Zum Hauptinhalt springen
EuraStudyMatura · Abitur · Bac · Selectividad · MMXXVI
StartMaturaAbiturBacSelectividadMaturitàHAVOVWOSecundárioA-LevelsLeaving CertificateMaturaΠανελλαδικέςNachrichtenForschung
AnmeldenRegistrieren
EuraStudy
Notizen/Katholische Religionslehre/Altes Testament: Schöpfung, Bund, Prophetie
Notizen · Katholische ReligionslehreDE · Abitur

Altes Testament: Schöpfung, Bund, Prophetie

Schwerpunkte des Alten Testaments für das katholische Abitur: Schöpfungsberichte (Gen 1 / Gen 2), Bundesvorstellungen (Noach, Abraham, Sinai, neuer Bund Jeremia 31), prophetische Sozial- und Gerichtskritik (Amos, Jesaja) sowie Weisheits- und Klagetraditionen (Ijob, Ps). Theologische Grundbegriffe und ihre Vorbereitung auf das Neue Testament.

6 Abschnitte·~28 Min Lesezeit·4 Kompetenzen·Niveau Basis 1 · Standard 4 · Vertiefung 1·Stand 06/2026

T·0222 / 12
Prüfungsprofil
KATH-REL-AT1 · Schöpfungstexte (P / J) exegetisch und systematisch erschließenKATH-REL-AT2 · Bundestheologie des AT entwickeln (Abraham, Sinai, neuer Bund)KATH-REL-AT3 · Prophetische Sozialkritik analysieren und auf Gegenwartsfragen beziehenKATH-REL-AT4 · Weisheits- und Klageliteratur als anthropologische Sprache erschließen
Operatoren:darstellenanalysiereninterpretierenerläuternerörternbeurteilen

grundlegendes Niveau

gA: Aussageabsicht der beiden Schöpfungsberichte, drei zentrale Bundesschlüsse (Abraham, Sinai, neuer Bund), Amos als Sozialprophet, Ps 22 als Klagegebet.

erhöhtes Niveau

eA: Priesterschrift / Jahwist als literarische Schichten, Bundesformel und ihre Wandlung, prophetisches Selbstverständnis (Berufung, Vision, Wort-Ereignis-Formel), Theodizee in Ijob und Koh, Wirkungsgeschichte AT — NT (Typologie).

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Altes Testament: Schöpfung, Bund, Prophetie
    • 01Schöpfungsberichte und Bundestheologie◐
    • 02Prophetie und Weisheitsliteratur◐
    • 03Exodus, Befreiung und Dekalog◐
    • 04Psalmen — Sprache des Gebets○
    • 05Bund, Erwählung und das Volk Israel◐
    • 06Vom AT zum NT — Typologie und Wirkungsgeschichte●
§ 01

Schöpfungsberichte und Bundestheologie#

●●○StandardLPkmk-epa-religion-kath-atLPkath-reli-if1-mensch

Kernpunkte

Die Bibel beginnt mit zwei eigenständigen Schöpfungserzählungen, die aus verschiedenen Quellen und Zeiten stammen und nebeneinandergestellt wurden. Sie als chronologische Fortsetzung zu lesen, ist der klassische Fehler — es handelt sich um zwei in sich geschlossene theologische Aussagen über Gott, Welt und Mensch, die sich ergänzen, nicht widersprechen. Beide sind nach katholischem Verständnis keine Naturgeschichte, sondern Glaubenszeugnisse über den Ursprung und das Ziel der Wirklichkeit (KKK 280–289); ihre Wahrheit liegt im „Warum/Wozu", nicht im „Wie".
Der erste Bericht, Gen 1,1–2,4a, stammt von der Priesterschrift (P), entstanden in der Exilszeit (etwa 6. Jh. v. Chr.). Er ist streng gegliedert, hymnisch-liturgisch und beschreibt eine geordnete Schöpfung in sieben Tagen, die Gott durch sein bloßes Wort hervorbringt („Gott sprach … und es wurde"). Höhepunkt ist der Mensch als Bild Gottes (Gen 1,27: „als Mann und Frau schuf er sie"), gekrönt vom Sabbat als Ruhe Gottes. Im exilischen Kontext wirkt der Text entmythologisierend: Sonne und Mond sind nicht Gottheiten, sondern „Leuchten", und der Mensch ist nicht Sklave der Götter (wie im babylonischen Enuma Elisch), sondern Gottes Ebenbild mit einem Auftrag zur Verantwortung für die Schöpfung (Gen 1,28).
Der zweite Bericht, Gen 2,4b–25, gilt traditionell als jahwistisch (J) und ist älter erzählt (anthropomorph, bildhaft). Hier formt Gott den Menschen (adam) aus dem Ackerboden (adamah) und haucht ihm Lebensatem ein (Gen 2,7), pflanzt einen Garten und stellt den Menschen in ein Beziehungsgefüge zu Gott, zur Erde und zum Mitmenschen. Die Frau wird aus der „Rippe" gebildet — ein Bild der Ebenbürtigkeit („Bein von meinem Bein", Gen 2,23), nicht der Unterordnung. Gott erscheint nah und persönlich, wie ein Töpfer und Gärtner; im Zentrum steht die Erkenntnis, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist, das „nicht allein sein" soll (Gen 2,18).
Beide Berichte sind komplementär: P betont die Transzendenz Gottes und die Würde des Menschen als imago Dei; J betont die Nähe Gottes und die Geschöpflichkeit und Beziehungsangewiesenheit des Menschen (Gen 2,7: Leib und Lebensatem ergeben den lebendigen Menschen, nefesch). Erst zusammen geben sie das volle biblische Menschen- und Gottesbild — der Mensch ist zugleich erhaben (Bild Gottes) und demütig (aus Staub). KKK 337–349 deutet die Schöpfungstexte entsprechend als Glaubensaussagen, nicht als Konkurrenz zur Naturwissenschaft.
Die Aussage vom Menschen als Bild Gottes (Gen 1,27, imago Dei) ist das Fundament der katholischen Anthropologie und der Personwürde. Gemeint ist keine körperliche Ähnlichkeit, sondern die personale, vernunftbegabte, freie und beziehungsfähige Wesensbestimmung des Menschen. Aus ihr folgt die unverlierbare und allen Menschen gleiche Würde — die Wurzel der christlichen Begründung der Menschenrechte und Bezugspunkt der Bioethik (Lebensschutz, Verbot der Instrumentalisierung). Die imago-Dei-Lehre verbindet damit das erste Inhaltsfeld (Mensch) mit der Ethik.
Die Bundestheologie ist die zweite große Säule des AT. Der Bund (hebräisch berit) ist die Grundstruktur biblischer Gottesbeziehung. Vier zentrale Bundesschlüsse sind zu unterscheiden: der Noach-Bund (Gen 9) als universaler Bund Gottes mit allem Lebendigen (Zeichen: der Regenbogen); der Abraham-Bund (Gen 12; 15; 17) als Verheißungsbund (Land, Nachkommen, Segen für alle Völker); der Sinai- oder Mose-Bund (Ex 19–24) als Tora-Bund, der das befreite Volk an Gottes Weisung bindet; und der angekündigte neue Bund (Jer 31,31–34), in dem Gott sein Gesetz „in ihr Herz schreibt".
Den Kern aller Bundesschlüsse fasst die Bundesformel zusammen: „Ich werde euer Gott sein, und ihr werdet mein Volk sein" (Lev 26,12; vgl. Ex 6,7; Jer 31,33). Sie drückt die gegenseitige Zugehörigkeit aus: Gott bindet sich selbst an ein Volk. Die Bundesschlüsse sind keine isolierten Episoden, sondern entfalten eine einheitliche Dynamik der Heilsgeschichte, die im NT auf Christus zuläuft (Lk 22,20: „der neue Bund in meinem Blut"). Wichtig ist: Der Bund ist kein Vertrag unter Gleichen, sondern Gottes freie, gnädige Initiative (chesed), die eine Antwort des Volkes hervorruft — das Gesetz ist Gestalt des Bundeslebens, nicht Mittel, sich Gottes Gunst zu verdienen.
Musterlösung

