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Notizen/Latein/Formenlehre — Substantive, Adjektive, Pronomina, Verben
Notizen · LateinDE · Abitur

Formenlehre — Substantive, Adjektive, Pronomina, Verben

Die lateinische Morphologie als Fundament jeder Übersetzung. Fünf Deklinationen, fünf Konjugationen, drei Verbalstämme, sechs Tempora, vier Modi und zwei Genera verbi bilden ein hochregelmäßiges System; sicher beherrscht erschließen sie Sinneinheiten in Sekunden. Schwerpunkt: häufige Ausnahmen (Mischstamm, Deponentien, unregelmäßige Verben) und die Differenzierung formgleicher Endungen.

7 Abschnitte·~48 Min Lesezeit·5 Kompetenzen·Niveau Basis 3 · Standard 3 · Vertiefung 1·Stand 06/2026

T·0111 / 9
Prüfungsprofil
L-FORM-1 · Substantivformen aller fünf Deklinationen und Adjektive der a-/o- sowie 3. Deklination sicher bestimmenL-FORM-2 · Pronomina (Personal-, Demonstrativ-, Relativ-, Interrogativ-, Indefinit-) erkennen und mit Bezug einordnenL-FORM-3 · Verbformen aller fünf Konjugationen in sechs Tempora, vier Modi, zwei Genera verbi bestimmenL-FORM-4 · Partizipien (PPP, PPA, PFA), Infinitive aller Zeitstufen, Gerundium und Gerundivum erkennenL-FORM-5 · Unregelmäßige Verben (esse, posse, ire, ferre, velle, fieri) und Deponentien identifizieren
Operatoren:bestimmenanalysierenerschließeneinordnenerläutern

grundlegendes Niveau

gA — Sichere Formenkenntnis als Voraussetzung jeder Übersetzung. Erwartet: alle fünf Deklinationen, Adjektive a-/o- und 3. Dekl., Personal-, Demonstrativ-, Relativpronomen, alle Tempora Indikativ Aktiv/Passiv, Konjunktiv Präsens und Imperfekt, PPP und PPA, Infinitive Präsens/Perfekt, esse und posse.

erhöhtes Niveau

eA — Vollständige Formenkenntnis inklusive aller Konjunktivformen, Gerundium/Gerundivum, PFA, periphrastische Konjugationen, semideponente Verben, unregelmäßige Verben (ferre, velle, nolle, malle, ire, fieri), Defektiva (memini, odi, coepi) und Bildung seltener Tempora wie Futur II Passiv.

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

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Inhalt · 7 Abschnitte▾
  1. Formenlehre — Substantive, Adjektive, Pronomina, Verben
    • 01Die fünf Deklinationen im Überblick○
    • 02Adjektive und Komparation○
    • 03Pronomina — Personal, Demonstrativ, Relativ, Reflexiv◐
    • 04Verbalsystem — fünf Konjugationen, sechs Tempora○
    • 05Konjunktiv und Imperativ◐
    • 06Partizipien, Gerundium, Gerundivum und Deponentien●
    • 07Unregelmäßige Verben und Defektiva◐
§ 01

Die fünf Deklinationen im Überblick#

●○○BasisLPkmk-epa-latein-sprache-form-1LPnrw-vorgaben-latein-sprachkompetenz

Die fünf Deklinationen im Überblick

Die fünf DeklinationenTabelle mit 6 Spalten und 12 Zeilen, Daten: 1. Dekl. · 2. Dekl. · 3. Dekl. · 4. Dekl. · 5. Dekl.; Stammvokal · a · o · Kons./i · u · e; Beispiel · rosa · servus · rex · manus · res; Genus · f. · m./n. · m./f./n. · m. · f.; Nom. Sg. · -a · -us/-er · versch. · -us · -es; Gen. Sg. · -ae · -i · -is · -us · -ei; Dat. Sg. · -ae · -o · -i · -ui · -ei; Akk. Sg. · -am · -um · -em · -um · -em; Abl. Sg. · -a · -o · -e · -u · -e; Nom. Pl. · -ae · -i · -es · -us · -es; Gen. Pl. · -arum · -orum · -um/-ium · -uum · -erum; Dat./Abl. Pl. · -is · -is · -ibus · -ibus · -ebus; Akk. Pl. · -as · -os · -es · -us · -es1. DEKL.2. DEKL.3. DEKL.4. DEKL.5. DEKL.STAMMVOKALaoKons./iueBEISPIELrosaservusrexmanusresGENUSf.m./n.m./f./n.m.f.NOM. SG.-a-us/-erversch.-us-esGEN. SG.-ae-i-is-us-eiDAT. SG.-ae-o-i-ui-eiAKK. SG.-am-um-em-um-emABL. SG.-a-o-e-u-eNOM. PL.-ae-i-es-us-esGEN. PL.-arum-orum-um/-ium-uum-erumDAT./ABL. PL.-is-is-ibus-ibus-ebusAKK. PL.-as-os-es-us-es
Abb. 1Stammvokal, Genitiv Singular und typische Endungen unterscheiden die fünf lateinischen Deklinationsklassen.

Kernpunkte

Die Deklination ist die systematische Beugung der Nominalwörter — Substantive, Adjektive, Pronomina — nach Kasus, Numerus und Genus. Das Lateinische besitzt sechs Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Ablativ, Vokativ; dazu Reste eines Lokativs), zwei Numeri (Singular, Plural) und drei Genera (Maskulinum, Femininum, Neutrum). Anders als im Deutschen oder Englischen trägt nicht die Wortstellung, sondern die Endung die syntaktische Funktion: In puella rosam videt und rosam puella videt steht dasselbe — „das Mädchen sieht die Rose" —, weil das Nominativ-Signal -a das Subjekt und das Akkusativ-Signal -am das Objekt markiert, ganz gleich, wo die Wörter stehen. Wer Latein übersetzt, liest deshalb zuerst die Endungen, nicht die Reihenfolge; die Formenlehre ist damit nicht Selbstzweck, sondern das Fundament jeder Sinnerschließung.
Die lateinischen Substantive verteilen sich auf fünf Deklinationsklassen, die nach ihrem ursprünglichen Stammauslaut heißen: a-Stämme (1.), o-Stämme (2.), Konsonant- und i-Stämme (3.), u-Stämme (4.) und e-Stämme (5.). Die Klasse erkennt man nicht am Nominativ, sondern am Genitiv Singular, der darum fest zur Nennform gehört: -ae (rosa, rosae), -i (servus, servi; bellum, belli), -is (rex, regis), -us (manus, manus), -ei (res, rei). Der Nominativ täuscht, denn dieselbe Endung -us erscheint in der 2. (servus), 3. (corpus, tempus) und 4. Deklination (manus); erst der Genitiv entscheidet. Daraus folgt die eiserne Wortpaarmethode: Jedes Substantiv wird als Block Nominativ + Genitiv + Genus gespeichert (rosa, -ae f.; rex, regis m.; manus, -us f.), denn ohne diese drei Angaben lässt sich eine Form später weder sicher bestimmen noch bilden.
Jeder Kasus bündelt typische Satzfunktionen, die man schon beim Bestimmen mitdenken sollte, weil sie die Übersetzung steuern: Der Nominativ ist Kasus des Subjekts und des Prädikatsnomens, der Genitiv der des Attributs und Besitzes (liber pueri „das Buch des Jungen"), der Dativ der des indirekten Objekts und des Interesses (puero „dem Jungen"), der Akkusativ der des direkten Objekts und der Richtung (Romam „nach Rom"), der Ablativ schließlich der vielseitigste — er deckt Mittel, Ort, Trennung, Zeit und Begleitumstand ab (gladio „mit dem Schwert", Romā „von Rom her"). Der Vokativ ist der Anredekasus und gleicht außer in der 2. Deklination (serve! „Sklave!") stets dem Nominativ. Die ausführliche Funktionslehre leistet das Syntax-Topic; die Formenlehre liefert die Endungen, an denen diese Funktionen hängen.
Die 1. Deklination (a-Stämme) ist überwiegend feminin, doch eine feste Gruppe männlicher Personen- und Berufsbezeichnungen ist maskulin und verlangt maskuline Adjektive: poeta bonus „der gute Dichter", ebenso agricola (Bauer), nauta (Seemann), incola (Bewohner), pirata (Seeräuber). Die 2. Deklination (o-Stämme) ist maskulin (-us, -er) oder neutrum (-um); ihre Eigenheit ist der gesonderte Vokativ auf -e (domine! „Herr!") und — bei Wörtern auf -ius — auf -i (fili! von filius, Vergili! von Vergilius). Die -er-Wörter spalten sich nach der Nennform: puer, pueri behält das -e- im ganzen Paradigma, ager, agri verliert es (Gen. agri, nicht „ageri"). Schon hier zeigt sich, warum der Genitiv mitgelernt werden muss — er allein verrät, ob ein Wort den Stammvokal hält oder ausstößt.
Quer durch alle Deklinationen gilt die Neutrumregel, eine der zuverlässigsten Erschließungshilfen überhaupt: Bei Neutra sind Nominativ und Akkusativ stets formgleich, und im Plural enden sie ausnahmslos auf -a (templa, maria, corpora, cornua). Begegnet also ein Wort auf -a im Plural, das nicht in die 1. Deklination passt (corpora gehört zu corpus, nicht zu einer „corpora, -ae"), so ist es ein Neutrum im Nominativ oder Akkusativ — niemals ein Femininum Singular. Umgekehrt kann ein Neutrum nie Subjekt und Objekt zugleich sein, sodass die Kongruenz mit dem Verb (Singular oder Plural) die Lesart sichert.
Die 3. Deklination ist die häufigste und zugleich schwierigste, weil ihr Nominativ höchst verschieden aussieht (rex, corpus, civis, mare) und sie in drei Untergruppen zerfällt. Reine Konsonantenstämme bilden den Genitiv Plural auf -um (regum, militum, consulum); i-Stämme und Mischstämme bilden ihn auf -ium. Mischstämme sind die gleichsilbigen Wörter, deren Nominativ und Genitiv Singular gleich viele Silben haben (civis, civis; hostis, hostis), sowie die einsilbigen mit zwei Schlusskonsonanten vor der Endung (urbs, urbis; mons, montis): Ihr Genitiv Plural lautet civium, urbium, montium. Reine i-Stämme — vor allem die Neutra auf -e, -al, -ar (mare, animal, exemplar) — haben zusätzlich den Ablativ Singular auf -i (mari statt „mare") und den Nominativ/Akkusativ Plural auf -ia (maria, animalia). Dieses -ium/-ia ist klausurentscheidend: Wer urbium mit „der Stadt" statt „der Städte" wiedergibt, verliert den ganzen Plural und damit oft den Satzsinn.
Die kleinen Klassen sind durch wenige, aber häufige Ausnahmen gefährlich. Die 4. Deklination (u-Stämme) ist meist maskulin (exercitus „Heer", senatus „Senat", currus „Wagen"), doch zwei sehr häufige Wörter sind feminin — manus „Hand, Schar" und domus „Haus"; domus mischt überdies 4. und 2. Deklination (neben domus auch domos im Akkusativ Plural) und kennt die Sonderformen domi (Lokativ „zu Hause"), domum (Akk. der Richtung „nach Hause") und domo (Abl. der Trennung „von zu Hause"). Das Neutrum cornu „Horn, Heeresflügel" geht auf -u aus. Die 5. Deklination (e-Stämme) umfasst nur rund ein Dutzend abiturrelevanter Wörter, fast alle feminin (res, spes, fides, acies, species, materies); maskulin oder schwankend ist allein dies „Tag" — im Plural stets maskulin, im Singular feminin, wenn ein festgesetzter Termin gemeint ist (dies constituta „der vereinbarte Tag").
Aus dem indogermanischen Kasussystem hat das Lateinische einen Lokativ bewahrt, der den Ort der Ruhe ohne Präposition ausdrückt; er ist erhalten bei Namen von Städten und kleinen Inseln sowie wenigen Einzelwörtern: Romae „in Rom", Corinthi „in Korinth", Carthagini „in Karthago", dazu domi „zu Hause", ruri „auf dem Land", humi „am Boden". Diese Formen begegnen regelmäßig bei Caesar und Cicero und werden gern als Stolperstein geprüft, weil Romae rein formal auch Genitiv oder Dativ Singular sein könnte — erst die Konstruktion (eine Ortsangabe ohne in) sichert den Lokativ. Verwandt sind die endungslosen Richtungs- und Trennungsangaben bei Stadtnamen (Romam „nach Rom", Roma „von Rom weg"), die ebenfalls ohne Präposition stehen.
Der eigentliche Übersetzungswiderstand liegt im Endungssynkretismus, dem Zusammenfall mehrerer Funktionen in einer Endung. -is etwa kann Genitiv Singular der 3. Deklination (regis), Dativ/Ablativ Plural der 1./2. (rosis, servis) oder Akkusativ Plural eines i-Stamms (civis, turris) sein; -a kann Nominativ Singular feminin (rosa), Ablativ Singular feminin (rosā) oder Nominativ/Akkusativ Plural Neutrum (templa) sein. Keine Endung ist also für sich eindeutig — erst die Konstruktionsanalyse im Satz (Kongruenz mit dem Bezugswort, Rektion des Verbs, eine vorangehende Präposition) löst die Mehrdeutigkeit auf. Eine Sondergruppe bilden griechische Lehnwörter, die ihre Originalflexion bewahren und besonders bei Vergil und Ovid begegnen: Aeneas, -ae m. und Anchises, -ae m. (maskulin trotz a-Endung!), Aegyptus, -i f., Delos, -i f. Genau an dieser Stelle verzahnt sich die Formenlehre mit der Syntax: Wer die Formen kennt, ihre Mehrdeutigkeit aber nicht aus dem Satzbau auflöst, übersetzt ins Blaue.
Musterlösung

