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Notizen/Musik/Werkanalyse — Methodik und Schreibstrategie für Klausur und mdl. Prüfung
Notizen · MusikDE · Abitur

Werkanalyse — Methodik und Schreibstrategie für Klausur und mdl. Prüfung

Werkanalyse ist die prüfungszentrale Methodik der Musik-Klausur. Sie umfasst (a) klangliche Erstwahrnehmung, (b) formale Analyse (Periode, Satz, Form), (c) harmonische Analyse (Funktionen, Modulationen), (d) melodisch-thematische Analyse (Motive, Themenköpfe), (e) Faktur-Analyse (Stimmgefüge, Instrumentation), (f) historische Einordnung (Epoche, Komponist, Gattung), (g) Interpretation (Wort-Ton, Programm, Ästhetik). Daneben: Musik im historisch-gesellschaftlichen Kontext - Musik im NS, HIP (historisch informierte Aufführungspraxis), interkulturelle Perspektiven.

6 Abschnitte·~24 Min Lesezeit·3 Kompetenzen·Niveau Basis 1 · Standard 3 · Vertiefung 2·Stand 06/2026

T·0888 / 9
Prüfungsprofil
KMK-EPA-Musik-Methode-1 · Methoden der Werkanalyse sicher anwendenKMK-EPA-Musik-Methode-2 · Werk in historisch-gesellschaftlichen Kontext einordnenKMK-EPA-Musik-Reflexion-1 · Ästhetische Urteile begründen
Operatoren:analysiereninterpretierenbeurteilenkontextualisierengestalten

grundlegendes Niveau

gA-Niveau: Fünf-Schritt-Analyse (Wahrnehmung - Form - Harmonik - Melodik - Faktur) sicher anwenden. Historische Einordnung in ein Epochenraster (Mittelalter, Renaissance, Barock, Klassik, Romantik, Moderne). Drei Funktionen der Filmmusik.

erhöhtes Niveau

eA-Niveau: Sieben-Schritt-Analyse mit Wort-Ton-Bezug und Interpretation. HIP-Konzept und seine Rezeptionsgeschichte. Reflexion zu Musik im NS, in der DDR, in interkulturellen Kontexten. Methodenreflexion: was leistet Werkanalyse, wo sind ihre Grenzen?

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Werkanalyse — Methodik und Schreibstrategie für Klausur und mdl. Prüfung
    • 01Fünf-Schritte-Werkanalyse — Standardalgorithmus◐
    • 02Historische Einordnung — Epoche, Komponist, Gattung◐
    • 03Wort-Ton-Beziehung und Interpretation●
    • 04Musik im historisch-gesellschaftlichen Kontext — NS, HIP, Interkulturalität●
    • 05Klausurstrategie und Operatorenkunde○
    • 06Höranalyse und Partituranalyse — zwei Zugangswege◐
§ 01

Fünf-Schritte-Werkanalyse — Standardalgorithmus#

●●○StandardLPkmk-epa-musik-methode

Funktionsharmonik — Tonika, Subdominante, Dominante (Kadenzschema)

Funktionsharmonik — Kadenz T–S–D–TNetzgraph, T · I · C-Dur → S · IV · F-Dur, S · IV · F-Dur → D7 · V7 · G7, D7 · V7 · G7 → T · I · C-DurT · I · C-DurS · IV · F-DurD7 · V7 · G7T · I · C-Dur
Abb. 1Klassische Hauptfunktionen (T-S-D-T) in C-Dur. Stufentheorie: I-IV-V-I. Authentische Kadenz schließt auf der Tonika.

Kernpunkte

Die Werkanalyse ist die prüfungszentrale Methode der Musik-Klausur. Ihr Sinn ist es, den unmittelbaren Höreindruck in eine geordnete, mit Belegen gestützte Beschreibung zu überführen — entlang der musikalischen Parameter Melodik, Harmonik, Rhythmik, Form und Klang. Der Fünf-Schritt-Algorithmus ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein reproduzierbares Raster, das verhindert, dass die Analyse zur beliebigen Stimmungsbeschreibung zerfließt. Oberstes Prinzip über allen Schritten: Jede Behauptung muss mit einem konkreten Notenbeleg (Taktangabe) gestützt werden — nicht „es klingt schön", sondern „in Takt 3 ein Quartsextakkord über der Dominante als Kadenzvorbereitung".
Schritt 1 — Klangliche Erstwahrnehmung: Zuerst wird (möglichst ohne Notentext) gehört und der Gesamteindruck festgehalten: Besetzung, Tempo, Charakter, Tongeschlecht (Dur/Moll), Dynamik und Stimmung. Dieser Schritt sichert die ganzheitliche Wahrnehmung, ehe das Detail den Blick verstellt, und schützt vor vorschnellen Urteilen. Er ist jedoch nur der Ausgangspunkt: Der erste Eindruck wird in den folgenden Schritten überprüft, präzisiert und gegebenenfalls korrigiert.
Schritt 2 — Formale Gliederung: Nun werden die Hauptabschnitte des Stücks bestimmt und mit Taktangaben abgegrenzt. Je nach Gattung sucht man nach der Sonatensatzform (Exposition – Durchführung – Reprise), der Liedform (A–B–A), dem Rondo, der Variations- oder der Strophenform; im Kleinen achtet man auf die Periodenstruktur (Vordersatz mit Halbschluss, Nachsatz mit Ganzschluss). Die Form ist das tragende Gerüst, an dem alle weiteren Beobachtungen aufgehängt werden — ohne sie bleibt die Analyse eine lose Aufzählung.
Schritt 3 — Harmonische Analyse: Zunächst wird die Tonart bestimmt (über die Generalvorzeichen und die Schlusskadenz), dann werden die tragenden Klänge mit Funktionssymbolen (T, S, D) oder Stufenziffern beziffert und die Modulationen festgehalten (an welcher Stelle, in welche verwandte Tonart). In der tonalen Musik IST die Harmonik die Dramaturgie: Der Spannungsverlauf von Tonika über Subdominante und Dominante zurück zur Tonika trägt die Großform (etwa die Tonartendisposition des Sonatensatzes). Hier zahlt sich sichere Funktionsharmonik aus.
Schritt 4 — Melodisch-thematische Analyse: Die Themen (etwa Haupt- und Seitenthema) werden identifiziert, die prägenden Motive markiert und ihre Wiederkehr sowie ihre Verarbeitung beschrieben — Sequenzierung, Umkehrung, Augmentation/Diminution, Aufspaltung. Besonders ergiebig ist die thematisch-motivische Arbeit: Man verfolgt, wie ein Kopfmotiv durch Stimmen und Abschnitte wandert. Hier ist genaues Zitieren mit Taktangabe entscheidend.
Schritt 5 — Faktur und Instrumentation: Schließlich wird das Stimmgefüge bestimmt — homophon (Melodie mit Begleitung), polyphon (mehrere selbständige Stimmen), monophon oder heterophon — sowie die Begleitfiguren (z. B. Alberti-Bass) und die Rollenverteilung der Instrumente (welche Stimme führt, welche begleitet, welche Klangfarbe trägt was). Die Faktur verbindet den abstrakten Satz mit dem konkreten Klang und rundet die fünf Parameter.
Voraussetzung des Ganzen ist sicheres Notenlesen: Violin- und Bassschlüssel, Generalvorzeichen und Akzidenzien, Tempo- und Dynamikbezeichnungen, Artikulations- und Phrasierungszeichen müssen flüssig erfasst werden. Und die Darstellung muss klausurgerecht sein: durchgängige Fachterminologie (Tonika statt „Hauptklang"), jede Beobachtung mit Taktbezug, ein roter Faden, der die Einzelbeobachtungen auf die gestellte Aufgabe bezieht.