Schöpfungstheologie und Evolution — kein Widerspruch (Modellfall)

Erörtern Sie, ob biblischer Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie sich widersprechen. Beziehen Sie sich auf die katholische Lehrposition (Pius XII., Humani Generis 1950; Johannes Paul II. 1996; Franziskus, Laudato Si' 80).

  1. 01Schritt 1 — Aussageabsicht der Schöpfungstexte

    Gen 1,1–2,4a (Priesterschrift, ca. 6. Jh. v. Chr.) und Gen 2,4b–25 (Jahwist, ca. 10. Jh.) sind keine naturwissenschaftlichen Berichte. Sie antworten auf Fragen: Wer ist der Ursprung? Welche Würde hat der Mensch? — nicht: Wie?

  2. 02Schritt 2 — Wissenschaftliche Aussageabsicht

    Die Evolutionstheorie (Darwin 1859, moderne Synthese) erklärt die Entstehung der Arten durch Variation und Selektion. Sie beschäftigt sich mit dem Wie der biologischen Entwicklung — nicht mit dem Warum oder Wozu.

  3. 03Schritt 3 — Ebenenunterscheidung (Galileo-Prinzip)

    Galilei (Brief an Christina, 1615): Schrift sagt, wie man in den Himmel kommt, nicht wie der Himmel geht. Theologie und Naturwissenschaft beantworten unterschiedliche Fragestellungen — sie konkurrieren nicht.

  4. 04Schritt 4 — Lehramtliche Positionen

    Humani Generis (1950): Evolutionstheorie ist diskutabel, wenn die unmittelbare Schöpfung der Geistseele festgehalten wird. Johannes Paul II. (Botschaft an Päpstliche Akademie 1996): Evolution ist „mehr als nur eine Hypothese". Laudato Si' 80 sieht Schöpfung als geöffneten Prozess.

  5. 05Schritt 5 — Theologische Interpretation

    Schöpfung als creatio continua: Gott wirkt nicht als zusätzliche Ursache neben den naturwissenschaftlichen Ursachen, sondern als ihr Grund. „Schöpfer" und „Evolution" sind keine konkurrierenden Antworten auf dieselbe Frage.

  6. 06Schritt 6 — Beurteilung

    Kreationismus und Intelligent Design liegen auf falscher Ebene — sie verwechseln theologische mit naturwissenschaftlicher Aussage. Atheistischer Naturalismus überschreitet die Reichweite empirischer Wissenschaft. Die katholische Position vertritt eine differenzierte Komplementarität.

Ergebnis: Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie betreffen unterschiedliche Aussageebenen und schließen einander nicht aus. Die katholische Lehrposition vertritt eine integrative Sicht: Gott schafft durch Evolution.

Abiturfokus

  • Operator „analysieren": zwei Schöpfungsberichte nach Quelle, Aussage und Menschenbild unterscheiden.
  • Die vier zentralen Bundesschlüsse mit ihren Eigenheiten benennen.
  • Imago-Dei-Aussage (Gen 1,27) als anthropologisches Fundament der katholischen Personwürde verorten.
  • Operator „erläutern": die Bundesformel (Lev 26,12) als Grundstruktur biblischer Theologie referieren.

Typische Fehler

  • Gen 1 und Gen 2 als chronologische Fortsetzung lesen — sie sind eigenständige Texte mit verschiedenen Quellen.
  • Imago Dei körperlich verstehen; gemeint ist die personale und beziehungsfähige Wesensbestimmung.
  • Bundesschlüsse als unverbundene Episoden behandeln; sie entfalten eine einheitliche Bundesdynamik.
  • Priesterschrift (Gen 1) und Jahwist (Gen 2) den falschen Texten zuordnen oder datieren.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erörtern Sie die literarkritische Quellenscheidung der Schöpfungs- und Urgeschichte. Die klassische Urkundenhypothese (J, E, D, P) wird heute differenziert diskutiert (R. Rendtorff, E. Blum); zugleich deutet vieles auf eine bewusste Auseinandersetzung von Gen 1 mit dem babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elisch hin. Diskutieren Sie, wie die exilische Entstehungssituation der Priesterschrift deren Theologie der Transzendenz und der Menschenwürde erklärt.

