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Notizen/Geschichte und Politische Bildung/GSK 9 — Zweite Republik 1955 bis heute: Kreisky-Ära, EU-Beitritt, ÖVP-Affären, aktuelle Politik
Notizen · Geschichte und Politische BildungAT · Matura

GSK 9 — Zweite Republik 1955 bis heute: Kreisky-Ära, EU-Beitritt, ÖVP-Affären, aktuelle Politik

Konsensdemokratie und Wohlfahrtsstaat-Ausbau bis 1986; Waldheim-Affäre als Wendepunkt der Geschichtskultur; EU-Beitritt 1995; Schwarz-Blau 2000; Migrationsdebatten; ÖVP-Affären 2017ff. und Wahlen 2024.

6 Abschnitte·~14 Min Lesezeit·2 Kompetenzen·Niveau Basis 1 · Standard 3 · Vertiefung 2·Stand 06/2026

T·0999 / 12
Prüfungsprofil
HSK-2RG · Politische Entwicklung der Zweiten RepublikPHK-2RG · Aktuelle politische Urteilskompetenz
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Lesetiefe: Vertiefung

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Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. GSK 9 — Zweite Republik 1955 bis heute: Kreisky-Ära, EU-Beitritt, ÖVP-Affären, aktuelle Politik
    • 01Kreisky-Ära 1970–1983 und Modernisierung◐
    • 02Waldheim-Affäre 1986 und EU-Beitritt 1995◐
    • 03Schwarz-Blau, Migration, ÖVP-Affären und Wahlen 2024●
    • 04Gesellschaftlicher Wandel 1955–heute: Bildung, Frauen, Familie○
    • 05Österreich in der EU: Beitritt 1995 und Europäisierung◐
    • 06Wandel des Parteiensystems: von der Konkordanz zum Wettbewerb●
§ 01

Kreisky-Ära 1970–1983 und Modernisierung#

●●○StandardLPGSK-2RG-9.1

Reformfelder der Kreisky-Ära (1970–1983)

Kreisky-ReformenTabelle mit 2 Spalten und 5 Zeilen, Daten: Bereich · Zentrale Reform; Familienrecht · Gleichstellung 1975; Strafrecht · Fristenlösung 1975; Arbeit · 40-Stunden-Woche 1975; Bildung · Schul- und Uni-Öffnung; Außenpolitik · aktive NeutralitätBEREICHZENTRALE REFORMFAMILIENRECHTGleichstellung 1975STRAFRECHTFristenlösung 1975ARBEIT40-Stunden-Woche 1975BILDUNGSchul- und Uni-ÖffnungAUSSENPOLITIKaktive Neutralität
Abb. 1Die Kreisky-Regierungen modernisierten Österreich in mehreren Politikfeldern gleichzeitig.

Kernpunkte

Bruno Kreisky (SPÖ) 1970 Minderheitsregierung, ab 1971 absolute Mehrheit; bis 1983 Bundeskanzler.
Reformpaket: Familienrechtsreform 1975 (Gleichstellung Ehepartner), Strafrechtsreform 1975 (Fristenlösung Abtreibung §96/§97 StGB), Bundesheerreform (sechs Monate Wehrdienst), Universitätsöffnung, „Kreisky-Schule" (Mittlere Reife für alle).
Sozialstaat-Ausbau: 13./14. Monatsgehalt für alle, Wochenarbeitszeit 40h (1975), Pensionserhöhungen, ASVG-Erweiterung.
Außenpolitik: aktive Neutralität, Nahost-Vermittlung (Anerkennung PLO 1980), Nord-Süd-Dialog (Cancún 1981), Wien als UN-Standort (1979).
Volksabstimmung Zwentendorf 5.11.1978: Mehrheit gegen Inbetriebnahme Kernkraftwerk — direktdemokratische Wende.
Wirtschaftliche Schattenseiten: hohe Staatsverschuldung („Austrokeynesianismus"), verstaatlichte Industriekrise ab 1980 (VOEST, Chemie Linz).
Wende 1983: SPÖ-FPÖ-Kleinkoalition, dann 1986 große Koalition wieder.
Musterbeispiel

Beurteilen: die Kreisky-Ära zwischen Reform und Schuldenpolitik

Beurteilen Sie die Kreisky-Reformpolitik der 1970er Jahre: Welche Reformen prägen das heutige Österreich, welche Schattenseiten zeigten sich?

