dem Schema Buch Kapitel,Vers angegeben (z. B. Gen 1,27 oder Joh 3,16); ein Semikolon trennt mehrere Stellen, ein Bindestrich einen Versbereich (Mk 4,35–41). Diese präzise Stellenangabe ist in der Klausur unverzichtbar, weil jede exegetische Aussage am Text zu belegen ist — ein „die Bibel sagt" ohne Stelle gilt als unbelegte Behauptung und kostet Punkte.

Abiturfokus

  • Operator „darstellen": Hauptbuchgruppen des AT und NT korrekt benennen und mit je einem Beispiel belegen.
  • Unterschied katholisch / evangelisch im AT-Kanon (Deuterokanonika) erklären.
  • Dei Verbum 11 (Inspiration als Mit-Autorschaft) korrekt zitieren bzw. paraphrasieren.
  • Operator „einordnen": die Festlegung des Kanons durch Trient (Sessio IV, 1546) als Abschluss eines Rezeptionsprozesses verorten.

Typische Fehler

  • Deuterokanonika als „Apokryphen" abwerten — sie sind im katholischen Kanon kanonisch.
  • Kanonbildung als einmaligen Akt darstellen; sie war ein Jahrhunderte langer Rezeptionsprozess.
  • Inspiration mit Verbal- oder Diktatinspiration verwechseln — Dei Verbum 11 lehrt eine kooperative Verfasserschaft.
  • AT- und NT-Buchgruppen vertauschen (z. B. die katholischen Briefe den Paulusbriefen zurechnen).

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie das Verhältnis von Septuaginta und „Hebraica veritas". Hieronymus übersetzte die Vulgata aus dem Hebräischen und betrachtete die deuterokanonischen Bücher als zweitrangig, während Augustinus an der griechischen Septuaginta als Bibel der Kirche festhielt. Erörtern Sie, wie diese altkirchliche Spannung den bis heute bestehenden katholisch-reformatorischen Kanonunterschied vorbereitet und welche grundsätzliche Bedeutung die Wahl der Textbasis für das Schriftverständnis hat.

Aktive Wiederholung

Stellen Sie den Aufbau der katholischen Bibel dar und erläutern Sie den Unterschied zum evangelischen Kanon anhand der Deuterokanonika. Beziehen Sie Dei Verbum 11 (Inspiration) in Ihre Antwort ein.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Einheitsübersetzung 2016 (Bibleserver) (Katholisches Bibelwerk) · Dei Verbum — Konstitution über die göttliche Offenbarung (II. Vatikanisches Konzil) · Katechismus der Katholischen Kirche (Online-Ausgabe) (Libreria Editrice Vaticana)

§ 02

Hermeneutische Methoden — hist.-krit., Schriftsinne, kanonisch#

●●○StandardLPkmk-epa-religion-kath-bibelkundeLPvat-ii-dei-verbum-art-12

Hermeneutische Methoden der Bibelauslegung

Hermeneutische Methoden der BibelauslegungTabelle mit 3 Spalten und 6 Zeilen, Daten: Hist.-kritisch · Vier Schriftsinne · Kanonisch; Textkritik · 1. Literalsinn · Gesamtkanon; Literarkritik · 2. Allegorisch · Glaubensregel; Formkritik · 3. Moralisch · Lebend. Tradition; Traditionskritik · 4. Anagogisch · Analogia fidei; Redaktionskritik · · Lehramt; Sitz im Leben · · HIST.-KRITISCHVIER SCHRIFTSINNEKANONISCHTextkritik1. LiteralsinnGesamtkanonLiterarkritik2. AllegorischGlaubensregelFormkritik3. MoralischLebend. TraditionTraditionskritik4. AnagogischAnalogia fideiRedaktionskritikLehramtSitz im LebenDei Verbum 12; PBK 1993
Abb. 2Historisch-kritische Methode, kanonische Lektüre und vier Schriftsinne — Dei Verbum 12 verlangt ihre Verbindung.