Vollanalyse einer Wortform — civitatum

Bestimmen Sie Kasus, Numerus, Genus, Deklinationsklasse und Grundform der Form civitatum und übersetzen Sie sie kontextfrei.

  1. 01Schritt 1 — Endung isolieren

    civitat- (Stamm) + -um (Endung). Die Endung -um signalisiert entweder Akk. Sg. (2. Dekl., neutr.) oder Gen. Pl. (3./5./manchmal 2. Dekl.).

  2. 02Schritt 2 — Stamm prüfen

    civitat- endet auf den Konsonanten -t; das schließt die 2. Dekl. aus. civitas, civitatis gehört zur 3. Deklination und ist als mehrsilbiges Abstraktum auf -tas zu erkennen.

  3. 03Schritt 3 — Genus + Funktion

    Alle Abstrakta auf -tas sind feminin. -um als Endung der 3. Dekl. = Gen. Pl. — Substantive auf -tas zählen streng zu den Mischstämmen, deren Gen. Pl. zwischen -ium und -um schwankt: civitatium und civitatum sind beide belegt (civitatum ist bei Caesar besonders häufig).

  4. 04Schritt 4 — Übersetzung

    Gen. Pl. fem.: „der Bürgerschaften / Staaten / Bürgergemeinden". Im Satzkontext meist genitivisches Attribut zu einem übergeordneten Substantiv.

Ergebnis: civitatum = Gen. Pl. f., 3. Deklination (Mischstamm; Gen. Pl. civitatium ~ civitatum belegt), Grundform civitas, civitatis f. — „der Bürgerschaften / Staaten".

Musterlösung

Endungssynkretismus auflösen — vis vs. vir vs. vix

Bestimmen Sie für die drei formgleich anmutenden Wörter vis, vir, vix Klasse und Hauptbedeutung.

  1. 01Schritt 1 — Stammformen

    vis, vis f. (Pl. vires) = „Kraft, Gewalt" — 3. Dekl., defektiv im Sg. (kein Gen.); vir, viri m. = „Mann" — 2. Dekl. auf -r; vix = Adverb „kaum".

  2. 02Schritt 2 — Plural-Differenz

    Plural vires (Nom./Akk.) wird oft mit viri (Nom. Pl. von vir) verwechselt; in vires ist der Stamm vir- ohne Ableitungssuffix, in viri liegt der reguläre o-Stamm vor.

  3. 03Schritt 3 — Funktion im Satz

    vis als Sg. ist als Subjektnominativ oder Akk. (vim) häufig in Cicero („vim adferre" = „Gewalt antun"); vir kommt als Subjekt oder Apposition häufig in Vergil und Sallust vor.

Ergebnis: vis = 3. Dekl. fem. „Kraft" (defektiv); vir = 2. Dekl. mask. „Mann"; vix = Adverb „kaum". Identische Schreibung tritt nicht im Nom./Akk. auf, wohl aber im Plural-Bezug.

Abiturfokus

  • Operator „bestimmen": Kasus, Numerus, Genus, Deklinationsklasse einer Wortform mit Begründung angeben — bei Endungssynkretismus den Kontext explizit nennen.
  • Operator „erläutern": die Funktion eines Kasus im Satz herausarbeiten (Subjekt vs. Prädikatsnomen, Genitivattribut vs. Genitiv des Charakteristikums); nicht nur die Form benennen.
  • Im Übersetzungsteil zählt jeder Kasusfehler als Lexik- oder Syntaxfehler je nach Folgenschwere; bei Hauptsatzsubjekt wirkt ein einziger Kasusirrtum auf die gesamte Sinneinheit.
  • Bei Aufgaben zur Konstruktionsanalyse („Bestimmen Sie die Wortform civitatum"): Endung — Stamm — Klasse — Grundform — Übersetzung sind die fünf erwarteten Schritte.

Typische Fehler

  • manus wird als 2. Dekl. (mask./neutr.) gelesen statt als 4. Dekl. (fem.) — alle Kongruenzen werden falsch.
  • res publica wird als zwei unverbundene Substantive gelesen statt als feststehende Wortgruppe (5. + 1. Dekl., fem., „Staat").
  • Der Mischstammgenitiv (urbium, civium, montium) wird mit -um abgekürzt; in der Übersetzung verschwindet dann der Plural.
  • domus (4. Dekl.) wird falsch dekliniert: domi (Lokativ), domum (Akk. der Richtung „nach Hause"), domo (Abl. der Trennung „von zu Hause") werden nicht erkannt.
  • Griechische Eigennamen wie Aeneas, Anchises werden nach der 1. Dekl. fem. behandelt, obwohl sie maskulin sind.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erläutern Sie die historische Entstehung der 5. Deklination als spezialisierte e-Stamm-Klasse aus indoeuropäischen Wurzeln und vergleichen Sie die Restformen (Lokativ, archaische Endungen wie pater familias).

Aktive Wiederholung

Bestimmen Sie von den Wortformen poetae, regibus, manuum, diei, urbium, templa, hostium, fidei, montibus, copiis jeweils Kasus, Numerus, Genus und Deklinationsklasse.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

