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DE-Abitur · KunstT·044 / 8
Skulptur (abtragend, subtraktiv — Stein, Holz) und Plastik (auftragend, additiv — Ton, Gips, Bronzeguss) gehören zu den ältesten Gattungen der bildenden Kunst. Sie verbinden die Bearbeitung von Material mit dem Programm des menschlichen Körpers (Kontrapost, Idealfigur, Ausdruck) und mit gesellschaftlichen Aufgaben (Sakralbild, Repräsentationsdenkmal, autonomes Kunstwerk). Die Pflichtlinie reicht von Polyklets „Doryphoros" (um 440 v. Chr.) über Michelangelos „David" (1501–04), Berninis Affektplastik, Rodins Modernisierung der Plastik (1880 ff.) bis zu Beuys’ erweiterter Plastik und Eliassons Installationen.
6Abschnitteca. 15Min Lesezeit2Kompetenzen
Operatoren:analysieren · vergleichen · einordnen · beurteilen
grundlegendes Niveau
gA-Niveau: Unterscheidung Skulptur (abtragend) und Plastik (auftragend); paradigmatische Werke der Antike, Renaissance und klassischen Moderne; Kontrapost als Standmotiv.
erhöhtes Niveau
eA-Niveau: Rodin und der Bruch mit dem Sockelparadigma; Beuys’ erweiterter Plastikbegriff; raumgreifende Installation als post-skulpturales Genre.
Kernpunkte
KONTRAPOST — CHIASTISCHE STAND-SPIELBEIN-KONFIGURATION
Welche drei Beschriftungen in "Kontrapost — chiastische Stand-Spielbein-Konfiguration" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
Kernpunkte
Musterlösung
Beurteilen Sie Joseph Beuys’ „7000 Eichen — Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" (Kassel, documenta 7, 1982 — Abschluss documenta 8, 1987) als Beispiel erweiterter Kunst- und Werkbegriffe der Gegenwartskunst. Bewerten Sie die Frage „Ist das Kunst?".
Im Kasseler Stadtraum platziert Beuys vor dem Friedericianum 7000 Basaltstelen (jeweils ca. 120 cm hoch). Diese werden über fünf Jahre einzeln verkauft und gegen je einen gepflanzten Baum (überwiegend Eiche) ausgetauscht. Jede Pflanzung kombiniert Baum und Basaltstele zu einem Markierungspaar. Materialien: rohbehauener Basalt, lebendige Bäume, soziale Prozesse (Subskription, Pflanzaktion, Pflege).
Beuys postuliert (Düsseldorfer Vorträge 1971ff.): „Jeder Mensch ist ein Künstler" — Kunst ist nicht auf Objekte begrenzt, sondern jeder zielgerichtete, gestaltende soziale Prozess ist potentiell Kunstwerk. „Soziale Plastik" als Form von Kunst, die soziale Strukturen umformt. „7000 Eichen" ist demnach kein Objekt, sondern eine prozessual-soziale Plastik, die das Aufforsten der Stadt als ästhetisch-politische Form vollzieht.
Basalt: Erstarrte Vulkanmaterie, Symbol des Anorganisch-Geronnenen, „kalter" Pol. Eiche: in der germanischen, römischen und christlichen Tradition Symbol für Stärke, Dauer, Lebensbaum — „warmer" Pol. Beuys arbeitet ikonografisch mit Polaritäten (vgl. Filz/Fett-Kosmologie). Die jährliche Verschiebung des Steinhaufens am Friedericianum macht den Prozess sichtbar — gestalterischer Zeit-Index.
Politisch eingebettet in die ökologische Bewegung der frühen 1980er Jahre (Gründung Grüne 1980, Waldsterben-Debatte). Das Werk vereint Naturschutz, Urbanismuskritik und Demokratiepädagogik. Kunsthistorisch markiert es eine Verschiebung der documenta von der Skulpturen-/Malerei-Schau (Rudi Fuchs, documenta 7, 1982) zur Plattform für Konzept- und Aktionskunst (Manfred Schneckenburger, documenta 8, 1987; später Jan Hoet, documenta 9, 1992; Catherine David, documenta X, 1997). Kunstmarkt-Reflexion: jede Stele wird Spendeneinheit — das Werk finanziert sich selbst aus seinem Verkaufsprozess.