Sonatenhauptsatzform — formales Strukturschema

Sonatenhauptsatzform — Exposition · Durchführung · RepriseNetzgraph, Exp · HS: Tonika → Exp · NS: Dominante, Exp · NS: Dominante → Durchführung, Durchführung → Reprise · HS: Tonika, Reprise · HS: Tonika → Reprise · NS: Tonika!Exp · HS: TonikaExp · NS:DominanteDurchführungReprise · HS:TonikaReprise · NS:Tonika!
Abb. 2Drei Hauptteile: Exposition (HS in Tonika, NS in Dominante/Tp), Durchführung (modulierende Verarbeitung), Reprise (HS und NS beide in Tonika). Optional Introduktion und Coda.
Musterlösung

Fünf-Schritt-Analyse an einem vierstimmigen Bach-Choralsatz durchführen

Wenden Sie den Fünf-Schritt-Analysealgorithmus exemplarisch auf den Beginn eines vierstimmigen Bach-Choralsatzes (Sopran-Alt-Tenor-Bass) an. Demonstrieren Sie jeden Schritt mit belegbaren Beobachtungen.

  1. 01Schritt 1 — Klangliche Erstwahrnehmung

    Vierstimmiger, homophoner Chorsatz, ruhiges Tempo, getragener Charakter. Besetzung: vier Singstimmen (oder Tasteninstrument). Keine Soloeinwürfe - durchgehend akkordisch. Erste Einschätzung der Tonart anhand des Schlussklangs der ersten Zeile.

  2. 02Schritt 2 — Formale Gliederung

    Die Melodie ist in Choralzeilen gegliedert, die jeweils durch eine Fermate (Zeilenende) markiert sind. Jede Zeile schließt mit einer Kadenz. Die Phrasen entsprechen den Textzeilen des Kirchenlieds - klare, kurzgliedrige Periodik.

  3. 03Schritt 3 — Harmonische Analyse

    Tonart aus Generalvorzeichen und Schlusskadenz bestimmen. Jeder Akkord wird mit Funktion (T, S, D, Tp, Sp, Dp) und Stufe beziffert. Zeilenenden tragen typischerweise Halb- oder Ganzschlüsse; Binnenkadenzen können in die Dominante oder Tonikaparallele führen (Zwischendominanten beachten).

  4. 04Schritt 4 — Melodisch-thematische Analyse

    Die Sopranstimme trägt die Choralmelodie (Cantus firmus). Untersucht werden Schrittbewegung vs. Sprünge, Höhepunkt der Phrase und die Bezüge zwischen den Zeilen. Die Unterstimmen sind harmonisch führend, melodisch jedoch eigenständig (Stimmführung).

  5. 05Schritt 5 — Faktur und Stimmführung

    Homophoner Satz mit vier selbstständigen Stimmen. Prüfung der Stimmführungsregeln: keine Parallelquinten/-oktaven, Leittöne lösen sich aufwärts, Septimen abwärts, Gegenbewegung wird bevorzugt. Belege jede Beobachtung mit Taktangabe.

  6. 06Ergebnis und Klausurhinweis

    Jeder Schritt muss mit konkreten Taktbezügen belegt werden („T. 2 Quartsextakkord als Kadenzvorbereitung“). Die Reihenfolge der Schritte ist Gerüst, kein Selbstzweck - die Schritte stützen die abschließende Interpretation.

Ergebnis: Die Fünf-Schritt-Analyse eines Bach-Choralsatzes liefert: (1) homophoner vierstimmiger Satz, (2) durch Fermaten gegliederte Choralzeilen mit Kadenzen, (3) funktionsharmonische Bezifferung mit Halb-/Ganzschlüssen, (4) Choralmelodie im Sopran als Cantus firmus, (5) regelgerechte Stimmführung. Jede Beobachtung wird mit Taktangabe belegt.

Abiturfokus

  • Den Fünf-Schritt-Algorithmus (Wahrnehmung — Form — Harmonik — Melodik — Faktur) konsequent anwenden, nicht „frei assoziieren".
  • Jede Behauptung mit konkretem Notenbeleg (Taktangabe) stützen.
  • Fachterminologie sicher und funktional (nicht dekorativ) einsetzen.
  • Operator „analysieren": die fünf Parameter Melodik/Harmonik/Rhythmik/Form/Klang systematisch abarbeiten.

Typische Fehler

  • Die Klausur-Analyse wird zur subjektiven Stimmungsbeschreibung statt zur belegten Parameteranalyse.
  • Belege werden vergessen — Behauptungen ohne Taktangaben sind klausurfeindlich.
  • Fachbegriffe werden nur dekorativ verwendet, ohne funktionalen Inhalt.
  • Der erste Höreindruck wird nicht überprüft, sondern unbesehen als Ergebnis ausgegeben.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erweitern Sie das Fünf-Schritt-Raster zur vollständigen Sieben-Schritt-Analyse (Schritt 6 historische Einordnung, Schritt 7 Wort-Ton-Bezug und Interpretation). Erläutern Sie zugleich die Grenzen des Parameter-Rasters: Wie verändert sich der Sinn von „Harmonik" und „Form", wenn man es auf atonale Musik (Schönberg) oder einen Jazz-Standard statt auf einen klassischen Satz anwendet?

