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Notizen/Geschichte/Nationalsozialismus und Holocaust
Notizen · GeschichteDE · Abitur

Nationalsozialismus und Holocaust

Der Nationalsozialismus ist Pflicht-Inhaltsfeld in allen Bundesländern. Die Kombination aus Ideologie (Antisemitismus, „Volksgemeinschaft", Lebensraum), Polykratie (konkurrierende Machtsäulen), Vernichtungskrieg und Holocaust ist die größte zivilisatorische Katastrophe der deutschen Geschichte. Die Forschungsdebatten (Intentionalisten vs. Funktionalisten, Goldhagen-Debatte, Historikerstreit) sind im Abitur abrufbar.

6 Abschnitte·~28 Min Lesezeit·3 Kompetenzen·Niveau Basis 1 · Standard 4 · Vertiefung 1·Stand 06/2026

T·0777 / 11
Prüfungsprofil
Sach · Sachkompetenz — NS-Ideologie, Machtübernahme, Gleichschaltung, Rassengesetze, Holocaust-Phasen, Widerstand.Meth · Methodenkompetenz — Reden, Protokolle, Plakate, Statistiken interpretieren; Forschungsdebatten referieren.Urt · Urteilskompetenz — Verantwortung von Tätern, Mitläufern, Zuschauern, Opfern differenziert werten.
Operatoren:analysierenerörternbeurteileninterpretierenvergleichen

grundlegendes Niveau

gA-Niveau: NS-Ideologie, Machtübernahme 1933, Gleichschaltung, Nürnberger Gesetze 1935, Reichspogromnacht 1938, Holocaust-Phasen, Widerstand (20. Juli 1944).

erhöhtes Niveau

eA-Niveau: Intentionalismus-Funktionalismus-Debatte, Goldhagen-Debatte 1996, Forschung zu Tätern (Browning „Ordinary Men", Welzer „Täter") und Widerstand (Frauen, KPD, jüdischer Widerstand, Sinti/Roma).

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Nationalsozialismus und Holocaust
    • 01NS-Ideologie und „Volksgemeinschaft"○
    • 02Machtübernahme und Gleichschaltung 1933/34◐
    • 03NS-Herrschaft, Polykratie und Volksgemeinschaft◐
    • 04Holocaust — Vernichtung der europäischen Juden●
    • 05Widerstand gegen den Nationalsozialismus◐
    • 06NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg 1933–1939◐
§ 01

NS-Ideologie und „Volksgemeinschaft"#

●○○BasisLPkmk-epa-geschichte-inh-6LPklp-nrw-geschichte-gost-if-5

NS-Machtgefüge — Polykratie und Führerstaat

NS-Machtgefüge — PolykratieNetzgraph, „Führer" ab 1934 → NSDAP, „Führer" ab 1934 → Staat, „Führer" ab 1934 → SS / Gestapo, „Führer" ab 1934 → Wehrmacht, „Führer" ab 1934 → Wirtschaft„Führer" ab 1934NSDAPStaatSS / GestapoWehrmachtWirtschaft
Abb. 1Hitler an der Spitze, daneben konkurrierende Macht-Säulen (Partei, Staat, SS, Wehrmacht, Wirtschaft).

Kernpunkte

Die NS-Ideologie ist nicht als „irrationaler Wahn", sondern als eine zwar menschenverachtende, aber in sich kohärente Weltanschauung zu analysieren — nur so lässt sich ihre verheerende Mobilisierungskraft erklären. Sie ruht auf vier eng verflochtenen Kernideologemen: Rasse (ein biologistischer, eliminatorischer Antisemitismus), Raum (die Forderung nach „Lebensraum im Osten"), Führer (das „Führerprinzip" charismatischer Alleinherrschaft) und Volksgemeinschaft (eine klassen-, milieu- und konfessionsübergreifende Schicksalsgemeinschaft der „Volksgenossen"). Hitlers „Mein Kampf" (1925/26) formulierte dieses Programm bereits weitgehend aus — Rassenkampf und Ostexpansion als Kern.
Im Zentrum steht der Antisemitismus, dessen Typen historisch zu unterscheiden sind: der ältere religiöse (christlicher Antijudaismus), der sozial-ökonomische (der „den Juden" mit Kapitalismus oder Sozialismus verband) und der seit dem späten 19. Jahrhundert aufgekommene rassistisch-biologische. Der Nationalsozialismus radikalisierte den letzten zu einem eliminatorischen Rassenantisemitismus: „der Jude" galt als angeblich unveränderliche, „rassisch" definierte Gegenmacht, deren „Entfernung" zur Existenzfrage erklärt wurde. Diese pseudobiologische Begründung schloss — anders als der religiöse Antijudaismus — jede Assimilation oder Konversion aus und zielte von der Logik her auf Vernichtung.
Das Ideologem des Raums verband Rassismus mit Imperialismus: Unter den Schlagworten „Volk ohne Raum" und „Lebensraum im Osten" forderte die NS-Ideologie die gewaltsame Eroberung Osteuropas und der Sowjetunion als Siedlungsgebiet für „arische" Deutsche. Die slawische Bevölkerung wurde dabei als „Untermenschen" abgewertet, deren Versklavung, Vertreibung oder Tod eingeplant war. „Lebensraum" war damit kein bloßer geopolitischer Begriff, sondern das Programm eines rassistischen Vernichtungs- und Kolonialkriegs.
Das Führerprinzip ersetzte demokratische Willensbildung durch eine streng hierarchische Befehlsordnung, an deren Spitze der „Führer" als angebliche Verkörperung des „Volkswillens" stand. Es stützte sich auf eine sorgfältig inszenierte charismatische Herrschaft (Max Webers Begriff): Der von der Propaganda geschaffene „Hitler-Mythos" (Ian Kershaw) band die Loyalität der Bevölkerung an die Person des Führers, dem geradezu sakrale Unfehlbarkeit zugeschrieben wurde. Charisma ist hier nicht als persönliche Ausstrahlung, sondern als zugeschriebene und propagandistisch erzeugte Heilserwartung zu verstehen.
Die „Volksgemeinschaft" ist das ambivalenteste und zugleich verführerischste Ideologem: Sie versprach die Überwindung von Klassen-, Konfessions- und Parteigegensätzen in einer harmonischen Gemeinschaft der „Volksgenossen". Entscheidend ist aber, dass diese Integration untrennbar an Ausgrenzung gekoppelt war: Wer „dazugehörte", definierte sich gerade über den Ausschluss der „Gemeinschaftsfremden" — Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, „Asoziale" und politisch Andersdenkende. Inklusion und Exklusion sind also zwei Seiten derselben Medaille; wer die „Volksgemeinschaft" nur als integratives Versprechen liest, verfehlt ihren Kern.
Den biologischen Unterbau lieferte der Sozialdarwinismus: Geschichte erschien als „Kampf ums Dasein" zwischen „Rassen", in dem nur die „Stärkeren" überleben durften. Daraus folgte eine Politik der „Auslese" und „Ausmerze" — eine rassenhygienische Eugenik („Erbgesundheitspflege", Zwangssterilisationen ab 1933) und schließlich die „Euthanasie"-Morde. Wichtig zur Einordnung: Eugenisches Denken war eine internationale Strömung der Zeit (auch in den USA und Skandinavien); erst der Nationalsozialismus radikalisierte es zum Massenmord. Und: Charles Darwin selbst war kein Sozialdarwinist — der Sozialdarwinismus ist eine ideologische Umdeutung seiner Biologie.
Keines dieser Elemente erfand der Nationalsozialismus neu; er radikalisierte vorhandene Strömungen des 19. Jahrhunderts: den völkischen und rassistischen Antisemitismus (Wilhelm Marr, Adolf Stoecker, Heinrich von Treitschkes „Die Juden sind unser Unglück"), den biologistischen Sozialdarwinismus (in der Popularisierung Ernst Haeckels) und den antimodernen Kulturpessimismus (Paul de Lagarde, Julius Langbehn). Diese Kontinuitäten sind als Bedingungen zu erfassen, nicht als „Vorprogrammiertheit": Sie machten den Nationalsozialismus denkbar und anschlussfähig, machten ihn aber nicht zwangsläufig — der entscheidende Schritt zur Macht und zur Vernichtung lag bei den Akteuren der Jahre 1930–1945.