Kernpunkte

Hermeneutik (von griechisch hermēneúein, „auslegen, deuten") ist die Lehre vom Verstehen und Auslegen von Texten. Sie wird nötig, weil zwischen dem heutigen Leser und der Bibel ein doppelter Abstand liegt: ein zeitlicher (die Texte sind 2000 bis 3000 Jahre alt), ein sprachlich-kultureller (Hebräisch, Aramäisch, Griechisch; antikes Weltbild). Die katholische Exegese überbrückt diesen Abstand durch ein Zusammenspiel zweier Zugänge — der historisch-kritischen Methode, die nach dem ursprünglichen Sinn fragt, und einer theologisch-kirchlichen Lektüre, die den Text als Wort Gottes im Glauben der Kirche liest. Die Päpstliche Bibelkommission hat dies im Dokument „Die Interpretation der Bibel in der Kirche" (1993) ausdrücklich festgehalten: Die historisch-kritische Methode ist „unerlässlich", zugleich aber durch theologische Lektüre zu ergänzen — gegen Fundamentalismus wie gegen reinen Historismus.
Die historisch-kritische Methode arbeitet in fünf Schritten, die in der Klausur in dieser Reihenfolge benannt werden sollten (vgl. Abb. „Schritte der Bibelauslegung"). Den Anfang macht die Textkritik: Aus den tausenden Handschriften wird der wahrscheinlich ursprüngliche Wortlaut rekonstruiert, da kein Autograph erhalten ist. Es folgt die Literarkritik: Sie untersucht den Text auf Quellen, Brüche, Doppelungen und Spannungen — so führt sie im Pentateuch zur Quellenscheidung (Priesterschrift, Jahwist) und im NT zur Zwei-Quellen-Theorie.
Die Formkritik (auch Gattungskritik) bestimmt die literarische Gattung eines Textes und ihren „Sitz im Leben" (Hermann Gunkel): den ursprünglichen sozialen Verwendungsort — etwa Liturgie, Rechtsspruch, Lehre oder Mission. Die Traditionskritik fragt nach der mündlichen Vorgeschichte des überlieferten Stoffes, die Redaktionskritik nach der theologischen Gestaltungsabsicht des Endredaktors (warum etwa Matthäus eine markinische Szene umformt). Erst alle fünf Schritte zusammen — Text-, Literar-, Form-, Traditions- und Redaktionskritik — bilden die vollständige Methode; das gA-Niveau verlangt mindestens die ersten drei.
Quer zur historischen Methode steht der vierfache Schriftsinn der mittelalterlichen Tradition (Augustinus, Johannes Cassian, Thomas von Aquin): Der Literalsinn (sensus litteralis) erfasst, was der Text wörtlich-historisch meint, und ist das Fundament aller weiteren Sinne. Der allegorische Sinn deutet christologisch (was im Licht Christi zu glauben ist), der moralische oder tropologische Sinn fragt nach dem rechten Handeln, der anagogische Sinn weist auf die eschatologische Vollendung. Der Merkvers des Augustinus von Dänemark fasst dies zusammen: „Littera gesta docet, quid credas allegoria, moralis quid agas, quo tendas anagogia." Entscheidend ist nach Thomas und KKK 115–119: Die geistlichen Sinne ruhen auf dem Literalsinn und sind nicht Willkür, sondern an die Glaubensregel gebunden.
Die kanonische Lektüre (canonical approach, Brevard S. Childs) liest jeden Einzeltext im Zusammenhang des ganzen Kanons und im Glauben der Kirche. Sie ist keine Rückkehr hinter die historische Kritik, sondern ihre theologische Vollendung: Der historisch rekonstruierte Sinn bleibt das Fundament, gewinnt aber im Gesamtzeugnis der Schrift seine volle Tiefe. So lässt sich etwa ein alttestamentlicher Text in seinem Eigensinn und zugleich in seiner Wirkung auf das NT lesen, ohne das eine gegen das andere auszuspielen.
Dei Verbum 12 ist das methodische Programm dieser Synthese. Es verlangt zunächst Aufmerksamkeit für die literarischen Gattungen und die Absicht der menschlichen Verfasser (das historische Moment) und nennt sodann drei Kriterien lehramtlich verantworteter Auslegung: (1) den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift, (2) die lebendige Überlieferung der ganzen Kirche und (3) die analogia fidei (Glaubensanalogie, das heißt der innere Zusammenhang der Glaubenswahrheiten). Damit hält DV 12 die menschliche und die göttliche Seite der Schrift in einer einzigen Methode zusammen.
Der lehramtliche Rahmen ist in Dei Verbum 10 präzise bestimmt: Das Lehramt (Magisterium) steht „nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm" — es ist authentischer Ausleger im Auftrag Christi, nicht eine eigenständige Wahrheitsquelle und keine Zensurinstanz. Auslegung geschieht im Dienst der Glaubensregel. Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. hat in „Jesus von Nazaret" (2007) für eine solche „kanonische Exegese" plädiert, die die Ergebnisse der historischen Kritik mit dem Glauben der Kirche verbindet, statt beide gegeneinander zu stellen.
Musterlösung

Strukturierte Bibelexegese am Beispiel Mk 4,35–41 (Sturmstillung)

Analysieren Sie die Sturmstillungsperikope (Mk 4,35–41) mit den Schritten Textkritik, Literarkritik, Formkritik und Redaktionskritik. Interpretieren Sie die theologische Botschaft.

  1. 01Schritt 1 — Textkritik und Übersetzung

    Vergleich der ältesten griechischen Handschriften (Codex Sinaiticus, Vaticanus). Klärung von Lesarten und Stellung der Perikope im Markusevangelium (Übergang von Wundererzählungen zu Christologie).

  2. 02Schritt 2 — Literarkritik

    Abgrenzung der Perikope (V. 35 Übergang, V. 41 Schlussfrage). Beobachtung markinischer Vorzugsworte (kai euthys, antwortende Reden). Stellung im Aufriss (nach Gleichniskapitel Mk 4,1–34).

  3. 03Schritt 3 — Formkritik (Sitz im Leben)

    Klassifikation als Naturwunder / Rettungswunder mit klassischer Dreigliederung: Notlage (V. 37), Wunderhandeln Jesu (V. 39), Demonstration (V. 41). Sitz im Leben: katechetische Verkündigung in der bedrängten Urgemeinde.

  4. 04Schritt 4 — Traditions- und Redaktionskritik

    Vergleich mit Mt 8,23–27 und Lk 8,22–25: Mk bewahrt die schroffe Anrede „Habt ihr noch keinen Glauben?". Mt mildert ab. Markinische Redaktion betont den Glauben in der Krise — Botschaft an die Gemeinde nach 70 n. Chr.