Aktive Wiederholung

Wenden Sie den Fünf-Schritt-Algorithmus auf den Anfang von Bachs Brandenburgischem Konzert Nr. 2 F-Dur (1. Satz, BWV 1047) an. Notieren Sie zu jedem Schritt mindestens drei Beobachtungen mit Taktangaben.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: KMK EPA Musik 1989 / 2005 (KMK) · NRW Kernlehrplan Musik Gymnasium GOSt (MSB NRW) · Klett Spielräume Musik Oberstufe (Klett)

§ 02

Historische Einordnung — Epoche, Komponist, Gattung#

●●○StandardLPkmk-epa-musik-geschichte

Zeitstrahl der Musikgeschichte — Epochen und Leitkomponisten

Musikepochen — Mittelalter bis ModerneZeitleiste von 800 bis 2026, 1200: Pérotin, 1500: Josquin, 1685: J. S. Bach, 1810: Beethoven, 1913: Strawinsky, 800–1400: Mittelalter, 1400–1600: Renaissance, 1600–1750: Barock, 1750–1820: Wiener Klassik, 1820–1900: Romantik, 1900–2026: Moderne8002026JahrMittelalterRenaissanceBarockWiener KlassikRomantikModerne1200Pérotin1500Josquin1685J. S. Bach1810Beethoven1913Strawinsky
Abb. 3Grobe Periodisierung: Mittelalter (bis 1400), Renaissance (1400–1600), Barock (1600–1750), Wiener Klassik (1750–1820), Romantik (1820–1900), Moderne (ab 1900).

Kernpunkte

Der sechste Analyse-Schritt stellt das Werk in seinen historischen Kontext. Drei Achsen sind dabei zu bedienen: der Komponist (Lebensdaten und Schaffensphase), die Epochenzuordnung und die Gattungseinordnung. Entscheidend ist, dass die Epochenzuordnung stilistisch begründet wird — nicht „1788, also Klassik", sondern „periodische Phrasenbildung, ausgewogene Funktionsharmonik, Sonatensatzform: also Wiener Klassik". Das Werk soll aus sich selbst heraus in die Geschichte gestellt werden, nicht bloß über das Datum.
Ergiebig ist die Frage, ob das Werk ein typischer Vertreter seiner Epoche ist (eine reife Mozart-Sinfonie als Musterfall der Wiener Klassik) oder ein Grenz- und Übergangsfall (Beethovens 9. Sinfonie zwischen Klassik und Romantik). Gerade das Erkennen von Grenzfällen — wo ein Werk die Konventionen seiner Zeit dehnt oder sprengt — zeigt echtes historisches Verständnis und liefert Stoff für eine differenzierte Einordnung statt eines bloßen Etiketts.
Die Rezeptionsgeschichte fragt, wie ein Werk bei seiner Uraufführung aufgenommen wurde und wie sich seine Bedeutung im Lauf der Zeit veränderte. Manche Werke wurden erst spät kanonisiert: Die „Bach-Renaissance" beginnt sinnbildlich mit Felix Mendelssohns Wiederaufführung der Matthäus-Passion 1829 in Berlin, fast hundert Jahre nach Bachs Tod; Gustav Mahlers Sinfonik setzt sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts breit durch. Die „Bedeutung" eines Werkes ist also historisch beweglich, nicht ein für alle Mal festgelegt.
Die Aufführungspraxis ist ein eigenes Reflexionsfeld: Die historisch informierte Aufführungspraxis (HIP) sucht, Werke mit den Mitteln ihrer Entstehungszeit aufzuführen — auf Originalinstrumenten, in historischer Stimmung (im Barock lag der Kammerton tiefer, oft um a’ ≈ 415 Hz gegenüber heute etwa 442–443 Hz), mit zeitgenössischer Verzierungs- und Artikulationspraxis und kleineren Besetzungen. Wichtig ist die kritische Einsicht: „Das Original" ist immer eine Rekonstruktion und Konstruktion — HIP ist eine begründete Deutung, nicht die einzig „richtige" Wahrheit.
Die Gattungsgeschichte fragt, wie das Werk in der Entwicklung seiner Gattung steht: Erweitert es die Gattung, erfüllt es ihre Norm, oder sprengt es sie? Eine Mahler-Sinfonie etwa lässt sich nur im Verhältnis zur klassisch-romantischen Sinfonietradition (Beethoven, Bruckner) verstehen — als deren monumentale Ausweitung und teilweise Sprengung. Ein Werk isoliert zu betrachten, ohne diesen Gattungsbezug, verschenkt eine wesentliche Einordnungsebene.
Eine bewährte Klausurtechnik ist schließlich der Werk-Werk-Vergleich: Ein zweites, vergleichbares Werk dient als Folie, um das analysierte Werk schärfer zu profilieren (z. B. ein Barock- gegen einen Klassik-Satz, um die unterschiedliche Themenbildung herauszuarbeiten). Wichtig ist ein klarer Vergleichspunkt (derselbe Parameter, dieselbe Gattung), damit der Vergleich nicht beliebig wird, sondern eine konkrete Eigenart des Werkes erhellt.

Abiturfokus

  • Komponisten-Lebensdaten und Stilphase nennen UND die Epoche stilistisch (nicht nur über das Datum) begründen.
  • Das Werk in seine Gattungsgeschichte (Norm — Erweiterung — Sprengung) stellen.
  • Rezeptionsgeschichte als Wandel der Werkbedeutung erläutern (z. B. Bach-Renaissance ab 1829).
  • HIP als historisches Konzept reflektieren, nicht als „richtige" Aufführung verabsolutieren.

Typische Fehler

  • Der Komponist wird nur mit Geburts-/Todesjahr genannt, ohne stilistische Einordnung des Werkes.
  • Das Werk wird isoliert betrachtet, ohne Gattungs- und Rezeptionsbezug.
  • HIP wird als „richtige" Aufführungspraxis verabsolutiert statt als begründete Deutung reflektiert.
  • Die Epoche wird allein aus der Jahreszahl erschlossen, nicht aus stilistischen Merkmalen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie kritisch die historisch informierte Aufführungspraxis. Liefert HIP wirklich „das Original", oder ist die Vorstellung historischer Authentizität selbst ein modernes, konstruiertes Ideal? Wägen Sie Erkenntnisgewinn und Grenzen gegeneinander ab.