Abiturfokus

  • Operator „erklären": vier Kernideologeme (Rasse, Raum, Führer, Volksgemeinschaft) systematisch benennen.
  • Antisemitismus-Typologie (religiös/ökonomisch/rassisch) sicher unterscheiden.
  • Kontinuitäten zum 19. Jahrhundert nicht als „Vorprogrammiertheit", sondern als Bedingung mitdenken.
  • Begriff „Volksgemeinschaft" als ambivalent (Integration + Ausgrenzung) charakterisieren.

Typische Fehler

  • NS-Ideologie wird als „irrational" abgetan, statt als kohärente Weltanschauung analysiert.
  • Antisemitismus wird auf NS reduziert.
  • Volksgemeinschaft wird als rein integratives Konstrukt verstanden, ohne Ausgrenzungslogik.
  • Eugenik wird auf NS reduziert, obwohl sie internationale Strömung war (USA, Skandinavien).

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie das methodische Problem der „Kontinuitätslinien". Eberhard Jäckel deutete Hitlers „Weltanschauung" als ein bereits in „Mein Kampf" geschlossenes, zielgerichtetes Programm aus Antisemitismus und Lebensraum; andere betonen die Anschlussfähigkeit des Nationalsozialismus an breitere völkische, sozialdarwinistische und antimoderne Traditionen des Kaiserreichs. Erörtern Sie, wie sich eine ernsthafte Kontinuitätsanalyse von einer teleologischen Geschichtsschreibung unterscheidet, die den Nationalsozialismus rückblickend als zwangsläufiges Ziel der deutschen Geschichte erscheinen lässt (vgl. die Sonderweg-Debatte).

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie die vier Kernideologeme des Nationalsozialismus (Rasse, Raum, Führer, Volksgemeinschaft). Beurteilen Sie, wie sie miteinander verknüpft sind und welche Funktion sie für die Mobilisierung der deutschen Bevölkerung erfüllten.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

§ 02

Machtübernahme und Gleichschaltung 1933/34#

●●○StandardLPkmk-epa-geschichte-inh-6LPklp-by-geschichte-q12-ns

NS-Machtgefüge — Polykratie und Führerstaat

NS-Machtgefüge — PolykratieNetzgraph, „Führer" ab 1934 → NSDAP, „Führer" ab 1934 → Staat, „Führer" ab 1934 → SS / Gestapo, „Führer" ab 1934 → Wehrmacht, „Führer" ab 1934 → Wirtschaft„Führer" ab 1934NSDAPStaatSS / GestapoWehrmachtWirtschaft
Abb. 2Hitler an der Spitze, daneben konkurrierende Macht-Säulen (Partei, Staat, SS, Wehrmacht, Wirtschaft).

Kernpunkte

Die Errichtung der Diktatur vollzog sich nicht mit einem Schlag, sondern in einer raschen Folge pseudolegaler Schritte und offenen Terrors zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 2. August 1934. Ausgangspunkt war die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler eines Koalitionskabinetts durch Reichspräsident Hindenburg — formal verfassungsgemäß, aber durch die konservativen Eliten ins Werk gesetzt. Die folgende „doppelte Etablierung" zerstörte binnen anderthalb Jahren erst die Demokratie und dann auch die innerparteilichen und militärischen Gegengewichte.
Der Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 lieferte den Vorwand für den entscheidenden Schlag: Die noch am Folgetag erlassene „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat" (Reichstagsbrandverordnung, 28.2.1933) setzte zentrale Grundrechte — Meinungs-, Presse-, Versammlungsfreiheit, Brief- und Wohnungsschutz — dauerhaft außer Kraft und schuf die rechtliche Grundlage für „Schutzhaft" und Verfolgung. Sie ist nicht als befristete Krisenmaßnahme zu verstehen, sondern als pseudolegale Dauer-Selbstermächtigung; sofort begann die Massenverhaftung von Kommunisten.
Unter den Bedingungen dieses Terrors errang die NSDAP bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 zwar 43,9 Prozent — aber auch jetzt keine absolute Mehrheit; in keiner freien Wahl haben die Nationalsozialisten je die Mehrheit der Deutschen hinter sich gehabt. Den nächsten Schritt bildete das „Ermächtigungsgesetz" (23.3.1933), das die Gesetzgebung auf die Regierung übertrug. Für die nötige Zweidrittelmehrheit sorgten die Verhaftung bzw. der Ausschluss der KPD-Abgeordneten, massiver Druck und die verhängnisvolle Zustimmung des Zentrums; allein die SPD lehnte ab — Otto Wels begründete das Nein mutig im Angesicht der SA. Mit diesem Gesetz schaffte das Parlament sich selbst ab.
Es folgte die „Gleichschaltung", die gewaltsame Ausrichtung aller staatlichen und gesellschaftlichen Bereiche auf den Nationalsozialismus: die Entmachtung der Länder (Reichsstatthaltergesetze, April 1933), die Zerschlagung der freien Gewerkschaften (2.5.1933) und die Beseitigung aller anderen Parteien — Verbot der SPD (22.6.1933), „Selbstauflösung" von Zentrum und übrigen Parteien (bis Juli 1933), schließlich das „Gesetz gegen die Neubildung von Parteien" (14.7.1933), das den Einparteienstaat festschrieb. Parallel entstand seit März 1933 das System der Konzentrationslager (Dachau) als Instrument des Terrors gegen politische Gegner.
Der Staat, der so entstand, lässt sich mit dem klassischen rechtswissenschaftlichen Begriff des „Doppelstaats" fassen: Neben dem formal weiterbestehenden „Normenstaat" der Gesetze trat ein willkürlicher „Maßnahmenstaat" der Polizei und der SS, der jederzeit Recht durch Gewalt ersetzen konnte. Diese Doppelstruktur erklärt, wie die Diktatur zugleich „legal" auftreten und schrankenlos terrorisieren konnte — ein zentrales Analyseinstrument.
Den zweiten Akt der Etablierung bildete der sogenannte „Röhm-Putsch" („Nacht der langen Messer", 30.6.1934): Unter dem erfundenen Vorwand eines Umsturzversuchs ließ Hitler die Führung der SA (Ernst Röhm) sowie konservative Gegner wie Kurt von Schleicher und Gregor Strasser ohne jedes Gerichtsverfahren ermorden. Die Tat war keine „Säuberung der Partei", sondern eine staatliche Mordaktion, die nachträglich für legal erklärt wurde; sie befriedigte die Reichswehr (die in der SA eine Konkurrenz sah) und die Konservativen und besiegelte den Aufstieg der SS.
Mit dem Tod Hindenburgs (2.8.1934) vereinigte Hitler die Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers in seiner Person als „Führer und Reichskanzler"; noch am selben Tag wurde die Reichswehr nicht mehr auf die Verfassung, sondern persönlich auf Hitler vereidigt. Damit war die Diktatur vollendet. Für das Urteil entscheidend: Hindenburg und die konservativen Eliten waren keine überlisteten Opfer, sondern aktive Wegbereiter — ihre „Zähmungsstrategie" war eine fatale Selbsttäuschung, die Hitler erst die Macht verschaffte.