§ 02

Adjektive und Komparation#

●○○BasisLPkmk-epa-latein-sprache-form-2LPnrw-vorgaben-latein-sprachkompetenz

Kernpunkte

Ein Adjektiv (Adjektiv, lat. nomen adiectivum „hinzugefügtes Wort") bezeichnet eine Eigenschaft und richtet sich verbindlich nach seinem Bezugswort in Kasus, Numerus und Genus — der sogenannten KNG-Kongruenz. Diese Kongruenz ist im Lateinischen nicht bloße Grammatikpflicht, sondern das wichtigste Leseinstrument: Weil die Wortstellung frei ist, zeigt allein die Übereinstimmung in KNG, welches Adjektiv zu welchem Substantiv gehört. Lateinische Adjektive folgen dabei einem von zwei Mustern — entweder der a-/o-Deklination (nach dem Vorbild der 1. und 2. Substantivdeklination) oder der 3. Deklination —, und beim Bestimmen ist stets zuerst zu fragen: Welches ist das Bezugswort, und stimmt das Adjektiv mit ihm überein?
Adjektive der a-/o-Deklination sind dreigliedrig und tragen für jedes Genus eine eigene Endung: bonus (m.), bona (f.), bonum (n.). Maskulinum und Neutrum übernehmen die Endungen der 2. Deklination, das Femininum die der 1.; das Adjektiv „leiht" sich also die Substantivendungen. Daraus folgt ein zentraler, gern geprüfter Punkt: Das Adjektiv zeigt das wahre Genus des Substantivs, nicht dessen Deklinationsklasse. So heißt es poeta bonus „der gute Dichter" — poeta flektiert zwar nach der 1. Deklination, ist aber maskulin, und das maskuline bonus macht das sichtbar; ebenso nauta peritus „der erfahrene Seemann". Wer die Kongruenz mechanisch nach der Endung statt nach dem Genus bildet (poeta bona), verfehlt die Grundregel.
Adjektive der 3. Deklination treten in drei Nennformtypen auf, die sich nur im Nominativ Singular unterscheiden: dreigliedrig mit drei verschiedenen Nominativen (acer, acris, acre „scharf, heftig"), zweigliedrig mit gemeinsamem m./f.-Nominativ und eigenem Neutrum (fortis, forte „tapfer"; omnis, omne „jeder, ganz") und eingliedrig mit nur einer Nominativform für alle Genera (felix, Gen. felicis „glücklich"; ingens, Gen. ingentis „gewaltig"; sapiens, Gen. sapientis „weise"). Bei eingliedrigen Adjektiven verrät erst der Genitiv den Stamm — felicis liefert felic-, ingentis liefert ingent- —, weshalb sie wie Substantive der 3. Deklination mit Genitiv gelernt werden müssen.
Entscheidend ist, dass praktisch alle Adjektive der 3. Deklination i-Stämme sind und daher drei i-Stamm-Merkmale tragen: Ablativ Singular auf -i (forti, omni, felici — nicht „forte/felice"!), Genitiv Plural auf -ium (fortium, omnium) und Nominativ/Akkusativ Plural Neutrum auf -ia (fortia, omnia, ingentia). Gerade der Ablativ Singular -i ist ein häufiger Bestimmungsfehler, weil das Neutrum im Nominativ/Akkusativ Singular auf -e endet (forte „das Tapfere") und so mit dem vermeintlichen Ablativ verwechselt wird. Eine wichtige Ausnahme bildet das Partizip Präsens Aktiv: Als Attribut oder Substantiv folgt es dem i-Stamm (a sapienti viro „von einem weisen Mann"), im Ablativus absolutus aber nimmt es das verbale -e (Caesare regnante „als Caesar herrschte") — ein Brückenpunkt zum Partizipien-Abschnitt.
Weil Adjektiv und Bezugswort nicht nebeneinanderstehen müssen, kann zwischen sie ein ganzer Satzbogen treten — das Hyperbaton oder die Sperrung. In Vergils Aeneis schwebt magnum am Versanfang, das zugehörige bellum folgt erst Verse später; nur die KNG-Kongruenz (beide Nom./Akk. Sg. neutr.) hält sie zusammen, und die Spannung der Sperrung ist gewolltes Stilmittel des epischen Hexameters. Für die Klausur heißt das: Bei sperriger Wortstellung ist das Adjektiv immer mit dem kongruenten, nicht mit dem nächststehenden Substantiv zu verbinden — die häufigste Quelle von Sinnfehlern bei poetischen Texten.
Die Komparation (Steigerung) kennt drei Stufen: Positiv (altus „hoch"), Komparativ (altior m./f., altius n., Gen. altioris „höher") und Superlativ (altissimus, -a, -um „am höchsten / sehr hoch"). Gebildet werden sie auf dem Positivstamm (alt-): Der Komparativ tritt mit dem Suffix -ior-/-ius- in die 3. Deklination (Konsonantenstamm, daher Abl. Sg. -e: altiore), der Superlativ mit -issimus in die a-/o-Deklination. Der Vergleichsgegenstand steht entweder mit quam im selben Kasus wie das Verglichene (Marcus altior est quam Gaius) oder im bloßen Ablativus comparationis (Marcus altior est Gaio „Marcus ist größer als Gaius"). Beide Konstruktionen sind gleichwertig; der Ablativ ohne quam ist die typisch lateinische Verdichtung.
Drei Sondergruppen der Steigerung sind Pflichtwissen, weil sie in jedem Text vorkommen. Erstens die suppletive (aus verschiedenen Wurzeln gebildete) Komparation der häufigsten Adjektive: bonus — melior — optimus, malus — peior — pessimus, magnus — maior — maximus, parvus — minor — minimus, multus — plus — plurimus. Zweitens die Adjektive auf -er, die den Superlativ auf -errimus bilden: pulcher — pulchrior — pulcherrimus, celer — celerior — celerrimus, acer — acrior — acerrimus. Drittens eine kleine Gruppe von Adjektiven auf -ilis mit Superlativ auf -illimus: facilis — facilior — facillimus, difficilis — difficillimus, similis — simillimus, dissimilis, gracilis, humilis — während alle übrigen -ilis-Adjektive (utilis, nobilis) regelmäßig auf -issimus steigern (utilissimus).
Komparativ und Superlativ haben je zwei Bedeutungen, deren Wahl der Kontext entscheidet. Der Komparativ ist relativ „höher" (mit Vergleich) oder absolut „ziemlich / allzu hoch" (ohne Vergleichsgröße: senex tristior „ein recht trauriger Greis"). Der Superlativ ist relativ „am höchsten" (mit Bezugsgruppe) oder elativisch „sehr, höchst hoch" (ohne Bezug). Der elativische Superlativ ist ein rhetorisches Wuchtmittel: Cicero eröffnet die erste Catilinaria mit gehäuften Elativen, um Catilina zu brandmarken. Eine feste Wendung schließlich verbindet quam mit dem Superlativ und bedeutet „möglichst": quam celerrime „möglichst schnell", quam plurimi „möglichst viele" — ein Klausurklassiker, der in fast jeder Caesar- und Cicero-Stelle begegnet.
Musterlösung

Kongruenz bei Hyperbaton — Vergil, Aeneis I

Bestimmen Sie das Adjektiv und sein Bezugswort in der Wendung „magnum ... bellum" (Aeneis I, 5).

  1. 01Schritt 1 — Form prüfen

    magnum (Nom./Akk. Sg. neutr.) und bellum (Nom./Akk. Sg. neutr.) stimmen in Kasus, Numerus, Genus überein. Beide formal kongruent.

  2. 02Schritt 2 — syntaktischer Bezug

    Hyperbaton: zwischen magnum und bellum stehen weitere Wörter (z.B. „passus" und Eigenname Iuno). Trotz Distanz gehören die beiden Wörter zusammen — keine andere Kongruenz möglich.

  3. 03Schritt 3 — stilistische Funktion

    Hyperbaton verstärkt die epische Spannung: magnum schwebt am Anfang, bellum kommt erst nach mehreren Versen — der Leser hält bis zur Auflösung den Atem an.

  4. 04Schritt 4 — Übersetzung

    „viel … durchlitten … einen großen Krieg …" — die deutsche Wiedergabe bewahrt die Sperrung nur teilweise; meist wird sie zugunsten der Lesbarkeit aufgelöst.

Ergebnis: magnum kongruiert mit bellum (Nom. Sg. neutr.); das Hyperbaton ist stilistisches Markenzeichen des vergilischen Hexameters.

Abiturfokus

  • Operator „bestimmen": Adjektivform mit Bezugswort, Kasus, Numerus, Genus und Komparationsstufe angeben; bei Hyperbaton den genauen Bezug nachweisen.
  • Operator „erläutern": Wahl des Komparativs/Superlativs im Kontext begründen (Vergleichsgröße benennen, elativische Wendung als solche markieren).
  • Bei Adjektiven der 3. Dekl. wird im Bewertungsraster regelmäßig die Erkennung der i-Stamm-Form -i (Abl. Sg.) als Lexikkompetenz gewertet.
  • Stilfigur-Aufgaben verlangen oft die Identifikation von Hyperbata (sperrige Trennung Adjektiv–Substantiv) — Adjektive sind ihre häufigsten Träger.

Typische Fehler

  • Adjektiv wird mit dem nächststehenden Substantiv kongruiert statt mit dem Bezugswort: bei Hyperbaton wird so der Sinn verfehlt.
  • Eingliedrige Adjektive (felix, felicis) werden im Nominativ als Genitiv interpretiert, weil die Nennform identisch klingt.
  • pulchrior wird als Superlativ („am schönsten") gelesen — tatsächlich Komparativ.
  • Bei elativischem Superlativ („sehr hoch") wird zwanghaft eine Vergleichsgröße gesucht, die nicht existiert.
  • Komparation auf -ilis (facillimus statt facilissimus) wird mit der Standardform verwechselt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Analysieren Sie das stilistische Gewicht des elativischen Superlativs in Ciceros In Catilinam I, 1 (z.B. „atrocissimus" — „grauenhaftest"); ordnen Sie die Wendung in die rhetorische Strategie der invectio ein.

Aktive Wiederholung

Bilden Sie Komparativ und Superlativ von folgenden Adjektiven und bestimmen Sie Kongruenz im Kontext: altus, fortis, felix, magnus, bonus, pulcher, facilis, similis, liber.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