  1. 01Gesellschaftsreformen

    Familienrechtsreform 1975 (Gleichstellung der Ehepartner), Strafrechtsreform 1975 (Fristenlösung) und die Bildungsöffnung modernisieren Recht und Gesellschaft nachhaltig.

  2. 02Sozialstaat

    40-Stunden-Woche, 13./14. Monatsgehalt und Pensionsausbau erweitern den Wohlfahrtsstaat.

  3. 03Außenpolitik

    Aktive Neutralität, Nahost-Vermittlung und der UN-Standort Wien (1979) geben Österreich ein internationales Profil.

  4. 04Schattenseiten

    Der „Austrokeynesianismus" treibt die Staatsverschuldung, die verstaatlichte Industrie gerät ab 1980 in die Krise; die Friedrich-Peter-Affäre 1975 zeigt einen unkritischen Umgang mit NS-Vergangenheit.

  5. 05Urteil

    Die Reformen prägen Österreich bis heute; eine abwägende Beurteilung nennt zugleich die fiskalischen und erinnerungspolitischen Schattenseiten.

Ergebnis: Eine starke Beurteilung würdigt die nachhaltige Modernisierung (Familien- und Strafrecht, Sozialstaat) und benennt die Schattenseiten (Verschuldung, Verstaatlichte, Peter-Affäre) — kein einseitiges Heldenbild.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank10 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutern Sie die Reformpolitik der Kreisky-Ära (1970–1983). Welche gesellschaftlichen Veränderungen wurden ausgelöst? Welche Schattenseiten zeigten sich?

Maturafokus

  • Kreisky-Ära als Reform- und Sozialstaatsmodernisierung.
  • Zwentendorf als Beispiel direkter Demokratie.
  • Aktive Neutralität als außenpolitisches Profil.

Typische Fehler

  • Kreisky unkritisch idealisieren (auch Friedrich-Peter-Affäre 1975).
  • Sozialstaatsausbau ohne Finanzierungsfrage.
  • Zwentendorf als „grünes Erwachen" überfrachten — Anti-AKW-Bewegung war breit.

Aktive Wiederholung

Analysiere die Kreisky-Reformpolitik der 1970er Jahre. Welche Reformen prägen das heutige Österreich? Welche Konfliktlinien entstanden?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: AEIOU — Bruno Kreisky (AEIOU)

§ 02

Waldheim-Affäre 1986 und EU-Beitritt 1995#

●●○StandardLPGSK-2RG-9.2

EU-Institutionen — Vertrag von Lissabon

EU-Institutionen (Lissabon)Netzgraph, Europäischer Rat → EU-Kommission, EU-Kommission → Rat der EU, Rat der EU → EU-ParlamentEuropäischerRatEU-ParlamentRat der EUEU-KommissionEuGHEZBLeitlinienVorschlagMitentscheidung
Abb. 2Ordentliches Gesetzgebungsverfahren: die Kommission (Initiativrecht, 27 Mitglieder) schlägt vor, Rat der EU (Fachminister:innen, qual. Mehrheit) und Parlament (720 Abg., direkt gewählt; AT 20 Sitze) entscheiden mit. EuGH (Luxemburg) und EZB (Frankfurt) sind unabhängig. Vertrag von Lissabon 2009.

Kernpunkte

Waldheim-Affäre 1986: ÖVP-Präsidentschaftskandidat Kurt Waldheim wegen Verschweigens seiner Wehrmachtszeit unter Druck; Wahl trotz internationaler Kritik (Watchlist USA).
Historikerkommission 1987–1988: bestätigt Mitwissen, keine direkte Mittäterschaft; Bruch der „Opferthese".
Vranitzky-Rede 8.7.1991 im Nationalrat: erste offizielle Anerkennung österreichischer Mitverantwortung.
EU-Beitrittsverhandlungen 1989ff.; Volksabstimmung 12.6.1994: 66,6 % Ja; Beitritt 1.1.1995 (gemeinsam mit Schweden, Finnland).
EWR-Vertrag 1992 als Zwischenschritt; in der Schweiz per Volksabstimmung abgelehnt (Dez. 1992), Österreich verfolgte (Beitrittsantrag bereits 1989) stattdessen den EU-Vollbeitritt — eine EWR-Volksabstimmung gab es in Österreich nicht.
Euro-Einführung 1.1.1999 (Buchgeld), 1.1.2002 (Bargeld).
Schengen-Beitritt 1995/97; Aufnahme von Roma-Sinti-Anerkennung als Volksgruppe 1993; Reform Volksgruppengesetz.