  5. 05Schritt 5 — Theologische Interpretation

    Christologisches Bekenntnis (V. 41): Wer ist dieser? — Anspielung auf JHWHs Macht über das Chaoswasser (Ps 89,10; Ps 107,29). Ekklesiologie: Schiff als Bild der Kirche, Jesus als rettender Herr inmitten der Bedrängnis. Hermeneutischer Anschluss an die Lebenssituation heutiger Glaubender.

Ergebnis: Die Sturmstillung ist kein historischer Reisebericht, sondern theologische Verkündigung: Jesus Christus offenbart in der Krisensituation seine göttliche Vollmacht. Die Frage „Wer ist dieser?" ist die christologische Mitte des Markusevangeliums.

Abiturfokus

  • Operator „interpretieren": fünf Schritte der hist.-krit. Methode an einem unbekannten Bibeltext anwenden.
  • Die vier Schriftsinne an einem Beispiel (z. B. Exodus) konkret durchspielen.
  • Dei Verbum 12 als methodisches Programm korrekt referieren.
  • Operator „erläutern": die drei DV-12-Kriterien (Einheit der Schrift, Tradition, analogia fidei) am Beispiel anwenden.

Typische Fehler

  • Hist.-krit. Methode und kanonische Lektüre als gegensätzlich darstellen — sie ergänzen sich (DV 12).
  • Allegorischen Schriftsinn mit Willkür verwechseln; er ist regelgeleitet (Glaubensregel).
  • Lehramt als „Zensur" missverstehen — DV 10 betont seinen dienenden Charakter.
  • Die fünf Schritte der hist.-krit. Methode in falscher Reihenfolge oder unvollständig (ohne Traditions-/Redaktionskritik) wiedergeben.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie das Verhältnis von hist.-krit. Methode (R. Bultmann, J. Gnilka) und kanonischer Exegese (B. S. Childs, J. Ratzinger / Benedikt XVI. „Jesus von Nazaret") und entwickeln Sie einen methodischen Synthesevorschlag.

Aktive Wiederholung

Interpretieren Sie Gen 22,1–19 (Bindung Isaaks) mit den vier Schriftsinnen und der hist.-krit. Methode. Verbinden Sie die Ergebnisse im Sinne von Dei Verbum 12.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Dei Verbum — Konstitution über die göttliche Offenbarung (II. Vatikanisches Konzil) · Katechismus der Katholischen Kirche (Online-Ausgabe) (Libreria Editrice Vaticana)

§ 03

Biblische Gattungen und ihre Auslegung#

●●○StandardLPkmk-epa-religion-kath-bibelkunde

Kernpunkte

Eine Gattung ist eine literarische Ausdrucksform mit eigenen Regeln, Erwartungen und einem eigenen Wahrheitsanspruch. Die Gattungskenntnis ist die Voraussetzung jeder sachgerechten Auslegung, weil die Gattung steuert, welche Art von Wahrheit ein Text überhaupt aussagen will: Ein Gedicht, ein Gesetz, ein Gleichnis und eine Chronik „meinen" auf je verschiedene Weise. Dei Verbum 12 hat diese Einsicht lehramtlich verankert, indem es fordert, der Ausleger müsse auf die „literarischen Arten" achten, da die Wahrheit in geschichtlichen, prophetischen, dichterischen oder anderen Redeweisen verschieden dargestellt werde. Wer die Gattung verkennt, verkennt die Wahrheitsfrage des Textes.
Das Alte Testament bietet ein breites Spektrum an Gattungen. Dazu gehören der Mythos bzw. die Urgeschichte (Gen 1–11) als sinnstiftende Rede über Ursprung und Grund der Welt, die Saga oder Vätererzählung (Gen 12–50), das Recht (die Tora mit apodiktischen Verboten wie dem Dekalog und kasuistischem „Wenn-dann"-Recht), der Psalm in seinen Untergattungen (Klage, Hymnus, Dank), der Weisheitsspruch (Sprichwörter), das Prophetenwort (Gerichts- und Heilsworte) sowie die apokalyptische Vision (Dan 7–12). Jede dieser Gattungen verlangt eine andere Leseweise.
Das Neue Testament hat eigene Gattungen ausgebildet. Das Evangelium ist eine im Christentum neu entstandene Gattung — verkündigende Glaubenszeugnisse „auf das Ziel hin geschrieben", nicht moderne Biografien. Hinzu kommen das Gleichnis als Hauptsprachform Jesu, die Wundererzählung mit ihrem festen formgeschichtlichen Aufbau (Notlage — Wunderhandeln — Demonstration), der antike Brief mit Präskript, Korpus und Postskript (so die Paulusbriefe) und das apokalyptische Schreiben (Offenbarung des Johannes) mit seiner Bildsprache der Bedrängniszeit. Die Gattungsbestimmung eröffnet jeweils den passenden Verstehenshorizont.
Der schwierigste Fall ist der Wahrheitsanspruch des Mythos. Ein Schöpfungsmythos wie Gen 1 „lügt" nicht, weil er gar kein naturwissenschaftliches Protokoll sein will: Er sagt Wahres über den Ursprung der Welt aus Gottes Wort, über die Geschöpflichkeit alles Seienden und über die Würde des Menschen als Bild Gottes — nicht aber über biologische Abläufe oder das Alter des Kosmos. Mythos ist daher von „Märchen" oder „Lüge" streng zu unterscheiden; er ist eine verdichtete, sinnstiftende Ausdrucksform. So lässt sich der scheinbare Konflikt mit der Naturwissenschaft auflösen: Gen 1 und die Evolutionstheorie beantworten verschiedene Fragen — die theologische „Warum/Wozu"-Frage und die naturwissenschaftliche „Wie"-Frage.
Den ursprünglichen Ort einer Gattung erfasst Hermann Gunkels Begriff vom „Sitz im Leben": Jede Gattung hat einen typischen sozialen Verwendungsort, der ihre Form prägt — die Liturgie für den Hymnus, die Bundesfeier für die Rechtsformel, die Schule für den Weisheitsspruch, das Gericht für die Anklagerede. Dieser Sitz im Leben ist nicht mit der Entstehungszeit eines Textes zu verwechseln: Gefragt ist nicht, wann, sondern wozu und in welcher Lebenssituation eine Gattung gebraucht wurde. Die Kenntnis des Sitzes im Leben verhindert anachronistische Fehldeutungen.
Eine besondere Rolle spielt das Gleichnis, weil es in der Klausur häufig vorgelegt wird. Adolf Jülicher hat 1899 gegen die altkirchliche Allegorisierung gezeigt, dass ein Gleichnis nur einen Vergleichspunkt (tertium comparationis) trägt — nicht jedes Detail bedeutet etwas. Wer ein Gleichnis allegorisch überdehnt, verfehlt seine Pointe. Diese gattungskritische Regel ist die Brücke zum Inhaltsfeld Neues Testament, wo die Gleichnisse Jesu als Sprache des Gottesreiches ausführlich behandelt werden.
Praktisch heißt das: Der Operator „die Gattung bestimmen" verlangt zwei Schritte — die Gattung korrekt benennen und ihre Auslegungskonsequenz ziehen. Erst die zweite Leistung zeigt Verständnis: Aus „Gen 1 ist ein Schöpfungsmythos" folgt, dass man nicht nach Naturabläufen, sondern nach der Aussage über Gott, Welt und Mensch fragen muss. Die Gattung legt fest, welche Fragen an den Text sachgemäß sind und welche ihn verfehlen.