§ 03

Pronomina — Personal, Demonstrativ, Relativ, Reflexiv#

●●○StandardLPkmk-epa-latein-sprache-form-3

Kernpunkte

Pronomina (Singular Pronomen, „statt eines Namens") vertreten ein Substantiv oder verweisen auf es; sie sind im Lateinischen besonders dicht und tragen viel Bedeutung, weil ihre Wahl Nähe, Wertung und Bezug steuert. Die Personalpronomina der 1. und 2. Person lauten ego, tu (Sg.) und nos, vos (Pl.), mit den obliquen Formen mei/mihi/me und nostri-nostrum/nobis/nos. Da das Lateinische eine pro-drop-Sprache ist — die Verbendung trägt Person und Numerus —, wird das Subjektpronomen normalerweise weggelassen: venio heißt schon „ich komme", ein ego ist überflüssig. Gesetzt wird es nur zur Hervorhebung oder Kontrastierung: ego veni, tu fugisti „ich bin gekommen, du bist geflohen". Die Präposition cum tritt enklitisch an (mecum, tecum, nobiscum „mit mir/dir/uns").
Das Reflexivpronomen der 3. Person — sui, sibi, se, se (ohne Nominativ, formgleich in Singular und Plural) — verweist auf das Subjekt seines eigenen Satzes; das zugehörige Possessivum ist suus, sua, suum „sein eigener / ihr eigener". Ihm gegenüber steht das nicht-reflexive eius „dessen / deren" (Genitiv von is), das auf eine andere, nicht das Subjekt bildende Person zeigt. Dieser Gegensatz ist die wichtigste und am häufigsten geprüfte Pronomenregel des Lateinischen: Caesar suos milites laudat heißt „Caesar lobt seine eigenen Soldaten", Caesar eius milites laudat dagegen „Caesar lobt dessen (eines anderen) Soldaten". Ein einziger Pronomenfehler kehrt hier die Aussage um — bei Caesar und Cicero, wo zwei Lager gegeneinanderstehen, entscheidet die Reflexivität über den ganzen Sinn.
In abhängigen Konstruktionen — vor allem im AcI und in der indirekten Rede — gilt die indirekte Reflexivität: se und suus beziehen sich dann nicht auf das Subjekt des Nebensatzes, sondern auf das des übergeordneten Verbs, also auf den Sprecher oder Denkenden. Caesar dixit se vicisse heißt „Caesar sagte, dass er (selbst) gesiegt habe" — se meint Caesar, nicht einen Dritten. Wer diese Regel nicht kennt, übersetzt se im AcI oft falsch mit „sich" statt mit dem Subjekt des Hauptverbs; sie ist darum ein Brückenpunkt zum AcI-Abschnitt der Syntax und ein klassischer eA-Prüfstein.
Die Demonstrativpronomina ordnen das Bezeichnete nach drei Sphären der Deixis (Zeigerichtung). hic, haec, hoc „dieser hier" markiert die Nähe zum Sprecher (1. Person); iste, ista, istud „dieser da bei dir" die Nähe zum Angesprochenen (2. Person) und wird bei Cicero oft abschätzig gebraucht (iste „der da" für den Angeklagten, etwa iste Verres in den Verrinen); ille, illa, illud „jener dort" die Ferne (3. Person), häufig mit verklärend-ehrender Konnotation (Alexander ille „der berühmte Alexander", nachgestellt). Diese Wertungsnuancen sind interpretationsrelevant: Die Wahl zwischen hic, iste und ille verrät die Haltung des Sprechers zum Bezeichneten.
Drei weitere Pronomina mit dem Stamm i-/e- sind sauber auseinanderzuhalten. is, ea, id ist das schwache Determinativ- und zugleich das 3.-Person-Pronomen „der, die, das / er, sie, es" (im Genitiv eius, im Dativ ei, im Akkusativ eum/eam) und kündigt oft einen Relativsatz an (is qui „derjenige, der"). ipse, ipsa, ipsum ist das verstärkende „selbst" und gerade nicht reflexiv (Caesar ipse venit „Caesar selbst kam", in Abgrenzung von anderen). idem, eadem, idem „derselbe" schließlich ist ein Identitätspronomen aus is + der Verstärkungssilbe -dem; bei der Bildung assimiliert das auslautende -m des is-Stamms zu -n (eundem statt „eumdem", eorundem statt „eorumdem"), was die Formbestimmung erschwert.
Das Relativpronomen qui, quae, quod folgt der wichtigsten Bezugsregel der lateinischen Syntax: Es kongruiert mit seinem Bezugswort im Hauptsatz in Genus und Numerus, seinen Kasus aber bezieht es aus seiner Funktion im Relativsatz. In vir, quem vides „der Mann, den du siehst" ist quem maskulin und singularisch (von vir), steht aber im Akkusativ, weil es Objekt zu vides ist. Eine Sondererscheinung ist der relative Satzanschluss (relativische Verschränkung): Steht ein Relativpronomen am Satzanfang, leitet es keinen Nebensatz ein, sondern setzt den Hauptsatz fort und ist mit „und dieser / dieser aber" (= et is) wiederzugeben — quae cum ita sint „da dies so ist".
Frage- und Indefinitpronomina teilen den qu-Stamm. Substantivisch fragt quis? quid? „wer? was?", adjektivisch qui? quae? quod? „welcher?"; in indirekten Fragen folgt stets der Konjunktiv (rogat, quis venerit „er fragt, wer gekommen sei"). Die Indefinita reichen von aliquis „irgendjemand" über quidam „ein gewisser" und quisque „jeder einzelne" bis zu nemo „niemand" (das seine fehlenden Formen mit nullius/nullo aus nullus ergänzt) und nihil „nichts". Eine feste Merkregel betrifft aliquis: Nach si, nisi, num und ne fällt das Präfix ali- weg, sodass die bloße Form quis erscheint — si quis venit heißt „falls jemand kommt", nicht „falls wer kommt"; wer das übersieht, hält quis fälschlich für ein Fragepronomen.
Musterlösung

Reflexivität — suus vs. eius im Konjunktivsatz

Bestimmen Sie den Bezug von suos und eius in: „Caesar dixit suos milites fortes esse; eius vero hostes timore captos esse."

  1. 01Schritt 1 — Hauptsatzsubjekt

    Subjekt des Hauptverbs dixit ist Caesar.

  2. 02Schritt 2 — AcI

    suos milites fortes esse = „dass seine eigenen Soldaten tapfer seien" (Reflexivität auf Caesar als Subjekt des dixit).

  3. 03Schritt 3 — zweiter AcI

    eius hostes timore captos esse = „dass dessen Feinde von Furcht ergriffen seien". Hier verweist eius nicht auf Caesar (das wäre sui), sondern auf einen anderen, im Kontext genannten Akteur.

  4. 04Schritt 4 — Auflösung

    Vermutlich bezieht sich eius auf einen anderen Feldherrn oder Gegner, der zuvor erwähnt wurde. Der Kontrast „seine eigenen — dessen" (suus — eius) ist Cicero- und Caesar-typisch.

Ergebnis: suos = reflexiv auf Caesar; eius = nicht-reflexiv auf einen anderen, im Kontext bereits genannten Akteur. Beide Pronomina kontrastieren zwei Lager.

Abiturfokus

  • Operator „bestimmen": Pronomen mit Typ (Personal-/Demonstrativ-/Reflexiv-…), Form (Kasus, Numerus, Genus) und Bezugswort identifizieren.
  • Operator „erläutern": Reflexivität (suus vs. eius) sauber begründen; bei mehrdeutigem Bezug die wahrscheinlichste Lesart mit Argument vertreten.
  • Bei Interpretationsaufgaben wird die Wahl zwischen hic/iste/ille oft als Wertindikator gewertet (Cicero pejorativ mit iste; Vergil verklärend mit ille).
  • Im Übersetzungsteil ist die Verwechslung von suus und eius typischer Punkteverlust — markieren Sie sie sofort beim Lesen.

Typische Fehler

  • suus wird nicht-reflexiv übersetzt: „Caesar laudat suos milites" als „Caesar lobt die Soldaten" (welche?) statt „seine (eigenen) Soldaten".
  • eius wird reflexiv interpretiert: „Caesar eius milites laudat" als „seine eigenen Soldaten" — falsch, eius verweist auf einen anderen.
  • Relativpronomen wird im Kasus des Bezugsworts gelassen statt nach der Funktion im Relativsatz flektiert.
  • Bei aliquis nach si wird das „irgendjemand" beibehalten, obwohl die Form quis (ohne Präfix) gilt: „si quis venit" = „falls jemand kommt".
  • idem (= is + -dem) wird als eigenes Pronomen gelernt, ohne den Aufbau zu erkennen — Endungen verschmelzen, was bei der Formbestimmung verwirrt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Analysieren Sie Ciceros gezielten Gebrauch des Demonstrativs iste in der ersten Catilinaria — wo wird iste statt hic eingesetzt, und welche pejorative Funktion erfüllt diese Wahl?

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie an drei Beispielen aus dem Übersetzungstext den Unterschied zwischen suus und eius und übersetzen Sie jeweils sinngemäß.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

§ 04

Verbalsystem — fünf Konjugationen, sechs Tempora#

●○○BasisLPkmk-epa-latein-sprache-form-4

Stammformenpyramide — die drei Verbalstämme

Stammformensystem — drei VerbalstämmeBaumdiagramm, 9 Pfade, Daten: Präsensstamm → Präsens; Präsensstamm → Imperfekt; Präsensstamm → Futur I; Perfektstamm → Perfekt; Perfektstamm → Plusquamperf.; Perfektstamm → Futur II; Partizipialstamm → PPP; Partizipialstamm → PFA; Partizipialstamm → Passiv-PerfektPräsensstammPerfektstammPartizipialstamm3 StämmePräsensImperfektFutur IPerfektPlusquamperf.Futur IIPPPPFAPassiv-Perfekt
Abb. 2Präsensstamm, Perfektstamm und Partizipialstamm bilden zusammen das Stammformensystem jedes lateinischen Verbs.

