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Notizen/Philosophie/20. Jahrhundert und Gegenwart — Phänomenologie, Analytik, Kritische Theorie, Postmoderne
Notizen · PhilosophieDE · Abitur

20. Jahrhundert und Gegenwart — Phänomenologie, Analytik, Kritische Theorie, Postmoderne

Die Philosophie des 20. Jahrhunderts verzweigt sich in große, teils gegensätzliche Strömungen. Die Phänomenologie (Husserl) und die Existenzialontologie (Heidegger) fragen nach den Bewusstseinsstrukturen und dem Sinn von Sein. Die analytische Philosophie (Frege, Wittgenstein, Wiener Kreis) vollzieht die „linguistische Wende" und macht die Sprachanalyse zur Methode. Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno, Habermas) verbindet Gesellschaftskritik mit Philosophie. Die Postmoderne (Foucault, Derrida, Lyotard) verabschiedet die „großen Erzählungen" und kritisiert universale Vernunftansprüche. Diese Pluralität prägt die Gegenwartsphilosophie bis zu den heutigen Debatten über Bewusstsein, Gerechtigkeit und Digitalität.

4 Abschnitte·~29 Min Lesezeit·2 Kompetenzen·Niveau Vertiefung 4·Stand 06/2026

T·0666 / 15
Prüfungsprofil
KMK-EPA-Philosophie-20Jh · 20. Jahrhundert und GegenwartKMK-EPA-Philosophie-MK1 · Positionen historisch einordnen und problematisieren
Operatoren:darstellenanalysierenvergleichenerörternbeurteilen

grundlegendes Niveau

gA-Niveau: linguistische Wende und Wittgensteins Wende (Bildtheorie → Sprachspiele); Heideggers Frage nach dem Sinn von Sein und „in-der-Welt-sein"; Kritische Theorie (instrumentelle Vernunft, Kulturindustrie); Postmoderne als Ende der großen Erzählungen.

erhöhtes Niveau

eA-Niveau: Husserls Phänomenologie (Intentionalität, epochḗ); Heideggers Daseinsanalytik (Sein und Zeit 1927, Existenzialien, Sein zum Tode); Wiener Kreis und Verifikationsprinzip, Poppers Falsifikationismus als Antwort; Habermas’ Theorie kommunikativen Handelns (Geltungsansprüche, Diskursethik); Foucaults Macht-Wissen und Derridas Dekonstruktion.

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard

Inhalt · 4 Abschnitte▾
  1. 20. Jahrhundert und Gegenwart — Phänomenologie, Analytik, Kritische Theorie, Postmoderne
    • 01Phänomenologie und Existenzialontologie — Husserl und Heidegger●
    • 02Analytische Philosophie — linguistische Wende, Wiener Kreis, Popper●
    • 03Kritische Theorie — Frankfurter Schule und Habermas●
    • 04Postmoderne und Gegenwart — Foucault, Derrida, Lyotard●
§ 01

Phänomenologie und Existenzialontologie — Husserl und Heidegger#

●●●VertiefungLPkmk-epa-philosophie-20Jh

Kernpunkte

Die Phänomenologie ist eine der prägendsten Bewegungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Edmund Husserl (1859–1938) begründet sie mit dem Programm „Zu den Sachen selbst!": Statt von Theorien, Konstruktionen und naturwissenschaftlichen Erklärungen auszugehen, soll die Philosophie die Phänomene beschreiben — das, was sich dem Bewusstsein zeigt, so wie es sich zeigt. Sie wendet sich gegen den Psychologismus (die Reduktion der Logik auf Denkpsychologie) und gegen den Naturalismus (die Verabsolutierung der naturwissenschaftlichen Weltsicht). Die Phänomenologie ist damit eine strenge Methode der Deskription, keine Weltanschauung: Sie fragt nicht „Was gibt es?", sondern „Wie erscheint uns etwas?".
Der Grundbegriff ist die Intentionalität, den Husserl von seinem Lehrer Franz Brentano übernimmt: Bewusstsein ist immer „Bewusstsein von etwas". Es gibt kein leeres, gegenstandsloses Erleben — jedes Wahrnehmen ist Wahrnehmen von etwas, jedes Erinnern ein Erinnern an etwas. Das Bewusstsein ist wesenhaft auf Gegenstände gerichtet; Husserl analysiert die Korrelation von Bewusstseinsakt (noesis) und Gegenstandssinn (noema). Diese Gerichtetheit sprengt die cartesische Vorstellung einer in sich geschlossenen Innensphäre, die erst nachträglich auf eine Außenwelt treffen müsste. (Achtung: Intentionalität meint die Gerichtetheit, nicht „Absicht" im Alltagssinn.)
Die phänomenologische Methode arbeitet mit der epoché (griech. „Zurückhaltung") und der Reduktion. In der epoché wird die „natürliche Einstellung" — die selbstverständliche Annahme einer an sich seienden, bewusstseinsunabhängigen Außenwelt — „eingeklammert", außer Geltung gesetzt. Entscheidend: Die epoché bestreitet NICHT die Existenz der Welt (sie ist weder Skeptizismus noch cartesischer Zweifel noch bloße Introspektion); sie enthält sich nur des Seinsurteils, um den Blick darauf zu lenken, WIE die Welt im Bewusstsein konstituiert ist. Die eidetische Reduktion legt durch Variation das invariante Wesen (eidos) der Phänomene frei (was bleibt notwendig, wenn ich das Wahrgenommene phantasierend abwandle?). Das Spätwerk („Die Krisis der europäischen Wissenschaften", 1936) ergänzt den Begriff der Lebenswelt — der vorwissenschaftlichen Sinnwelt, auf der auch die exakte Wissenschaft aufruht und die sie vergisst (Kritik am Objektivismus).
Martin Heidegger (1889–1976), Husserls Schüler, radikalisiert die Phänomenologie in „Sein und Zeit" (1927) zur Existenzialontologie. Seine Leitfrage ist die Seinsfrage: Was bedeutet überhaupt „Sein"? Die abendländische Metaphysik habe stets nach dem Seienden (den Dingen) gefragt, dabei aber den „Sinn von Sein" selbst vergessen (Seinsvergessenheit). Heidegger hält die „ontologische Differenz" fest: Sein ist nicht selbst ein Seiendes. Den Zugang findet er über das eine Seiende, das ein Seinsverständnis hat und dem es in seinem Sein um dieses Sein geht — den Menschen, den er bewusst „Dasein" nennt (nicht „Subjekt"/„Bewusstsein", um den cartesischen Ballast abzuwerfen).
Die Grundverfassung des Daseins ist das In-der-Welt-sein. Heidegger bestreitet das cartesische Modell, wonach zuerst ein isoliertes Subjekt existiert, das nachträglich auf eine Welt von Objekten trifft: Das Dasein ist immer schon besorgend in eine Welt verstrickt. Die Dinge begegnen primär als „Zuhandenes" (Werkzeug im praktischen Umgang — der Hammer beim Hämmern), nicht als bloß betrachtetes „Vorhandenes". Erst wenn das Werkzeug versagt, tritt das Ding als pures Vorhandenes hervor. Theorie und das neutrale „Objekt" sind also abgeleitet, nicht ursprünglich — damit überwinden Husserl (Intentionalität) und Heidegger (In-der-Welt-sein) gemeinsam das neuzeitliche Subjekt-Objekt-Schema.
Statt der Kategorien (die für vorhandene Dinge gelten) bestimmen „Existenzialien" das Dasein: Es ist durch Befindlichkeit (Stimmung), Verstehen und Rede erschlossen; es ist „geworfen" (es findet sich in einer Situation vor, die es nicht gewählt hat) und zugleich „entwerfend" (es ist auf Möglichkeiten hin entworfen). Zunächst und zumeist existiert es uneigentlich, verfallen an „das Man" — die anonyme Öffentlichkeit, in der „man" denkt und urteilt wie alle, getragen von Gerede und Neugier. Wichtig: „das Man" ist kein moralischer Vorwurf gegen „die anderen", sondern ein Existenzial, eine Strukturweise jedes Daseins. Die Grundbefindlichkeit, die das Dasein vor sich selbst bringt, ist die Angst — anders als die Furcht hat sie kein bestimmtes Objekt, sondern ängstigt sich um das In-der-Welt-sein im Ganzen.
Den Höhepunkt bildet das „Sein zum Tode" (siehe das eigene Worked Example). Der Tod ist die „eigenste, unbezügliche, unüberholbare" Möglichkeit; alltäglich verdeckt ihn das Man im beruhigenden „man stirbt". Eigentlich existiert, wer in den Tod „vorläuft": Das Vorlaufen verdrängt den Tod nicht, sondern ergreift die eigene Endlichkeit und gibt das Dasein an sein unvertretbares Selbstsein zurück — der Tod als Bedingung eigentlichen Lebens, nicht als morbide Sehnsucht. Das Spätwerk (nach der „Kehre") verschiebt den Akzent vom Dasein auf das Sein und die Sprache („Die Sprache ist das Haus des Seins") und deutet das Wesen der modernen Technik als „Gestell", das alles — auch den Menschen — als verfügbaren „Bestand" erscheinen lässt. Diese einflussreiche Technikkritik ist von Heideggers politisch belasteter Biographie (NSDAP-Mitgliedschaft, Rektorat 1933/34) nicht zu trennen (vgl. Topic Existenzphilosophie).
Musterlösung