Aktive Wiederholung

Ordnen Sie eine Bach-Kantate (z. B. BWV 140 „Wachet auf, ruft uns die Stimme") historisch ein: Komponist, Schaffensphase, Anlass im Kirchenjahr, Gattungsmerkmale, Vorbilder und Wirkungsgeschichte.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: MGG Online — Die Musik in Geschichte und Gegenwart (Bärenreiter / Metzler) · Grove Music Online (Oxford Music Online) (Oxford University Press) · Klett Spielräume Musik Oberstufe (Klett)

§ 03

Wort-Ton-Beziehung und Interpretation#

●●●VertiefungLPkmk-epa-musik-methode

Kernpunkte

Der siebte Analyse-Schritt betrifft die Wort-Ton-Beziehung und ist immer dann gefragt, wenn Musik auf einen Text bezogen ist — im Kunstlied, in der Oper, im Oratorium, in der Kantate oder im Pop-Song. Hier wird die Analyse zur Interpretation: Man untersucht, mit welchen musikalischen Mitteln (Melodik, Harmonik, Rhythmik, Dynamik, Begleitfiguren) die Musik den Sinn, die Stimmung und die Bilder des Textes aufgreift, verstärkt, deutet oder bricht. Die Singstimme und die Begleitung sind dabei getrennt zu betrachten.
Vier Beziehungstypen sind zu unterscheiden: (a) deklamatorisch-affirmativ — die Musik unterstreicht und stützt den Text, folgt seiner Betonung und Affektlage; (b) bildlich (Textmalerei) — die Musik malt einzelne Wörter oder Vorgänge aus (Wasserwellen in geschwungenen Figuren, Vogelgesang in Trillern, ein „Seufzer" in einer fallenden kleinen Sekunde); (c) ironisch-kontrapunktierend — die Musik widerspricht dem Text bewusst und erzeugt so Distanz oder doppelten Boden; (d) überbietend — die Musik fügt eine Bedeutungsschicht hinzu, die der Text allein nicht hat. Diese Typen sicher und am Beispiel anzuwenden ist Pflicht.
Die Textmalerei hat eine lange Geschichte: Der Madrigalismus der Renaissance malt einzelne Wörter direkt aus — „discendere" (hinabsteigen) mit absteigender Melodie, „ascendere" mit aufsteigender, Schmerz mit Chromatik, Vielheit mit dichtem Stimmengewebe. Dieses Verfahren der direkten musikalischen Wort-Illustration bleibt bis in den Pop wirksam und ist meist leicht im Notentext nachzuweisen.
Der Barock systematisiert den Text-Ton-Bezug in der Affektenlehre und der musikalisch-rhetorischen Figurenlehre: Bestimmten Affekten sind bestimmte Mittel fest zugeordnet (Trauer = Moll, langsames Tempo, Chromatik, fallende Linien; Freude = Dur, schnelles Tempo, kraftvolle Bewegung), und musikalische „Figuren" funktionieren wie rhetorische Formeln (etwa die fallende Linie als „Passus duriusculus" für Leid). Johann Sebastian Bach gestaltet die Theologie seiner Kantatentexte mit solchen Mitteln bis ins Detail aus.
Im 19. Jahrhundert wandert der außermusikalische Bezug auch in die Instrumentalmusik: Die Programmmusik erzählt mit rein instrumentalen Mitteln einem vorgegebenen „Programm" nach — Hector Berlioz’ „Symphonie fantastique" (1830) mit ihrer „idée fixe" (einem die Geliebte darstellenden Leitthema), Franz Liszts sinfonische Dichtungen und Richard Strauss’ Tondichtungen sind Hauptbeispiele. Ihr Gegenbegriff ist die „absolute Musik", die für sich allein, ohne außermusikalische Bedeutung, bestehen will.
In der Klausur muss aus der Analyse eine deutende These abgeleitet werden — etwa: „Schuberts Lindenbaum thematisiert die Versuchung des Vergessens; das verrät die Wendung in die Variantentonart e-Moll in der zweiten Strophe." Diese Interpretation ist keine freie Assoziation, sondern muss in jedem Punkt aus konkreten musikalischen Beobachtungen belegt sein. Auch das ästhetische Urteil (die begründete Stellungnahme zur künstlerischen Wirkung oder Qualität) argumentiert mit konkreten Mitteln und vermeidet bloße Geschmacksurteile („schön" / „hässlich" / „gefällt mir").
Musterlösung

Schubert, „Der Lindenbaum“ (Winterreise D 911 Nr. 5) — Funktionsharmonische Analyse

Analysieren Sie das Lied „Der Lindenbaum“ aus Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ (Text: Wilhelm Müller, 1827). Untersuchen Sie das Verhältnis von Dur- und Moll-Strophen, die funktionsharmonischen Wendungen und die Wort-Ton-Beziehung.

  1. 011. Werkkontext und Form

    „Der Lindenbaum“ ist Nr. 5 von 24 Liedern der „Winterreise“ (komponiert 1827). Form: erweiterte Strophenform mit Variantentechnik. Drei Hauptteile entsprechen den drei Erinnerungsschritten des lyrischen Ichs (Erinnerung - Versuchung - Resignation). Tonart: E-Dur (Strophe 1, 3) wechselt nach e-Moll (Strophe 2, „Mir tat sein Rauschen ...“).

  2. 022. Klavier-Introduktion und Wort-Ton-Beziehung

    Triolenfiguren im Klavier (3/4-Takt) malen das Rauschen der Blätter im Wind - hochgradig programmatisch. Die rechte Hand spielt durchgängig Sechzehntel-Triolen, die linke Hand stützt mit Tonika und Dominante in E-Dur. Eintaktiger Vorhang öffnet die Erinnerungsszene.

  3. 033. Strophe 1 (E-Dur): Funktionsharmonische Stützen

    Gesang setzt mit Sextsprung c#-e ein („Am Brunnen vor dem Tore“). Harmonische Folge T - S - D - T (I - IV - V - I) in E-Dur, ausgeschmückt durch Vorhalte und Durchgangsnoten. Die Strophe endet mit authentischer Kadenz V7 - I (H7 - E-Dur). Erinnerungston: friedlich, klar, dur-haltig.