Abiturfokus

  • Operator „analysieren": die Gattung eines vorgelegten Bibeltextes bestimmen und ihre Auslegungskonsequenz benennen.
  • Unterschied Gattung „Evangelium" und moderne Biographie erläutern.
  • Wahrheitsanspruch eines Mythos (Gen 1–11) gegen ein naturwissenschaftliches Lesen abgrenzen.
  • Operator „erläutern": den „Sitz im Leben" (H. Gunkel) als gattungsbestimmenden Faktor benennen.

Typische Fehler

  • Alle Bibeltexte als „Tatsachenbericht" lesen — die Gattung steuert die Wahrheitsfrage.
  • Mythos mit „Lüge" oder „Märchen" gleichsetzen; er ist eine sinnstiftende Ausdrucksform.
  • Gleichnisse allegorisch überdehnen, statt den einen Vergleichspunkt zu suchen.
  • Den „Sitz im Leben" mit der Entstehungszeit verwechseln; gemeint ist der soziale Verwendungsort.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erörtern Sie die Mythos-Debatte. Rudolf Bultmanns Programm der „Entmythologisierung" wollte die mythische Einkleidung des NT in eine existenziale Botschaft übersetzen; Paul Ricœur dagegen versteht das Symbol als unhintergehbare Ausdrucksform („das Symbol gibt zu denken"). Diskutieren Sie, ob eine Entmythologisierung der Urgeschichte (Gen 1–11) deren theologischen Gehalt rettet oder gerade verkürzt.

Aktive Wiederholung

Bestimmen Sie die Gattung von Gen 1,1–2,4a und erläutern Sie, welche Konsequenzen die Gattungsbestimmung für die Auslegung des Schöpfungstextes hat.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Einheitsübersetzung 2016 (Bibleserver) (Katholisches Bibelwerk) · Dei Verbum — Konstitution über die göttliche Offenbarung (II. Vatikanisches Konzil)