Heidegger — das „Sein zum Tode" als existenziale Struktur

Erläutern Sie Heideggers Analyse des „Seins zum Tode" (Sein und Zeit, 1927, §§ 46–53) und beurteilen Sie, inwiefern das „Vorlaufen zum Tode" eigentliche Existenz ermöglicht.

  1. 011. Das Problem der Daseinsganzheit

    Heideggers Daseinsanalyse will das Dasein (den Menschen) als Ganzes in den Blick bekommen. Solange das Dasein lebt, steht aber stets noch etwas aus; im Tod ist es ganz, aber dann nicht mehr „da". Der Ausweg: nicht den eingetretenen Tod (das Ableben anderer), sondern das Verhältnis des Daseins zu seinem eigenen Tod, das „Sein zum Tode", analysieren.

  2. 022. Der Tod als ausgezeichnete Möglichkeit

    Der Tod ist für Heidegger keine künftige Tatsache, sondern eine Seinsweise des Daseins: die „eigenste, unbezügliche, unüberholbare" Möglichkeit (SuZ § 50). Eigenst, weil niemand mir mein Sterben abnehmen kann; unbezüglich, weil im Sterben alle Bezüge zu anderen wegfallen; unüberholbar, weil keine Möglichkeit dahinter liegt. Der Tod ist die „Möglichkeit der schlechthinnigen Daseinsunmöglichkeit".

  3. 033. Das uneigentliche Sein zum Tode

    Alltäglich verdeckt das „Man" den Tod: Man sagt „man stirbt" — gestorben wird, aber zunächst und einstweilen nicht ich selbst (SuZ § 51). Der Tod wird zu einem öffentlichen Vorkommnis verharmlost, das Sterben zu einer „Taktlosigkeit", vor der man sich „beruhigt". So weicht das Dasein der eigensten Möglichkeit aus und verliert sich an die anonyme Durchschnittlichkeit.

  4. 044. Das eigentliche Sein zum Tode: das Vorlaufen

    Eigentlich verhält sich zum Tod, wer ihn nicht verdrängt, sondern in ihn „vorläuft": Das Vorlaufen erschließt den Tod als die eigenste Möglichkeit und gibt das Dasein damit an sich selbst zurück. Indem ich meine Endlichkeit ergreife, werde ich frei für mein je eigenes, unvertretbares Sein-können — die Möglichkeiten verlieren ihre Selbstverständlichkeit und ich übernehme die Verantwortung für mein Existieren.

  5. 055. Die Rolle der Angst

    Erschlossen wird das Sein zum Tode in der Grundbefindlichkeit der Angst. Anders als die Furcht hat die Angst kein bestimmtes Objekt; sie ängstigt sich um das In-der-Welt-sein selbst und bringt das Dasein vor sein nacktes „Dass-es-ist". In ihr wird das Man-Selbst hinfällig, und das Dasein steht vereinzelt vor seiner eigensten Möglichkeit.

  6. 066. Reflektierte Stellungnahme

    Stärke: Heidegger denkt die Endlichkeit nicht als morbides Thema, sondern als Struktur, die ein authentisches, entschlossenes Leben überhaupt erst ermöglicht — eine fruchtbare Kritik an der Verdrängung des Todes in der Konsum- und Mediengesellschaft. Einwand: Adorno wirft Heidegger im „Jargon der Eigentlichkeit" (1964) eine pathetische Leerformel vor; zudem bleibt offen, welche konkreten Inhalte das „eigentliche" Leben hat (Dezisionismus-Vorwurf).

Ergebnis: Das „Sein zum Tode" ist eine existenziale (nicht morbide) Struktur: Erst das Vorlaufen in die eigenste, unüberholbare Möglichkeit reißt das Dasein aus dem „Man" und gibt es an sein eigentliches Selbst zurück. Stark als Kritik der Todesverdrängung, aber inhaltlich unbestimmt und dem Vorwurf des Pathos ausgesetzt.