Drei Antwortrichtungen: (a) Institutionelle Definition (Dickie): Kunst ist, was vom Kunstsystem (Museen, Kritik, Markt) als Kunst anerkannt wird — „7000 Eichen" zweifelsfrei Kunst (documenta, Sammlungen, Forschung). (b) Funktionale Definition (ästhetische Erfahrung): das Werk lädt zu kontemplativer Wahrnehmung und kritischer Reflexion ein — Kunstfunktion erfüllt. (c) Konventionelle Skepsis: kein traditionelles Artefakt, keine handwerkliche Form — kein Werk im Sinne der klassischen Werkästhetik. Eine reflektierte Stellungnahme erkennt die Verschiebung des Werkbegriffs an und beurteilt sie kunsthistorisch produktiv, statt sie an einer veralteten Definition zu messen.
Operatoren: „beschreiben" (Material, Anordnung), „erläutern" (Beuys-Theorie, sozialer Plastik), „analysieren" (Ikonografie der Polaritäten), „beurteilen" (Werkbegriff-Frage). KMK AB III erfordert begründete Stellungnahme — die Argumentation sollte explizit machen, welcher Kunstbegriff zugrunde gelegt wird.
Ergebnis: Klausurtauglich ist eine Antwort, die das Werk präzise beschreibt, Beuys’ erweiterten Kunstbegriff theoretisch sauber referiert, die Materialikonografie ausleuchtet, das Werk politisch-historisch einbettet und die „Ist das Kunst?"-Frage methodisch reflektiert beantwortet — nicht naiv zustimmend, nicht polemisch ablehnend, sondern theoriebewusst.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Diskutieren Sie Eliassons „The Weather Project" als post-skulpturale Form. Welche Rolle spielt der Betrachter? Wie verändert sich der Werkbegriff von Skulptur zur Erfahrung?
Kernpunkte
KONTRAPOST — CHIASTISCHE STAND-SPIELBEIN-KONFIGURATION
Welche drei Beschriftungen in "Kontrapost — chiastische Stand-Spielbein-Konfiguration" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
Kernpunkte
KONTRAPOST — CHIASTISCHE STAND-SPIELBEIN-KONFIGURATION
Welche drei Beschriftungen in "Kontrapost — chiastische Stand-Spielbein-Konfiguration" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Musterlösung
Vergleichen Sie Polyklets „Doryphoros" (um 440 v. Chr., bekannt durch römische Marmorkopien) und Michelangelos „David" (1501–04, Marmor, 5,17 m, Florenz, Accademia) hinsichtlich Kontrapost, Proportion und Bildaufgabe. Erläutern Sie, was Michelangelo aus dem antiken Erbe weiterentwickelt.
Beide Figuren stehen im Kontrapost: ein Bein trägt (Standbein), das andere ist entlastet (Spielbein). Daraus folgt eine chiastische (über Kreuz laufende) Verschiebung — die tragende Hüfte steht höher, die entlastete Schulter sinkt; bei der Gegenseite umgekehrt. Diese gegenläufige Achsenkonfiguration belebt die ruhende Figur.
Polyklet formuliert im „Kanon" ein mathematisches Idealmaß (Modul-System, ca. Kopf : Körper = 1 : 7). Der Doryphoros ist die gebaute Theorie eines harmonisch durchgerechneten Körpers. Michelangelos „David" überhöht die Proportion bewusst: Kopf und rechte Hand sind vergrößert — teils der ursprünglichen Aufstellung in der Höhe (Domstrebepfeiler) geschuldet, teils Ausdruck gesteigerter Spannung.
Der Doryphoros zeigt ruhige, in sich geschlossene Idealität (Lanzenträger im Schreiten innehaltend). Michelangelos „David" ist im Moment vor der Tat erfasst — gerunzelte Stirn, gespannter Hals, die Schleuder über der Schulter: angespannte Ruhe (terribilità), nicht statische Idealität.
Doryphoros: idealer Athleten-/Heldenkörper als Kunsttheorie in Marmor, Repräsentation griechischer Klassik. David: Wahrzeichen der Florentiner Republik — der biblische Underdog als Symbol bürgerlicher Wehrhaftigkeit gegen Tyrannei (Aufstellung 1504 vor dem Palazzo Vecchio).
Michelangelo übernimmt den antiken Kontrapost und das Idealkörper-Programm, transformiert die olympische Ruhe aber in psychologische Spannung und politische Bedeutung. Der Vergleich macht die Renaissance-Aneignung der Antike sichtbar: nicht Kopie, sondern überbietende Wiederbelebung (aemulatio).
Ergebnis: Bewertungsentscheidend ist, dass der Kontrapost an beiden Werken konkret (chiastische Achsenverschiebung) belegt und die Differenz — antike Idealruhe vs. renaissancehafte Spannung und politische Funktion — als Aneignungsleistung (aemulatio) gedeutet wird.