§ 04

Schrift, Tradition und Lehramt (Dei Verbum 7–10)#

●●●VertiefungLPkmk-epa-religion-kath-bibelkundeLPvat-ii-dei-verbum-art-10

Kernpunkte

Die Grundfrage dieses Abschnitts lautet: Wie gelangt die Offenbarung Gottes, die in Jesus Christus ihren Höhepunkt fand, bis zu uns? Dei Verbum 7 antwortet: Die in Christus ergangene Offenbarung wird weitergegeben (tradiert) — und zwar in zwei eng verbundenen Gestalten, der Heiligen Schrift und der Tradition, denen das Lehramt als authentischer Ausleger dient. Dieses „Dreieck" aus Schrift, Tradition und Lehramt ist die katholische Antwort auf die Frage nach der bleibenden Gegenwart des Wortes Gottes und ein klassischer Streit- und Dialogort mit der Reformation.
Den Schlüssel liefert Dei Verbum 9: Schrift und Tradition entspringen „derselben göttlichen Quelle" (eadem divina scaturigine), fließen gleichsam zusammen und bilden ein einziges heiliges Vermächtnis (depositum fidei). Damit überwindet das Konzil ausdrücklich das ältere „Zwei-Quellen-Modell", nach dem die Tradition eigene, in der Schrift nicht enthaltene Wahrheiten beisteuere. Schrift und Tradition sind nicht zwei getrennte Wahrheitsquellen, sondern zwei Weisen, wie das eine Wort Gottes überliefert und entfaltet wird.
Tradition (griechisch parádosis, „Weitergabe") meint nicht „alte Bräuche", sondern die lebendige Überlieferung des ganzen Glaubens in Lehre, Leben und Gottesdienst der Kirche. Dei Verbum 8 beschreibt sie als dynamisch: Unter dem Beistand des Heiligen Geistes „wächst das Verständnis" der überlieferten Dinge, die Kirche strebt der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen. Zu unterscheiden ist daher die große Tradition (die apostolische Überlieferung des Glaubens) von den vielen wandelbaren Traditionen (kirchliche Gewohnheiten, Disziplinarformen), die sich ändern können.
Das Lehramt (Magisterium) ist in Dei Verbum 10 mit einer berühmten Formel bestimmt: Es steht „nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm" (non supra verbum Dei, sed eidem ministrans). Es legt das Wort Gottes — ob geschrieben oder überliefert — im Auftrag Christi authentisch aus, ist aber keine dritte, eigenständige Wahrheitsquelle neben Schrift und Tradition, sondern deren dienender Ausleger. DV 10 betont, dass die drei Größen so miteinander verbunden sind, dass keine ohne die anderen besteht: Schrift, Tradition und Lehramt bilden ein Gefüge, nicht eine Rangordnung konkurrierender Autoritäten.
Der Konfliktpunkt mit der Reformation ist das „sola scriptura" Martin Luthers: Allein die Schrift ist verbindliche Norm (norma normans), sie legt sich selbst aus (sui ipsius interpres) und ist in ihrer Heilsbotschaft klar (claritas scripturae). Demgegenüber liest die katholische Kirche die Schrift in der Tradition und unter dem Lehramt — nicht gegen sie. Der Unterschied ist real, aber kein schroffer Gegensatz: Auch die Reformation kennt Bekenntnisschriften und eine auslegende Gemeinschaft, und der ökumenische Dialog hat die Fronten erheblich entschärft.
Ein gewichtiges Argument für die katholische Position liefert der Kanon selbst: Die Schrift setzt die Kirche voraus, denn erst die glaubende Gemeinschaft hat unterschieden, welche Bücher inspiriert sind (siehe den Abschnitt zum Kanon). Die Schriften sind innerhalb der lebendigen Überlieferung entstanden und gelesen worden; sie lassen sich von der Tradition, die sie trägt und auslegt, nicht ablösen. „Schrift in der Kirche" ist deshalb keine Bevormundung der Bibel, sondern die Anerkennung ihres geschichtlichen Ortes.
Für die Klausur ist das „Dreieck" Schrift — Tradition — Lehramt ein häufiges Thema. Entscheidend sind zwei Punkte: erstens der dienende Charakter des Lehramts (DV 10), das nicht über, sondern unter dem Wort Gottes steht; zweitens die Ein-Quellen-Struktur (DV 9), die das Verhältnis als Einheit, nicht als Konkurrenz dreier Autoritäten begreift. Wer das Lehramt als „Zensur" oder als Zusatzoffenbarung darstellt, verfehlt die konziliare Aussage.

Abiturfokus

  • Operator „erläutern": das Dreieck Schrift — Tradition — Lehramt (DV 9–10) korrekt darstellen.
  • Den dienenden Charakter des Lehramts (DV 10) betonen.
  • Katholisches und reformatorisches Schriftverständnis vergleichen.
  • Operator „erläutern": Dei Verbum 9 (Schrift und Tradition aus „derselben göttlichen Quelle") als Einheitsaussage darstellen.

Typische Fehler

  • Tradition als bloße „alte Gewohnheiten" missverstehen; gemeint ist die lebendige Glaubensüberlieferung.
  • Lehramt als zusätzliche Offenbarungsquelle darstellen; DV 10 betont seinen dienenden Charakter.
  • „Sola scriptura" als völlige Traditionslosigkeit lesen; auch die Reformation kennt Bekenntnisse.
  • Schrift und Tradition als zwei voneinander getrennte Wahrheitsquellen darstellen (Zwei-Quellen-Modell), das DV 9 gerade überwindet.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie, inwiefern die katholische Lehre von der „Glaubensentwicklung" (J. H. Newman, „An Essay on the Development of Christian Doctrine" 1845) das Verhältnis von Schrift und Tradition dynamisiert.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie das Verhältnis von Schrift, Tradition und Lehramt nach Dei Verbum 9–10 und beurteilen Sie, inwiefern es das reformatorische „sola scriptura" überwindet oder ergänzt.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Dei Verbum — Konstitution über die göttliche Offenbarung (II. Vatikanisches Konzil) · Katechismus der Katholischen Kirche (Online-Ausgabe) (Libreria Editrice Vaticana)

§ 05

Textüberlieferung — Septuaginta, Kanonbildung, Textkritik#

●●○StandardLPkmk-epa-religion-kath-bibelkunde

Aufbau der katholischen Bibel (Kanon)

Aufbau der katholischen Bibel (Kanon)Tabelle mit 2 Spalten und 5 Zeilen, Daten: Altes Testament (46) · Neues Testament (27); Pentateuch · Evangelien (4); Geschichtsbücher · Apostelgeschichte; Weisheitsbücher · Paulusbriefe; Prophet. Bücher · Katholische Briefe; Deuterokanonisch · Offenbarung (Apk), hervorgehobene Zelle: DeuterokanonischALTES TESTAMENT (46)NEUES TESTAMENT (27)PentateuchEvangelien (4)GeschichtsbücherApostelgeschichteWeisheitsbücherPaulusbriefeProphet. BücherKatholische BriefeDeuterokanonischOffenbarung (Apk)73 Bücher; Kanon nach Trient (1546)
Abb. 3Altes Testament (46 Bücher inkl. Spätschriften) und Neues Testament (27 Bücher) — katholischer Umfang nach Trient (1546).