Abiturfokus

  • Intentionalität als „Bewusstsein von etwas" (Gerichtetheit, NICHT „Absicht") darstellen.
  • Die epoché als methodische Einklammerung (kein Zweifel, kein Skeptizismus, keine Introspektion) erklären.
  • Die Seinsfrage von der Frage nach dem Seienden trennen (ontologische Differenz, Seinsvergessenheit).
  • Heideggers „In-der-Welt-sein"/Zuhandenheit gegen das cartesische Subjekt-Objekt-Modell stellen.
  • Eigentlichkeit/Uneigentlichkeit, „das Man", Angst vs. Furcht und „Sein zum Tode" als Existenzialien deuten.

Typische Fehler

  • Phänomenologie wird mit bloßer Selbstbeobachtung (Introspektion) oder mit cartesischem Zweifel verwechselt.
  • Heideggers „Dasein" wird mit „Existenz" im Alltagssinn statt als seinsverstehende Seinsweise des Menschen gelesen.
  • „Sein zum Tode" wird als morbide Todessehnsucht statt als Bedingung eigentlichen Lebens gedeutet.
  • „Das Man" wird moralisch (als „die anderen") statt strukturell (Existenzial der Durchschnittlichkeit) verstanden.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Husserls Lebensweltbegriff und die phänomenologische Beschreibung der Ersten Person werden in der heutigen Philosophie des Geistes gegen den Komputationalismus (Geist = Programm) und für die „verkörperte"/„situierte" Kognition (Embodiment, 4E) angeführt. Diskutieren Sie, ob die phänomenologische Erste-Person-Perspektive etwas erfasst (das „Wie" des Erlebens, die Qualia), das eine rein funktionalistisch-physikalische Beschreibung notwendig verfehlt (Bezug: Jacksons „Mary’s Room").

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie Husserls Begriff der Intentionalität und Heideggers „In-der-Welt-sein". Inwiefern überwinden beide gemeinsam das neuzeitliche Subjekt-Objekt-Schema (Descartes)?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Informal Logic (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)

§ 02

Analytische Philosophie — linguistische Wende, Wiener Kreis, Popper#

●●●VertiefungLPkmk-epa-philosophie-20JhLPkmk-epa-philosophie-if6

Wittgenstein I/II — Sprache als Bild vs. Spiel

Wittgenstein I/II — Bild vs. SpielTabelle mit 3 Spalten und 4 Zeilen, Daten: Tractatus 1921 · PU 1953; Modell · Bild (Abbildung) · Sprachspiel; Bedeutung · isomorphe Struktur · Gebrauch; Reichweite · sagbar / schweigen · Lebensformen; Leitsatz · „…schweigen“ TLP 7 · Bedeutung=Gebrauch, hervorgehobene Zelle: GebrauchTRACTATUS 1921PU 1953MODELLBild (Abbildung)SprachspielBEDEUTUNGisomorphe StrukturGebrauchREICHWEITEsagbar / schweigenLebensformenLEITSATZ„…schweigen“ TLP 7Bedeutung=Gebrauchvom Bild zum Sprachspiel
Abb. 1Frühwerk (Tractatus): Sprache bildet Welt ab; Spätwerk (PU): Sprache funktioniert in Lebensformen und Sprachspielen.

Kernpunkte

Die analytische Philosophie ist die zweite große Tradition des 20. Jahrhunderts neben der „kontinentalen" Phänomenologie/Existenzphilosophie. Ihr gemeinsamer Zug ist die „linguistische Wende" (linguistic turn): Philosophische Probleme werden als Sprachprobleme behandelt und durch logische Analyse der Sprache geklärt. Statt großer Systeme tritt das genaue, argumentativ-präzise Arbeiten an einzelnen Begriffen und Sätzen. Das Werkzeug schaffen Gottlob Frege (Begriffsschrift, 1879; Unterscheidung von „Sinn und Bedeutung", 1892) und Bertrand Russell (Kennzeichnungstheorie) mit der modernen formalen Logik — sie löst die alte aristotelische Syllogistik ab und erlaubt, die logische Form von Sätzen exakt darzustellen.
Wittgenstein I — der „Tractatus logico-philosophicus" (1921) — gibt der Frühphase ihr Programm: Die Sprache bildet die Welt logisch ab (Abbildtheorie); der sinnvolle Satz ist ein „Bild" eines möglichen Sachverhalts und teilt mit ihm die logische Form. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt" (TLP 5.6). Sinnvoll sind allein die kontingenten Sätze der Naturwissenschaft; Ethik, Ästhetik, Metaphysik liegen außerhalb des Sagbaren — sie sind nicht falsch, sondern unsinnig. Daher der Schlusssatz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" (TLP 7). Selbst die Sätze des Tractatus sind eine „Leiter", die man wegwerfen muss (6.54); das „Mystische" zeigt sich, lässt sich aber nicht sagen.
Der Wiener Kreis (logischer Empirismus/Positivismus; Moritz Schlick, Rudolf Carnap, Otto Neurath) macht daraus ein antimetaphysisches Programm. Sein Sinnkriterium ist das Verifikationsprinzip: Ein Satz ist nur dann (kognitiv) sinnvoll, wenn er entweder analytisch (logisch-mathematisch wahr) oder empirisch verifizierbar ist. Metaphysische, theologische und ethische Sätze gelten als „kognitiv sinnlos" (Carnap: „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache", 1932) — sie drücken bestenfalls Gefühle aus (emotivistische Ethik). Wissenschaft soll auf „Protokollsätze" (elementare Beobachtungssätze) gegründet werden.
Karl Popper (selbst kein Mitglied, sondern Kritiker des Kreises) wendet ein: Allgemeine Gesetze („alle …") sind grundsätzlich nicht verifizierbar — denn keine endliche Zahl von Beobachtungen kann einen All-Satz beweisen (Humes Induktionsproblem). Wohl aber sind sie falsifizierbar: Ein einziges Gegenbeispiel widerlegt sie (modus tollens). Popper ersetzt deshalb das Sinnkriterium durch ein Abgrenzungskriterium (Demarkation): Wissenschaftlich ist eine Theorie, die sich an der Erfahrung scheitern lassen kann (Logik der Forschung, 1934; siehe das Worked Example zur Falsifizierbarkeit und das Topic Wissenschaftstheorie). Falsifizierbarkeit ist dabei ein Wahrheits-unabhängiges Wissenschafts-, kein Wahrheitskriterium.
Das Verifikationsprinzip gerät in einen Selbstwiderspruch: Es ist selbst weder ein analytischer Satz noch empirisch verifizierbar — nach seinem eigenen Maßstab wäre es also „sinnlos". Dieser Einwand (zusammen mit Poppers Kritik und W. V. O. Quines Angriff auf die scharfe Trennung von analytisch und synthetisch in „Two Dogmas of Empiricism", 1951) führt zum Niedergang des strengen logischen Positivismus. Die analytische Philosophie selbst bleibt jedoch und differenziert sich aus (Sprachphilosophie, Philosophie des Geistes, Wissenschaftstheorie).
Wittgenstein II vollzieht die berühmteste Kehre der Philosophiegeschichte: In den „Philosophischen Untersuchungen" (postum 1953) verwirft er die eigene Abbildtheorie. Sprache hat nicht ein Wesen, sondern ist ein Geflecht von Tätigkeiten. Der neue Grundsatz: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache" (PU §43). Wörter sind Werkzeuge; Bedeutung zeigt sich im „Sprachspiel", eingebettet in eine „Lebensform" (Befehlen, Fragen, Grüßen). „Familienähnlichkeit" ersetzt die Suche nach gemeinsamen Wesensmerkmalen; das Privatsprachenargument zeigt, dass selbst das Innere nur über öffentliche Verwendungsregeln Bedeutung gewinnt. Philosophie wird zur Therapie sprachlicher Verhexungen — „der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen" (PU §309) (siehe das Worked Example).
Die Wirkung der Spätphilosophie ist groß: Sie begründet die „ordinary language philosophy" und die Sprechakttheorie. John L. Austin („How to Do Things with Words", 1962) zeigt, dass viele Äußerungen nicht beschreiben, sondern HANDELN („Ich verspreche …", „Hiermit taufe ich …" — performative Äußerungen), und unterscheidet lokutionären, illokutionären und perlokutionären Akt; John Searle systematisiert die Sprechakttheorie. Insgesamt steht die analytische Tradition für Klarheit, Präzision und Argumentstrenge. Der Haupteinwand (oft von kontinentaler Seite): Löst die Sprachanalyse die großen Fragen (nach Sinn, Sein, Moral) wirklich auf — oder geht sie ihnen nur kunstvoll aus dem Weg?