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie die anthropologischen Aussagen von Gen 1,26–28 und Gen 2,7.18–24 und beurteilen Sie, wie die katholische Tradition (KKK 355–361) sie systematisch entfaltet.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Einheitsübersetzung 2016 (Bibleserver) (Katholisches Bibelwerk) · Katechismus der Katholischen Kirche (Online-Ausgabe) (Libreria Editrice Vaticana)

§ 02

Prophetie und Weisheitsliteratur#

●●○StandardLPkmk-epa-religion-kath-at

Kernpunkte

Ein biblischer Prophet (hebräisch nabi) ist nicht primär ein Zukunftsdeuter, sondern ein „Sprecher Gottes", der Gottes Wort in eine konkrete Gegenwart hineinredet. Die klassische Schriftprophetie reicht vom 8. bis zum 5. Jahrhundert v. Chr. Ihre Botschaft ist Wortgericht (Anklage konkreter Missstände) und Wortruf (Aufruf zur Umkehr), nicht Wahrsagerei. Der verbreitete Fehler, Prophetie als Vorhersage künftiger Ereignisse zu lesen, verfehlt ihre eigentliche Stoßrichtung: Sie deckt im Namen Gottes die gegenwärtige Schuld auf und eröffnet Zukunft als Möglichkeit der Umkehr.
Die großen Schriftpropheten haben je eigene Profile. Amos (um 760 v. Chr.) ist der früheste Schriftprophet und schärfste Sozialkritiker des Nordreichs. Hosea deutet den Bundesbruch Israels als zerbrochene Liebesgeschichte zwischen Gott und seinem Volk. (Erster) Jesaja verkündet den heiligen Gott („Heilig, heilig, heilig", Jes 6) und die messianische Verheißung (Jes 7,14; 9; 11). Jeremia ist der leidende Prophet, der den neuen, innerlichen Bund ankündigt (Jer 31). Ezechiel deutet das Exil und verheißt ein neues Herz und einen neuen Geist (Ez 36,26). Deuterojesaja (Jes 40–55) tröstet im Exil mit dem einzigen, weltüberlegenen Gott und den Gottesknechtsliedern.
Das prophetische Selbstverständnis zeigt sich in festen Formen. Am Anfang steht oft eine Berufung (Jes 6; Jer 1; Ez 1–3), häufig verbunden mit Widerstreben („Ich bin noch zu jung", Jer 1,6). Das prophetische Reden trägt die Botenformel „So spricht der Herr" (koh amar JHWH), die das Wort als Gottes Wort, nicht als private Meinung ausweist. Hinzu treten Symbolhandlungen, die die Botschaft verkörpern (Jer 19 zerschlägt einen Krug als Zeichen des Gerichts), sowie der Wechsel von Gerichtsworten und Heilsworten — erst das Gericht, dann, jenseits davon, die neue Verheißung.
Der Kern der sozialkritischen Prophetie ist Amos. Er klagt die Reichen an, die die Armen ausbeuten und „für ein Paar Sandalen" verkaufen (Am 2,6–8; 8,4–6), und verwirft einen Kult ohne Gerechtigkeit: „Ich hasse eure Feste … Hinweg mit dem Lärm deiner Lieder! Doch das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach" (Am 5,21–24). Kult und Ethik gehören untrennbar zusammen: Gott will Gerechtigkeit, nicht Ritual ohne Umkehr. Diese prophetische Sozialkritik ist eine der biblischen Wurzeln der katholischen Soziallehre und ihrer „Option für die Armen".
Die Weisheitsliteratur ist eine eigenständige theologische Reflexionsform, nicht bloß gesammelte „Lebensweisheit". Sie fragt nach der rechten Ordnung gelingenden Lebens in Gottes Welt. Die Sprichwörter (Spr) vertreten den Tun-Ergehen-Zusammenhang — die Überzeugung, dass dem Gerechten Gutes, dem Frevler Unheil widerfährt — und kennen die personifizierte Weisheit, die schon bei der Schöpfung zugegen war (Spr 8). Die „Gottesfurcht ist der Anfang der Erkenntnis" (Spr 1,7) ist ihr Grundsatz.
Genau diesen Tun-Ergehen-Zusammenhang sprengt die Krise der Weisheit in Ijob und Kohelet. Ijob ist der unschuldig Leidende, der heftig gegen Gott klagt, ohne ihn zu verfluchen; Gottes Antwort (Ijob 38–41) ist keine Erklärung des Leids, sondern der überwältigende Hinweis auf das Geheimnis der Schöpfung. Ijob ist also gerade keine „Geduldsfigur", sondern ein leidenschaftlicher Anwalt seiner Klage. Kohelet wiederum durchschaut alles als „hevel" (Hauch, Windhauch, Vergänglichkeit) und sucht nüchtern, fast skeptisch nach Sinn „unter der Sonne" — und hält doch am Gottvertrauen fest. Beide Bücher sind das alttestamentliche Ringen mit der Theodizee.
Die Wirkung dieser Traditionen reicht ins Neue Testament hinein. Die alttestamentliche Klage- und Leidenssprache — paradigmatisch der Klagepsalm Ps 22 mit seinem „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" — wird in der Passion Jesu aufgenommen (Mk 15,34), und die prophetische Gerechtigkeitsforderung prägt die Reich-Gottes-Verkündigung Jesu. Prophetie und Weisheit bereiten so zentrale Motive des NT vor: den leidenden Gerechten, die Vorrangstellung der Armen und die Frage nach dem Sinn des Leidens.

Abiturfokus

  • Operator „interpretieren": prophetisches Sozialgericht (z. B. Am 5) auf Kernaussagen reduzieren.
  • Tun-Ergehen-Zusammenhang im Ijobbuch problematisieren.
  • Wirkungsgeschichte alttestamentlicher Klage in NT-Passionsberichten zeigen.
  • Operator „analysieren": das prophetische Selbstverständnis (Berufung, Wort-Ereignis-Formel, Symbolhandlung) an einem Text herausarbeiten.