Kernpunkte

Von keinem biblischen Buch ist die Urschrift (das Autograph) erhalten; wir kennen den Text nur durch handschriftliche Kopien. Textüberlieferung bezeichnet die Weitergabe des Wortlauts durch diese Handschriften und die Frage, wie zuverlässig wir den ursprünglichen Text rekonstruieren können. Dieses Thema ist die empirische Grundlage aller Bibelwissenschaft und zugleich ein häufiger Streitpunkt: Der populäre Einwand, „die Bibel sei im Lauf der Zeit verändert und verfälscht worden", lässt sich nur mit Kenntnis der Textgeschichte sachlich beurteilen.
Die Septuaginta (LXX) ist die griechische Übersetzung des Alten Testaments, begonnen ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. im hellenistischen Alexandria (der Name geht auf die Legende von den 72 Übersetzern zurück). Sie war die Bibel der frühen, griechischsprachigen Kirche; die meisten alttestamentlichen Zitate im NT folgen ihrem Wortlaut. Entscheidend für unser Thema: Ihr weiterer Umfang — sie enthält die später deuterokanonisch genannten Bücher — erklärt den katholischen Kanon.
Demgegenüber steht der hebräische, masoretische Text: der von den jüdischen Masoreten (etwa 7.–10. Jh. n. Chr.) standardisierte und mit Vokalzeichen versehene Konsonantentext. Er ist die Grundlage des jüdischen und des reformatorischen Kanons. Die Differenz im Umfang zwischen Septuaginta und masoretischem Text ist der eigentliche Grund des katholisch-evangelischen Kanonunterschieds — eine Frage der Textbasis, nicht der Beliebigkeit.
Die Kanonbildung des Neuen Testaments folgte nachvollziehbaren Kriterien: Apostolizität (Rückbindung an apostolische Autorität), Katholizität (allgemeine Anerkennung in den Kirchen) und Rechtgläubigkeit (Übereinstimmung mit der Glaubensregel). Der Prozess war lang: Die Häresie Markions (um 140), der einen verkürzten Kanon vorlegte, zwang die Kirche zur Klärung; das Muratori-Fragment (Ende 2. Jh.) bezeugt einen schon weitgehenden Bestand; das 39. Osterfestschreiben des Athanasius (367) nennt erstmals genau die 27 Bücher, die Synoden von Hippo (393) und Karthago (397) bestätigen sie. Der Kanon war damit faktisch im 4. Jahrhundert geschlossen.
Die Textkritik rekonstruiert aus den überlieferten Zeugen den wahrscheinlich ursprünglichen Wortlaut. Sie verfügt über ein außergewöhnlich reiches Material: kleine, sehr frühe Papyri (etwa der Johannes-Papyrus P52, um 125 n. Chr.), die großen Pergament-Codices des 4. Jahrhunderts (Codex Sinaiticus, Codex Vaticanus) und tausende weitere Handschriften. Aus den Lesarten wird nach festen äußeren (Alter, geografische Streuung der Zeugen) und inneren Kriterien (etwa lectio difficilior — die schwierigere Lesart ist meist ursprünglicher) die beste Lesart bestimmt. Das NT ist damit der am besten bezeugte Text der gesamten Antike.
Die Funde von Qumran (Schriftrollen vom Toten Meer, ab 1947) sind für das Alte Testament von herausragender Bedeutung: Sie enthalten Handschriften, die rund tausend Jahre älter sind als die zuvor ältesten hebräischen Zeugen. Der Vergleich — etwa der große Jesaja-Rolle mit dem masoretischen Text — zeigt eine bemerkenswerte Überlieferungstreue über ein ganzes Jahrtausend hinweg und widerlegt die These einer großflächigen Textverfälschung.
Theologisch ergibt sich daraus: Die Textüberlieferung ist erstaunlich stabil; die zahllosen Varianten betreffen ganz überwiegend Schreibung, Wortstellung oder Kleinigkeiten und berühren keine Glaubenslehre. Die Textkritik untergräbt den Glauben nicht, sondern dient ihm, indem sie der Auslegung den bestmöglichen Text bereitstellt. Wer von „Verfälschung" spricht, verwechselt die normale handschriftliche Variantenbildung mit inhaltlicher Manipulation.

Abiturfokus

  • Operator „darstellen": Rolle der Septuaginta für den katholischen Kanon erläutern.
  • Kriterien der NT-Kanonbildung (Apostolizität, Katholizität, Rechtgläubigkeit) nennen.
  • Aufgabe der Textkritik korrekt beschreiben.
  • Operator „darstellen": die drei NT-Kanonkriterien (Apostolizität, Katholizität, Rechtgläubigkeit) zuordnen.