  4. 044. Strophe 2 (e-Moll): Variantentonart als psychologischer Bruch

    Variantentonart-Wechsel von E-Dur nach e-Moll (gleiche Tonika, andere Terz) signalisiert die schmerzhafte Wendung der Erinnerung. Harmonik wird chromatisch angereichert: e-Moll, h-Moll (Moll-Dominante v; zugleich Paralleltonart von D-Dur), C-Dur (Untermediante / VI — innerhalb von e-Moll die diatonische sechste Stufe, gegenüber dem Grundton E-Dur als tiefalterierte ♭VI hörbar). Eine echte neapolitanische Wendung wäre F-Dur (♭II) als zusätzliche Spannungsfarbe. Begleitfigur des Klaviers wechselt zu pulsierenden Achtel-Akkorden statt fließender Triolen - Sturmcharakter, Naturmetapher für den inneren Aufruhr.

  5. 055. Strophe 3 (E-Dur, modifiziert): Resignation

    Rückkehr nach E-Dur, aber die Triolen-Begleitung ist nun chromatisch eingefärbt. Spannungstöne (verminderte Septakkorde, Doppeldominanten) zeigen, dass die Idylle nicht ungetrübt zurückkehrt. Die Schlusswendung enthält einen Trugschluss V - VI (H7 - cis-Moll) vor dem endgültigen Ganzschluss - musikalisches Äquivalent zum textlichen Schwanken zwischen Sehnsucht und Resignation.

  6. 066. Interpretatorische Synthese

    Die Tonartendisposition E-Dur - e-Moll - E-Dur spiegelt den dramaturgischen Bogen Erinnerung - Versuchung - Resignation. Schubert nutzt Variantentechnik (Hauptmittel der Romantik) statt der klassischen Dominantmodulation - der Charakterwechsel bleibt im selben tonalen Zentrum verankert, was die psychologische Innerlichkeit verstärkt. Der Text wird nicht „vertont“, sondern in eine eigenständige musikalische Dramaturgie überführt.

Ergebnis: Schuberts „Lindenbaum“ zeigt exemplarisch die romantische Liedästhetik: erweiterte Strophenform, programmatische Klavierbegleitung (Blätterrauschen), Variantentechnik als Ausdruck psychischer Wendungen, Chromatik als Mittel innerer Konflikte. Die funktionsharmonische Grundsubstanz bleibt klassisch, wird aber durch Modulationen, Trugschlüsse und Variantentonarten emotionalisiert.

Abiturfokus

  • Die vier Wort-Ton-Beziehungstypen (affirmativ, bildlich, kontrapunktierend, überbietend) sicher am Beispiel anwenden.
  • Madrigalismus und barocke Affekten-/Figurenlehre als historische Text-Ton-Verfahren kennen.
  • Programmmusik und „absolute Musik" als Gegenbegriffe unterscheiden.
  • Operator „interpretieren": aus der Analyse eine belegte deutende These ableiten.

Typische Fehler

  • Die Wort-Ton-Beziehung wird nur pauschal als „Musik passt zum Text" beschrieben statt nach Typ differenziert.
  • Die Interpretation wird zur freien Assoziation ohne Beleg in der Analyse.
  • Das ästhetische Urteil bleibt geschmacklich („mir gefällt das") statt argumentativ.
  • Singstimme und Begleitung werden nicht getrennt betrachtet, obwohl sie verschieden auf den Text reagieren können.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erläutern Sie das Konzept der „absoluten Musik“ (Hanslick) im Gegensatz zur Programmmusik. Welche ästhetischen und politischen Implikationen hat die Frage, ob Musik „bedeuten“ kann?

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie die Wort-Ton-Beziehung in Schuberts „Der Doppelgänger" (Schwanengesang D 957 Nr. 13, Heine-Text). Wie unterstreichen die Klavier-Akkord-Pulsation (h-Moll), die deklamatorische Singstimme und der harmonische Aufbau die Lyrik der unheimlichen Selbstbegegnung?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: KMK EPA Musik 1989 / 2005 (KMK) · Klett Spielräume Musik Oberstufe (Klett) · MGG Online — Die Musik in Geschichte und Gegenwart (Bärenreiter / Metzler)

§ 04

Musik im historisch-gesellschaftlichen Kontext — NS, HIP, Interkulturalität#

●●●VertiefungLPkmk-epa-musik-gesellschaft

Zeitstrahl der Musikgeschichte — Epochen und Leitkomponisten

Musikepochen — Mittelalter bis ModerneZeitleiste von 800 bis 2026, 1200: Pérotin, 1500: Josquin, 1685: J. S. Bach, 1810: Beethoven, 1913: Strawinsky, 800–1400: Mittelalter, 1400–1600: Renaissance, 1600–1750: Barock, 1750–1820: Wiener Klassik, 1820–1900: Romantik, 1900–2026: Moderne8002026JahrMittelalterRenaissanceBarockWiener KlassikRomantikModerne1200Pérotin1500Josquin1685J. S. Bach1810Beethoven1913Strawinsky
Abb. 4Grobe Periodisierung: Mittelalter (bis 1400), Renaissance (1400–1600), Barock (1600–1750), Wiener Klassik (1750–1820), Romantik (1820–1900), Moderne (ab 1900).