Abiturfokus

  • Operator „darstellen": Schritt-für-Schritt-Chronologie der Machtübernahme.
  • Reichstagsbrand-Verordnung als pseudolegale Selbstermächtigung erkennen — keine außerordentliche Krise.
  • Ermächtigungsgesetz mit notwendiger Zweidrittel-Mehrheit kritisch beleuchten (Verhaftung KPD, Druck auf Zentrum).
  • Röhm-Putsch als Bruch der „Doppelherrschaft" zugunsten der SS-Logik beschreiben.

Typische Fehler

  • Machtübernahme wird mit „Wahlsieg" verwechselt — NSDAP erhielt nie eine absolute Mehrheit in freien Wahlen.
  • Ermächtigungsgesetz wird als „Notmaßnahme" verteidigt.
  • Röhm-Putsch wird als „Säuberung der Partei" naiv übernommen — er war Mordaktion ohne Gerichtsverfahren.
  • Hindenburg wird als „Opfer" dargestellt, statt als aktiver Akteur der Machtübergabe.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Analysieren Sie die „Legalitätstaktik" als Herrschaftstechnik. Die Nationalsozialisten zerstörten den Rechtsstaat weitgehend mit seinen eigenen Mitteln — Notverordnung (Art. 48), verfassungsändernde Mehrheit beim Ermächtigungsgesetz —, um den Anschein der Legalität zu wahren. Erörtern Sie, warum diese pseudolegale Fassade für die Bindung von Beamtenschaft, Justiz und Militär so wirksam war, und beurteilen Sie, welche Lehren das Grundgesetz aus diesem Vorgang zog (wehrhafte Demokratie: Ewigkeitsklausel Art. 79 III, Parteiverbot Art. 21, kein Notstandsdiktator nach Art.-48-Muster).

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie die Phase 30.1.1933 bis 2.8.1934 als „doppelte Etablierung" der NS-Diktatur. Beurteilen Sie die Rolle Hindenburgs, der konservativen Eliten und der politischen Parteien.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

§ 03

NS-Herrschaft, Polykratie und Volksgemeinschaft#

●●○StandardLPkmk-epa-geschichte-inh-6LPklp-nrw-geschichte-gost-if-5

NS-Machtgefüge — Polykratie und Führerstaat

NS-Machtgefüge — PolykratieNetzgraph, „Führer" ab 1934 → NSDAP, „Führer" ab 1934 → Staat, „Führer" ab 1934 → SS / Gestapo, „Führer" ab 1934 → Wehrmacht, „Führer" ab 1934 → Wirtschaft„Führer" ab 1934NSDAPStaatSS / GestapoWehrmachtWirtschaft
Abb. 3Hitler an der Spitze, daneben konkurrierende Macht-Säulen (Partei, Staat, SS, Wehrmacht, Wirtschaft).