Typische Fehler

  • Annahme, der Bibeltext sei „verändert" oder „verfälscht" worden — die Textkritik zeigt eine bemerkenswert stabile Überlieferung.
  • Kanonbildung als willkürlichen Kirchenbeschluss darstellen; sie folgte nachvollziehbaren Kriterien.
  • Septuaginta und masoretischen Text verwechseln (Grund des Kanonunterschieds).
  • Den faktischen Abschluss des NT-Kanons (4. Jh., Athanasius-Brief 367) zeitlich falsch ansetzen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erläutern Sie an einem konkreten Beispiel, wie textkritische Entscheidungen getroffen werden. Das „Comma Johanneum" (1 Joh 5,7–8 in der Langfassung) bietet eine ausdrücklich trinitarische Formulierung, fehlt aber in den ältesten griechischen Handschriften und gilt als späterer Zusatz. Diskutieren Sie die Kriterien (äußere Bezeugung, lectio difficilior, lectio brevior) und die theologische Frage, ob die Trinitätslehre eines solchen Verses bedarf.

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie die Bedeutung der Septuaginta für den katholischen Bibelkanon und beurteilen Sie, inwiefern die Qumran-Funde die Verlässlichkeit der alttestamentlichen Textüberlieferung stützen.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Einheitsübersetzung 2016 (Bibleserver) (Katholisches Bibelwerk) · Katechismus der Katholischen Kirche (Online-Ausgabe) (Libreria Editrice Vaticana)

§ 06

Bibel als Wort Gottes in Liturgie und Glaubenspraxis#

●○○BasisLPkmk-epa-religion-kath-bibelkunde

Kernpunkte

Die Bibel ist für den Glauben nicht nur Gegenstand der Wissenschaft, sondern lebendiges Wort Gottes in Gottesdienst und persönlichem Leben. Dei Verbum 21 bringt das in einem starken Bild zum Ausdruck: Die Kirche verehrt die Heilige Schrift, „wie sie auch den Leib des Herrn selbst verehrt" — Wort Gottes und Eucharistie stehen als die zwei Tische (mensae) des einen Brotes des Lebens nebeneinander. Diese Aussage hat einen liturgischen Ort: Die heilige Messe besteht aus Wortgottesdienst und Eucharistiefeier, die eine einzige Gottesdiensthandlung bilden.
Die liturgische Schriftverwendung ist in einer Leseordnung (dem Lektionar) geregelt. An Sonn- und Festtagen läuft ein dreijähriger Zyklus (Lesejahr A mit Schwerpunkt Matthäus, B mit Markus, C mit Lukas; Johannes in den österlichen Zeiten), an Werktagen ein zweijähriger Zyklus. Höhepunkt des Wortgottesdienstes ist die Verkündigung des Evangeliums (mit eigenen Ehrenzeichen wie Stehen, Akklamation, Leuchtern), an die sich die Homilie (Predigt) anschließt — die Auslegung der Schriftlesungen für die versammelte Gemeinde.
Für das persönliche Schriftgebet hat die Kirche die lectio divina bewahrt (KKK 1177, 2708), eine ursprünglich monastische Praxis (klassisch nach Guigo dem Kartäuser). Sie verläuft in vier Schritten: lectio (den Text aufmerksam lesen), meditatio (über seinen Sinn nachsinnen), oratio (im Gebet antworten) und contemplatio (im Schweigen bei Gott verweilen). Die lectio divina ist nicht bloße Bibelinformation, sondern betendes Schriftgespräch — der Text wird zur Anrede Gottes an den einzelnen Glaubenden.
Im persönlichen Glauben ist die Schrift „gleichsam ein Brief des allmächtigen Gottes an seine Geschöpfe" (Gregor der Große). Dei Verbum 22 fordert deshalb einen breiten Zugang zur Bibel, ausdrücklich auch durch gute Übersetzungen in die Volkssprache; Dei Verbum 25 ruft alle Gläubigen zur häufigen Schriftlesung auf und zitiert das Wort des Hieronymus: „Unkenntnis der Schrift ist Unkenntnis Christi." Die Bibel soll also nicht hinter Theologen verschlossen, sondern allen erschlossen sein.
Ein verbreitetes Missverständnis ist zu korrigieren: Die These, die katholische Kirche habe die Bibellektüre der Laien grundsätzlich „verboten", ist historisch zu pauschal. Es gab in bestimmten Epochen Beschränkungen einzelner, unautorisierter Volkssprachübersetzungen (zur Abwehr von Irrtümern), aber kein generelles Leseverbot; Dei Verbum 22 fördert den Zugang nun nachdrücklich. Die nachkonziliare Einheitsübersetzung und die heutige Bibelpastoral sind der praktische Ausdruck dieser Förderung.
Die Wirkung des Konzils war groß: Dei Verbum hat die katholische Bibelfrömmigkeit nach 1965 spürbar belebt — durch eine schriftorientierte Predigt, durch Bibelkreise und Bibelpastoral, durch die ökumenische Zusammenarbeit (Psalmen und Neues Testament der Einheitsübersetzung wurden zunächst ökumenisch erarbeitet) und durch die volkssprachliche Liturgie. Die Bibel ist seither stärker ins Zentrum des katholischen Glaubenslebens gerückt.
Schließlich verbindet sich die Glaubenspraxis mit der Hermeneutik: In Liturgie und lectio divina bleibt der Literalsinn das Fundament, doch die geistlichen Schriftsinne (allegorisch, moralisch, anagogisch) nähren das Gebet. So wird etwa „Jerusalem" zugleich als historische Stadt, als Bild der Kirche und als himmlische Vollendung gelesen — der Schritt vom wissenschaftlich erhobenen zum betend angeeigneten Sinn (vgl. das durchgespielte Beispiel der vier Schriftsinne).
Musterlösung