Typische Fehler

  • Prophetie als Zukunftsvoraussage verstehen — sie ist primär Wortgericht und Wortruf in die jeweilige Gegenwart.
  • Weisheit auf „Lebensweisheit" reduzieren — sie ist theologische Reflexionsform.
  • Ijob als „Geduldsfigur" missverstehen; er klagt heftig, ohne Gott zu verfluchen.
  • Die Schriftpropheten (Amos, Jesaja, Jeremia) und ihre Schwerpunkte verwechseln.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erörtern Sie den Tun-Ergehen-Zusammenhang als alttestamentlichen Versuch, das Verhältnis von Schuld und Leid zu ordnen, und seine Krise in Ijob und Kohelet. Diskutieren Sie, inwiefern diese weisheitliche Theodizee-Frage auf das spätere philosophisch-theologische Theodizee-Problem (Leibniz, Hiob-Rezeption) vorausweist und warum Gottes Antwort an Ijob keine theoretische Lösung, sondern eine Verweisung ins Schöpfungsgeheimnis ist.

Aktive Wiederholung

Interpretieren Sie Am 5,21–24 und erörtern Sie, inwiefern die Sozialkritik des Amos die katholische Option für die Armen (vgl. Laudato Si' 158) vorbereitet.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Einheitsübersetzung 2016 (Bibleserver) (Katholisches Bibelwerk) · Laudato Si' — Enzyklika zur Schöpfungsethik (Papst Franziskus)

§ 03

Exodus, Befreiung und Dekalog#

●●○StandardLPkmk-epa-religion-kath-atLPkath-reli-if5-ethik

Kernpunkte

Die Befreiung Israels aus Ägypten (Ex 1–15) ist die Grunderfahrung des biblischen Gottesglaubens. Am brennenden Dornbusch offenbart sich JHWH als der Gott, der das Elend seines Volkes sieht, sein Schreien hört und „herabsteigt", um es zu befreien (Ex 3,7–8). Gott wird also nicht als abstraktes Prinzip, sondern durch seine befreiende Tat in der Geschichte erkannt. Der Exodus ist das „Credo" Israels: Das kurze geschichtliche Glaubensbekenntnis (Dtn 26,5–9) erzählt nichts anderes als diese Befreiung — sie ist die Mitte des alttestamentlichen Gottesbildes.
Die Selbstoffenbarung des Gottesnamens (Ex 3,13–15) ist der theologische Höhepunkt. Auf die Frage nach seinem Namen antwortet Gott „ehjeh ascher ehjeh" — meist übersetzt „Ich bin, der ich bin" oder „Ich werde sein, der ich sein werde". Das ist keine metaphysische Definition des Seins (so die griechisch geprägte Lesart), sondern eine Zusage treuer Gegenwart: „Ich werde für euch da sein." Der Name JHWH (das Tetragramm) gilt im Judentum als so heilig, dass er nicht ausgesprochen, sondern durch Adonai („Herr") oder haSchem („der Name") ersetzt wird. Gottes Identität ist Treue und Mitgehen, nicht statisches Sein.
Der Dekalog (Ex 20,2–17 / Dtn 5,6–21) ist das Herzstück des Sinai-Bundes. Entscheidend ist sein Anfang: Er beginnt nicht mit einem Gebot, sondern mit der Befreiungsformel „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt hat" (Ex 20,2). Die Gebote sind also Antwort auf erfahrene Befreiung — die Gnade geht dem Gesetz voraus. Der Dekalog ist deshalb Bundesrecht und nicht bloßer Verbotskatalog; er beschreibt die Gestalt eines befreiten Lebens, das nicht in neue Knechtschaft zurückfallen soll.
Der Dekalog gliedert sich in zwei Tafeln. Die erste Tafel ordnet die Gottesbeziehung (Fremdgötter- und Bilderverbot, Schutz des Gottesnamens, Sabbatgebot), die zweite die Mitmenschbeziehung (Elternehrung, Schutz von Leben, Ehe, Eigentum, Wahrheit sowie das Begehrensverbot). Die Reihenfolge schreitet von Gott zum Nächsten und zeigt, dass Gottes- und Nächstenliebe zusammengehören — Jesus fasst beide Tafeln im Doppelgebot der Liebe zusammen (Mt 22,37–40). Zu beachten ist, dass die Zählung konfessionell variiert: Die katholische und lutherische Tradition (nach Augustinus) fasst Fremdgötter- und Bilderverbot zusammen und teilt dafür das Begehrensverbot, die reformierte und jüdische Zählung zählt anders.
Das Sabbatgebot verdient besondere Beachtung, weil es zweifach begründet wird: schöpfungstheologisch (Ex 20,11: Gott ruhte am siebten Tag) und befreiungstheologisch (Dtn 5,15: Denk daran, dass du Sklave warst). Der Sabbat schützt den Menschen — ausdrücklich auch Knechte, Fremde und Tiere — davor, auf bloße Arbeitskraft reduziert zu werden; die Ruhe ist Zeichen der Freiheit und des Gottvertrauens. So verbindet das Sabbatgebot Schöpfung und Befreiung in einem.
Als Bundesrecht begründet der Dekalog Freiheit durch Ordnung, nicht durch Zwang. KKK 2052–2082 deutet ihn als „Weg des Lebens" und gelingender Freiheit. Im Neuen Testament wird er nicht aufgehoben, sondern auf seine Mitte hin ausgelegt: Jesus fasst ihn im Doppelgebot der Liebe zusammen und verschärft einzelne Gebote in der Bergpredigt (Mt 5,21f.: schon der Zorn, nicht erst der Totschlag). Wer den Dekalog nur als Verbotsliste liest, verfehlt seine befreiende Grundstruktur.
Die Wirkungsgeschichte des Exodus ist enorm. Er ist der Schlüsseltext der Befreiungstheologie (Gustavo Gutiérrez): Gott ergreift Partei für die Unterdrückten und will ihre konkrete Befreiung. Zugleich ist der Exodus die Grundlage des biblischen Freiheits-, Rechts- und Würdedenkens und hat noch die neuzeitlichen Befreiungsbewegungen (etwa die schwarze Bürgerrechtsbewegung, „Let my people go") geprägt. Aus dem Exodus stammt die bleibende Überzeugung: Der Gott der Bibel will Befreiung, nicht Knechtschaft.
Musterlösung

Den Dekalog als Bundesrecht analysieren (Ex 20,2–17)

Analysieren Sie Aufbau und theologische Logik des Dekalogs (Ex 20,2–17) und beurteilen Sie, inwiefern er mehr ist als ein Verbotskatalog.