Österreichische Erinnerungsorte und Gedenkdaten

Republik 1918 / 1945 / 1955 / 1995 Mauthausen KZ-Gedenkstätte (5.5.) Heldenplatz 15.3.1938 / 23.1.1993 Belvedere Staatsvertrag 15.5.1955 Hrdlicka-Mahnmal Albertinaplatz Hofburg / Volksgarten Republikdenkmal 1928 Wehrmachtsausstellung 1995 Wien — Tabubruch
Abb. 3Geschichtskulturelle Knotenpunkte: Mauthausen, Heldenplatz, Hofburg, Belvedere, Wehrmachtsausstellung.
Musterbeispiel

Wirkungsanalyse: warum die Waldheim-Affäre 1986 die Opferthese brach

Erklären Sie als Wirkungskette, wie die Waldheim-Affäre 1986 zum Bruch der „Opferthese" führte.

  1. 01Auslöser

    Im Präsidentschaftswahlkampf 1986 wird bekannt, dass Kurt Waldheim seine Wehrmachtszeit am Balkan verschwiegen hatte.

  2. 02Internationale Reaktion

    Die Kritik (u. a. World Jewish Congress, US-„Watchlist") macht aus einer innenpolitischen Frage ein internationales Thema.

  3. 03Aufarbeitung

    Die Historikerkommission 1987/88 stellt Mitwissen, aber keine direkte Mittäterschaft fest — entscheidend ist die Verschiebung der Frage von „Opfer" zu „Verantwortung".

  4. 04Folge

    Der öffentliche Druck bricht die kollektive „Opferthese" auf; 1991 bekennt Bundeskanzler Vranitzky erstmals offiziell die Mitverantwortung Österreichs.

  5. 05Bewerten

    Die Affäre wirkt weniger über die Person Waldheim als über den ausgelösten Diskurs — sie ist ein geschichtskulturelles Wendeereignis.

Ergebnis: Die Waldheim-Affäre wirkt als Katalysator: über internationale Kritik und Historikerkommission bricht sie die Opferthese und ebnet das Vranitzky-Bekenntnis 1991 — Wirkung durch Diskurs, nicht durch die Einzelperson.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank10 Punkte

Aufgabenstellung

Diskutieren Sie den österreichischen EU-Beitritt 1995. Welche politischen, rechtlichen und identitätspolitischen Folgen hatte er? Wie verhält sich der Beitritt zur Neutralität?

Maturafokus

  • Waldheim-Affäre als geschichtskulturelles Wendeereignis benennen.
  • EU-Beitritt 1995 als verfassungsrechtliche Integration verstehen.
  • Neutralitätsfrage seit EU-Beitritt diskutieren (GASP, Lissabon-Vertrag Solidaritätsklausel).

Typische Fehler

  • Waldheim-Affäre auf einzelne Person reduzieren.
  • EU-Beitritt als reine Wirtschaftsfrage darstellen.
  • Vereinbarkeit Neutralität ↔ EU-Mitgliedschaft als unproblematisch annehmen.

Aktive Wiederholung

Analysiere die Waldheim-Affäre als geschichtskulturelles Wendeereignis. Welche Folgen hatte sie für die Erinnerungskultur und die Außenwahrnehmung Österreichs?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Demokratiezentrum Wien — Waldheim, EU-Beitritt (Demokratiezentrum Wien) · AEIOU — EU-Beitritt 1995 (AEIOU)

§ 03

Schwarz-Blau, Migration, ÖVP-Affären und Wahlen 2024#

●●●VertiefungLPGSK-2RG-9.3

Gewaltenteilung in der Republik Österreich (B-VG)

Gewaltenteilung (B-VG)Baumdiagramm, 9 Pfade, Daten: Legislative → Nationalrat; Legislative → Bundesrat; Legislative → Landtage; Exekutive → Bundespräsident; Exekutive → Bundesregierung; Exekutive → Verwaltung; Judikative → VfGH; Judikative → VwGH; Judikative → OGHLegislativeExekutiveJudikativeGewaltenteilungNationalratBundesratLandtageBundespräsidentBundesregierungVerwaltungVfGHVwGHOGH
Abb. 4B-VG 1920/1929 (Kelsen, Stufenbau der Rechtsordnung): drei getrennte Staatsgewalten mit ihren Organen. Der VfGH prüft Gesetze auf Verfassungskonformität; die EMRK hat seit 1964 Verfassungsrang. Direkte Demokratie (Volksbegehren, -befragung, -abstimmung) ergänzt die repräsentative.