Falsifikationismus (Popper)

Falsifikationismus (Popper)Netzgraph, All-Satz / Hypothese → Bewährung, All-Satz / Hypothese → Falsifikation, Bewährung → vorläufig akzept., Falsifikation → Theorie verwerfenAll-Satz /HypotheseBewährungFalsifikationvorläufigakzept.Theorieverwerfenbewährt sich1 Gegenfall
Abb. 2Asymmetrie von Verifikation und Falsifikation: keine endliche Beobachtung verifiziert einen All-Satz, eine einzige falsifiziert ihn.
Musterlösung

Wittgenstein — von der Abbildtheorie zum Sprachspiel (Tractatus vs. Untersuchungen)

Stellen Sie die Sprachauffassung des frühen (Tractatus) und des späten Wittgenstein (Philosophische Untersuchungen) gegenüber und prüfen Sie an einem Beispiel, wie sich die Methode der Philosophie jeweils ändert.

  1. 011. Wittgenstein I — Abbildtheorie

    Im „Tractatus logico-philosophicus" (1921) bildet die Sprache die Welt logisch ab: Der sinnvolle Satz ist ein „Bild" eines möglichen Sachverhalts; Satz und Sachverhalt teilen dieselbe logische Form. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt" (TLP 5.6). Sinnvoll sind nur die Sätze der Naturwissenschaft (kontingente Tatsachen); Ethik, Ästhetik, Metaphysik liegen außerhalb des Sagbaren.

  2. 022. Konsequenz I — Schweigen und Leiter

    Daraus folgt der berühmte Schlusssatz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen" (TLP 7). Philosophie ist keine Lehre, sondern „Tätigkeit" der logischen Klärung; metaphysische Sätze sind nicht falsch, sondern unsinnig. Sogar die Sätze des Tractatus selbst sind eine „Leiter", die man wegwerfen muss, nachdem man auf ihr hinaufgestiegen ist (TLP 6.54).

  3. 033. Die Wende

    Der späte Wittgenstein (Philosophische Untersuchungen, postum 1953) verwirft die Abbildtheorie. Sprache hat nicht ein Wesen (Abbilden), sondern ist ein Geflecht unzähliger Tätigkeiten. Es gibt keine verborgene logische Tiefenstruktur, die alle Sätze teilen; statt einer gemeinsamen Essenz besteht nur „Familienähnlichkeit" zwischen den Verwendungen eines Wortes.

  4. 044. Wittgenstein II — Bedeutung ist Gebrauch

    Der neue Grundsatz: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache" (PU §43). Wörter sind Werkzeuge; ihre Bedeutung zeigt sich im „Sprachspiel" — der Einbettung des Sprechens in eine „Lebensform" (Befehlen, Fragen, Grüßen, Rechnen). Das Privatsprachen-Argument zeigt, dass auch das Innere (Schmerz) nur über öffentliche Verwendungsregeln Bedeutung gewinnt.

  5. 055. Test am Beispiel

    Beispiel „Ich weiß, dass ich Schmerzen habe": Wittgenstein I würde nach dem abgebildeten Sachverhalt suchen. Wittgenstein II fragt nach dem Gebrauch — und stellt fest, dass „ich weiß" in den alltäglichen Sprachspielen hier keinen normalen Sinn hat (man sagt es nicht; Zweifel wäre sinnlos). Der scheinbar tiefe philosophische Satz entsteht aus dem „Leerlauf" der Sprache. Philosophie wird zur Therapie: „der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen" (PU §309).

  6. 066. Beurteilung und Wirkung

    Wirkung: Wittgenstein I prägt den logischen Empirismus des Wiener Kreises; Wittgenstein II begründet die „ordinary language philosophy" und die Sprechakttheorie (Austin, Searle). Kontinuität: Beide Phasen bekämpfen die Metaphysik durch Sprachreflexion. Einwand: Ist „Gebrauch" nicht zu vage, um Bedeutung präzise zu bestimmen? Die Stärke der Spätphilosophie liegt gerade darin, die künstliche Suche nach Essenzen durch den Blick auf die reale Praxis zu ersetzen.

Ergebnis: Der frühe Wittgenstein erklärt Bedeutung durch logisches Abbilden (mit der Folge des Schweigens über das Unsagbare), der späte durch den Gebrauch im Sprachspiel einer Lebensform. Mit der Wende ändert sich auch die Methode: von der idealen Logiksprache zur therapeutischen Klärung verworrener Sprachverwendung.

Musterlösung

Falsifizierbarkeit prüfen — Demarkation am Beispiel

Prüfen Sie die folgenden vier Aussagen auf Falsifizierbarkeit und beurteilen Sie, welche nach Popper als wissenschaftlich gelten: (1) „Alle Metalle dehnen sich bei Erwärmung aus." (2) „Es gibt irgendwo ein Perpetuum mobile." (3) „Wer an Astrologie glaubt, wird sein Glück finden — sofern er es nur fest genug will." (4) „Die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum beträgt rund 3·10⁸ m/s."

  1. 011. Kriterium klären

    Popper fragt nicht „Ist die Aussage wahr?", sondern „Kann sie prinzipiell durch eine Beobachtung widerlegt werden?". Wissenschaftlich ist eine Aussage genau dann, wenn ein potenzieller Falsifikator angebbar ist (Logik der Forschung, 1934).