  1. 01Schritt 1 — Die Präambel (V. 2)

    Der Dekalog beginnt nicht mit einem Gebot, sondern mit der Befreiungsformel: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten … herausgeführt hat." Die Gebote sind Antwort auf erfahrene Befreiung — Gnade geht dem Gesetz voraus.

  2. 02Schritt 2 — Erste Tafel (Gottesbeziehung)

    Fremdgötter- und Bilderverbot, Schutz des Gottesnamens, Sabbatgebot (Ex 20,3–11): Sie ordnen die Beziehung zu Gott. Der Sabbat verbindet Schöpfung (Ex 20,11) und Befreiung (Dtn 5,15).

  3. 03Schritt 3 — Zweite Tafel (Mitmenschbeziehung)

    Elternehrung, Schutz von Leben, Ehe, Eigentum, Wahrheit und das Begehrensverbot (Ex 20,12–17): Sie ordnen das Zusammenleben. Die Reihenfolge schreitet von Gott zum Nächsten — Gottes- und Nächstenliebe sind verbunden.

  4. 04Schritt 4 — Aufnahme im NT

    Jesus fasst den Dekalog im Doppelgebot der Liebe zusammen (Mt 22,37–40: Gott und Nächsten lieben) und verschärft einzelne Gebote in der Bergpredigt (Mt 5,21f.). Der Dekalog bleibt gültig, wird aber auf seine Mitte hin ausgelegt.

  5. 05Schritt 5 — Beurteilung

    Der Dekalog ist Bundesrecht: Er begründet Freiheit durch Ordnung, nicht durch Zwang. KKK 2052–2082 deutet ihn als Weg gelingenden Lebens. Als Verbotskatalog gelesen verfehlt man seine befreiende Grundstruktur.

Ergebnis: Der Dekalog ist kein bloßer Verbotskatalog, sondern Bundesrecht: eingeleitet durch Gottes Befreiungstat, gegliedert in Gottes- und Mitmenschbeziehung und im NT auf das Doppelgebot der Liebe hin ausgelegt.

Abiturfokus

  • Operator „interpretieren": Ex 3,14 (Gottesname) als Selbstoffenbarung deuten.
  • Dekalog als Bundesrecht (nicht bloßen Verbotskatalog) charakterisieren.
  • Exodus als Wurzel der Befreiungstheologie einordnen.
  • Operator „darstellen": Aufbau des Dekalogs in erste (Gottesbeziehung) und zweite Tafel (Mitmenschbeziehung) erläutern.

Typische Fehler

  • Dekalog rein als Verbotsliste lesen; er ist Antwort auf die Befreiungstat Gottes.
  • JHWH (Ex 3,14) als statisches „Sein" (griechisch-metaphysisch) übersetzen statt als „Mitsein".
  • Exodus nur historisch lesen; er ist primär theologisches Bekenntnis zum befreienden Gott.
  • Die Befreiungsformel (Ex 20,2) als bloße Einleitung übergehen, statt sie als Sinngrund der Gebote zu lesen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erörtern Sie die beiden Übersetzungstraditionen von Ex 3,14 („ehjeh ascher ehjeh"). Die griechisch-metaphysische Lesart („Ich bin der Seiende") führte über die Septuaginta und Thomas von Aquin zur Bestimmung Gottes als „ipsum esse subsistens" (das Sein selbst); die relationale Lesart („Ich werde für euch da sein") betont das treue Mitsein. Diskutieren Sie, welche Gottesbilder beide Übersetzungen tragen und ob sie sich ausschließen oder ergänzen.

Aktive Wiederholung

Interpretieren Sie die Selbstoffenbarung Gottes in Ex 3,13–15 und erörtern Sie, inwiefern der Exodus die katholische Befreiungstheologie begründet.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Einheitsübersetzung 2016 (Bibleserver) (Katholisches Bibelwerk) · Katechismus der Katholischen Kirche (Online-Ausgabe) (Libreria Editrice Vaticana)