Kernpunkte

Schwarz-Blau I (Schüssel/Riess-Passer) Februar 2000: erste FPÖ-Regierungsbeteiligung; EU-14-Sanktionen Februar–September 2000; Pensions- und Universitätsreform.
Knittelfelder Putsch September 2002 spaltet FPÖ; BZÖ-Abspaltung 2005 unter Haider; Schwarz-Blau II (Schüssel/Gorbach) 2003–2007.
Migration als Dauerthema: Zuwanderung aus Türkei/Ex-Jugoslawien seit 60er; 1990er Balkankriege; 2015 „Flüchtlingskrise" (ca. 90.000 Asylanträge in AT), Westbalkanroute, Spielfeld-Bilder.
Faymann-Kern-Kurz: SPÖ-ÖVP-Konsensdemokratie reibt sich; 2017 Sebastian Kurz (ÖVP) → Türkis-Blau mit FPÖ (Strache).
Ibiza-Affäre 17.5.2019: heimliches Video stürzt Strache; Misstrauensvotum 27.5.2019 stürzt erstmals einen Bundeskanzler (Kurz I).
Türkis-Grün (Kurz/Kogler) ab 2020; COVID-19-Pandemie als zentrale Krisenherausforderung; Lockdowns, Impfpflicht-Debatte 2021/22.
ÖVP-Affären 2021ff.: Chat-Veröffentlichungen, WKStA-Ermittlungen; Kurz-Rücktritt 9.10.2021; Anklage gegen Kurz wegen Falschaussage; Schallenberg, Nehammer.
NR-Wahl 2024: FPÖ stärkste Partei mit ca. 29 %, Regierungsbildung kompliziert (Bundespräsident Van der Bellen, Verhandlungen ÖVP-SPÖ-NEOS).

Verhältniswahl (AT) vs. Mehrheitswahl (UK/US)

Verhältniswahl (Österreich) Mehrheitswahl (UK / US) 35 % 35 S 30 % 30 S 20 % 20 S 10 % 10 S 5 % 5 S 35 % ~ 60 S 30 % ~ 30 S 35 % ~ 10 S D'Hondt-Verfahren → Sitze nahe am Stimmenanteil; 4-%-Hürde. First-past-the-post → Mehrheitsbonus, Kleinparteien benachteiligt.
Abb. 5Sitzverteilung bei identischem Stimmergebnis: Proportionalität vs. Mehrheitsbonus.
Musterbeispiel

Wahlergebnis NR-Wahl Österreich auswerten (paraphrasiert)

Eine fiktive Beispiel-NR-Wahl ergibt: FPÖ 28 %, ÖVP 27 %, SPÖ 22 %, NEOS 9 %, Grüne 8 %, KPÖ 3 %, Sonstige 3 %. (a) Wie viele Parteien überspringen die 4-%-Hürde? (b) Welche Koalitionen sind rechnerisch möglich? (c) Welche politische Konsequenz folgt aus dem Wahlsieg der FPÖ?

  1. 01(a) 4-%-Hürde

    Hürde: ≥ 4 % bundesweit ODER ein Grundmandat in einem Regionalwahlkreis. KPÖ und Sonstige scheitern an der 4-%-Hürde → 5 Parteien einziehen.

  2. 02(b) Mehrheitsrechnung

    Stimmen → Sitze: FPÖ ≈ 30 %, ÖVP ≈ 29 %, SPÖ ≈ 24 %, NEOS ≈ 10 %, Grüne ≈ 9 % (vereinfacht nach Aufrundung, Sperrklauselverstärkung). Für Mehrheit nötig: > 50 % der Sitze. Mögliche Koalitionen: FPÖ+ÖVP, FPÖ+SPÖ, ÖVP+SPÖ+NEOS, ÖVP+SPÖ+Grüne, „Zuckerl"-Dreier (SPÖ+NEOS+Grüne) erreicht keine Mehrheit.

  3. 03(c) Politische Folgen

    Stimmenstärkste Partei = traditioneller Regierungsbildungsauftrag des Bundespräsidenten (politische Konvention, nicht Verfassungspflicht). 2024 (real): Van der Bellen beauftragte zunächst die ÖVP, nicht die FPÖ — historische Diskursivität des Auftrags.