Kernpunkte

Entgegen dem Bild eines straff durchorganisierten „Befehlsstaats" beschreibt die Polykratie-These (Martin Broszat, Hans Mommsen, Ian Kershaw) den NS-Staat als ein System konkurrierender Machtsäulen — Partei (NSDAP), staatliche Bürokratie, SS und Polizeiapparat, Wehrmacht und Großwirtschaft —, die um Kompetenzen und um die Gunst des Führers rangen. Hitler regierte eher als ferne, unbürokratische Letztinstanz denn als detailsteuernder Verwalter. Dieses „organisierte Chaos" ist nicht bloß eine Schwäche, sondern selbst ein Motor der Radikalisierung.
Zur Erklärung der NS-Herrschaft stehen sich zwei Deutungsmodelle gegenüber, die im Abitur sicher zu beherrschen sind. Der Intentionalismus (Karl Dietrich Bracher, Klaus Hildebrand, Eberhard Jäckel) sieht in Hitler den zentralen Steuermann, dessen in „Mein Kampf" niedergelegtes Programm planmäßig umgesetzt wurde — die Absicht (intentio) des Diktators erklärt den Verlauf. Diese Position betont Ideologie, Wille und Verantwortung der Spitze.
Der Funktionalismus bzw. Strukturalismus (Hans Mommsen, Martin Broszat) erklärt die Politik dagegen aus der Eigendynamik des polykratischen Systems: Untergebene und Behörden handelten oft ohne ausdrücklichen Befehl, indem sie dem mutmaßlichen Willen des Führers vorauseilten — ein Funktionär brachte das 1934 auf die Formel, man müsse „dem Führer entgegenarbeiten". Aus dieser Konkurrenz erwuchs eine „kumulative Radikalisierung" (Mommsen), in der die Akteure einander zu immer extremeren Maßnahmen überboten; Mommsen sprach zugespitzt sogar vom „schwachen Diktator".
Der heutige Forschungskonsens fasst beide Modelle als komplementär: Hitler setzte die ideologische Grundrichtung und die Ziele (und sanktionierte die Radikalisierung), während die polykratische Konkurrenz die Mittel verschärfte und die Initiative oft von unten kam. Ian Kershaws Formel vom „Working towards the Führer" (dem Führer entgegenarbeiten) verbindet die zugeschriebene charismatische Autorität Hitlers mit der eigendynamischen Radikalisierung des Apparats — die produktivste Synthese für die Klausur.
Im Alltag warb das Regime mit der „Volksgemeinschaft" um Zustimmung: Organisationen wie „Kraft durch Freude" (KdF, mit Reisen und Freizeitangeboten), der Reichsarbeitsdienst, Hitlerjugend und BDM, dazu Symbole wie das „Mutterkreuz", der „Eintopfsonntag" und das Winterhilfswerk erzeugten ein pseudo-egalitäres Gemeinschaftserlebnis und das Versprechen sozialen Aufstiegs. Diese Integrationsangebote sind aber stets mit ihrer Kehrseite zu denken: Die „Gemeinschaft" der „Volksgenossen" entstand gerade durch den Ausschluss und die Verfolgung der „Gemeinschaftsfremden" — die scheinbare Inklusion war Ausgrenzung in einem.
Die Verfolgung war von Anfang an Bestandteil der Herrschaft. Seit März 1933 bestanden Konzentrationslager (Dachau); die Geheime Staatspolizei (Gestapo) stützte sich, wie die neuere Forschung (Robert Gellately) zeigt, in hohem Maße auf Denunziationen aus der Bevölkerung — ein Befund, der die Mitwirkung der „Volksgemeinschaft" an der Verfolgung sichtbar macht. Mit den „Nürnberger Gesetzen" (15.9.1935) wurde der Rassenantisemitismus zu geltendem Recht: Das „Reichsbürgergesetz" entzog den Juden die staatsbürgerlichen Rechte, das „Blutschutzgesetz" verbot Ehen und Beziehungen zwischen Juden und „Deutschblütigen".
Einen offenen Gewaltexzess markierten die Novemberpogrome vom 9./10. November 1938: In einer staatlich organisierten, als „spontaner Volkszorn" getarnten Aktion (Vorwand war das Attentat auf den Diplomaten vom Rath) wurden mindestens 91 Jüdinnen und Juden unmittelbar ermordet (viele weitere starben in der Folge), rund 1.400 Synagogen und zahllose Geschäfte zerstört und etwa 30.000 jüdische Männer in Konzentrationslager verschleppt. Der Pogrom markierte den Übergang von rechtlicher Diskriminierung zu offener Gewalt und beschleunigte „Arisierung" und Vertreibung. Der beschönigende NS-Tarnbegriff „Kristallnacht" ist zu meiden — angemessen sind „Reichspogromnacht" oder „Novemberpogrome".

Abiturfokus

  • Operator „erörtern": Intentionalismus und Funktionalismus mit je einem Hauptvertreter benennen.
  • Polykratie-These als „strukturelle Erklärung" für Radikalisierung nutzen.
  • Volksgemeinschaft als „Integration durch Ausgrenzung" charakterisieren.
  • Reichspogromnacht („Kristallnacht") als Begriff in Anführungszeichen verwenden — NS-Tarnbegriff.

Typische Fehler

  • NS-Staat wird als monolithischer „Befehlsstaat" dargestellt.
  • Intentionalismus und Funktionalismus werden als „die richtige" vs. „die falsche" These behandelt.
  • KdF und HJ werden als rein freudvoll dargestellt, ohne die Ausschlussdimension.
  • Begriff „Kristallnacht" wird unreflektiert übernommen, statt „Reichspogromnacht" oder „Novemberpogrome" zu wählen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie Hans Mommsens provokante These vom „schwachen Diktator", wonach Hitler weniger ein allmächtiger Planer als ein im polykratischen Kompetenzwirrwarr oft zaudernder, von Initiativen seiner Untergebenen getriebener Herrscher gewesen sei. Setzen Sie dem die intentionalistische Kritik entgegen (Hitler als unangefochtene Letztinstanz, dessen Sanktion jede Radikalisierung erst ermöglichte) sowie Kershaws vermittelnde Deutung der „charismatischen Herrschaft". Beurteilen Sie, welche Konsequenzen die jeweilige Position für die Frage der individuellen Verantwortung (Hitler vs. Apparat) hat.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie die NS-Herrschaft im Spiegel der Intentionalismus-Funktionalismus-Debatte. Beurteilen Sie an konkreten Beispielen (Nürnberger Gesetze, Reichspogromnacht), wie zentrale Steuerung und polykratische Radikalisierung zusammenwirkten.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

§ 04

Holocaust — Vernichtung der europäischen Juden#

●●●VertiefungLPkmk-epa-geschichte-inh-6LPklp-nrw-geschichte-gost-if-5

NS-Machtgefüge — Polykratie und Führerstaat

NS-Machtgefüge — PolykratieNetzgraph, „Führer" ab 1934 → NSDAP, „Führer" ab 1934 → Staat, „Führer" ab 1934 → SS / Gestapo, „Führer" ab 1934 → Wehrmacht, „Führer" ab 1934 → Wirtschaft„Führer" ab 1934NSDAPStaatSS / GestapoWehrmachtWirtschaft
Abb. 4Hitler an der Spitze, daneben konkurrierende Macht-Säulen (Partei, Staat, SS, Wehrmacht, Wirtschaft).