Kernpunkte

Die NS-Kulturpolitik machte Musik zum Feld von Verfolgung und Propaganda. Als „entartet" diffamiert und verboten wurden die Werke jüdischer Komponisten (Mendelssohn, Mahler, Schönberg, Eisler), der Jazz (rassistisch als „Negermusik" verfemt) und die atonale Avantgarde; die berüchtigte Ausstellung „Entartete Musik" (Düsseldorf 1938) stellte dies öffentlich zur Schau. Gefördert wurde dagegen ein tonal-spätromantischer Stil und vor allem der Wagner-Kult als nationale Repräsentationsmusik. Wichtig ist die differenzierte Darstellung — die NS-Musikpolitik war ein System aus Verbot, Vereinnahmung und Förderung, nicht bloß ein „Verbot moderner Musik".
Viele Komponisten gingen ins Exil: Arnold Schönberg, Paul Hindemith (zunächst über die Türkei und die Schweiz, dann in die USA), Hanns Eisler und Kurt Weill (dessen „Dreigroschenoper" mit Bertolt Brecht 1928 entstand) emigrierten; Erich Wolfgang Korngold wurde in Hollywood zum Filmkomponisten. Andere blieben in moralisch umstrittener Stellung: Richard Strauss übernahm 1933 die Präsidentschaft der Reichsmusikkammer (bis 1935), Wilhelm Furtwängler dirigierte weiter, Herbert von Karajan war NSDAP-Mitglied. Die Begriffe „innere" und „äußere Emigration" benennen dieses Spektrum zwischen Flucht, Anpassung und Rückzug.
Ein besonders eindringliches Kapitel ist die Musik aus dem Lager und Ghetto Theresienstadt: Hier entstanden und erklangen Werke wie Hans Krasas Kinderoper „Brundibár" (1938 komponiert, in Theresienstadt 1943/44 vielfach aufgeführt) und Viktor Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis" (1943). Diese Musik ist zugleich künstlerisches Werk, Zeugnis und Anklage — überschattet davon, dass die SS das „kulturelle Leben" propagandistisch ausbeutete und die meisten beteiligten Künstler später ermordet wurden. Sie ist damit ein zentrales ethisches Reflexionsfeld des Faches.
Auch die Musik in der DDR steht unter politischen Vorzeichen: Staatlich gefördert wurde eine dem Sozialismus verpflichtete Komposition (Hanns Eisler, Paul Dessau), während die offizielle Doktrin des „sozialistischen Realismus" mit avantgardistischen Impulsen in Spannung stand — etwa der Rezeption der polnischen Schule (Lutosławski, Penderecki) und westlicher Neuer Musik. Kunst und Staatsdoktrin standen hier in einem dauerhaften Spannungsverhältnis von Freiheit und Anpassung.
Die historisch informierte Aufführungspraxis (HIP) ist ein weiteres Reflexionsthema: Seit den 1960er Jahren (Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt, Frans Brüggen) sucht sie, alte Musik mit Originalinstrumenten, historischer Stimmung und zeitgenössischer Verzierungspraxis zum Klingen zu bringen. Ihr Erkenntnisgewinn ist groß, doch bleibt die Schwierigkeit bestehen, dass „das Original" immer eine Rekonstruktion ist — HIP ist eine begründete, geschichtsbewusste Deutung, nicht der objektiv „richtige" Klang.
Interkulturelle Perspektiven verlangen, nicht-westliche Musikkulturen als gleichwertige Tonsprachen ernstzunehmen: die indische Raga-Tradition (modale Melodieordnung über einem Bordun), das indonesische Gamelan-Orchester, die japanische Hofmusik Gagaku, die westafrikanische Polyrhythmik. Entscheidend ist, sie strukturell zu beschreiben (Skalensystem, Rhythmuskonzept, Rolle der Improvisation) und nicht aus einer westlichen Norm heraus als „primitiv" oder bloß „exotisch" abzuwerten — die Gefahr eines exotisierenden „Othering" ist real und in der Beurteilung zu vermeiden.
Schließlich gehört die Globalisierung der Popmusik in diesen Kontext: K-Pop, Reggaeton und Afrobeat sind globale Mainstream-Strömungen des 21. Jahrhunderts, die über Streaming-Plattformen weltweit wirken (vertieft im Kapitel zur populären Musik). Damit verschränken sich ästhetische, ökonomische und kulturpolitische Fragen — Musik ist nie nur Klang, sondern immer auch ein gesellschaftliches Phänomen, das man historisch und kritisch einordnen muss.

Abiturfokus

  • Musik im NS differenziert als System aus Verbot, Vereinnahmung und Förderung (nicht „Hitler verbot moderne Musik") darstellen.
  • Theresienstadt-Musik als künstlerisches Zeugnis und ethisches Reflexionsfeld benennen.
  • HIP als geschichtsbewusste Deutung (nicht als objektiv „richtige" Aufführung) reflektieren.
  • Operator „beurteilen": nicht-westliche Musik strukturell und ohne exotisierende Wertung beschreiben.

Typische Fehler

  • Die NS-Musikpolitik wird unterkomplex dargestellt („Hitler verbot moderne Musik") statt als Verbot, Vereinnahmung UND Förderung.
  • HIP wird als objektiv „richtig" verklärt statt als Konstruktion reflektiert.
  • Nicht-westliche Musik wird als „primitiv" oder „exotisch" verkürzt statt strukturell beschrieben.
  • Die moralische Mehrdeutigkeit der „inneren Emigration" (Strauss, Furtwängler) wird einseitig aufgelöst.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erörtern Sie die Verantwortung des Künstlers unter der Diktatur am Beispiel Richard Strauss’ (Präsident der Reichsmusikkammer) und Wilhelm Furtwänglers. Lässt sich künstlerische Tätigkeit von politischer Mitverantwortung trennen? Wägen Sie die Argumente für „innere Emigration" und für Mitschuld ab.

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie die Bedeutung der Musik in Theresienstadt am Beispiel von Hans Krasas Kinderoper „Brundibár" (1938/43). Wie verbinden sich darin ästhetische, historische und ethische Dimensionen?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: MGG Online — Die Musik in Geschichte und Gegenwart (Bärenreiter / Metzler) · Grove Music Online (Oxford Music Online) (Oxford University Press) · Klett Spielräume Musik Oberstufe (Klett) · KMK EPA Musik 1989 / 2005 (KMK)