Ergebnis: Wahlanalyse trennt drei Ebenen: Stimmen → Mandate → Regierungsbildung. Rechnerische Mehrheit und politische Bündnisfähigkeit fallen oft auseinander.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Schwarz-Blau 2000 war europapolitischer Tabubruch — die EU-14-Sanktionen waren historisch beispiellos.

  2. 2

    Die Ibiza-Affäre zeigt: Demokratie braucht freie Medien und investigativen Journalismus.

  3. 3

    Die Wahl 2024 zeigt: stärkste Partei = nicht automatisch Regierungschef:in. Bundespräsident hat politischen Spielraum.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank10 Punkte

Aufgabenstellung

Diskutieren Sie die politische Entwicklung Österreichs seit 2017 (Türkis-Blau, Ibiza, Türkis-Grün, ÖVP-Affären). Welche Konsequenzen ergeben sich für das Verhältnis von Politik, Medien und Justiz?

Maturafokus

  • Schwarz-Blau 2000 als europapolitischer Tabubruch.
  • Ibiza-Affäre als Beispiel für mediale Demokratiekontrolle.
  • 2024-Wahl: Regierungsbildungsauftrag-Konvention (politisch, nicht verfassungsrechtlich zwingend).

Typische Fehler

  • Schwarz-Blau auf „nur Personalfrage" reduzieren.
  • COVID-19 als rein gesundheitliches Phänomen darstellen.
  • NR-Wahl 2024-Ergebnis als „Auftrag zur Regierungsbildung" für FPÖ behaupten (politisch ja, verfassungsrechtlich nein).

Aktive Wiederholung

Analysiere die politische Entwicklung Österreichs 2017–2024. Welche Rolle spielten Affären, Migration, Pandemie und Wahlergebnisse?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Demokratiezentrum Wien — Aktuelle Politik (Demokratiezentrum Wien) · AEIOU — Österreichische Politik nach 2000 (AEIOU)

§ 04

Gesellschaftlicher Wandel 1955–heute: Bildung, Frauen, Familie#

●○○BasisLPGSK-2RG-9.4

Bildungsexpansion: AHS-Maturaquote (dokumentierte Eckwerte)

AHS-Maturaquote (%)Säulendiagramm: Maturaquote (%) nach Jahr, Daten: 1960: 6; 2020: 4501020304019602020645Maturaquote (%)Jahr
Abb. 6Von rund 6 % (1960) auf rund 45 % (2020) — Symptom der Bildungsexpansion; die soziale Herkunft bleibt dennoch prägend.

Kernpunkte

Bildungsexpansion: 1962 Schulgesetzwerk, 1971 Schulfreiheit (kein Schulgeld, freie Schulbücher), 1975 Universitäts-Organisationsgesetz, 1997 Universitätsstudiengesetz, Bologna-Prozess seit 2002.
Maturanten:innenquote: 1960 ca. 6 %, 2020 ca. 45 % (Bildungs- und Sozialaufstieg, aber soziale Herkunft bleibt prägend).
Frauenbewegung: AUF (Aktion Unabhängiger Frauen), Frauen-Volksbegehren 1997 (650.000 Unterschriften), 2017–18 (zweites Volksbegehren).
Familienpolitische Reformen: Familienlastenausgleichsgesetz 1955, Karenzgeld 1957 → Kinderbetreuungsgeld 2002 → Familienzeitbonus 2017.
Säkularisierung: Kirchenaustritte (1971 Konkordatsänderung, Fristenlösung 1975), Wertewandel von „Pflicht-" zu „Selbstentfaltungswerten" (Klages; vgl. Inglehart: materialistisch → postmaterialistisch).
Digitalisierung ab 1990er: PC, Internet, Smartphone, COVID-Digitalisierungsschub.
Geschlechter-Diversität: Eingetragene Partnerschaft 2010, Eheöffnung 2019 (VfGH), drittes Geschlecht im Personenstandsregister 2018.
Musterbeispiel

Daten deuten: Bildungsexpansion und Bildungsgerechtigkeit

Deuten Sie den Anstieg der AHS-Maturaquote von rund 6 % (1960) auf rund 45 % (2020). Was zeigt die Zahl, und wo liegt ihre Grenze?

  1. 01Datum lesen

    Die Maturaquote versiebenfacht sich annähernd — ein quantitativer Beleg der Bildungsexpansion.

  2. 02Deutung

    Sie steht für sozialen Aufstieg, Modernisierung und die Öffnung höherer Bildung (Schulgeldfreiheit, Universitätsöffnung).