Kernpunkte

Der Holocaust (hebräisch Schoa, „Katastrophe") war der systematische, staatlich organisierte Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden, dem etwa sechs Millionen Menschen zum Opfer fielen. Er ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein in Phasen verlaufender Prozess, der von der rechtlichen Entrechtung über Vertreibung und Ghettoisierung bis zum fabrikmäßigen Massenmord eskalierte. Seine Darstellung verlangt höchste begriffliche Sorgfalt: NS-Tarnbegriffe wie „Endlösung der Judenfrage" sind stets kenntlich zu machen, und die einzelnen Opfergruppen sind genau zu unterscheiden.
Phase 1 (1933–1939) — Entrechtung im Reich: Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" und dem Boykott jüdischer Geschäfte (beide April 1933) begann der systematische Ausschluss aus Beruf und Gesellschaft. Die „Nürnberger Gesetze" (1935) entzogen den Juden die staatsbürgerliche Gleichstellung; die „Arisierung" (1937/38) enteignete sie wirtschaftlich; die Novemberpogrome (1938) trieben sie mit offener Gewalt zur Auswanderung. In dieser Phase ging es um Entrechtung, Beraubung und Vertreibung — ein staatliches Vernichtungsprogramm bestand noch nicht.
Phase 2 (1939–1941) — Krieg, Ghettoisierung und „Euthanasie": Mit dem Überfall auf Polen wurden die dortigen Juden in überfüllte Ghettos gepfercht (Łódź und Warschau ab 1940), wo Hunger, Enge und Seuchen Massensterben verursachten. Parallel begann im Reich die „Aktion T4" (Oktober 1939 bis August 1941), die Ermordung von mindestens 70.000 als „lebensunwert" verfemten kranken und behinderten Menschen durch Gas. Nach öffentlichen Protesten (Bischof von Galen) wurde T4 offiziell gestoppt, „wild" aber fortgesetzt — und entscheidend: Personal und Gastötungstechnik der „Euthanasie" wurden anschließend in die Vernichtungslager überführt. T4 ist damit eine direkte technische und personelle Vorstufe des Holocaust.
Phase 3 (ab Juni 1941) — die Massenerschießungen: Mit dem rassenideologischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion („Unternehmen Barbarossa", 22.6.1941) begann der eigentliche Genozid. Hinter der Front ermordeten die Einsatzgruppen — unterstützt von der Wehrmacht, der Ordnungspolizei und einheimischen Hilfswilligen — schätzungsweise 1,5 bis 2 Millionen Jüdinnen und Juden durch Massenerschießungen; allein in der Schlucht von Babyn Jar bei Kyiv wurden am 29./30. September 1941 nach den Tätertabellen 33.771 Menschen getötet. Dieser „Holocaust durch Kugeln" wird neben den Lagern oft vergessen, machte aber einen großen Teil der Opfer aus.
Die Wannsee-Konferenz (20.1.1942) ist präzise einzuordnen: Unter Leitung Reinhard Heydrichs koordinierten dort fünfzehn hohe Funktionäre in rund 90 Minuten die organisatorische Durchführung der bereits laufenden „Endlösung" über alle Ministerien hinweg; das von Adolf Eichmann verfasste Protokoll ist eine Schlüsselquelle. Sie war ausdrücklich kein „Entscheidungsdatum" — der Übergang zur europaweiten Vernichtung fiel nach heutigem Forschungsstand bereits im Herbst 1941 —, sondern eine Koordinations- und Verwaltungssitzung. Wer Wannsee zum „Tag der Entscheidung" erklärt, missdeutet die Quelle.
Phase 4 — die Vernichtungslager: In den eigens errichteten Vernichtungslagern der „Aktion Reinhardt" (Belzec, Sobibór, Treblinka) sowie in Chełmno, Majdanek und vor allem Auschwitz-Birkenau (Tötung mit dem Giftgas Zyklon B) wurde der Mord industrialisiert. Insgesamt wurden rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet. Zu den weiteren Opfergruppen der NS-Vernichtungspolitik zählen 250.000 bis 500.000 Sinti und Roma (der Völkermord, den sie Porajmos nennen), die mindestens 70.000 Opfer der „Euthanasie", mehr als drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene, zahllose Polen sowie politisch und religiös Verfolgte und Homosexuelle. Diese Gruppen sind klar zu benennen und nicht zu vermengen.
Der Forschungsdiskurs zur Tatbeteiligung ist selbst prüfungsrelevant. Raul Hilberg beschrieb die bürokratische Vernichtungsmaschinerie; Christopher Browning zeigte in „Ganz normale Männer" (1992) am Reserve-Polizeibataillon 101, wie durchschnittliche Männer durch Situationsdruck, Konformität und Gehorsam zu Massenmördern wurden — nicht primär durch fanatischen Antisemitismus. Daniel Goldhagen stellte dem in „Hitlers willige Vollstrecker" (1996) die These eines spezifisch deutschen „eliminatorischen Antisemitismus" entgegen, die eine große öffentliche Kontroverse auslöste, von der Fachwissenschaft aber überwiegend als monokausal zurückgewiesen wird. Peter Longerich betont die kumulative Radikalisierung mit Hitler als treibender Kraft. Diese Täterforschung ist sauber zu differenzieren, statt die Positionen zu vermengen.
Musterlösung

Quellenanalyse — Wannsee-Protokoll (20.1.1942)

Analysieren Sie das Protokoll der Wannsee-Konferenz vom 20.1.1942. Charakterisieren Sie Sprache, Funktion und Bedeutung für die Organisation der „Endlösung der Judenfrage".

  1. 01Schritt 1 — Quellenangabe und Provenienz

    Es handelt sich um das von Adolf Eichmann (RSHA Referat IV B 4) angefertigte Protokoll der Konferenz im Haus am Großen Wannsee, einberufen von Reinhard Heydrich (RSHA-Chef). Quellengattung: Verwaltungsprotokoll. Eines von 30 ausgefertigten Exemplaren wurde 1947 im Auswärtigen Amt entdeckt — „Exemplar Nr. 16".

  2. 02Schritt 2 — Inhaltliche Analyse Sprache

    Das Protokoll verwendet bürokratische Tarnsprache: „Aussiedlung", „Evakuierung", „Endlösung", „Sonderbehandlung". Die Mordhandlung wird sprachlich entkonkretisiert. Es enthält eine Aufstellung der jüdischen Bevölkerungen Europas (rund 11 Millionen) als logistische Planungsgrundlage.

  3. 03Schritt 3 — Funktion der Konferenz

    Hauptzweck war nicht die Entscheidung zum Massenmord — die Mordaktionen (Einsatzgruppen, Chełmno) hatten bereits 1941 begonnen — sondern die Koordination der beteiligten Ministerien (Innen, Justiz, Auswärtiges, Ostministerium, Generalgouvernement) und die Klärung der Zuständigkeit der SS unter Heydrich. Die Konferenz dauerte etwa 90 Minuten.

  4. 04Schritt 4 — Forschungsdiskurs Entscheidungszeitpunkt

    Die ältere Forschung sah Wannsee als „Entscheidungsdatum". Heute (Longerich, Browning, Gerlach) gilt die Konferenz als organisatorische Koordinationssitzung in einer kumulativen Radikalisierung. Die zentralen Entscheidungen fielen vermutlich im Herbst 1941 (nach Beginn des Russlandfeldzugs).

  5. 05Schritt 5 — Bedeutung und Wertung

    Das Protokoll ist eine Schlüsselquelle, weil es die staatlich-bürokratische Dimension des Holocaust dokumentiert: nicht spontane Pogrome, sondern arbeitsteilige Verwaltung des Massenmords. Es ist zentrales Beweisstück bei Nürnberger Prozessen und Eichmann-Prozess 1961. Heute UNESCO-Weltdokumentenerbe (2017).