Kernpunkte

Das Verb ist der Kern des lateinischen Satzes, denn es bündelt fünf grammatische Kategorien in einer einzigen Form: Person und Numerus (wer handelt), Tempus (sechs Zeiten — Präsens, Imperfekt, Perfekt, Plusquamperfekt, Futur I, Futur II), Modus (Indikativ, Konjunktiv, Imperativ sowie die infiniten Formen) und Genus verbi (Aktiv, Passiv). Die lateinischen Verben gliedern sich in fünf Konjugationen, die man am Präsensstammvokal — dem Vokal vor dem -re des Infinitivs — erkennt: die a-Konjugation (laudare), die e-Konjugation (monere), die konsonantische Konjugation mit bindendem Kurz-e (regere), die i-Konjugation (audire) und die gemischte Konjugation, deren kurzes i sich teils wie i-, teils wie konsonantische Konjugation verhält (capere). Diese Einteilung ist nicht bloß Ordnungsschema, sondern bestimmt, wie jedes Tempus gebildet wird.
Der Schlüssel zum ganzen System sind die vier Stammformen jedes Verbs: 1. Person Singular Präsens, Infinitiv Präsens, 1. Person Singular Perfekt und das PPP (Supinstamm) — Lernblock laudo, laudare, laudavi, laudatum. Aus ihnen leiten sich drei Stämme ab, die zusammen alle Formen erzeugen. Der Präsensstamm (lauda-) trägt Präsens, Imperfekt, Futur I und Konjunktiv Präsens/Imperfekt; der Perfektstamm (laudav-) trägt Perfekt, Plusquamperfekt, Futur II und Konjunktiv Perfekt/Plusquamperfekt; der Partizipial- oder Supinstamm (laudat-) trägt das PPP, alle zusammengesetzten Passivformen der Vergangenheit und das PFA. Wer die vier Stammformen nicht beherrscht, kann eine Form weder bilden noch sicher zurückführen — sie sind die nicht verhandelbare Pflichteinheit der Formenlehre.
Auf dem Präsensstamm entstehen die einfachen (synthetischen) Tempora durch Personalendungen und Tempuszeichen. Die Aktivendungen lauten -o/-m, -s, -t, -mus, -tis, -nt, die Passivendungen -or/-r, -ris, -tur, -mur, -mini, -ntur. Das Imperfekt fügt das Tempuszeichen -ba- ein (laudabam „ich lobte / ich pflegte zu loben") und bezeichnet die Dauer oder Wiederholung in der Vergangenheit. Das Futur I bildet die a-/e-Konjugation mit -bo, -bis, -bit (laudabo, monebo), die konsonantische, i- und gemischte Konjugation dagegen mit -am, -es, -et (regam, reges; audiam, audies). Genau diese zweite Bildung erzeugt einen berüchtigten Stolperstein: regam ist zugleich Futur I und Konjunktiv Präsens (1. Sg.), und reg-e-s (Futur) steht gegen reg-a-s (Konjunktiv) — nur der Stammvokal -e-/-a- entscheidet.
Der Perfektstamm wird auf vier Weisen gebildet, die man je Verb aus den Stammformen kennt: das v-Perfekt (laudā-vi, audī-vi), das u-Perfekt (mon-ui, hab-ui), das s-Perfekt (rex-i aus reg-si, dux-i aus duc-si) und die stammverändernden Perfekta — das Dehnungsperfekt mit gedehntem Stammvokal (video → vidi, venio → veni, facio → feci, lego → legi) und das Reduplikationsperfekt mit Anlautverdopplung (cado → cecidi, do → dedi, tango → tetigi, mordeo → momordi). Auf diesem Stamm ruhen Perfekt (laudavi „ich habe gelobt / lobte" — abgeschlossene Handlung), Plusquamperfekt (laudaveram „ich hatte gelobt" — Vorvergangenheit), Futur II (laudavero „ich werde gelobt haben") sowie Konjunktiv Perfekt und Plusquamperfekt.
Beim Passiv (Genus verbi) trennt das Lateinische scharf nach Stamm. Im Präsensstamm ist das Passiv synthetisch, die Passivendung tritt direkt an (laudor, laudaris, laudatur, laudamur, laudamini, laudantur „ich werde gelobt …"). Im Perfektstamm ist es analytisch, zusammengesetzt aus dem PPP und einer Form von esse: laudatus sum (Perfekt), laudatus eram (Plusquamperfekt), laudatus ero (Futur II). Daraus folgt der häufigste Tempusfehler überhaupt: laudatus est ist nicht Präsens „er wird gelobt", sondern Perfekt „er ist gelobt worden / wurde gelobt" — das est ist Hilfsverb, die Zeitstufe steckt im Partizip. Das PPP kongruiert dabei mit dem Subjekt in Genus und Numerus (laudata est „sie wurde gelobt", laudati sunt „sie wurden gelobt"), und das Deutsche gibt die Konstruktion dreigliedrig wieder.
Der Imperativ Präsens lautet im Singular wie der bloße Präsensstamm (lauda!, mone!, rege!, audi!, cape!), im Plural tritt -te hinzu (laudate!). Vier häufige Verben bilden den Singular ohne das -e: dic! (dico), duc! (duco), fac! (facio), fer! (fero). Ein Verbot wird gerade nicht mit ne und Imperativ ausgedrückt, sondern mit noli/nolite + Infinitiv (noli timere! „fürchte dich nicht!") oder ne + Konjunktiv Perfekt (ne timueris!). Daneben besitzt das Verb sechs Infinitive, je drei Zeitstufen in Aktiv und Passiv: Präsens laudare/laudari, Perfekt laudavisse/laudatus esse, Futur laudaturum esse/laudatum iri — sie sind das Rückgrat des AcI.
Eine Regel verbindet das ganze infinite System mit der Syntax: Infinitive (und Partizipien) bezeichnen niemals eine absolute Zeit, sondern stets eine relative — gemessen am übergeordneten Verb. Der Infinitiv Präsens steht für Gleichzeitigkeit, der Infinitiv Perfekt für Vorzeitigkeit, der Infinitiv Futur für Nachzeitigkeit. Deshalb heißt dicit eum venire „er sagt, dass er kommt", dicit eum venisse „… dass er gekommen ist", dicit eum venturum esse „… dass er kommen wird" — die Zeitstufe des deutschen Nebensatzes ergibt sich erst aus dem Zusammenspiel von Infinitiv und Hauptverb. Diese Relativität der Zeit ist der Schlüssel zur korrekten Übersetzung jedes AcI und wird im Syntax-Topic vertieft.

Tempussystem — sechs Indikativ-Tempora

Indikativ Aktiv — sechs TemporaTabelle mit 4 Spalten und 2 Zeilen, Daten: Vergangenheit · Gegenwart · Zukunft; Präsensstamm · Imperfekt · Präsens · Futur I; Perfektstamm · Plusquamperf. · Perfekt · Futur IIVERGANGENHEITGEGENWARTZUKUNFTPRÄSENSSTAMMImperfektPräsensFutur IPERFEKTSTAMMPlusquamperf.PerfektFutur II
Abb. 3Präsensstamm bildet Präsens, Imperfekt, Futur I; Perfektstamm bildet Perfekt, Plusquamperfekt, Futur II.
Musterlösung

Vollanalyse einer Verbform — ducebantur

Bestimmen Sie alle morphologischen Kategorien und übersetzen Sie ducebantur.

  1. 01Schritt 1 — Endung

    Endung -ntur = 3. Pers. Pl. Passiv (Standard-Passivendung im Präsensstamm).

  2. 02Schritt 2 — Tempuszeichen

    Element -ba- zwischen Stamm und Endung = Imperfekt-Marker (gilt für alle Konjugationen).

  3. 03Schritt 3 — Stamm

    duce- mit eingeschobenem -e- vor -ba- ist das Imperfektmuster der konsonantischen Konjugation (rege-ba-m, duce-ba-m, lege-ba-m).

  4. 04Schritt 4 — Konjugation

    Stammformen duco, ducere, duxi, ductum = konsonantische Konjugation.

  5. 05Schritt 5 — Ergebnis

    3. Pers. Pl. Imperfekt Passiv von ducere.

Ergebnis: ducebantur = „sie wurden geführt / sie wurden ständig geführt" — Imperfekt Passiv der Dauer.

Musterlösung

Stammformen ableiten — vidi

Bestimmen Sie das Tempus und die Stammformen der Form vidi.

  1. 01Schritt 1 — Endung

    Endung -i = 1. Pers. Sg. Perfekt Aktiv (Standard-Perfektendung).

  2. 02Schritt 2 — Stamm

    vid- mit gedehntem -i- = Dehnungsperfekt (statt regelmäßigem v-/u-/s-Perfekt). Charakteristisch für eine kleine Gruppe e-Konj.-Verben.

  3. 03Schritt 3 — Stammformen

    video, videre, vidi, visum = e-Konjugation mit Dehnungsperfekt.

  4. 04Schritt 4 — abgeleitete Tempora

    Mit dem Perfektstamm vid- werden gebildet: vidi (Perf.), videram (Plqp.), videro (Fut. II), viderim (Konj. Perf.), vidissem (Konj. Plqp.), vidisse (Inf. Perf.).

Ergebnis: vidi = 1. Sg. Perf. Akt., „ich habe gesehen / sah" — klassisches Dehnungsperfekt aus der e-Konj.

Abiturfokus

  • Operator „bestimmen": Person, Numerus, Tempus, Modus, Genus verbi und Konjugationsklasse einer Verbform nennen — Pflichteinheit jeder Klausur.
  • Operator „erläutern": Imperfekt (Dauer/Wiederholung) und Perfekt (abgeschlossene Handlung) differenzieren; Plusquamperfekt als Vorzeitigkeitssignal markieren.
  • Im Übersetzungsteil zählt jede falsche Tempuszuordnung als Morphologie- oder Stilfehler; Passivkonstruktionen müssen als solche gekennzeichnet werden.
  • Bei Konjunktiv-Aufgaben wird die Sinnrichtung (Iussiv, Adhortativ, Final, Konsekutiv, Konditional, …) als eigene Bewertungsdimension geprüft.

Typische Fehler

  • Konjugationsklasse falsch bestimmt — capio (gemischt) wird wie audio (i-Konj.) behandelt; Folge: falsche Stammbildung.
  • Endung -t kann 3. Sg. Präs. ODER Sg. Perf. sein — bei monet (Präs.) und monuit (Perf.) entscheidet der Stammvokal, nicht die Endung.
  • Passiv-Perfekt (laudatus est) wird als Präsens gelesen („er wird gelobt") statt als Perfekt („er ist gelobt worden / wurde gelobt").
  • Futur I (laudabit) und Konj. Präs. (laudet) der a-Konj. werden verwechselt; bei e-/konson./i-Konj. wächst die Gefahr (reget = Fut., regat = Konj.).
  • Imperativ-Sg. (lauda!) wird als Indikativ („du lobst") oder Ablativ („durch das Lob") gelesen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Analysieren Sie die periphrastische Konjugation mit PFA und Form von esse (laudaturus est „er ist im Begriff zu loben / wird gleich loben") und vergleichen Sie ihre Funktion mit dem Futur I.

Aktive Wiederholung

Bestimmen Sie von amavit, amabat, amabit, amaret, amet, audiebantur, ceperis, regemini, monitus erat, capientur jeweils Person, Numerus, Tempus, Modus, Genus verbi und Konjugationsklasse.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

§ 05

Konjunktiv und Imperativ#

●●○StandardLPkmk-epa-latein-sprache-form-5LPkmk-epa-latein-sprache-synt-1

Konjunktivtypen im Hauptsatz

Konjunktiv im HauptsatzTabelle mit 4 Spalten und 7 Zeilen, Daten: Typ · Funktion · Beispiel · Deutsch; Iussiv · Befehl (3. Pers.) · veniat! · er soll kommen; Adhortativ · Aufforderung (1. Pl.) · eamus! · lasst uns gehen; Optativ · Wunsch (utinam) · utinam veniat! · möge er kommen; Potentialis · Möglichkeit · dicat aliquis · man könnte sagen; Irrealis · Unwirkliches · venires · würdest du kommen; Deliberativ · Erwägungsfrage · quid faciam? · was soll ich tun?; Concessivus · Einräumung · sit fur · mag er ein Dieb seinTYPFUNKTIONBEISPIELDEUTSCHIUSSIVBefehl (3. Pers.)veniat!er soll kommenADHORTATIVAufforderung (1. Pl.)eamus!lasst uns gehenOPTATIVWunsch (utinam)utinam veniat!möge er kommenPOTENTIALISMöglichkeitdicat aliquisman könnte sagenIRREALISUnwirklichesvenireswürdest du kommenDELIBERATIVErwägungsfragequid faciam?was soll ich tun?CONCESSIVUSEinräumungsit furmag er ein Dieb sein
Abb. 4Sieben Hauptsatz-Konjunktivtypen, geordnet nach Sprechhandlung — Iussiv, Adhortativ, Optativ, Potentialis, Irrealis, Deliberativ, Concessivus.