  3. 03Grenze erkennen

    Expansion ist nicht Gerechtigkeit: Die soziale Herkunft prägt die Bildungschancen weiterhin stark (Bildungsvererbung).

  4. 04Wertewandel verbinden

    Parallel verschieben sich Werte (Klages: von Pflicht- zu Selbstentfaltungswerten; Inglehart: Postmaterialismus).

  5. 05Urteil

    Die Zahl belegt Quantität (mehr Maturant:innen), nicht automatisch Chancengleichheit — beides ist zu trennen.

Ergebnis: Eine triftige Deutung liest die Maturaquote als Beleg der Bildungsexpansion, trennt sie aber von Bildungsgerechtigkeit (Herkunftseffekte bleiben) und verbindet sie mit dem Wertewandel.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank10 Punkte

Aufgabenstellung

Diskutieren Sie den gesellschaftlichen Wandel in Österreich seit 1955 hinsichtlich Bildung, Geschlechterrollen und Wertewandel. Welche Spannungen blieben?

Maturafokus

  • Bildungsexpansion als Schlüsselphänomen der Modernisierung.
  • Frauenbewegung als langfristiger Reformakteur.
  • Wertewandel (Klages: Pflicht-/Selbstentfaltungswerte; Inglehart: Postmaterialismus) als analytisches Konzept.

Typische Fehler

  • Bildungsexpansion mit Bildungsgerechtigkeit gleichsetzen.
  • Säkularisierung als „Religionsende" missverstehen.
  • Digitalisierung als rein technische Frage darstellen.

Aktive Wiederholung

Analysiere den gesellschaftlichen Wandel in Österreich 1955–heute in drei Dimensionen: Bildung, Geschlecht, Werte. Welche Reformen, welche Spannungen?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Demokratiezentrum Wien — Gesellschaftlicher Wandel (Demokratiezentrum Wien)

§ 05

Österreich in der EU: Beitritt 1995 und Europäisierung#

●●○StandardLPGSK-2R-9.2LPGSK-Ori-1.1

EU-Institutionen — Vertrag von Lissabon

EU-Institutionen (Lissabon)Netzgraph, Europäischer Rat → EU-Kommission, EU-Kommission → Rat der EU, Rat der EU → EU-ParlamentEuropäischerRatEU-ParlamentRat der EUEU-KommissionEuGHEZBLeitlinienVorschlagMitentscheidung
Abb. 7Ordentliches Gesetzgebungsverfahren: die Kommission (Initiativrecht, 27 Mitglieder) schlägt vor, Rat der EU (Fachminister:innen, qual. Mehrheit) und Parlament (720 Abg., direkt gewählt; AT 20 Sitze) entscheiden mit. EuGH (Luxemburg) und EZB (Frankfurt) sind unabhängig. Vertrag von Lissabon 2009.

Kernpunkte

Der EU-Beitritt am 1.1.1995 (nach der Volksabstimmung 1994 mit rund 66 % Ja) ist eine verfassungspolitische Zäsur und integriert Österreich in die europäische Rechtsordnung.
EU-Recht geniesst Anwendungsvorrang vor nationalem Recht; viele Politikfelder (Binnenmarkt, Wettbewerb, Währung) werden europäisiert.
Österreich übernimmt 1999/2002 den Euro; die Teilnahme am Schengen-Raum öffnet die Binnengrenzen.
Die EU-Mitgliedschaft fordert das Neutralitätsverständnis heraus (GASP, Beistandsklausel) — die Antwort ist Differenzierung, nicht Aufgabe der Neutralität.
EU-Themen sind ambivalent in der öffentlichen Meinung: wirtschaftliche Vorteile vs. Souveraenitaets- und Demokratiedebatten (z. B. „EU-Sanktionen" 2000 gegen die Schwarz-Blaue Regierung).
Musterbeispiel

Die EU-Volksabstimmung 1994 analysieren

Analysiere die Volksabstimmung über den EU-Beitritt Österreichs (12.6.1994) und beurteile ihre verfassungs- und geschichtspolitische Bedeutung.

  1. 01Verfahren einordnen

    Der EU-Beitritt bedeutete eine Gesamtänderung der Bundesverfassung; deshalb war zwingend eine Volksabstimmung erforderlich (Art. 44 Abs. 3 B-VG). Sie fand am 12.6.1994 statt, der Beitritt erfolgte am 1.1.1995.

  2. 02Ergebnis darstellen

    Rund zwei Drittel (ca. 66,6 %) stimmten bei hoher Beteiligung für den Beitritt — ein deutliches Votum, getragen von einer breiten Koalition aus Regierung, Sozialpartnern und Medien.