Typische Fehler
Kernpunkte
KONTRAPOST — CHIASTISCHE STAND-SPIELBEIN-KONFIGURATION
Welche drei Beschriftungen in "Kontrapost — chiastische Stand-Spielbein-Konfiguration" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
Kernpunkte
WERKPROZESS IN DER PRAKTISCHEN AUFGABENART I
Welche drei Beschriftungen in "Werkprozess in der praktischen Aufgabenart I" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Musterlösung
Beurteilen Sie Joseph Beuys’ „7000 Eichen — Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" (Kassel, documenta 7, 1982 — Abschluss documenta 8, 1987) als Beispiel erweiterter Kunst- und Werkbegriffe der Gegenwartskunst. Bewerten Sie die Frage „Ist das Kunst?".
Im Kasseler Stadtraum platziert Beuys vor dem Friedericianum 7000 Basaltstelen (jeweils ca. 120 cm hoch). Diese werden über fünf Jahre einzeln verkauft und gegen je einen gepflanzten Baum (überwiegend Eiche) ausgetauscht. Jede Pflanzung kombiniert Baum und Basaltstele zu einem Markierungspaar. Materialien: rohbehauener Basalt, lebendige Bäume, soziale Prozesse (Subskription, Pflanzaktion, Pflege).
Beuys postuliert (Düsseldorfer Vorträge 1971ff.): „Jeder Mensch ist ein Künstler" — Kunst ist nicht auf Objekte begrenzt, sondern jeder zielgerichtete, gestaltende soziale Prozess ist potentiell Kunstwerk. „Soziale Plastik" als Form von Kunst, die soziale Strukturen umformt. „7000 Eichen" ist demnach kein Objekt, sondern eine prozessual-soziale Plastik, die das Aufforsten der Stadt als ästhetisch-politische Form vollzieht.
Basalt: Erstarrte Vulkanmaterie, Symbol des Anorganisch-Geronnenen, „kalter" Pol. Eiche: in der germanischen, römischen und christlichen Tradition Symbol für Stärke, Dauer, Lebensbaum — „warmer" Pol. Beuys arbeitet ikonografisch mit Polaritäten (vgl. Filz/Fett-Kosmologie). Die jährliche Verschiebung des Steinhaufens am Friedericianum macht den Prozess sichtbar — gestalterischer Zeit-Index.
Politisch eingebettet in die ökologische Bewegung der frühen 1980er Jahre (Gründung Grüne 1980, Waldsterben-Debatte). Das Werk vereint Naturschutz, Urbanismuskritik und Demokratiepädagogik. Kunsthistorisch markiert es eine Verschiebung der documenta von der Skulpturen-/Malerei-Schau (Rudi Fuchs, documenta 7, 1982) zur Plattform für Konzept- und Aktionskunst (Manfred Schneckenburger, documenta 8, 1987; später Jan Hoet, documenta 9, 1992; Catherine David, documenta X, 1997). Kunstmarkt-Reflexion: jede Stele wird Spendeneinheit — das Werk finanziert sich selbst aus seinem Verkaufsprozess.
Drei Antwortrichtungen: (a) Institutionelle Definition (Dickie): Kunst ist, was vom Kunstsystem (Museen, Kritik, Markt) als Kunst anerkannt wird — „7000 Eichen" zweifelsfrei Kunst (documenta, Sammlungen, Forschung). (b) Funktionale Definition (ästhetische Erfahrung): das Werk lädt zu kontemplativer Wahrnehmung und kritischer Reflexion ein — Kunstfunktion erfüllt. (c) Konventionelle Skepsis: kein traditionelles Artefakt, keine handwerkliche Form — kein Werk im Sinne der klassischen Werkästhetik. Eine reflektierte Stellungnahme erkennt die Verschiebung des Werkbegriffs an und beurteilt sie kunsthistorisch produktiv, statt sie an einer veralteten Definition zu messen.
Operatoren: „beschreiben" (Material, Anordnung), „erläutern" (Beuys-Theorie, sozialer Plastik), „analysieren" (Ikonografie der Polaritäten), „beurteilen" (Werkbegriff-Frage). KMK AB III erfordert begründete Stellungnahme — die Argumentation sollte explizit machen, welcher Kunstbegriff zugrunde gelegt wird.
Ergebnis: Klausurtauglich ist eine Antwort, die das Werk präzise beschreibt, Beuys’ erweiterten Kunstbegriff theoretisch sauber referiert, die Materialikonografie ausleuchtet, das Werk politisch-historisch einbettet und die „Ist das Kunst?"-Frage methodisch reflektiert beantwortet — nicht naiv zustimmend, nicht polemisch ablehnend, sondern theoriebewusst.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Erörtern Sie Bourriauds „relationale Ästhetik" (1998) am Beispiel partizipativer Installationen. Ist die soziale Situation selbst das Kunstwerk?