Die vier Schriftsinne am Beispiel „Jerusalem" durchspielen

Interpretieren Sie den Begriff „Jerusalem" mit den vier mittelalterlichen Schriftsinnen und erläutern Sie, wie Literalsinn und geistliche Sinne zusammenhängen.

  1. 01Schritt 1 — Literalsinn (sensus litteralis)

    Jerusalem bezeichnet zunächst die historische Stadt in Judäa, die Davidsstadt, Ort des Tempels und der Passion Jesu. Der Literalsinn ist das Fundament, auf dem alle anderen Sinne aufruhen (KKK 116).

  2. 02Schritt 2 — Allegorischer Sinn (christologisch)

    Jerusalem wird zum Bild der Kirche als Volk Gottes (Gal 4,26: „das obere Jerusalem ist frei, und das ist unsere Mutter"). Der allegorische Sinn erschließt die Heilsbedeutung in Christus.

  3. 03Schritt 3 — Moralischer / tropologischer Sinn

    Jerusalem steht für die gläubige Seele bzw. für das rechte sittliche Verhalten — die innere „Gottesstadt", die der Christ in seinem Leben verwirklichen soll.

  4. 04Schritt 4 — Anagogischer Sinn (eschatologisch)

    Jerusalem wird zum „himmlischen Jerusalem" (Offb 21,2), zum Bild der endzeitlichen Vollendung und der ewigen Gemeinschaft mit Gott — Verweis auf das eschatologische Ziel.

  5. 05Schritt 5 — Zusammenhang

    Mittelalterlicher Merkvers (Augustinus von Dänemark): „Littera gesta docet, quid credas allegoria, moralis quid agas, quo tendas anagogia." Die geistlichen Sinne sind im Literalsinn verwurzelt (DV 12; KKK 115–119).

Ergebnis: Am Begriff „Jerusalem" zeigt sich das vierfache Sinngefüge: historische Stadt (Literal), Kirche (Allegorie), gläubige Seele (Moral), himmlische Vollendung (Anagogie). Die geistlichen Sinne entfalten, was im Literalsinn grundgelegt ist.

Abiturfokus

  • Operator „darstellen": Dei Verbum 21 (zwei Tische) erläutern.
  • Vier Schritte der lectio divina nennen.
  • Bedeutung der Volkssprache (DV 22) für die katholische Bibelfrömmigkeit aufzeigen.
  • Operator „darstellen": die vier Schritte der lectio divina (lectio, meditatio, oratio, contemplatio) zuordnen.

Typische Fehler

  • Annahme, die katholische Kirche habe die Bibellektüre der Laien verhindert — DV 22 fördert sie ausdrücklich.
  • Wortgottesdienst und Eucharistiefeier als getrennte Größen behandeln; sie bilden eine Einheit (DV 21).
  • Lectio divina als bloße Bibelinformation lesen; sie ist betendes Schriftgespräch.
  • Die Leseordnung (dreijähriger Sonntagszyklus A/B/C) mit einem einjährigen Zyklus verwechseln.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie das Verhältnis von wissenschaftlicher Exegese und geistlicher Schriftlesung. Trocknet die historisch-kritische Methode die Bibel als Gebets- und Glaubensbuch aus, oder bereitet sie deren geistliche Aneignung erst sachgerecht vor? Beziehen Sie das Plädoyer Joseph Ratzingers / Benedikts XVI. (Vorwort zu „Jesus von Nazaret") für eine Exegese ein, die den Text als Wort Gottes zu Wort kommen lässt.

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie die Aussage von Dei Verbum 21 („zwei Tische") und beurteilen Sie, inwiefern das II. Vatikanum die katholische Bibelfrömmigkeit erneuert hat.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Dei Verbum — Konstitution über die göttliche Offenbarung (II. Vatikanisches Konzil) · Katechismus der Katholischen Kirche (Online-Ausgabe) (Libreria Editrice Vaticana)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Kanon und Aufbau der katholischen Bibel○
    • 02Hermeneutische Methoden — hist.-krit., Schriftsinne, kanonisch◐
    • 03Biblische Gattungen und ihre Auslegung◐
    • 04Schrift, Tradition und Lehramt (Dei Verbum 7–10)●
    • 05Textüberlieferung — Septuaginta, Kanonbildung, Textkritik◐
    • 06Bibel als Wort Gottes in Liturgie und Glaubenspraxis○

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

Bibelwissenschaft und Hermeneutik

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4
Kompetenzen
Üben

Belege & Quellen

Quellen

Katholisches Bibelwerk

  • Einheitsübersetzung 2016 (Bibleserver)

II. Vatikanisches Konzil

  • Dei Verbum — Konstitution über die göttliche Offenbarung

Libreria Editrice Vaticana

  • Katechismus der Katholischen Kirche (Online-Ausgabe)

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