  3. 03Argumente abwägen

    Pro: Wirtschaftsraum, Standortsicherung, europäische Einbindung nach dem Ende des Kalten Krieges. Contra: Sorge um Neutralität, Souveränität, Landwirtschaft und Transitverkehr.

  4. 04Bedeutung beurteilen

    Der Beitritt ist eine verfassungspolitische Zäsur (1995 als mögliche Epochengrenze): Österreich wird Teil der europäischen Rechts- und Integrationsordnung; zugleich beginnt die Dauerdebatte über das Verhältnis von Neutralität und EU.

Ergebnis: Die Volksabstimmung 1994 war wegen der Gesamtänderung der Verfassung zwingend; das deutliche Ja (rund 66 %) machte 1995 zur verfassungspolitischen Zäsur und integrierte Österreich in die EU — bei gleichzeitiger Dauerdebatte über die Neutralität.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Der EU-Beitritt 1995 bindet Österreich in die europäische Rechtsordnung ein.

  2. 2

    EU-Recht hat Anwendungsvorrang — die Verfassung bleibt, aber sie ist europarechtlich gebunden.

  3. 3

    Die Neutralität wird differenziert, nicht aufgegeben.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank8 Punkte

Aufgabenstellung

Beurteilen Sie Chancen und Spannungen der EU-Mitgliedschaft Österreichs seit 1995. Erklären Sie den Anwendungsvorrang des EU-Rechts und das Verhältnis zur Neutralität.

Maturafokus

  • Mit dem Operator „beurteilen" Chancen und Spannungen der EU-Mitgliedschaft abwägen.
  • Den Anwendungsvorrang des EU-Rechts korrekt erklären (kein „Verlust" der Verfassung, aber Bindung).
  • Das Verhältnis von Neutralität und EU-Sicherheitspolitik differenziert darstellen.

Typische Fehler

  • EU-Mitgliedschaft wird mit Verlust der Eigenstaatlichkeit gleichgesetzt.
  • Euro-Einführung und Schengen-Beitritt werden mit dem EU-Beitritt 1995 in eins gesetzt.
  • Die Neutralität wird als durch den EU-Beitritt „abgeschafft" dargestellt.

Aktive Wiederholung

Beurteile Chancen und Spannungen der EU-Mitgliedschaft Österreichs seit 1995. Erkläre den Anwendungsvorrang des EU-Rechts und das Verhältnis zur Neutralität.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: AEIOU — EU-Beitritt 1995, Europäisierung (AEIOU)

§ 06

Wandel des Parteiensystems: von der Konkordanz zum Wettbewerb#

●●●VertiefungLPGSK-2R-9.3LPGSK-Met-1.5

Verhältniswahl (AT) vs. Mehrheitswahl (UK/US)

Verhältniswahl (Österreich) Mehrheitswahl (UK / US) 35 % 35 S 30 % 30 S 20 % 20 S 10 % 10 S 5 % 5 S 35 % ~ 60 S 30 % ~ 30 S 35 % ~ 10 S D'Hondt-Verfahren → Sitze nahe am Stimmenanteil; 4-%-Hürde. First-past-the-post → Mehrheitsbonus, Kleinparteien benachteiligt.
Abb. 8Sitzverteilung bei identischem Stimmergebnis: Proportionalität vs. Mehrheitsbonus.

Kernpunkte

Bis in die 1980er prägte ein stabiles Zweieinhalb-Parteiensystem (SPÖ, ÖVP, kleine FPÖ) mit hoher Lagerbindung und Grossen Koalitionen die Republik.
Seit den 1980er Jahren erodiert die Lagerbindung: Aufstieg der Grünen (Umwelt, ab 1986 im Nationalrat) und der FPÖ als rechtspopulistische Kraft (Haider-Aera ab 1986).
Das Parteiensystem wird fragmentierter und volatiler; neue Akteure (NEOS 2013, kurzzeitig Team Stronach, das Liberale Forum) treten hinzu.
Regierungsformen werden vielfältiger: Grosse Koalitionen, Schwarz-Blau (ab 2000), Tuerkis-Gruen (ab 2020) — die Konkordanzlogik weicht dem Wettbewerb.
Methodisch: Wahlverhalten ist mit Säkularisierung, Bildungsexpansion, Medienwandel und Vertrauensverlust in Grossparteien zu erklären (Mehrebenenanalyse).
Musterbeispiel

Mehrebenenanalyse: die Erosion der Lagerbindung

Analysieren Sie den Wandel des österreichischen Parteiensystems von der Konkordanz zum Wettbewerb. Erklären Sie die Erosion der Lagerbindung mehrebenig.