  2. 022. All-Satz (1) und Messsatz (4) prüfen

    All-Sätze („alle …") sind nie endgültig verifizierbar, aber durch ein einziges Gegenbeispiel falsifizierbar (modus tollens). Aussage (1) ist ein solcher All-Satz: ein einziges Metall, das sich beim Erwärmen zusammenzieht, würde sie widerlegen — falsifizierbar, also wissenschaftlich. Aussage (4) ist kein klassischer All-Satz, sondern eine singuläre Größenaussage über eine Naturkonstante mit impliziter Allgemeinheit (c gilt überall/immer); auch sie ist falsifizierbar, weil eine reproduzierbare Messung mit anderem Wert sie widerlegen würde.

  3. 033. Existenz-Satz prüfen (2)

    Reine Existenzsätze („es gibt irgendwo …") sind nicht falsifizierbar: kein endlicher Suchaufwand kann ihre Nicht-Existenz beweisen, weil „irgendwo" unbegrenzt bleibt. Aussage (2) ist somit nicht falsifizierbar — metaphysisch, nicht wissenschaftlich (kann aber heuristisch sinnvoll sein).

  4. 044. Immunisierung erkennen (3)

    Aussage (3) enthält eine eingebaute Immunisierungsklausel („sofern er es nur fest genug will"): jeder Misserfolg lässt sich umdeuten („er wollte es nicht fest genug"). Damit ist kein Falsifikator möglich. Solche ad-hoc-Immunisierungen sind das Kennzeichen von Pseudowissenschaft.

  5. 055. Verdikt und Reflexion

    Wissenschaftlich (falsifizierbar): (1) und (4). Nicht-wissenschaftlich: (2) reiner Existenzsatz, (3) immunisiert. Reflektiert: Falsifizierbarkeit ist Demarkations-, kein Wahrheitskriterium — auch falsche, aber falsifizierbare Theorien sind wissenschaftlich; nicht-falsifizierbare Sätze sind nicht „falsch", sondern empirisch gehaltlos.

Ergebnis: Falsifizierbar und damit wissenschaftlich sind die All- bzw. Messsätze (1) und (4); die reine Existenzbehauptung (2) und die immunisierte Astrologie-These (3) sind nach Poppers Demarkationskriterium nicht wissenschaftlich.

Abiturfokus

  • Die linguistische Wende als methodische Neuausrichtung (Probleme als Sprachprobleme) darstellen.
  • Tractatus (Abbildtheorie, Schweigegebot) und PU (Bedeutung = Gebrauch, Sprachspiel) als Bruch kontrastieren.
  • Verifikationsprinzip (Wiener Kreis) und Poppers Falsifikationismus (Sinn- vs. Abgrenzungskriterium) gegenüberstellen.
  • Das Verifikationsprinzip auf seinen Selbstwiderspruch prüfen.
  • Die Wirkung auf die Sprechakttheorie (Austin: performative Äußerungen; Searle) benennen.

Typische Fehler

  • Verifikation und Falsifikation werden verwechselt — Popper kehrt die Logik (Gegenbeispiel statt Bestätigung) gerade um.
  • Das Verifikationsprinzip wird nicht auf seinen Selbstwiderspruch geprüft (es ist selbst weder analytisch noch empirisch verifizierbar).
  • Wittgenstein I und II werden als einheitliche Position gelesen statt als Bruch.
  • Poppers Falsifizierbarkeit wird als Wahrheitskriterium missverstanden — sie ist ein Abgrenzungs-(Wissenschafts-)Kriterium.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie die Kontinuität im Bruch zwischen Wittgenstein I und II. Beide bekämpfen die Metaphysik durch Sprachreflexion — der frühe durch die Grenze des logisch Sagbaren, der späte durch den Aufweis sprachlicher „Leerläufe". Ist der Begriff „Gebrauch in einer Lebensform" präzise genug, um Bedeutung zu bestimmen, oder verschiebt er das Problem nur in die unüberschaubare Vielfalt der Sprachspiele?

Aktive Wiederholung

Prüfen Sie das Verifikationsprinzip des Wiener Kreises auf seinen Selbstwiderspruch und erläutern Sie, wie Poppers Falsifikationismus das Abgrenzungsproblem anders löst (Sinnkriterium vs. Demarkationskriterium).

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ludwig Wittgenstein (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Karl Popper (Stanford University)