§ 04

Psalmen — Sprache des Gebets#

●○○BasisLPkmk-epa-religion-kath-at

Kernpunkte

Der Psalter (150 Psalmen) ist das Gebetbuch Israels und der Kirche — die große Schule des Betens, in der die ganze Spannweite menschlicher Erfahrung vor Gott Sprache findet: Jubel und Verzweiflung, Dank und Anklage, Vertrauen und Zweifel. Die Psalmen sind keine privaten Gedichte, sondern liturgische Gebetstexte mit fester Gattung; sie wurden im Tempel und in der Synagoge gebetet, von Jesus selbst gebetet und bilden bis heute das Rückgrat des christlichen Gebets (Stundengebet, Liturgia Horarum). Wer die Psalmen betet, lernt, mit Gott zu reden.
Die Formkritik (Hermann Gunkel) unterscheidet mehrere Hauptgattungen: das Klagelied (des Einzelnen und des Volkes), den Hymnus oder das Loblied, das Danklied sowie Königs-, Wallfahrts- und Zionspsalmen, Vertrauens- und Weisheitspsalmen. Die Gattung bestimmt jeweils den Aufbau und den „Sitz im Leben" (etwa die Tempelliturgie für den Hymnus oder das Dankopfer für das Danklied). Die Gattungsbestimmung ist daher der erste Schritt jeder Psalmenauslegung.
Das Klagelied ist die häufigste Gattung und folgt einer typischen Struktur: Anrufung — Klage (Ich-, Du- und Feindklage) — Bitte — Vertrauensäußerung — Lobgelübde. Charakteristisch ist der „Stimmungsumschwung": der plötzliche Übergang von der Klage zum Vertrauen oder Lob (deutlich in Ps 13 und Ps 22). Dieser Umschwung ist der theologische Kern der Gattung — der Klagende wendet sich gerade in seiner Not an Gott und hält am Vertrauen fest; Klage ist hier nicht Resignation, sondern eine Form des Glaubens.
Ps 22 ist der wichtigste Klagepsalm für das Abitur. Er beginnt mit dem Verlassenheitsschrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Ps 22,2) und wendet sich doch zum Lob (ab V. 23). Das Neue Testament legt mit diesem Vers das Sterben Jesu aus (Mk 15,34; Mt 27,46) und deutet die Passion als das Leiden des Gerechten, der von Gott gerettet wird. So wird die alttestamentliche Klage zum christologischen Schlüsseltext — nicht als Verzweiflung am Kreuz, sondern als das Gebet eines Psalms, dessen Anfang die Verlassenheit, dessen Ende die Rettung bekennt.
Neben dem Klagelied sind weitere Psalmen prüfungsrelevant: Ps 23 („Der Herr ist mein Hirte") als Vertrauenspsalm, Ps 8 („Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?") als Schöpfungs- und Anthropologiepsalm über Würde und Auftrag des Menschen, Ps 51 (Miserere) als großer Bußpsalm, Ps 104 als Schöpfungshymnus und Ps 137 („An den Strömen von Babel") als Exilsklage. Jeder dieser Psalmen bringt eine andere Grundhaltung des Glaubens zur Sprache.
Eine theologische Herausforderung sind die Fluchpsalmen (imprecatory psalms, etwa Ps 137,8–9 oder Ps 109), die Gottes Zorn auf die Feinde herabrufen. Sie sind kein Vorbild für Hass, sondern die ehrliche Übergabe von erlittener Gewalt und Rachegefühl an Gott: Statt selbst Vergeltung zu üben, legt der Beter sein furchtbares Begehren in Gottes Hand. Auch der Zorn darf vor Gott zur Sprache kommen — gerade darin liegt die seelsorgliche und befreiende Kraft dieser Texte.
In der katholischen Gebetspraxis prägen die Psalmen die Liturgie bis heute: der Antwortpsalm (Responsorialpsalm) in der Messe und vor allem das Stundengebet (Liturgia Horarum), in dem der ganze Psalter über einen Vierwochenzyklus gebetet wird. Die Psalmen lehren so eine vollständige Sprache des Gebets — Loben, Klagen, Danken, Vertrauen — und bewahren den Glauben davor, Gott nur in guten Tagen anzurufen.

Abiturfokus

  • Operator „analysieren": die Struktur eines Klagepsalms (z. B. Ps 13) herausarbeiten.
  • Den „Stimmungsumschwung" als Gattungsmerkmal des Klagepsalms erläutern.
  • Christologische Rezeption von Ps 22 in der Passion zeigen.
  • Operator „darstellen": die Hauptgattungen des Psalters (Klage, Hymnus, Dank) mit Beispiel benennen.

Typische Fehler

  • Psalmen als private Gedichte lesen; sie sind liturgische Gebetstexte mit fester Gattung.
  • Den Stimmungsumschwung übersehen und Klagepsalmen nur als „pessimistisch" deuten.
  • Ps 22 von der Passion Jesu trennen, statt die bewusste neutestamentliche Aufnahme zu sehen.
  • Vertrauenspsalm (Ps 23) und Klagepsalm (Ps 22) gattungsmäßig vermengen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie die christologische Psalmenauslegung. Nach Augustinus betet die Kirche die Psalmen „im, mit und durch Christus" (totus Christus): Das betende Ich ist zugleich der einzelne Mensch, das Volk Gottes und Christus selbst. Erörtern Sie, wie diese Lektüre die Fluchpsalmen für Christen betbar macht, ohne ihren Eigensinn als alttestamentliche Klage zu zerstören.

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie die Gattungsstruktur von Ps 22 und erläutern Sie, inwiefern seine Aufnahme in Mk 15,34 die Verbindung von alttestamentlicher Klage und Passion Jesu herstellt.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Einheitsübersetzung 2016 (Bibleserver) (Katholisches Bibelwerk) · Katechismus der Katholischen Kirche (Online-Ausgabe) (Libreria Editrice Vaticana)

§ 05

Bund, Erwählung und das Volk Israel#

●●○StandardLPkmk-epa-religion-kath-atLPkath-reli-if4-kirche

Heilsgeschichtlicher Zeitstrahl

Stationen der HeilsgeschichteNetzgraph, Schöpfung → Bund (AT), Bund (AT) → Inkarnation, Inkarnation → Pascha, Pascha → Kirche, Kirche → ParusieSchöpfungBund (AT)InkarnationPaschaKircheParusie
Abb. 1Schöpfung — Bund (AT) — Inkarnation — Pascha — Pfingsten — Kirche — Parusie als heilsgeschichtliche Stationen.