Kernpunkte

Der Konjunktiv ist der Modus des Nicht-Faktischen: Er drückt aus, was gewünscht, möglich, beabsichtigt, unwirklich oder gefordert ist — im Gegensatz zum Indikativ, der das Wirkliche feststellt. Für deutsche Lernende ist er schwierig, weil das Deutsche seinen Konjunktiv nur eng (vor allem in der indirekten Rede) gebraucht; der lateinische Konjunktiv hat darum selten eine 1:1-Entsprechung und muss je nach Funktion durch Modalverben (mögen, sollen, könnte), durch würde-Formen oder sogar durch den Indikativ wiedergegeben werden. Die Übersetzung eines Konjunktivs ist deshalb keine mechanische, sondern eine deutende Leistung: Erst die erkannte Sinnrichtung legt das deutsche Modalwort fest.
Formal gibt es vier Konjunktivtempora, deren Bildung zwei verlässliche Brücken bietet. Der Konjunktiv Präsens nimmt in der a-Konjugation das Kennzeichen -e- (laudem, laudes, laudet), in allen anderen -a- (moneam, regam, audiam, capiam) — Merkregel „a-Konjugation: e; alle anderen: a". Der Konjunktiv Imperfekt entsteht aus Präsensstamm + -re- + Endung und sieht damit aus wie der Infinitiv Präsens plus Personalendung (laudare → laudarem, monerem, regerem, audirem, caperem). Der Konjunktiv Perfekt fügt -eri- an den Perfektstamm (laudaverim), der Konjunktiv Plusquamperfekt -isse-, sodass er dem Infinitiv Perfekt plus Endung gleicht (laudavisse → laudavissem). Wer diese beiden Brücken nutzt, verwechselt die Konjunktivformen nicht mehr mit den ähnlichen Infinitiven.
Im Hauptsatz steht der Konjunktiv selbständig und trägt eine von mehreren festen Sinnrichtungen, die je eigene deutsche Wiedergaben verlangen. Der Iussiv (3. Person) befiehlt: veniat! „er soll kommen!". Der Adhortativ (1. Person Plural) fordert auf: eamus! „lasst uns gehen!". Der Optativ wünscht, meist mit utinam: utinam veniat! „möge er kommen!". Der Potentialis nennt eine Möglichkeit: dicat aliquis „mancher könnte sagen". Der Deliberativ ist die ratlose Erwägungsfrage: quid faciam? „was soll ich tun?". Der Concessivus räumt ein: sit fur „mag er auch ein Dieb sein". Verwandt ist das Verbot mit ne + Konjunktiv Perfekt: ne feceris „tu das nicht".
Innerhalb dieser Hauptsatzkonjunktive signalisiert das Tempus nicht die Zeit, sondern den Grad der Erfüllbarkeit — ein für die Deutung zentraler Unterschied. Der Konjunktiv Präsens bezeichnet das Erfüllbare (utinam veniat „möge er kommen", offen), der Konjunktiv Imperfekt den Irrealis der Gegenwart (utinam veniret „käme er doch", aber er kommt nicht), der Konjunktiv Plusquamperfekt den Irrealis der Vergangenheit (utinam venisset „wäre er doch gekommen", aber er kam nicht). Im Bedingungsgefüge zeigt sich das geschlossen: si adesses, videres „wenn du da wärst, würdest du es sehen" (Gegenwart unwirklich), si adfuisses, vidisses „wenn du da gewesen wärst, hättest du es gesehen" (Vergangenheit unwirklich). Das Tempus liest sich also als Wertindikator des Sprechers.
Im Nebensatz ist der Konjunktiv meist von der Konstruktion gefordert und nicht selbst bedeutungstragend — er wird dann oft mit dem deutschen Indikativ wiedergegeben. Ausgelöst wird er durch bestimmte Subjunktoren und Satzarten: ut/ne (Begehr-, Final- und Konsekutivsätze), cum + Konjunktiv (das cum narrativum/historicum, temporal-kausal-konzessiv), quin und quominus (nach Verben des Hinderns und Zweifelns), die indirekte Frage (stets Konjunktiv) und die indirekte Rede (oratio obliqua). Die eigentliche Kunst besteht darin, den bedeutungstragenden Hauptsatzkonjunktiv (den man durch ein Modalwort wiedergibt) vom konstruktionsbedingten Nebensatzkonjunktiv (den man oft indikativisch auflöst) zu unterscheiden.
Für die Tempuswahl im konjunktivischen Nebensatz gilt die consecutio temporum (Zeitenfolge), eine Regel höchster syntaktischer Stufe. Steht das übergeordnete Verb im Haupttempus (Präsens, Futur), so folgt der Konjunktiv Präsens für Gleichzeitigkeit und der Konjunktiv Perfekt für Vorzeitigkeit; steht es in einem Nebentempus der Vergangenheit, so folgt der Konjunktiv Imperfekt (gleichzeitig) und der Konjunktiv Plusquamperfekt (vorzeitig). So heißt rogat quid agas „er fragt, was du tust", aber rogavit quid ageres „er fragte, was du tatest" — der Wechsel von agas zu ageres ist nicht inhaltlich, sondern von der Zeitenfolge erzwungen. Die consecutio sicher zu erkennen, gilt im Interpretationsteil als Beleg syntaktischer Durchdringung.
Der Imperativ schließlich ist der direkte Befehlsmodus: Der Imperativ Präsens Singular gleicht dem bloßen Präsensstamm (lauda!, mone!, rege!, audi!, cape!), der Plural fügt -te an (laudate!). Daneben gibt es einen Imperativ Futur auf -to/-tote, der vor allem in Gesetzestexten und feierlichen Formeln steht (salveto! „sei gegrüßt!", regito! „du sollst herrschen!"). Da der Imperativ kein Verbot bilden kann, tritt für die Untersagung noli/nolite + Infinitiv (noli timere! „fürchte dich nicht!") oder ne + Konjunktiv Perfekt ein. Imperativ und iussiver Konjunktiv ergänzen einander: Jener befiehlt der 2. Person direkt, dieser der 3. Person — beide sind Ausdruck des Willens und in Reden eng benachbart.
Musterlösung

Optativ Präsens — utinam veniat!

Bestimmen Sie Form und Funktion und übersetzen Sie utinam veniat!

  1. 01Schritt 1 — Form

    veniat = 3. Sg. Konj. Präs. Akt. von venio, -ire, veni, ventum (i-Konjugation; Konj. Präs. mit -a- bei nicht-a-Konj.).

  2. 02Schritt 2 — Marker

    utinam signalisiert Optativ (Wunsch) — alternativ utinam ne für negierten Wunsch.

  3. 03Schritt 3 — Tempus und Erfüllbarkeit

    Konj. Präs. = erfüllbarer Wunsch in Gegenwart/Zukunft („möge er kommen!"). Konj. Imp. (utinam veniret) = unerfüllbar Gegenwart („würde er doch kommen!"). Konj. Plqp. (utinam venisset) = unerfüllbar Vergangenheit („wäre er doch gekommen!").

  4. 04Schritt 4 — Übersetzung

    „Möge er (doch) kommen!" — erfüllbarer Wunsch in der Sprechgegenwart.

Ergebnis: utinam veniat = Optativ Präsens, erfüllbarer Wunsch; die Sprecher-Erwartung ist offen und positiv.

Abiturfokus

  • Operator „bestimmen": Konjunktivform mit Tempus, Modus und Sinnrichtung (im Hauptsatz: Iussiv …, im Nebensatz: Final, Konsekutiv …) angeben.
  • Operator „erläutern": die Wahl zwischen Konj. Präs. (erfüllbar) und Konj. Imp. (irreal) als Wertindikator des Sprechers analysieren.
  • In Cicero-Klausuren wird der Konj. Imp. als Irrealis der Gegenwart und der Konj. Plqp. als Irrealis der Vergangenheit regelmäßig in Konditional- und Optativsätzen geprüft.
  • Im Interpretationsteil zählt das Erkennen der consecutio temporum als syntaktisch-stilistische Kompetenz höchster Stufe.

Typische Fehler

  • Konj. Imp. (laudarem) wird als Indikativ oder Infinitiv gelesen, weil die Form an den Inf. Präs. erinnert.
  • Konj. Plqp. (laudavissem) wird mit Inf. Perf. (laudavisse) verwechselt — der Unterschied ist nur die Personalendung -m, -s, -t.
  • Imperativ und Indikativ Präs. 2. Sg. fallen zusammen (lauda = „lobe!" oder Ablativ Sg. „durch die Lobe" wenn lauda Substantiv wäre — hier Imperativ, da kein Substantiv).
  • Bei Verboten wird ne + Imperativ verwendet — das ist falsch (außer in Versdichtung): noli/nolite + Inf. oder ne + Konj. Perf.
  • Konj. Präs. wird der a-Konj. mit -a- gebildet (laudam statt laudem) — die Merkregel „a → e" wird verwechselt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Analysieren Sie die consecutio temporum in einer Cicero-Stelle (z.B. De officiis I, 22) und erläutern Sie die Funktion des Konj. Perf. in einer abhängigen Frage.

Aktive Wiederholung

Bilden Sie von amare alle vier Konjunktivtempora (1. Sg. Akt.), den Imperativ Sg. und Pl. und alle sechs Infinitive; übersetzen Sie: „lasst uns Frieden schließen", „möge er kommen!", „wenn er käme, würde er sehen", „ich glaube, dass er gekommen war".

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

§ 06

Partizipien, Gerundium, Gerundivum und Deponentien#

●●●VertiefungLPkmk-epa-latein-sprache-form-6LPkmk-epa-latein-sprache-synt-2

Ablativus absolutus — Konstruktion und fünf Sinnrichtungen

Ablativus absolutus — eine Form, fünf SinnrichtungenNetzgraph, Substantiv (Abl.) — urbe → Ablativus absolutus, Partizip (Abl.) — capta → Ablativus absolutus, Ablativus absolutus → temporal: nachdem, Ablativus absolutus → kausal: weil, Ablativus absolutus → konzessiv: obwohl, Ablativus absolutus → konditional: wenn, Ablativus absolutus → modal: indemSubstantiv(Abl.) — urbePartizip (Abl.)— captaAblativusabsolutustemporal:nachdemkausal: weilkonzessiv:obwohlkonditional:wennmodal: indem
Abb. 5Substantiv im Ablativ + Partizip im Ablativ ergeben einen adverbialen Nebensatz (temporal, kausal, konzessiv, konditional, modal).