§ 03

Kritische Theorie — Frankfurter Schule und Habermas#

●●●VertiefungLPkmk-epa-philosophie-20JhLPkmk-epa-philosophie-if5

Kernpunkte

Die Kritische Theorie ist die Philosophie der „Frankfurter Schule" um das Institut für Sozialforschung (gegründet 1923; ab 1930 unter Max Horkheimer). Sie verbindet Philosophie, Soziologie, Ökonomie und Psychoanalyse zu einer interdisziplinären Gesellschaftskritik mit ausdrücklich emanzipatorischem Interesse — sie will nicht neutral beschreiben, sondern zur Befreiung von Herrschaft beitragen. Horkheimers Programmschrift „Traditionelle und kritische Theorie" (1937) unterscheidet die „traditionelle" Theorie (die wie die Naturwissenschaft Tatsachen feststellt und damit das Bestehende affirmiert) von der „kritischen" Theorie (die die gesellschaftlichen Bedingungen ihres eigenen Gegenstands mitreflektiert und auf deren Veränderung zielt). Geistige Wurzeln sind Hegel, Marx und Freud; unter dem Nationalsozialismus emigriert die Schule (v. a. in die USA).
Das Schlüsselwerk der ersten Generation ist die „Dialektik der Aufklärung" (Horkheimer/Adorno, geschrieben 1944, gedruckt 1947). Ihre düstere These: Die Aufklärung, angetreten, um durch Vernunft Natur und Mythos zu beherrschen, lässt die Vernunft zur bloß „instrumentellen Vernunft" (rein zweck-mittel-rechnend, wertblind) verkümmern. Diese instrumentelle Vernunft schlägt in Herrschaft über die Menschen und in einen neuen Mythos um — sichtbar in Faschismus, totaler Verwaltung und Manipulation. „Aufklärung ist totalitär" in dem Sinn, dass sie alles dem berechnenden Verfügen unterwirft. Es ist keine Verwerfung, sondern eine selbstkritische Diagnose der Aufklärung über sich selbst (vgl. Topic Neuzeit/Aufklärung).
Konkret fassbar wird dies in der Analyse der „Kulturindustrie": Die Massenkultur (Film, Schlager, Rundfunk) ist industriell produziert, standardisiert und nur scheinbar individualisiert („Pseudoindividualisierung"). Sie ist nicht harmlose Unterhaltung, sondern ein ideologischer Apparat, der die Konsumenten in das bestehende System integriert, Konformität erzeugt und das kritische Bewusstsein stillstellt. Kunst als Ware bestätigt das Bestehende, statt Widerstand zu ermöglichen — die Vergnügung wird zur Verlängerung der Arbeit, zur Einübung in die Anpassung.
Adornos „negative Dialektik" (1966) radikalisiert dies philosophisch gegen Hegel. Wo Hegel jeden Widerspruch in einer versöhnenden Synthese aufhebt, beharrt Adorno auf dem „Nichtidentischen" — dem, was der Begriff nie ganz einholt, dem Besonderen, das im allgemeinen System untergeht. Gegen Hegels „Das Wahre ist das Ganze" setzt er: „Das Ganze ist das Unwahre." Der berühmte Aphorismus „Es gibt kein richtiges Leben im falschen" (Minima Moralia, 1951) bringt den Pessimismus auf den Punkt: In einer durch und durch verwalteten, falschen Gesellschaft kann das Einzelne nicht einfach „richtig" leben. Der Kunst (der authentischen, sperrigen Moderne) bleibt als Refugium des Nichtidentischen eine kritische Funktion.
Jürgen Habermas, die zweite Generation, vollzieht die „kommunikative Wende" und führt die Kritische Theorie aus der Sackgasse des Pessimismus heraus. Sein Einwand gegen Horkheimer/Adorno: Eine total gewordene Vernunftkritik untergräbt ihren eigenen Boden (mit welcher Vernunft kritisiert man, wenn alle Vernunft instrumentell-verdorben ist?). Habermas’ Lösung: Vernunft liegt nicht im einsamen Subjekt, sondern in der Sprache und in der auf Verständigung zielenden Kommunikation. Er unterscheidet „kommunikatives Handeln" (auf Verständigung gerichtet) vom „strategischen Handeln" (auf Erfolg/Beeinflussung gerichtet) und diagnostiziert eine „Kolonialisierung der Lebenswelt" durch die Systemmedien Geld und Macht.
In der „Theorie des kommunikativen Handelns" (1981) entfaltet Habermas: Jede ernsthafte Äußerung erhebt zugleich drei Geltungsansprüche — Wahrheit (bezüglich der objektiven Welt), Richtigkeit (bezüglich normativer Beziehungen) und Wahrhaftigkeit (bezüglich der eigenen Innenwelt). Sie sind im Diskurs einlösbar durch den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments". Bereits im „Strukturwandel der Öffentlichkeit" (1962) hatte er die bürgerliche Öffentlichkeit als Raum des kritischen Räsonnements analysiert und ihren „Verfall" (Refeudalisierung durch Konsum und Inszenierung) beklagt (siehe das Worked Example zu den Medien).
Aus der kommunikativen Vernunft folgt die Diskursethik (Habermas/Apel): Gültig ist eine Norm nur, wenn ihr alle möglichen Betroffenen in einem herrschaftsfreien, idealen Diskurs zustimmen könnten (Universalisierungs- und Diskursgrundsatz). Das ist eine prozedurale (verfahrensbezogene), nicht inhaltliche Begründung — sie sagt nicht, WAS gut ist, sondern WIE gültige Normen zustande kommen; sie überführt damit Kants monologische Universalisierung in ein intersubjektives Verfahren (vgl. Topic Ethik). Achtung: Der ideale Diskurs ist ein kritischer Maßstab, keine Mehrheitsabstimmung. Beurteilung: Adorno liefert die schärfere Diagnose (um den Preis der Praxislosigkeit/des Pessimismus), Habermas die konstruktive Rekonstruktion der Vernunft (um den Preis eines idealisierten, eurozentrismus-verdächtigen Konsensbegriffs).
Musterlösung

Kritische Theorie und die Medien — Kulturindustrie (Adorno) vs. herrschaftsfreie Verständigung (Habermas)

Untersuchen Sie soziale Medien mit Adornos Begriff der Kulturindustrie und Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns: Erzeugen sie eher Konformität oder ermöglichen sie herrschaftsfreie Verständigung?

  1. 011. Adorno/Horkheimer — Kulturindustrie

    In der „Dialektik der Aufklärung" (1944) deuten Horkheimer und Adorno die Massenkultur als „Kulturindustrie": industriell produziert, standardisiert, scheinbar individualisiert. Sie ist nicht harmlose Unterhaltung, sondern ein ideologischer Apparat, der die Konsumenten integriert, Konformität erzeugt und das kritische Bewusstsein stillstellt. Kunst als Ware bestätigt das Bestehende, statt es in Frage zu stellen.

  2. 022. Anwendung — die kritische Lesart

    Auf soziale Medien übertragen: Algorithmische Feeds optimieren die Verweildauer, standardisieren Formate (Reels, virale Muster) und belohnen Anpassung (Likes, Reichweite). Die „Pseudoindividualisierung" personalisiert die Inhalte, homogenisiert aber die Verhaltensmuster; Aufmerksamkeit wird zur Ware. In dieser Lesart sind soziale Medien eine technisch erneuerte Kulturindustrie — Konformität durch Befriedigung.

  3. 033. Habermas — kommunikative Rationalität

    Habermas setzt der pessimistischen Linie eine konstruktive entgegen. Vernunft liegt in der auf Verständigung zielenden Sprache: Jede ernsthafte Äußerung erhebt drei Geltungsansprüche — Wahrheit (über die objektive Welt), Richtigkeit (normativ) und Wahrhaftigkeit (subjektiv). Sie sind im Diskurs durch den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments" einlösbar. In der „Theorie des kommunikativen Handelns" (1981) ist dies das Gegenmodell zum bloß strategischen Handeln.

  4. 044. Anwendung — die emanzipatorische Lesart

    Sozial-medial gewendet: Plattformen könnten eine neue Öffentlichkeit sein — niedrigschwelliger Zugang, viele-zu-viele-Kommunikation, deliberative Beteiligung. Nach der Diskursethik ist eine Norm gültig, der alle Betroffenen in einem herrschaftsfreien Diskurs zustimmen könnten. Idealtypisch böten die Medien einen Raum für genau solche argumentative Verständigung.

  5. 055. Die Diagnose der Verzerrung

    Real überwiegt jedoch das strategische Handeln: Werbung, Manipulation, Empörungslogik, Desinformation und „Filterblasen" kolonisieren die Kommunikation. Statt herrschaftsfreiem Diskurs entsteht eine verzerrte Öffentlichkeit — Habermas’ frühe Sorge um die „Refeudalisierung der Öffentlichkeit" (Strukturwandel der Öffentlichkeit, 1962) kehrt wieder: Inszenierung und Konsum verdrängen das öffentliche Räsonnement.