Ergebnis: Das Wannsee-Protokoll ist Schlüsselquelle der bürokratischen Organisation des Holocaust. Es zeigt die Verwaltung des Verbrechens, nicht den Beginn — die Konferenz koordiniert, sie entscheidet nicht zum ersten Mal.

Musterlösung

Quellenvergleich — Hitlers Reichstagsrede 30.1.1939 und Reichstagsrede 6.10.1939

Vergleichen Sie zwei Hitler-Reden vor dem Reichstag (30.1.1939 zum 6. Jahrestag der „Machtergreifung"; 6.10.1939 nach dem Polenfeldzug). Erörtern Sie die Bedeutung der „Prophezeiung" der Vernichtung der Juden für die Historiker-Debatte zur Entscheidungsbildung des Holocaust.

  1. 01Schritt 1 — Formale Beschreibung beider Reden

    Beide Reden sind im Reichstag gehaltene öffentliche politische Reden, propagandistisch verbreitet (Wochenschau, Völkischer Beobachter, Reichsrundfunk). Die Quellengattung ist „autorisierte staatliche Selbstdarstellung" — keine spontane Mitteilung. Quellenwert ist hoch für die Selbstdarstellung der NS-Führung, niedrig als Beleg „tatsächlicher" Pläne ohne ergänzende Quellen.

  2. 02Schritt 2 — Kerninhalte und Sprache

    30.1.1939: Hitler „prophezeit", dass im Falle eines „neuen Weltkriegs" die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa folgen werde. 6.10.1939: Friedensangebot an die Westmächte, Hinweis auf „Neuordnung" Osteuropas. Beide Reden verwenden Tarn- und Drohsprache; die „Prophezeiung" wird in späteren Reden (30.1.1942, 24.2.1943) ritualisiert wiederholt.

  3. 03Schritt 3 — Kontextualisierung Holocaust-Forschung

    Intentionalistische Position (Bracher, Jäckel, Hilberg): Die „Prophezeiung" zeigt einen klaren Vernichtungswillen Hitlers, der die spätere Politik zielgerichtet entfaltet. Funktionalistische Position (Mommsen, Broszat, Browning): Die Entscheidung zur „Endlösung" 1941/42 ergibt sich aus polykratischer Radikalisierung; die Rede ist Drohrhetorik, nicht Befehl. Heutiger Forschungskonsens (Longerich): kumulative Radikalisierung mit Hitler als zentralem Treiber.

  4. 04Schritt 4 — Multiperspektivische Bewertung

    Aus Tätersicht legitimieren beide Reden die Eskalation. Aus Opfersicht markiert die Januar-Rede 1939 eine zentrale Drohung, deren Realität nach 1941 sichtbar wird (Wannsee-Konferenz 20.1.1942). Aus Forschungssicht sind die Reden zentrale, aber nicht hinreichende Quellen — sie müssen mit Verwaltungsakten, Befehlen und Tagebüchern (Goebbels) trianguliert werden.

  5. 05Schritt 5 — Bewertung Aussagewert

    Beide Reden belegen den eliminatorischen Antisemitismus als Programmkern. Sie reichen aber allein nicht aus, um die Frage „Wann fiel die Vernichtungsentscheidung?" zu beantworten. Quellenkritisch ist die rituelle Wiederholung der „Prophezeiung" wichtiger als das einzelne Datum.

Ergebnis: Der Vergleich zeigt: Hitlers Drohrhetorik 1939 antizipiert den Holocaust diskursiv, ersetzt aber keine Quelle der Entscheidungsbildung. Intentionalismus und Funktionalismus sind komplementäre Lesarten der gleichen Texte.

Abiturfokus

  • Operator „analysieren": Holocaust in vier Phasen (Entrechtung, Ghettoisierung, Erschießungen, Vernichtungslager) beschreiben.
  • Wannsee-Protokoll als „Koordinationsdokument" (nicht Entscheidungsdokument) bewerten.
  • Begriff „Endlösung" in Anführungszeichen als NS-Tarnsprache markieren.
  • Goldhagen-Debatte 1996 als wichtige öffentliche Kontroverse kennen.

Typische Fehler

  • Holocaust wird auf Auschwitz reduziert; die Erschießungen 1941 in Osteuropa fehlen.
  • Wannsee-Konferenz wird als „Tag der Entscheidung" missdeutet.
  • Browning und Goldhagen werden vermengt — beide Positionen müssen differenziert werden.
  • „Endlösung" wird ohne Anführungszeichen oder kritische Distanzierung verwendet.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie die Frage „Wann fiel die Entscheidung zur Vernichtung?" im Forschungsdiskurs (Mommsen, Browning, Gerlach, Longerich). Welche Quellen sprechen für welche Datierung (Sommer/Herbst 1941)?

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie das Wannsee-Protokoll (20.1.1942) als Quelle der Organisation des Holocaust. Beurteilen Sie kontroverse Forschungspositionen (Browning vs. Goldhagen) zur Frage der Tatbeteiligung „ganz normaler Deutscher".

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

§ 05

Widerstand gegen den Nationalsozialismus#

●●○StandardLPkmk-epa-geschichte-inh-6LPklp-nrw-geschichte-gost-if-5

NS-Machtgefüge — Polykratie und Führerstaat

NS-Machtgefüge — PolykratieNetzgraph, „Führer" ab 1934 → NSDAP, „Führer" ab 1934 → Staat, „Führer" ab 1934 → SS / Gestapo, „Führer" ab 1934 → Wehrmacht, „Führer" ab 1934 → Wirtschaft„Führer" ab 1934NSDAPStaatSS / GestapoWehrmachtWirtschaft
Abb. 5Hitler an der Spitze, daneben konkurrierende Macht-Säulen (Partei, Staat, SS, Wehrmacht, Wirtschaft).