Kernpunkte

Ein Partizip ist ein verbales Adjektiv: Es teilt mit dem Verb Zeitstufe und Genus verbi, mit dem Adjektiv die KNG-Kongruenz zu einem Bezugswort. Das Lateinische besitzt — anders als das Deutsche — nur drei Partizipien: das PPA (Partizip Präsens Aktiv: laudans, Gen. laudantis „lobend"), das PPP (Partizip Perfekt Passiv: laudatus, -a, -um „gelobt (worden)") und das PFA (Partizip Futur Aktiv: laudaturus, -a, -um „im Begriff zu loben"). Daraus folgt eine systematische Lücke, die das ganze Kapitel prägt: Es fehlen ein Partizip Präsens Passiv („gelobt werdend") und ein Partizip Perfekt Aktiv („gelobt habend"). Letzteres springt nur bei den Deponentien ein, deren PPP aktiv ist — ein Punkt von großer Übersetzungswirkung.
Die drei Partizipien bezeichnen, wie die Infinitive, keine absolute, sondern eine relative Zeit, gemessen am übergeordneten Verb: Das PPA steht für Gleichzeitigkeit und Aktiv, das PPP für Vorzeitigkeit und Passiv, das PFA für Nachzeitigkeit und Aktiv. Diese Trias ist die Zeitstufen-Achse jeder Partizipialkonstruktion. Ein PPP bleibt also auch in einem präsentischen Hauptsatz vorzeitig: urbs capta deletur heißt „die Stadt wird, nachdem sie erobert wurde, zerstört". Wer PPA und PPP verwechselt, kehrt nicht nur die Zeitstufe, sondern auch das Genus verbi um — der häufigste und folgenschwerste Partizipfehler.
Das Participium coniunctum (PC) ist ein Partizip, das mit einem Substantiv kongruiert, welches selbst Satzglied (Subjekt oder Objekt) des übergeordneten Satzes ist. Es ist satzwertig, vertritt also einen ganzen Nebensatz und wird im Deutschen meist in einen solchen aufgelöst — wahlweise in einen Relativsatz, in einen Adverbialsatz (temporal „als/während", kausal „weil", konzessiv „obwohl", konditional „wenn", modal „indem") oder in eine Beiordnung mit „und". Welche dieser Sinnrichtungen man wählt, ist eine Deutung aus dem Kontext: Caesar milites hortatus signum dedit lässt sich temporal („nachdem Caesar die Soldaten ermutigt hatte, gab er das Zeichen") oder beiordnend wiedergeben — beachte, dass hortatus als PPP des Deponens hortari aktiv und vorzeitig ist.
Vom PC scharf zu trennen ist der Ablativus absolutus, und das Unterscheidungskriterium ist rein syntaktisch: Beim PC ist das Bezugswort des Partizips zugleich Satzglied des Hauptsatzes, beim Ablativus absolutus steht das Bezugswort nur im Ablativ und kommt im Hauptsatz nicht noch einmal vor — es ist „losgelöst" (absolutus). In urbe capta milites discesserunt „nachdem die Stadt erobert worden war, zogen die Soldaten ab" erscheint urbe ausschließlich im Ablativ und hat im Hauptsatz keine Funktion → Ablativus absolutus. Die genaue Übersetzungstechnik beider Konstruktionen entfaltet das Syntax-Topic; hier zählt die morphologische Erkennung am Kongruenzbefund.
Das Gerundium ist das Verbalsubstantiv: ein aktives Neutrum (laudandi, laudando, laudandum), das die fehlenden Kasusformen des Infinitivs ergänzt. Denn der Infinitiv vertritt nur den Nominativ und Akkusativ (errare humanum est „Irren ist menschlich"); für Genitiv, Dativ, Ablativ und den präpositionalen Akkusativ tritt das Gerundium ein — laudandi „des Lobens" (Gen.), laudando „durch das Loben" (Abl.), ad laudandum „zum Loben" (Akk. mit ad). Als Verbalsubstantiv behält es die verbale Kraft und kann ein Adverb bei sich haben: ars bene vivendi „die Kunst, gut zu leben", cupidus pugnandi „kampfbegierig". Tritt jedoch ein direktes Objekt hinzu, weicht das klassische Latein meist auf die kongruierende Gerundivkonstruktion aus (statt urbem capiendi sagt man urbis capiendae „die Stadt zu erobern").
Das Gerundivum ist das passive Verbaladjektiv auf -nd- (laudandus, -a, -um „der zu lobende / der gelobt werden muss") und kongruiert wie jedes Adjektiv mit seinem Bezugswort. Prädikativ mit einer Form von esse bildet es die passivische Notwendigkeitskonstruktion (Gerundiv der Pflicht): Carthago delenda est „Karthago muss zerstört werden" — der berühmte Schlusssatz, den Cato der Ältere seinen Senatsreden angehängt haben soll. Die handelnde Person steht dabei nicht im Ablativ, sondern im Dativus auctoris: mihi liber legendus est „von mir ist das Buch zu lesen / ich muss das Buch lesen". Ersetzt das Gerundivum ein Gerundium samt Objekt (die gerundivische Attraktion: ad urbem capiendam „zur Eroberung der Stadt" statt ad urbem capiendum), liegt ein typischer eA-Prüfstein vor.
Eine Sondergruppe sind die Deponentien: Verben, die passiv in der Form, aber aktiv in der Bedeutung sind — sie haben den passiven Sinn gleichsam „abgelegt" (deponere). hortor, hortari, hortatus sum heißt „ich ermutige", nicht „ich werde ermutigt"; ebenso loqui (sprechen), sequi (folgen), pati (erleiden), mori (sterben), conari (versuchen), vereri (fürchten), polliceri (versprechen), proficisci (aufbrechen) und uti (gebrauchen, mit Ablativ). Ihr aktives PPP (hortatus „nachdem er ermutigt hatte") füllt gerade die oben genannte Lücke des fehlenden Partizip Perfekt Aktiv. Die Semideponentien sind nur im Perfektstamm deponent: audeo, ausus sum „wagen"; soleo, solitus sum „pflegen"; gaudeo, gavisus sum „sich freuen"; fido, fisus sum „vertrauen". Der typische Fehler ist die passivische Übersetzung eines Deponens (loquitur als „er wird gesprochen" statt „er spricht") — sie kehrt den Sinn um.
Musterlösung

PC, AcI, Abl. abs. — verschachtelte Konstruktionen entwirren

Analysieren Sie alle satzwertigen Konstruktionen in: „Caesar urbe capta milites in castra reduxit, quod hostes fugere coepisse audivit."

  1. 01Schritt 1 — urbe capta

    urbe (Abl. Sg. fem.) + capta (PPP, Abl. Sg. fem.); Bezugswort kommt im Hauptsatz NICHT vor → Abl. abs. PPP = vorzeitig. Sinn: „nachdem die Stadt erobert worden war".

  2. 02Schritt 2 — Hauptsatzprädikat

    reduxit = 3. Sg. Perf. Akt. von reducere — „er führte zurück".

  3. 03Schritt 3 — Nebensatz mit quod

    quod + Indikativ = kausal: „weil er hörte".

  4. 04Schritt 4 — AcI als Objekt zu audivit

    hostes (Subj. Akk.) + coepisse (Inf. Perf., vorzeitig zu audivit) + fugere (Inf. Präs., gleichzeitig zu coepisse). Sinn: „dass die Feinde zu fliehen begonnen hatten".

  5. 05Schritt 5 — Gesamtwiedergabe

    Vier ineinander verschachtelte Konstruktionen: Hauptsatz + Abl. abs. + kausaler Nebensatz + AcI mit eingebettetem Inf. Präs.

Ergebnis: „Caesar führte, nachdem die Stadt erobert worden war, die Soldaten in das Lager zurück, weil er hörte, dass die Feinde zu fliehen begonnen hatten." — alle vier Konstruktionen sauber aufgelöst.

Musterlösung

Gerundivum mit esse — Notwendigkeitskonstruktion

Erläutern Sie Form und Funktion in der berühmten Sentenz „Carthago delenda est".

  1. 01Schritt 1 — Form

    Carthago = Nom. Sg. fem. (Eigenname); delenda = Gerundivum von delere (Nom. Sg. fem., kongruent zu Carthago); est = 3. Sg. Präs. Ind. von esse.

  2. 02Schritt 2 — Konstruktion

    Gerundivum + Form von esse = passivische Notwendigkeitskonstruktion („muss/soll … werden"). Subjekt ist das Bezugswort des Gerundivums.

  3. 03Schritt 3 — Übersetzung

    „Karthago muss zerstört werden." Falsche aktive Wiedergabe („Karthago muss zerstören") wäre grober Sinnfehler.

  4. 04Schritt 4 — Historischer Kontext

    Cato d. Ä. soll diese Forderung am Ende jeder Senatsrede wiederholt haben; das Diktum wird zur römischen Selbstvergewisserung und mündet im Dritten Punischen Krieg (149–146 v. Chr.).

Ergebnis: delenda est = passivische Notwendigkeitskonstruktion; Karthago als Subjekt der zu vollziehenden Handlung.

Abiturfokus

  • Operator „erschließen": Partizipialkonstruktion identifizieren (PC, Abl. abs., Gerundium, Gerundivum) und in einen deutschen Nebensatz auflösen.
  • Operator „erläutern": die Sinnrichtung (temporal, kausal, konzessiv, konditional, modal) mit Argument aus dem Kontext belegen.
  • Bewertungsraster: PC und Abl. abs. werden im Klausurkriterium „Syntax" als satzwertige Konstruktionen geprüft; ihre Auflösung als deutscher Nebensatz wird unter „Stil" gewertet.
  • Gerundium und Gerundivum sind Klausurklassiker — die Verwechslung ist der häufigste Punkteverlust.

Typische Fehler

  • PPA und PPP werden vertauscht: amans = aktiv-gleichzeitig („liebend"); amatus = passiv-vorzeitig („geliebt worden"). Verwechslung kehrt den Sinn um.
  • Gerundivum mit esse wird aktiv übersetzt („muss loben") statt passivisch („muss gelobt werden").
  • PFA + esse-Form (laudaturus est) wird als Präsens gelesen statt als periphrastische Konjugation („er ist im Begriff zu loben").
  • Deponentien werden passiv übersetzt: loquitur = „er spricht" (NICHT „er wird gesprochen"); hortatus est = „er hat ermutigt" (NICHT „er ist ermutigt worden").
  • Bei PC wird das Bezugswort im Hauptsatz übersehen; der Schüler bildet einen freistehenden Abl. abs., obwohl die Kongruenz das verbietet.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Vergleichen Sie das lateinische Gerundivum mit esse (passivische Notwendigkeitskonstruktion) mit dem deutschen „sein + zu + Infinitiv" („das Buch ist zu lesen") und mit dem altgriechischen verbalen Adjektiv auf -teos.