  6. 066. Beurteilung

    Adorno liefert die Diagnose der affirmativen Vereinnahmung, Habermas das normative Ideal, an dem sich die Wirklichkeit messen lässt. Das Medium ist ambivalent: strukturell zur Kulturindustrie-Logik geneigt (Aufmerksamkeitsmärkte), aber am Diskurs-Ideal kritisierbar. Der philosophische Ertrag ist kein Pauschalurteil, sondern ein Maßstab: Soziale Medien sind in dem Maße emanzipatorisch, in dem sie herrschaftsfreie Verständigung ermöglichen — und ideologisch, in dem sie Konformität durch Aufmerksamkeitslenkung erzeugen.

Ergebnis: Mit Adorno lassen sich soziale Medien als erneuerte Kulturindustrie (Konformität, Pseudoindividualisierung) kritisieren, mit Habermas als potenzielle, real aber verzerrte Öffentlichkeit beurteilen. Das Ergebnis ist ein Maßstab statt eines Pauschalurteils: emanzipatorisch nur, soweit herrschaftsfreie Verständigung gelingt.

Abiturfokus

  • Den emanzipatorischen Anspruch der Kritischen Theorie (kritisch vs. affirmativ/traditionell) benennen.
  • Instrumentelle Vernunft und Kulturindustrie (Horkheimer/Adorno) als Schlüsselbegriffe erklären.
  • Adornos negative Dialektik / „Das Ganze ist das Unwahre" gegen Hegel stellen.
  • Habermas’ kommunikative Wende und die drei Geltungsansprüche (Wahrheit/Richtigkeit/Wahrhaftigkeit) darstellen.
  • Die Diskursethik als prozedurale (nicht inhaltliche, keine Mehrheits-)Begründung von Normen verstehen.

Typische Fehler

  • Kulturindustrie wird mit bloßer „Unterhaltung" gleichgesetzt statt als ideologischer Konformitätsapparat.
  • Habermas wird mit Adorno verwechselt — Habermas ist konstruktiver, an der kommunikativen Vernunft orientiert.
  • Die Diskursethik wird als „Mehrheitsentscheidung" missverstanden statt als idealer (kontrafaktischer) Zustimmungsmaßstab.
  • Die „Dialektik der Aufklärung" wird als reine Vernunftfeindlichkeit gelesen statt als selbstkritische Diagnose.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Habermas wirft der „Dialektik der Aufklärung" einen „performativen Selbstwiderspruch" vor: Eine total gewordene Vernunftkritik müsse selbst Vernunft in Anspruch nehmen, die sie doch verwirft. Diskutieren Sie, ob Adornos negative Dialektik diesem Einwand entgeht (etwa durch ihren Verzicht auf Letztbegründung, durch die Kunst als Ort des Nichtidentischen) — oder ob erst Habermas’ kommunikative Vernunft der Kritik wieder einen tragfähigen Boden gibt.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie mit Adornos Begriff der Kulturindustrie und Habermas’ Theorie kommunikativen Handelns, ob soziale Medien eher Konformität erzeugen oder herrschaftsfreie Verständigung ermöglichen.

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Theodor W. Adorno (Stanford University)