Kernpunkte

Die Erwählung Israels (Dtn 7,6–8) ist eines der Grundmotive des Alten Testaments — und wird oft missverstanden. Sie gründet ausdrücklich nicht in einer Größe oder einem Verdienst Israels: „Nicht weil ihr zahlreicher wäret als alle Völker … hat der Herr sich euch zugewandt … sondern weil der Herr euch liebt" (Dtn 7,7–8). Erwählung ist also reine Gnadenwahl aus Gottes freier Liebe und Bundestreue (chesed). Sie ist zudem kein Privileg, sondern Berufung zum Dienst und Zeugnis: Israel ist erwählt, um „Segen für alle Völker" zu sein (Gen 12,3). Wer Erwählung als Überlegenheit oder Auserwähltheits-Privileg deutet, verfehlt ihren Sinn.
Die Geschichte Israels lässt sich als ein einziger Bundesweg lesen (vgl. Abb. „Heilsgeschichte"): ein steter Wechsel von menschlicher Untreue (Götzendienst, Unrecht) und göttlicher Treue. Auf den Bundesbruch folgt das Gericht — kulminierend im Babylonischen Exil 587 v. Chr. —, auf das Gericht aber die Bundeserneuerung und die Verheißung eines neuen Bundes (Jer 31,31–34). Die Bundesformel „Ich werde euer Gott sein, und ihr werdet mein Volk sein" bleibt durch alle Brüche hindurch der Grundton: Gott hält am Bund fest, auch wenn der Mensch ihn bricht.
Das Babylonische Exil (587–538 v. Chr.) ist die große Krise, die zur theologischen Vertiefung zwingt. Nach der Zerstörung Jerusalems und des Tempels und der Deportation stellt sich die Frage: Wie kann JHWH Gott sein, wenn sein Tempel zerstört und sein Volk verschleppt ist? Deuterojesaja (Jes 40–55) antwortet mit einem reifen Monotheismus — JHWH ist der einzige Gott, die babylonischen Götter sind „nichts" — und mit der universalen Herrschaft Gottes über die Geschichte, der sogar den Perserkönig Kyrus als sein Werkzeug gebraucht (Jes 45,1). So gebiert das Exil den ausdrücklichen Eingott-Glauben und die Hoffnung auf einen neuen Exodus, die Heimkehr.
In diese exilische Theologie gehören die vier Gottesknechtslieder (Jes 42,1–4; 49,1–6; 50,4–9; 52,13–53,12). Sie zeichnen die rätselhafte Gestalt des leidenden Gottesknechts (Ebed JHWH), der stellvertretend die Schuld der Vielen trägt und am Ende von Gott erhöht wird. Das vierte Lied (Jes 52,13–53,12) — „Er trug unsere Krankheit … durch seine Wunden sind wir geheilt" (Jes 53,4–5) — ist der zentrale alttestamentliche Bezugstext, den das NT christologisch auf Jesus deutet. Zugleich ist der alttestamentliche Eigensinn zu wahren: Der Gottesknecht kann ursprünglich der Prophet, ein ideales Israel oder eine Kollektivgestalt sein.
Für das Verhältnis zu Israel heute ist die Aussage von der „bleibenden Erwählung" entscheidend. Nostra Aetate 4 und Röm 9–11 lehren, dass Gottes Bund mit Israel nicht widerrufen ist: „Unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt" (Röm 11,29). Die Kirche tritt nicht an die Stelle Israels — die Ersetzungs- oder Substitutionstheologie ist abgewiesen —; das jüdische Volk bleibt Volk des Bundes, und die Christen sind in den „edlen Ölbaum" Israels eingepfropft, nicht umgekehrt (Röm 11,17–18). Dies ist die theologische Grundlage des jüdisch-christlichen Dialogs.
Daraus folgt der bleibende Eigenwert des Alten Testaments. Es darf nicht als „überholt" oder als bloße „Gesetzesreligion" abgewertet werden; Dei Verbum 14–16 hält fest, dass die alttestamentlichen Bücher „bleibenden Wert" haben und wahres Wort Gottes sind. Die Erwählung Israels, sein Bund und seine Schrift sind der Boden, aus dem das Christentum gewachsen ist — das Christentum ist ohne sein „erstes Testament" gar nicht verstehbar.
Schließlich ist die Erwählung Israels für die katholische Ekklesiologie vorbildhaft: Wie Israel ist auch die Kirche „Volk Gottes" aus Gnade, nicht aus Verdienst, und zum Dienst an der Welt erwählt (Lumen Gentium 9). Das Motiv von Erwählung, Bund und Treue verbindet so das Alte Testament mit dem kirchlichen Selbstverständnis und mit der Hoffnung, dass Gott auch der untreuen Gemeinschaft die Treue hält.

Abiturfokus

  • Operator „erläutern": Erwählung Israels (Dtn 7,7–8) als Gnadenwahl darstellen.
  • Gottesknechtslieder (Jes 53) als Brücke AT–NT interpretieren.
  • Theologie des Exils (Deuterojesaja) referieren.
  • Operator „erläutern": die „bleibende Erwählung" Israels (Röm 9–11; NA 4) als bundestheologische Aussage darstellen.

Typische Fehler

  • Erwählung als Bevorzugung oder „Auserwähltheits-Privileg" missverstehen; sie ist Berufung zum Dienst.
  • Das Alte Testament als „überholt" abwerten; es bleibt eigenständiges Wort Gottes (Dei Verbum 14–16).
  • Gottesknechtslieder vorschnell und ausschließlich auf Jesus reduzieren, ohne den AT-Kontext zu würdigen.
  • Das Babylonische Exil (587–538 v. Chr.) falsch datieren oder mit der assyrischen Eroberung verwechseln.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erörtern Sie die Bundestheologie nach der Schoa. Diskutieren Sie den Übergang von der Ersetzungstheologie zur Rede vom „ungekündigten Bund" (F. Mußner; Erklärungen der deutschen Bischöfe) und die offene Streitfrage zwischen einer „Zwei-Wege-Theologie" und dem in Dominus Iesus (2000) betonten universalen Heilsmittlertum Christi. Wie lässt sich die bleibende Erwählung Israels (Röm 11,29) mit dem christlichen Bekenntnis zu Christus vereinbaren?

Aktive Wiederholung

Interpretieren Sie das vierte Gottesknechtslied (Jes 52,13–53,12) und erörtern Sie, inwiefern seine christologische Deutung den alttestamentlichen Eigensinn wahrt.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Einheitsübersetzung 2016 (Bibleserver) (Katholisches Bibelwerk) · Nostra Aetate — Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen (II. Vatikanisches Konzil)