  1. 01Ausgangssystem

    Bis in die 1980er prägt ein stabiles Zweieinhalb-Parteiensystem (SPÖ, ÖVP, kleine FPÖ) mit hoher Lagerbindung und Großen Koalitionen die Republik.

  2. 02Gesellschaftliche Ursachen

    Säkularisierung, Bildungsexpansion und sozialer Wandel lösen die traditionellen Milieus auf — die automatische Bindung an „das eigene Lager" schwindet.

  3. 03Politische und mediale Ursachen

    Vertrauensverlust in die Großparteien (Proporz, Affären) und der Medienwandel fördern Personalisierung und Volatilität.

  4. 04Neue Akteure

    Die Grünen (ab 1986), die zur rechtspopulistischen Großpartei gewandelte FPÖ (Haider-Ära) und später NEOS (2013) fragmentieren das System.

  5. 05Urteil

    Die Konkordanzlogik weicht dem Wettbewerb; Regierungsbildungen werden vielfältiger (Schwarz-Blau 2000, Türkis-Grün 2020) — der Wandel ist mehrkausal, nicht bloß „Politikverdrossenheit".

Ergebnis: Eine starke Analyse erklärt die Erosion der Lagerbindung mehrebenig (gesellschaftlich, politisch, medial) und verknüpft sie mit dem Aufstieg neuer Parteien — Konkordanz wird zu Wettbewerb.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Bis in die 1980er dominiert ein stabiles Zweieinhalb-Parteiensystem mit hoher Lagerbindung.

  2. 2

    Grüne, eine gewandelte FPÖ und später NEOS fragmentieren das System.

  3. 3

    Die Konkordanzlogik weicht zunehmend dem politischen Wettbewerb.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank8 Punkte

Aufgabenstellung

Analysieren Sie den Wandel des österreichischen Parteiensystems seit den 1980er Jahren und erklären Sie die Erosion der Lagerbindung sowie den Aufstieg neuer Parteien.

Maturafokus

  • Mit dem Operator „analysieren" den Wandel vom Lager- zum Wettbewerbssystem mehrdimensional erklären.
  • Den Aufstieg neuer Parteien (Grüne, FPÖ-Wandel, NEOS) mit gesellschaftlichem Wandel verknüpfen.
  • Den Begriff „Lagerbindung" und ihre Erosion präzise verwenden.

Typische Fehler

  • Der Parteienwandel wird monokausal (nur „Politikverdrossenheit") erklärt.
  • Die FPÖ wird statisch behandelt, obwohl sie sich von einer Klein- zur rechtspopulistischen Grosspartei wandelte.
  • Konkordanz- und Wettbewerbsdemokratie werden nicht als Modelle unterschieden.

Aktive Wiederholung

Analysiere den Wandel des österreichischen Parteiensystems seit den 1980er Jahren. Erkläre die Erosion der Lagerbindung und den Aufstieg neuer Parteien.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Demokratiezentrum Wien — Parteiensystem im Wandel (Demokratiezentrum Wien)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Kreisky-Ära 1970–1983 und Modernisierung◐
    • 02Waldheim-Affäre 1986 und EU-Beitritt 1995◐
    • 03Schwarz-Blau, Migration, ÖVP-Affären und Wahlen 2024●
    • 04Gesellschaftlicher Wandel 1955–heute: Bildung, Frauen, Familie○
    • 05Österreich in der EU: Beitritt 1995 und Europäisierung◐
    • 06Wandel des Parteiensystems: von der Konkordanz zum Wettbewerb●

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Aus den Notizen ins Training

GSK 9 — Zweite Republik 1955 bis heute: Kreisky-Ära, EU-Beitritt, ÖVP-Affären, aktuelle Politik

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Kompetenzen
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Beispielfrage

Erläutern Sie die Reformpolitik der Kreisky-Ära (1970–1983). Welche gesellschaftlichen Veränderungen wurden ausgelöst? Welche Schattenseiten zeigten sich?

10 BE · 2024

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Belege & Quellen

Quellen

AEIOU

  • AEIOU — Bruno Kreisky

Demokratiezentrum Wien

  • Demokratiezentrum Wien — Waldheim, EU-Beitritt

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