§ 05

Klausurstrategie und Operatorenkunde#

●○○BasisLPkmk-epa-musik-methode

Kernpunkte

Der erste Schlüssel jeder Klausur ist der Operator: Er sagt, welche Leistung verlangt wird, und ein falsch gelesener Operator führt fast zwangsläufig an der Aufgabe vorbei. Die KMK-Operatoren für Musik sind unter anderem: beschreiben (sachlich wiedergeben, was zu hören/sehen ist), analysieren (in Bestandteile zerlegen und Zusammenhänge aufzeigen), interpretieren (auf Basis der Analyse eine begründete Deutung geben), vergleichen (Gemeinsamkeiten und Unterschiede an einem Vergleichspunkt), einordnen (in einen größeren Zusammenhang stellen), beurteilen/erörtern (eine begründete, abwägende Stellungnahme), kontextualisieren und gestalten (produktiv selbst erstellen). Jeder verlangt eine andere Operation — das ist sauber zu trennen.
Die Operatoren sind den drei Anforderungsbereichen zugeordnet, die eine vollständige Antwort durchlaufen sollte: AB I — Wiedergabe (beschreiben, benennen); AB II — Anwendung/Analyse (analysieren, einordnen, vergleichen); AB III — Reflexion/Urteil (interpretieren, beurteilen, kontextualisieren, gestalten). Eine gute Klausur „steigt" von der genauen Beobachtung über die Analyse bis zum begründeten Urteil. Wer im AB I steckenbleibt (reine Beschreibung ohne Deutung), verschenkt die höchstbewerteten Punkte des Reflexionsteils.
Das Zeit-Management ist aktiv einzuplanen. Die Bearbeitungszeit ist landesabhängig (im grundlegenden Niveau in der Regel um 240 Minuten, im erhöhten um 300 Minuten). Eine bewährte Aufteilung: zuerst Lesen, Hören und Strukturieren (Aufgabe und Operatoren markieren, Material sichten), dann die Analyse-Schritte, dann die ausformulierte Schreibphase, dann der Interpretations- und Reflexionsteil und schließlich eine Korrekturphase. Der häufigste Fehler ist, die ganze Zeit in den Analyseteil zu stecken, sodass die Interpretation (AB III) nur noch fragmentarisch gelingt.
Die Antwort selbst ist klar zu strukturieren: eine knappe Einleitung (Werk, Komponist, Epoche und Bezug zur konkreten Aufgabenstellung), ein Hauptteil mit den analytischen Beobachtungen, die jeweils mit Notenbeleg gestützt sind, und ein Schluss mit Interpretation, Einordnung und Rückbezug auf die Aufgabe. Entscheidend ist ein roter Faden: Die Einzelbeobachtungen müssen erkennbar auf die Frage der Aufgabe hinarbeiten, nicht als lose Liste nebeneinanderstehen.
Durchgängig zählt die saubere Fachsprache: Tonika statt „Hauptklang", Dominante statt „Spannungsklang", Periode statt „Phrase", homophon/polyphon statt „mehrstimmig". Und das Notenmaterial ist konsequent zu nutzen: Taktnummern an jeder Beobachtung, bei Bedarf eigene Skizzen und Akkordbezifferungen. So wird jede Behauptung überprüfbar — der entscheidende Unterschied zwischen einer subjektiven Beschreibung und einer fachlichen Analyse.
Für die mündliche Prüfung (in der Regel etwa 20–30 Minuten) gilt eine eigene Strategie: Im ersten Teil (oft rund 5 Minuten) stellt man das Werk vor und formuliert eine klare Hauptthese; im anschließenden Prüfungsgespräch geht es um Vertiefung, Querbezüge und den Bezug zu weiteren Werken und Kontexten. Wer von Anfang an eine pointierte These setzt und Querverbindungen anbietet, steuert das Gespräch aktiv und zeigt Überblickswissen über den einzelnen Analysegegenstand hinaus.

Abiturfokus

  • Die KMK-Operatoren sicher unterscheiden und exakt umsetzen (Operator = Arbeitsanweisung).
  • Die drei Anforderungsbereiche (Wiedergabe — Analyse — Reflexion) in der Antwort durchlaufen.
  • Zeit-Management aktiv einplanen, damit der Reflexionsteil (AB III) nicht zu kurz kommt.
  • Operator „erläutern": die geforderte Antwortstruktur (Einleitung — belegter Hauptteil — deutender Schluss) einhalten.

Typische Fehler

  • Operatoren werden ignoriert — „beurteilen" wird wie „beschreiben" beantwortet.
  • Die Antwort bleibt im AB I hängen, ohne Analyse- und Reflexionsteil.
  • Die Klausurzeit wird im Analyseteil verbraucht, der Interpretationsteil bleibt fragmentarisch.
  • Die Einzelbeobachtungen werden nicht auf die Aufgabenstellung bezogen — es fehlt der rote Faden.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Skizzieren Sie den Aufbau einer Antwort auf einen „erörtern"-/„beurteilen"-Auftrag (AB III), etwa zur Frage „Kann Musik etwas bedeuten?". Wie gliedert man eine abwägende Stellungnahme (These — Gegenargument — Abwägung — begründetes Urteil), und wie bindet man die vorausgehende Analyse als Beleg ein?

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie an einem selbstgewählten Beispiel die Unterschiede zwischen den Operatoren „analysieren", „interpretieren" und „beurteilen". Was ist jeweils konkret zu leisten, und welchem Anforderungsbereich gehört jeder an?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: KMK EPA Musik 1989 / 2005 (KMK) · NRW Kernlehrplan Musik Gymnasium GOSt (MSB NRW) · ISB Bayern — Lehrplan PLUS Musik Q12 (ISB Bayern) · Bildungsplan Musik — Baden-Württemberg (KM BW)

§ 06

Höranalyse und Partituranalyse — zwei Zugangswege#

●●○StandardLPkmk-epa-musik-methode

Funktionsharmonik — Tonika, Subdominante, Dominante (Kadenzschema)

Funktionsharmonik — Kadenz T–S–D–TNetzgraph, T · I · C-Dur → S · IV · F-Dur, S · IV · F-Dur → D7 · V7 · G7, D7 · V7 · G7 → T · I · C-DurT · I · C-DurS · IV · F-DurD7 · V7 · G7T · I · C-Dur
Abb. 5Klassische Hauptfunktionen (T-S-D-T) in C-Dur. Stufentheorie: I-IV-V-I. Authentische Kadenz schließt auf der Tonika.