§ 06

Vom AT zum NT — Typologie und Wirkungsgeschichte#

●●●VertiefungLPkmk-epa-religion-kath-atLPkath-reli-if3-christologie

Kernpunkte

Die Grundfrage lautet: Wie lesen Christen das Alte Testament im Verhältnis zum Neuen? Das wichtigste Modell ist die Typologie: Alttestamentliche Personen und Ereignisse werden als „Typoi" (Vorausbilder) verstanden, die im NT ihre „Erfüllung" (Antitypos) finden. Klassische Beispiele sind Adam und Christus (Röm 5,12–21; Christus als „zweiter Adam", 1 Kor 15,22.45), das Pascha- bzw. Passahlamm und Christus (1 Kor 5,7; Joh 19,36), die eherne Schlange und der Gekreuzigte (Num 21 / Joh 3,14), das Manna und die Eucharistie (Joh 6) sowie die drei Tage des Jona und die Auferstehung (Mt 12,40).
Die übergreifende Struktur dieser Lektüre ist Verheißung und Erfüllung (Dei Verbum 15–16): Das AT bereitet auf das Evangelium vor, und beide erhellen sich gegenseitig. Augustinus hat es in eine Formel gefasst: „Das Neue ist im Alten verborgen, und das Alte wird im Neuen enthüllt" (Novum in Vetere latet, et in Novo Vetus patet). Dei Verbum 16 ergänzt, dass die alttestamentlichen Bücher im Neuen Testament ihren vollen Sinn gewinnen und ihn zugleich erhellen — entscheidend aber ist: Das AT behält dabei seinen eigenen Wert und bleibt „wahres Wort Gottes" (DV 15).
Daraus folgt die Abwehr einer Enterbung des AT. Es darf nicht zur bloßen „Vorstufe" oder zur überwundenen „Gesetzesreligion" herabgesetzt werden. Die Alte Kirche hat im 2. Jahrhundert den Markionismus verworfen — Markion wollte das ganze AT samt seinem „Schöpfergott" verwerfen und nur ein gereinigtes NT gelten lassen. Mit der Ablehnung Markions hat die Kirche bekannt, dass der Gott Israels und der Vater Jesu Christi ein und derselbe Gott ist; das AT gehört unverzichtbar zum christlichen Kanon.
Typologie ist streng von Allegorese zu unterscheiden. Die Typologie wahrt die geschichtliche Realität des alttestamentlichen Geschehens (der reale Exodus, der reale David) und sieht in ihr eine reale heilsgeschichtliche Entsprechung zu Christus. Die Allegorese dagegen löst den Wortsinn in eine symbolische Bedeutung auf. Die katholische Exegese hält am Literalsinn als Fundament fest (Thomas von Aquin; KKK 116): Die geistliche Deutung baut auf dem historischen Geschehen auf, sie ersetzt es nicht.
Eine besondere Verantwortung trägt die christliche Lektüre gegenüber dem jüdisch-christlichen Dialog. Die christliche Aneignung des AT muss die bleibende Würde und Eigenständigkeit der jüdischen Auslegung anerkennen. Das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission „Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel" (2001) hält fest, dass die jüdische Lesart der hebräischen Bibel eine mögliche, in sich stimmige Lesart ist. Christen lesen dieselben Schriften im Licht Christi, dürfen die jüdische Auslegung aber nicht einfach für „falsch" erklären.
Die praktische Konsequenz ist grundlegend: AT und NT bilden einen einzigen Schriftkanon, und das Christentum ist ohne sein „erstes Testament" nicht verstehbar. Das AT liefert die Begriffe und Denkformen — Bund, Messias, Reich Gottes, Stellvertretung, Opfer, Auferstehungshoffnung —, ohne die das NT unlesbar bliebe. Wer das AT abschneidet, kappt die Wurzeln des Glaubens; das NT setzt es auf jeder Seite voraus.
Über das Verhältnis der Testamente hinaus reicht die Wirkungsgeschichte des AT in die ganze Kultur: Der Dekalog prägt das abendländische Recht und Ethos, die Psalmen die Musik, die Erzählungen die Kunst. In der Liturgie ist die erste Lesung der Messe in der Regel dem AT entnommen — das Alte Testament wird also bis heute als lebendiges Wort Gottes gehört, nicht nur als Vorgeschichte des Neuen.

Abiturfokus

  • Operator „erläutern": Typologie an einem Beispiel (Adam–Christus, Röm 5) darstellen.
  • Verheißung-Erfüllung-Schema (DV 15–16) gegen eine Enterbung des AT abgrenzen.
  • Markionismus als abgelehnte Position einordnen.
  • Operator „erläutern": Verheißung-Erfüllung-Schema (DV 15–16) gegen eine bloße Vorstufenlogik abgrenzen.

Typische Fehler

  • Typologie mit Allegorese verwechseln; Typologie wahrt die historische Realität des AT-Geschehens.
  • Das AT als überwundene „Gesetzesreligion" abwerten (markionitische Tendenz).
  • Die jüdische Auslegung als „falsch" darstellen; der Dialog anerkennt ihre Eigenständigkeit.
  • AT und NT als zwei getrennte Kanones lesen, statt als einen einzigen Schriftkanon zu begreifen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Vergleichen Sie die hermeneutischen Modelle des AT-NT-Verhältnisses — das typologische, das Verheißung-Erfüllung-Modell, das heilsgeschichtliche Modell (G. von Rad) und das Kontrastmodell (Markion sowie moderne Verkürzungen). Diskutieren Sie zudem den „sensus plenior": die Frage, ob ein Text einen von Gott gemeinten Vollsinn tragen kann, der über die Absicht des menschlichen Verfassers hinausgeht und sich erst in der neutestamentlichen Erfüllung zeigt.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie die typologische Lektüre des Alten Testaments (z. B. Adam–Christus, Röm 5,12–21) und beurteilen Sie, wie sie den bleibenden Eigenwert des AT für Christen und Juden wahren kann.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Einheitsübersetzung 2016 (Bibleserver) (Katholisches Bibelwerk) · Nostra Aetate — Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen (II. Vatikanisches Konzil)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Schöpfungsberichte und Bundestheologie◐
    • 02Prophetie und Weisheitsliteratur◐
    • 03Exodus, Befreiung und Dekalog◐
    • 04Psalmen — Sprache des Gebets○
    • 05Bund, Erwählung und das Volk Israel◐
    • 06Vom AT zum NT — Typologie und Wirkungsgeschichte●

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

Altes Testament: Schöpfung, Bund, Prophetie

Festige dieses Thema an passenden Aufgaben aus der Fragenbank.

~28
Min
4
Kompetenzen
Üben

Belege & Quellen

Quellen

Katholisches Bibelwerk

  • Einheitsübersetzung 2016 (Bibleserver)

Libreria Editrice Vaticana

  • Katechismus der Katholischen Kirche (Online-Ausgabe)

Papst Franziskus

  • Laudato Si' — Enzyklika zur Schöpfungsethik

II. Vatikanisches Konzil

  • Nostra Aetate — Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen

Vorheriges Thema

Bibelwissenschaft und Hermeneutik

Nächstes Thema

Neues Testament: Jesus-Verkündigung, Synoptische Frage, Paulus

EuraStudy·Notizen T·02·MMXXVI

Weiter mit dem nächsten Thema — der Lernpfad bleibt erhalten.