§ 04

Postmoderne und Gegenwart — Foucault, Derrida, Lyotard#

●●●VertiefungLPkmk-epa-philosophie-20Jh

Kernpunkte

Die Postmoderne ist weniger eine geschlossene Lehre als eine Diagnose der geistigen Lage nach der „Moderne" — heterogen, zuerst in Architektur und Kunst, philosophisch vor allem im französischen Poststrukturalismus (Foucault, Derrida, Lyotard) entfaltet. Ihre klassische Bestimmung gibt Jean-François Lyotard in „Das postmoderne Wissen" (La condition postmoderne, 1979): „Vereinfachend gesagt, gilt ‚postmodern‘ als Skepsis gegenüber den Metaerzählungen." Mit den „großen Erzählungen" (grands récits) sind die legitimierenden Meistererzählungen der Moderne gemeint — die Aufklärung als Befreiung durch Wissen, Hegels Selbstentfaltung des Geistes, Marx’ Emanzipation des Proletariats, der Glaube an den wissenschaftlichen Fortschritt. Postmodern ist die Einsicht, dass diese Erzählungen ihre einigende, legitimierende Kraft verloren haben; an ihre Stelle tritt eine Vielheit unvereinbarer „kleiner Erzählungen" und Sprachspiele (Lyotard greift Wittgenstein auf), die sich keiner übergeordneten Vernunftinstanz mehr fügen.
Den theoretischen Boden bereitet der Strukturalismus, der von Ferdinand de Saussures Sprachwissenschaft ausgeht: Das sprachliche Zeichen ist die willkürliche Verbindung von Bezeichnendem (signifiant) und Bezeichnetem (signifié), und seine Bedeutung entsteht nicht durch Bezug auf eine Sache, sondern durch die Differenz zu den anderen Zeichen im System. Der Poststrukturalismus übernimmt diesen Gedanken und entzieht ihm zugleich den festen Boden: Wenn Bedeutung nur aus Differenzen entsteht, gibt es kein letztes, stabiles Fundament des Sinns, keinen „transzendentalen Signifikanten", der das Spiel der Zeichen anhielte. Aus dieser gemeinsamen Wurzel entwickeln Foucault und Derrida zwei verschiedene, höchst einflussreiche Stoßrichtungen.
Michel Foucault (1926–1984) denkt die Untrennbarkeit von Macht und Wissen (pouvoir/savoir). „Diskurse" — geregelte Rede- und Wissensordnungen — bestimmen, was in einer Epoche überhaupt als wahr, vernünftig und sagbar gilt (die jeweilige „Episteme", Die Ordnung der Dinge, 1966); Wahrheit ist damit historisch-institutionell, ein „Wahrheitsregime", kein zeitloser Besitz. Seine folgenreichste These: Macht ist nicht bloß repressiv (verbietend, von oben), sondern produktiv — sie bringt Wissen, Normen, Institutionen und die Subjekte selbst hervor. In „Überwachen und Strafen" (Surveiller et punir, 1975) analysiert er die moderne Disziplinargesellschaft am Modell des „Panopticons" (Benthams Rundgefängnis): Weil der Insasse sich jederzeit beobachtet glauben muss, verinnerlicht er die Kontrolle und diszipliniert sich selbst — ein Mechanismus, der von Schule, Fabrik und Klinik bis zur digitalen Datenüberwachung reicht (vgl. Topic Medien-/Digitalethik). Methodisch arbeitet Foucault „archäologisch" (Freilegung der Wissensordnungen) und „genealogisch" (im Anschluss an Nietzsche: Aufweis der kontingenten, machtdurchsetzten Herkunft scheinbar selbstverständlicher Begriffe).
Jacques Derrida (1930–2004) begründet mit der „Grammatologie" (De la grammatologie, 1967) die Dekonstruktion. Sie richtet sich gegen die abendländische „Präsenzmetaphysik" und den „Logozentrismus" — die tief sitzende Bevorzugung von Stimme, Anwesenheit und unmittelbarem Sinn (Logos) gegenüber Schrift, Abwesenheit und Vermittlung. Derrida zeigt, dass die leitenden Begriffspaare der Tradition (Sprechen/Schrift, Anwesenheit/Abwesenheit, Geist/Körper, Vernunft/Wahnsinn) hierarchisch geordnet, in sich aber instabil sind: Der bevorzugte Pol lebt heimlich vom abgewerteten. Sein Kunstwort „différance" (mit absichtlichem Schreibfehler) bündelt beides — Bedeutung entsteht durch Differenz (différer = sich unterscheiden) und wird zugleich endlos aufgeschoben (différer = aufschieben); ein letzter, voll präsenter Sinn ist nie erreichbar („il n’y a pas de hors-texte" — es gibt kein Außerhalb des Textes). Wichtig für die Klausur: Dekonstruktion ist KEINE „Zerstörung" und kein „alles ist beliebig", sondern eine strenge Lektürepraxis, die die Brüche und Voraussetzungen eines Textes an ihm selbst sichtbar macht.
Eine gemeinsame Pointe des Poststrukturalismus ist die Kritik am autonomen Subjekt. Das neuzeitliche Ich als selbstdurchsichtiger Ursprung von Sinn und Erkenntnis (Descartes, Kant, der humanistische „Mensch") wird entthront: Das Subjekt ist nicht Quelle, sondern Effekt — hervorgebracht durch Sprache, Strukturen, Macht und das Unbewusste. Roland Barthes verkündet den „Tod des Autors" (La mort de l’auteur, 1968): Nicht die Intention des Autors verbürgt die Bedeutung eines Textes, diese entsteht erst im Lesen. Foucault spricht analog vom „Verschwinden des Menschen" als einer erst jüngst entstandenen Wissensfigur (Die Ordnung der Dinge). Diese Dezentrierung setzt die großen „Kränkungen" des menschlichen Selbstbildes (Kopernikus, Darwin, Freud) fort und verbindet die Postmoderne mit der philosophischen Anthropologie (vgl. Topic Anthropologie).
Die Postmoderne ist selbst heftig umstritten, und ihre Kritik ist klausurrelevant. Der gewichtigste Einwand stammt von Jürgen Habermas („Der philosophische Diskurs der Moderne", 1985): Die postmoderne Vernunftkritik gerate in einen „performativen Selbstwiderspruch" — sie bediene sich der Argumente und Geltungsansprüche der Vernunft, um eben diese Vernunft für unhaltbar zu erklären. Verwandt ist der Relativismus-Vorwurf: Wenn es (mit Nietzsche) „keine Tatsachen, nur Interpretationen" gibt und alle Wahrheit nur Effekt von Macht ist, dann gilt das auch für diese Aussage selbst — und es fehlt der normative Boden, auf dem sich Unterdrückung überhaupt kritisieren ließe. Die Verteidiger entgegnen, es gehe nicht um Nihilismus, sondern um Wachsamkeit gegen totalisierendes Denken und um die Aufmerksamkeit für das Ausgeschlossene und Andere. Die „Sokal-Affäre" (1996), in der der Physiker Alan Sokal einen absichtlich unsinnigen Artikel in einer kulturwissenschaftlichen Zeitschrift platzierte, steht für den Vorwurf modischer Begriffsverdunkelung.
Die Gegenwartsphilosophie knüpft mit, neben und gegen die Postmoderne an viele Stränge an. Die analytische Philosophie des Geistes diskutiert das „harte Problem" des Bewusstseins, die Qualia und den Status Künstlicher Intelligenz (vgl. Topic Gedankenexperimente). Die politische Philosophie führt die Debatte zwischen dem Liberalismus John Rawls’ und dem Kommunitarismus (Sandel, MacIntyre, Taylor, Walzer) sowie über globale Gerechtigkeit und den Fähigkeitenansatz (Nussbaum, Sen). Angewandte Ethiken (Bio-, Medizin-, Umwelt- und Digitalethik) gewinnen an Gewicht, und als ausdrückliche Gegenbewegung zur postmodernen Auflösung fester Wirklichkeit treten ein „Neuer Realismus" (Markus Gabriel) und der „Spekulative Realismus" auf. Für das Abitur gilt: Lyotards Ende der großen Erzählungen, Foucaults Macht-Wissen-Analyse und Derridas différance sicher unterscheiden, den Habermas-Einwand kennen — und Foucaults Werkzeug auf einen konkreten Gegenwartsfall (mediale Deutungskämpfe, Überwachung) anwenden können.

Abiturfokus

  • Das „Ende der großen Erzählungen" (Lyotard) als Kern der Postmoderne benennen.
  • Foucaults Macht-Wissen-Komplex und Derridas différance als zwei poststrukturalistische Pointen unterscheiden.
  • Die Kritik am autonomen Subjekt darstellen.
  • Den Relativismus-/Selbstwiderspruchs-Einwand (Habermas) gegen die Postmoderne kennen.

Typische Fehler

  • Dekonstruktion wird mit „Zerstörung" oder „alles ist beliebig" verwechselt.
  • Foucaults Machtbegriff wird rein negativ (Unterdrückung) gelesen — Macht ist bei ihm produktiv.
  • Die Postmoderne wird als einheitliche „Schule" statt als heterogene Strömung dargestellt.

LK-Vertiefung

Vergleichen Sie Habermas’ Festhalten an einer universalen kommunikativen Vernunft mit Lyotards Skepsis gegenüber Metaerzählungen: Ist eine Letztbegründung von Geltung möglich, oder bleibt jede Vernunft kontextgebunden?

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie mit Foucault, inwiefern öffentliche Debatten Machtkämpfe um das „Sagbare" sind, und prüfen Sie den Einwand, der Postmoderne drohe ein selbstwidersprüchlicher Relativismus.

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Informal Logic (Stanford University)

Inhalt

Abschnitt -- / 04

    • 01Phänomenologie und Existenzialontologie — Husserl und Heidegger●
    • 02Analytische Philosophie — linguistische Wende, Wiener Kreis, Popper●
    • 03Kritische Theorie — Frankfurter Schule und Habermas●
    • 04Postmoderne und Gegenwart — Foucault, Derrida, Lyotard●

0/4 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

20. Jahrhundert und Gegenwart — Phänomenologie, Analytik, Kritische Theorie, Postmoderne

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~29
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2
Kompetenzen
Üben

Belege & Quellen

Quellen

Stanford University

  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Informal Logic
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ludwig Wittgenstein
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Karl Popper
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Theodor W. Adorno

KMK

  • KMK EPA Philosophie 2006

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