Aktive Wiederholung

Erschließen Sie in folgendem Satz alle satzwertigen Konstruktionen und ordnen Sie sie nach Typ und Sinnrichtung: „Caesar urbe capta milites in castra reduxit, quod hostes fugere coepisse audivit."

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

§ 07

Unregelmäßige Verben und Defektiva#

●●○StandardLPkmk-epa-latein-sprache-form-7

Kernpunkte

Ein scheinbares Paradox der Sprache ist, dass gerade die häufigsten Verben am unregelmäßigsten sind — esse, posse, ire, ferre, velle, fieri kommen in nahezu jedem Satz vor, sodass ihre Sonderformen vollständig automatisiert sein müssen. Ihre „Unregelmäßigkeit" ist meist erklärbar: Sie sind entweder athematisch (sie hängen die Endung ohne Bindevokal an den Stamm) oder suppletiv (sie setzen ihr Paradigma aus verschiedenen Wurzeln zusammen). An der Spitze steht esse „sein": sum, es, est, sumus, estis, sunt (Präsens), eram (Imperfekt), ero (Futur I), und auf dem eigenen Perfektstamm fu- das Perfekt fui, fueram, fuero. esse ist Kopula (es verbindet Subjekt und Prädikatsnomen) und Existenzverb („es gibt") zugleich. Seine Komposita behalten die esse-Flexion, ändern aber die Bedeutung: adesse „anwesend sein", abesse „fehlen, entfernt sein", prodesse „nützen" (mit Binde-d vor Vokal: prosum, prodes), praeesse „vorstehen", interesse „teilnehmen" (unpersönlich interest „es ist von Wichtigkeit").
posse „können" ist eine Verschmelzung aus pot(is) „mächtig" und esse: Vor den mit s- beginnenden Formen wird das -t- zu -s- angeglichen (pot- + sum → possum), vor vokalisch beginnenden bleibt pot- (pot-est). So entstehen possum, potes, potest, possumus, potestis, possunt; der Konjunktiv lautet possim, das Perfekt potui (eigener Stamm, ohne PPP und ohne Partizip Futur). Als zentrales Modalverb regiert posse einen Infinitiv: potest venire „er kann kommen". Wer possum als regelmäßige Form misszuanalysieren versucht, scheitert — es ist als Block esse-Kompositum zu lernen.
ire „gehen" ist athematisch mit dem wechselnden Stamm i-/e-: eo, is, it, imus, itis, eunt; Imperfekt ibam, Futur ibo, Perfekt ii oder ivi (3. Sg. zusammengezogen iit „er ging"). Seine zahlreichen Präfixkomposita sind hochfrequent: abire (weggehen), redire (zurückkehren), exire (hinausgehen), inire (eingehen, beginnen — inire consilium „einen Plan fassen"), transire (überschreiten), adire (herangehen, aufsuchen), perire (zugrunde gehen, sterben). Systematisch wichtig ist, dass zwei ire-Komposita als Passiv-Ersatz dienen: pereo „ich gehe zugrunde" vertritt das Passiv von perdere („vernichtet werden"), und veneo (aus venum eo „zum Verkauf gehen") das Passiv von vendere („verkauft werden") — ein elegantes Beispiel dafür, wie das Lateinische fehlende Passivformen durch ein Bewegungsverb ersetzt.
ferre „tragen, bringen" verbindet beide Unregelmäßigkeiten. Im Präsensstamm ist es athematisch und verliert in mehreren Formen den Bindevokal (Synkope): fero, fers (nicht „feris"), fert (nicht „ferit"), ferimus, fertis, ferunt; der Imperativ lautet fer!. Sein Perfekt tuli und sein PPP latum stammen aus völlig anderen Wurzeln — das Paradigma fer-/tul-/lat- ist also suppletiv, drei Wurzeln für ein Verb. Die Komposita sind in der Historiographie allgegenwärtig: afferre (herbeibringen), conferre (zusammentragen, vergleichen), offerre (anbieten), differre (aufschieben; sich unterscheiden) und vor allem referre (zurücktragen, berichten), das bei Caesar und Livius oft schlicht „berichten" meint.
Die drei Willensverben velle, nolle und malle bilden eine eigene Gruppe. velle „wollen" lautet volo, vis, vult, volumus, vultis, volunt; nolle „nicht wollen" ist aus non + velle zusammengezogen (nolo, non vis, non vult …); malle „lieber wollen" aus magis + velle (malo, mavis, mavult …). Ihr Konjunktiv Präsens velim, nolim, malim ist häufig potential oder optativ gebraucht (velim scias „ich möchte, dass du weißt"). Alle drei regieren einen Infinitiv oder einen AcI; nolle stellt überdies die geläufige Verbotsform noli/nolite + Infinitiv bereit. Da vis (2. Sg.) formgleich mit dem Substantiv vis „Kraft" ist, entscheidet nur der Kontext.
fieri „werden, geschehen, gemacht werden" ist das suppletive Passiv zu facere: Es trägt aktive Endungen, aber passive Bedeutung. Im Präsensstamm lautet es fio, fis, fit … fiunt (Imperfekt fiebam, Futur fiam), während der Perfektstamm vom PPP des Aktivs gebildet wird (factus sum „ich bin gemacht/geworden"). In klassischer Prosa sind fast nur die 3. Personen gebräuchlich, häufig in der Wendung fit ut „es geschieht, dass". Man hüte sich, fio aktivisch zu übersetzen: fit „es geschieht / wird gemacht", nicht „er macht".
Die Defektiva schließlich besitzen nur Perfektstammformen, tragen aber Präsensbedeutung — eine Falle für jede Tempusbestimmung: memini „ich erinnere mich" (nicht „ich erinnerte mich"!), odi „ich hasse", coepi „ich habe begonnen / begann"; entsprechend hat ihr Plusquamperfekt Imperfektsinn (memineram „ich erinnerte mich"). Hinzu treten die defektiven Verben des Sagens, die fast nur in festen Formen leben: inquam „sage ich", als Einschub mitten in der wörtlichen Rede gesetzt („…", inquit Caesar „…, sagte Caesar"), und aio „ich behaupte, sage ja". Erst die sichere Beherrschung all dieser hochfrequenten Sonderverben macht die Konstruktionsanalyse möglich, denn ehe esse als Kopula und velle, ferre, posse als Vollverben erkannt sind, lassen sich die übrigen Satzglieder nicht zuordnen.
Musterlösung

Unregelmäßiges ferre und sein Kompositum

Bestimmen Sie tulit und referebant und erläutern Sie die Stammformen.

  1. 01Schritt 1 — tulit

    3. Sg. Perf. Akt. von ferre — der Perfektstamm ist tul- (suppletiv aus indogermanischer Wurzel tel-/tol-).

  2. 02Schritt 2 — Stammformen ferre

    fero, ferre, tuli, latum — drei verschiedene Wurzeln (fer-/tul-/lat-) bilden ein suppletives Paradigma.

  3. 03Schritt 3 — referebant

    3. Pl. Imp. Akt. von referre (re- + ferre). Imperfektbildung über den Präsensstamm (refer-) + -ba- + -nt.

  4. 04Schritt 4 — Bedeutung

    referre = „zurücktragen, berichten, beziehen". In der Historiographie häufig als „berichten" (Caesar, Livius).

Ergebnis: tulit = „er hat getragen / brachte"; referebant = „sie berichteten ständig / brachten zurück" (Imperfekt der Dauer).

Abiturfokus

  • Operator „bestimmen": unregelmäßige Verbform mit Stammformen und Konjugationstyp identifizieren.
  • Operator „erläutern": die Bedeutung defektiver Verben (memini, odi, coepi) im Tempus erklären — Perfektform mit Präsensbedeutung.
  • In Klausuren tauchen unregelmäßige Verben in nahezu jedem Satz auf (esse als Kopula; posse als Modalverb; ferre/velle als historische Erzählverben).
  • Bei Komposita gilt: die Stammverbflexion bleibt erhalten, das Präfix ändert die Bedeutung — afferre wie ferre, redire wie ire.
  • Die sichere Formenkenntnis ist Voraussetzung der Konstruktionsanalyse: erst wenn esse als Kopula und ferre/velle als Vollverben erkannt sind, lassen sich die Satzglieder bestimmen (Querverweis auf das Syntax-Topic).

Typische Fehler

  • fert wird als 3. Sg. Präs. einer regelmäßigen Konjugation gelesen; tatsächlich Kurzform aus fero, geschwächt von ferit.
  • memini wird als Perfekt übersetzt („ich habe mich erinnert") — falsch: Präsensbedeutung „ich erinnere mich".
  • volo wird mit 1. Sg. Präs. einer a-Konj. verwechselt — tatsächlich unregelmäßig (volo, vis, vult, kein -a- im Stamm).
  • fio wird als regelmäßiges Passiv von facere gelesen — formal aktiv, semantisch passiv; nur im Perfekt analytisch (factus sum).
  • iit (er ging) wird als 3. Pl. Präs. gelesen — tatsächlich 3. Sg. Perf. von ire mit Zusammenziehung aus ivit.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erklären Sie die formale und semantische Asymmetrie von fieri (aktive Form, passive Bedeutung) und vergleichen Sie sie mit der mediopassiven Diathese im Altgriechischen.

Aktive Wiederholung

Bestimmen Sie von folgenden Formen Person, Numerus, Tempus, Modus, Genus verbi und Grundform: possumus, ibant, tulit, vultis, nolite, fit, meminerunt, fuerunt, exit, conferebantur.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Inhalt

Abschnitt -- / 07

    • 01Die fünf Deklinationen im Überblick○
    • 02Adjektive und Komparation○
    • 03Pronomina — Personal, Demonstrativ, Relativ, Reflexiv◐
    • 04Verbalsystem — fünf Konjugationen, sechs Tempora○
    • 05Konjunktiv und Imperativ◐
    • 06Partizipien, Gerundium, Gerundivum und Deponentien●
    • 07Unregelmäßige Verben und Defektiva◐

0/7 Gelesen

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Formenlehre — Substantive, Adjektive, Pronomina, Verben

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