Kernpunkte

Widerstand gegen den Nationalsozialismus reichte von der täglichen Verweigerung bis zum Attentat und kam aus nahezu allen Milieus — er ist aber stets im Bewusstsein zu behandeln, dass die große Mehrheit der Deutschen sich nicht widersetzte, sondern dem Regime zustimmte, sich anpasste oder wegsah. Gerade diese Spannung zwischen der Minderheit der Widerstehenden und der Mehrheit der Mitläufer ist für ein abgewogenes Urteil zentral. Die Formen des Widerstands sind nach Trägergruppen, Zielen und Mitteln zu ordnen.
Der bürgerlich-konservative und militärische Widerstand ist am bekanntesten: Im Kreisauer Kreis (Helmuth James von Moltke, Peter Yorck von Wartenburg) entwarfen Adelige, Beamte und Geistliche eine Nachkriegsordnung; sein militärischer Arm plante den Umsturz. Höhepunkt war das Attentat vom 20. Juli 1944, als Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Rahmen der „Operation Walküre" eine Bombe im Führerhauptquartier zündete. Der Anschlag scheiterte (Hitler überlebte, der Staatsstreich verzögerte sich), und in der Folge wurden rund 200 Beteiligte hingerichtet, viele nach Schauprozessen vor dem Volksgerichtshof unter Roland Freisler. Zu bedenken ist die Ambivalenz mancher Verschwörer, die das Regime anfangs gestützt hatten.
Zahlenmäßig am stärksten und zugleich am härtesten verfolgt war der Widerstand der Arbeiterbewegung: die exilierte SPD-Führung (SoPaDe) mit ihren Lageberichten, illegale Zellen der KPD, die „Rote Kapelle" um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack (Aufklärung und Hilfe für Verfolgte) sowie die Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe. Tausende Sozialdemokraten und Kommunisten zahlten ihren Widerstand mit Haft, KZ und Tod.
Der Jugendwiderstand reichte von kultureller Nonkonformität bis zur offenen Auflehnung: die Edelweißpiraten im Rheinland (oft aus Arbeiterjugend), die Swing-Jugend in Hamburg (Verweigerung über Musik und Lebensstil) und vor allem die „Weiße Rose" in München um die Geschwister Hans und Sophie Scholl und den Professor Kurt Huber, die in Flugblättern offen zum Sturz des Regimes aufriefen und im Februar 1943 hingerichtet wurden. Diese Gruppen zeigen, dass Widerstand kein Privileg der Eliten war.
Aus den Kirchen kam Widerstand vor allem in Einzelfällen: Der katholische Bischof Clemens August Graf von Galen, der „Löwe von Münster", prangerte 1941 öffentlich die „Euthanasie"-Morde an und trug zum offiziellen Stopp der Aktion T4 bei; der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer (Bekennende Kirche, zugleich im Umfeld der Verschwörung) wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet; der Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg betete öffentlich für die verfolgten Juden und starb auf dem Weg ins KZ. Bonhoeffer ist nicht mit Martin Niemöller zu verwechseln. Insgesamt aber arrangierten sich die Kirchen als Institutionen weitgehend mit dem Regime.
Besonders hervorzuheben ist der jüdische Widerstand — gerade weil das Bild „passiver Opfer" historisch falsch und ehrverletzend ist. Unter Bedingungen vollständiger Entrechtung und Ohnmacht erhoben sich Jüdinnen und Juden mit der Waffe: im Aufstand des Warschauer Ghettos (April/Mai 1943), dem größten jüdischen Aufstand, sowie in den Revolten der Häftlinge in den Vernichtungslagern Treblinka (August 1943) und Sobibór (14. Oktober 1943) und im Aufstand des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau (7. Oktober 1944); hinzu kamen jüdische Partisanen. Dass Menschen noch im Angesicht der Vernichtung Widerstand leisteten, ist eigens zu würdigen.
Der Widerstandsbegriff selbst ist Gegenstand der Forschung: Ein enger Begriff meint nur den Versuch, das Regime zu stürzen; ein weiter Begriff (Martin Broszats „Resistenz") schließt auch Verweigerung, Nichtteilnahme, Sabotage und das Bewahren von Anstand ein. Heute überwiegt der weite Begriff. Erinnerungspolitisch ist bedeutsam, dass die frühe Bundesrepublik vor allem den bürgerlich-militärischen Widerstand des 20. Juli ehrte (weil er zu den Eliten der Nachkriegszeit passte), während der kommunistische, der Arbeiter-, der jüdische und der Jugendwiderstand erst spät die ihnen gebührende Anerkennung fanden — und die DDR spiegelbildlich den kommunistischen Widerstand instrumentalisierte.

Abiturfokus

  • Operator „beschreiben": mindestens vier Widerstandsformen mit je einem Beispiel benennen.
  • 20. Juli 1944 mit Stauffenberg, Tresckow, Beck korrekt benennen — Attentat gescheitert wegen Verzögerung.
  • Weiße Rose und Edelweißpiraten als Jugendwiderstand zusammenfassen.
  • Jüdischen Widerstand explizit nennen — Warschauer Ghetto-Aufstand wird oft vergessen.

Typische Fehler

  • Widerstand wird auf 20. Juli 1944 reduziert.
  • Jüdischer Widerstand wird übersehen, was den falschen Eindruck „passiver Opfer" erweckt.
  • Bonhoeffer wird mit Niemöller verwechselt.
  • Widerstandsbegriff wird zu eng gefasst — Resistenz (Schwejk-Verhalten, Schweigen) bleibt unbenannt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erörtern Sie das Problem der Bewertungsmaßstäbe von Widerstand. Martin Broszats Konzept der „Resistenz" (aus dem „Bayern-Projekt") weitet den Blick von der politischen Verschwörung auf alltägliche Formen der Verweigerung — birgt aber die Gefahr, jede Abweichung zum „Widerstand" zu verklären und so die Schwelle zu verharmlosen. Diskutieren Sie, nach welchen Kriterien (Ziel, Risiko, Reichweite, Motiv) Widerstand zu beurteilen ist, und beziehen Sie die unterschiedliche erinnerungspolitische Vereinnahmung in BRD (20. Juli) und DDR (kommunistischer Widerstand) ein.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie die unterschiedlichen Formen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Beurteilen Sie, warum der bürgerlich-konservative Widerstand (20. Juli 1944) lange Zeit erinnerungskulturell dominierte, während andere Formen erst später anerkannt wurden.

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

§ 06

NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg 1933–1939#

●●○StandardLPkmk-epa-geschichte-inh-6LPklp-nrw-geschichte-gost-if-5

NS-Machtgefüge — Polykratie und Führerstaat

NS-Machtgefüge — PolykratieNetzgraph, „Führer" ab 1934 → NSDAP, „Führer" ab 1934 → Staat, „Führer" ab 1934 → SS / Gestapo, „Führer" ab 1934 → Wehrmacht, „Führer" ab 1934 → Wirtschaft„Führer" ab 1934NSDAPStaatSS / GestapoWehrmachtWirtschaft
Abb. 6Hitler an der Spitze, daneben konkurrierende Macht-Säulen (Partei, Staat, SS, Wehrmacht, Wirtschaft).