Kernpunkte

Musikalische Analyse hat zwei Zugangswege, die in der Klausur als eigene Aufgabentypen auftreten. Die Höranalyse erschließt aus dem reinen Klangeindruck (ohne oder mit nur reduziertem Notentext) Form, Besetzung, Tempo, Dynamik, Tongeschlecht und stilistische Einordnung — ein in Bayern verbreiteter Aufgabentyp. Die Partituranalyse arbeitet umgekehrt am gedruckten Notentext mit voller Präzision. Beide haben eigene Stärken; das Beste leistet, wer Höreindruck und Notenbefund miteinander abgleicht.
Das Vorgehen bei der Höranalyse ist gestaffelt: Man hört mehrfach mit jeweils anderem Fokus. Im ersten Durchgang erfasst man den Gesamteindruck und die Besetzung, im zweiten die Form und ihre Abschnitte, im dritten die Details (Harmonik, Themen, Faktur, Auffälligkeiten). Diese Staffelung verhindert, dass man sich sofort in Einzelheiten verliert, und sichert vom Großen zum Kleinen eine vollständige Beobachtung. Der erste Eindruck wird dabei in jedem weiteren Durchgang überprüft und verfeinert, nicht einfach übernommen.
Da bei der Höranalyse kein Notentext vorliegt, braucht es eine eigene Mitschrift-Technik: Man legt eine Zeitachse an (Minuten und Sekunden statt Takten!), markiert die Abschnittsgrenzen und notiert die Auffälligkeiten — Tempo-, Dynamik-, Besetzungs- und Charakterwechsel. Wer hier fälschlich mit Taktangaben arbeitet, scheitert, weil ohne Partitur keine Takte zählbar sind. Die Zeitachse ist das Rückgrat der schriftlichen Höranalyse.
Die Partituranalyse arbeitet demgegenüber am gedruckten Notentext und kann deshalb das leisten, was dem Ohr verschlossen bleibt: präzise Taktbezüge, das genaue Stimmgefüge, eine exakte Akkordbezifferung und die Verfolgung der Stimmführung Note für Note. Hier sind Behauptungen unmittelbar nachprüfbar. Die Partituranalyse liefert damit die belegbare Präzision, während die Höranalyse die unmittelbare, ganzheitliche Wahrnehmung schult.
Sicheres Partiturlesen erfordert die Beherrschung der Schlüssel (auch der C-Schlüssel, etwa des Alt-Schlüssels der Bratsche) und vor allem das Wissen um transponierende Instrumente: Eine Klarinette in B klingt einen Ganzton (große Sekund) tiefer, ein Horn in F eine Quint tiefer als notiert. Wer notierte und klingende Tonhöhe verwechselt, kommt zu falschen Tonarten und Akkordbestimmungen — eine klassische Fehlerquelle der Partituranalyse.
Die Grundlage beider Wege ist die Gehörbildung: Nur wer Intervalle, Akkordtypen, Kadenzen, Tonleitern und Taktarten am Klang erkennt, kann eine Höranalyse überhaupt verschriftlichen. Gehörbildung und Partiturkenntnis bedingen sich gegenseitig — das innere Hören liest die Partitur als Klang, und die Partitur schärft umgekehrt das gezielte Hinhören. In der Vorbereitung sollte man beide Fähigkeiten systematisch trainieren.

Notenwerte und Pausen — Dauerverhältnisse

Notenwerte — Halbierung Ganze · Halbe · ViertelBaumdiagramm, 4 Pfade, Daten: Halbe · 2 → Viertel · 1; Halbe · 2 → Viertel · 1; Halbe · 2 → Viertel · 1; Halbe · 2 → Viertel · 1Halbe · 2Halbe · 2Ganze · 4 SchlägeViertel · 1Viertel · 1Viertel · 1Viertel · 1
Abb. 6Vom Ganzen (4 Schläge bei 4/4-Takt) über Halbe und Viertel - jeweils Halbierung; die Summenzeile zeigt 8 Achtel = 4 Viertel = 2 Halbe = 1 Ganze. Punktierung verlängert um die Hälfte des Grundwerts.

Abiturfokus

  • Das gestaffelte Vorgehen der Höranalyse (Gesamteindruck — Form — Details) beschreiben und anwenden.
  • Bei fehlendem Notentext die Zeitachsen-Mitschrift (Min./Sek.) statt Taktangaben einsetzen.
  • Transponierende Instrumente (Klarinette in B, Horn in F) beim Partiturlesen berücksichtigen.
  • Operator „analysieren": einen Höreindruck strukturiert (Zeitachse, Abschnitte, Parameter) verschriftlichen.

Typische Fehler

  • Bei der Höranalyse wird mit Taktangaben statt mit Zeitangaben gearbeitet, obwohl kein Notentext vorliegt.
  • Transponierende Instrumente werden klingend statt notiert gelesen (oder umgekehrt) — Tonart-Fehler.
  • Der erste Höreindruck wird überbewertet, ohne ihn in späteren Durchgängen zu überprüfen und zu verfeinern.
  • Höranalyse und Partituranalyse werden gegeneinander ausgespielt, statt Höreindruck und Notenbefund abzugleichen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erläutern Sie an einem Beispiel die Grenzen der reinen Höranalyse. Welche Aussagen (z. B. exakte Akkordbezifferung, Stimmführungsdetails) lassen sich erst mit Partitur sicher treffen?

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie ein etwa dreiminütiges Hörbeispiel ohne Notentext. Legen Sie eine Zeitachse an, markieren Sie die Formabschnitte und notieren Sie zu jedem Abschnitt Besetzung, Tongeschlecht und Charakter.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: ISB Bayern — Lehrplan PLUS Musik Q12 (ISB Bayern) · Bildungsplan Musik — Baden-Württemberg (KM BW) · Klett Spielräume Musik Oberstufe (Klett)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Fünf-Schritte-Werkanalyse — Standardalgorithmus◐
    • 02Historische Einordnung — Epoche, Komponist, Gattung◐
    • 03Wort-Ton-Beziehung und Interpretation●
    • 04Musik im historisch-gesellschaftlichen Kontext — NS, HIP, Interkulturalität●
    • 05Klausurstrategie und Operatorenkunde○
    • 06Höranalyse und Partituranalyse — zwei Zugangswege◐

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

Werkanalyse — Methodik und Schreibstrategie für Klausur und mdl. Prüfung

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~24
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3
Kompetenzen
Üben

Belege & Quellen

Quellen

KMK

  • KMK EPA Musik 1989 / 2005

MSB NRW

  • NRW Kernlehrplan Musik Gymnasium GOSt

Klett

  • Klett Spielräume Musik Oberstufe

Bärenreiter / Metzler

  • MGG Online — Die Musik in Geschichte und Gegenwart

Oxford University Press

  • Grove Music Online (Oxford Music Online)

ISB Bayern

  • ISB Bayern — Lehrplan PLUS Musik Q12

KM BW

  • Bildungsplan Musik — Baden-Württemberg

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