Kernpunkte

Die NS-Außenpolitik verfolgte eine Doppelstrategie: Nach außen gab sie sich zunächst als bloße Revision des „Versailler Diktats" — ein Ziel, dem auch viele konservative und nationale Deutsche zustimmten —, doch dahinter stand das ideologische Fernziel der „Lebensraum"-Eroberung im Osten. Hitler tarnte dies anfangs mit Friedensrhetorik, um Zeit zur Aufrüstung zu gewinnen und die Gegner zu täuschen. Entscheidend für das Verständnis ist, die kurzfristige Revisionspolitik nicht von ihrem rassenideologischen Endzweck zu lösen.
Die Revisionsphase (1933–1936) tastete sich vorsichtig voran: Austritt aus dem Völkerbund und der Abrüstungskonferenz (Oktober 1933), Rückgliederung des Saargebiets nach der Volksabstimmung (1935), die offene Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht (16.3.1935) als klarer Bruch von Versailles und das deutsch-britische Flottenabkommen (1935), mit dem Großbritannien die deutsche Aufrüstung bilateral sanktionierte und so die Front der Versailles-Mächte aufbrach. Jeder dieser Schritte testete die Reaktion der Gegner — und blieb folgenlos.
Den kühnsten Schritt dieser Phase bildete die Remilitarisierung des Rheinlands (7.3.1936): Obwohl die Wehrmacht noch schwach war und Befehl hatte, sich bei französischem Widerstand zurückzuziehen, blieb eine alliierte Reaktion aus. Dies war der Schlüsselmoment des „Appeasement": Das Ausbleiben jeder Gegenwehr bestärkte Hitler in seinem Vabanquespiel und entwertete die letzten Sicherungen von Versailles — zumal die „Stresa-Front" der Mächte über dem italienischen Abessinienkrieg bereits zerfallen war.
Ab 1938 ging die Revision in offene Expansion über: der „Anschluss" Österreichs (12./13.3.1938); die Sudetenkrise, die im Münchener Abkommen (29.9.1938) gipfelte, als Chamberlain und Daladier die Abtretung des Sudetenlands erzwangen und Chamberlain von „Frieden für unsere Zeit" sprach; und schließlich die „Zerschlagung der Rest-Tschechei" mit dem Einmarsch in Prag (15.3.1939). Dieser letzte Schritt brach das Münchener Abkommen offen und zerstörte die Illusion, Hitlers Ziele beschränkten sich auf die Vereinigung der Deutschen — er entlarvte die Expansion als grenzenlos.
Das „Appeasement" der Westmächte ist differenziert zu beurteilen, nicht bloß als „Feigheit": Es speiste sich aus dem Grauen vor einem neuen Weltkrieg, der eigenen militärischen und wirtschaftlichen Unvorbereitetheit, der Furcht vor dem Kommunismus, der Fehleinschätzung Hitlers als rationalen Akteur und der verbreiteten Ansicht, manche deutsche Revisionsforderung sei berechtigt. Der Wendepunkt kam erst nach dem März 1939: Mit der britisch-französischen Garantieerklärung für Polen war die Politik der Beschwichtigung beendet.
Den unmittelbaren Weg in den Krieg ebnete der Hitler-Stalin-Pakt (23.8.1939): Der Nichtangriffsvertrag zwischen den beiden weltanschaulichen Todfeinden enthielt ein geheimes Zusatzprotokoll, das Polen und Osteuropa in Interessensphären aufteilte. Damit beseitigte Hitler das Risiko eines Zweifrontenkriegs und konnte am 1. September 1939 Polen überfallen; Stalin sicherte sich Gebietsgewinne und Zeit. Das geheime Zusatzprotokoll ist unbedingt zu nennen — es macht die geteilte Verantwortung am Kriegsbeginn und an der Zerschlagung Polens sichtbar.
Der Forschungsdiskurs streitet, ob hinter alldem ein „Stufenplan" oder Improvisation stand. Andreas Hillgruber rekonstruierte ein stufenweises „Programm" zur Welt- bzw. Kontinentalmacht; funktionalistische Historiker betonen dagegen die situative, opportunistische Radikalisierung ohne festen Fahrplan. Der heutige Konsens verbindet beides: ein festes ideologisches Fernziel (Lebensraum, Rassenimperium) bei großer taktischer Flexibilität in der Wahl der Mittel und des Zeitpunkts. Daraus folgt für das Urteil: Die NS-Außenpolitik darf nicht von ihrer Ideologie gelöst und als „normale" Großmachtpolitik gedeutet werden.

Abiturfokus

  • Operator „darstellen": die Revisions- und Expansionsschritte 1933–1939 chronologisch ordnen.
  • Die Rheinlandbesetzung 1936 als zentralen Test des Appeasement erkennen.
  • Das Münchener Abkommen 1938 als Höhepunkt und Scheitern der Beschwichtigung beurteilen.
  • Den Hitler-Stalin-Pakt als Voraussetzung des Kriegsbeginns einordnen.

Typische Fehler

  • Appeasement wird allein als „Feigheit" gewertet, ohne die zeitgenössischen Motive zu nennen.
  • Das Münchener Abkommen 1938 wird mit dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 verwechselt.
  • Das geheime Zusatzprotokoll des Pakts wird übersehen.
  • Die NS-Außenpolitik wird von der Ideologie (Lebensraum) gelöst und als „normale" Großmachtpolitik gedeutet.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erörtern Sie die Kontroverse „Programm oder Improvisation". Andreas Hillgrubers „Stufenplan" und Eberhard Jäckels „Programm"-These deuten Hitlers Außenpolitik als folgerichtige Umsetzung einer in „Mein Kampf" festgelegten Weltanschauung; funktionalistische Positionen (Hans Mommsen) betonen Krisendynamik, ökonomischen Zwang zur Expansion und situatives Handeln. Diskutieren Sie an der Frage zugleich die ältere Debatte um A. J. P. Taylors These (1961), Hitler sei ein „normaler" Revisionspolitiker in der Tradition der deutschen Außenpolitik gewesen — und begründen Sie, warum diese Entkopplung von Ideologie und Politik von der Forschung verworfen wird.

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie die NS-Außenpolitik 1933–1939 als Weg in den Zweiten Weltkrieg. Beurteilen Sie das Appeasement der Westmächte und die Bedeutung des Hitler-Stalin-Paktes vom 23.8.1939.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01NS-Ideologie und „Volksgemeinschaft"○
    • 02Machtübernahme und Gleichschaltung 1933/34◐
    • 03NS-Herrschaft, Polykratie und Volksgemeinschaft◐
    • 04Holocaust — Vernichtung der europäischen Juden●
    • 05Widerstand gegen den Nationalsozialismus◐
    • 06NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg 1933–1939◐

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Aus den Notizen ins Training

Nationalsozialismus und Holocaust

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