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Notizen/Philosophie und Psychologie/Existenzphilosophie und Philosophie des 20. Jahrhunderts
Notizen · Philosophie und PsychologieAT · Matura

Existenzphilosophie und Philosophie des 20. Jahrhunderts

Kierkegaard, Sartre, Camus, Heidegger, Wittgenstein, Postmoderne.

6 Abschnitte·~21 Min Lesezeit·3 Kompetenzen·Niveau Standard 1 · Vertiefung 5·Stand 06/2026

T·0888 / 15
Prüfungsprofil
PP-Phi-Ex-1 · Hauptpositionen der Existenzphilosophie verstehenPP-Phi-Ex-2 · Sprachphilosophie und linguistische Wende einordnenPP-Phi-Ex-3 · Postmoderne Positionen kritisch reflektieren
Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

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Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Existenzphilosophie und Philosophie des 20. Jahrhunderts
    • 01Existenzphilosophie: Kierkegaard, Sartre, Camus◐
    • 02Sprachphilosophie: Wittgenstein und linguistische Wende●
    • 03Postmoderne: Lyotard, Derrida, Foucault●
    • 04Phänomenologie: Husserl und Heidegger●
    • 05Freiheit und Verantwortung bei Sartre●
    • 06Nietzsche: Nihilismus und Umwertung der Werte●
§ 01

Existenzphilosophie: Kierkegaard, Sartre, Camus#

●●○StandardLPPP-Phi-Ex-1.1

Kernpunkte

Die Existenzphilosophie stellt nicht das abstrakte „Wesen" des Menschen, sondern die konkrete, einzelne Existenz ins Zentrum: das je eigene, in Freiheit zu vollziehende Dasein (). Gegen idealistische Systeme (Hegel) betont sie, dass Existenz nicht zu Ende gedacht, sondern gelebt und entschieden werden muss.

Hauptfiguren der Existenzphilosophie

ExistenzphilosophieTabelle mit 3 Spalten und 4 Zeilen, Daten: Denker · Kernbegriff · Pointe; Kierkegaard · Stadien, Sprung · Existenz als Selbstwahl; Sartre · Existenz vor Essenz · zur Freiheit verurteilt; Camus · das Absurde · Auflehnung statt Tröstung; Heidegger · Sein zum Tode · EigentlichkeitDENKERKERNBEGRIFFPOINTEKIERKEGAARDStadien, SprungExistenz als SelbstwahlSARTREExistenz vor Essenzzur Freiheit verurteiltCAMUSdas AbsurdeAuflehnung statt TröstungHEIDEGGERSein zum TodeEigentlichkeit
Abb. 1Trotz unterschiedlicher Akzente teilen sie den Vorrang der konkreten Existenz vor jedem System.
Kierkegaard (1813–1855) gilt als ihr Vater: Existenz ist „das Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält" — der Mensch muss sich wählen. Er beschreibt drei Existenzstadien, zwischen denen kein bruchloser Übergang, sondern ein „Sprung" liegt: das ästhetische (Genuss, Augenblick), das ethische (Pflicht, Entscheidung, Ehe) und das religiöse (der „Glaubensritter", Abraham).
Sartre formuliert das Programm im Satz „L’existence précède l’essence": Der Mensch existiert zuerst und bestimmt erst durch sein Handeln, was er ist — es gibt keine vorgegebene Natur. Daraus folgt die radikale Freiheit: Der Mensch ist „zur Freiheit verurteilt" und trägt volle Verantwortung (im Thema „Freiheit und Verantwortung bei Sartre" vertieft).
Den Selbstbetrug nennt Sartre mauvaise foi (Unaufrichtigkeit): die Flucht vor der eigenen Freiheit, indem man sich als bloß determiniert ausgibt — das Kellner-Beispiel zeigt den Menschen, der ganz in einer Rolle aufgeht, um der Wahl zu entgehen. Authentizität heißt dagegen, die eigene Freiheit anzuerkennen.
Camus bestimmt das Absurde als den Widerspruch zwischen dem menschlichen Sinnbedürfnis und einem schweigenden, sinnlosen Universum („Der Mythos des Sisyphos", 1942). Auf das Absurde gibt es drei Reaktionen: den Selbstmord (verworfen — er kapituliert) und den „religiösen Sprung" (verworfen — er flüchtet in falsche Tröstung), während Camus die dritte wählt: die Auflehnung (révolte), das hellsichtige Aushalten ohne Hoffnung.
Heidegger („Sein und Zeit", 1927) analysiert das menschliche Dasein als In-der-Welt-Sein: Der Mensch ist nie isoliertes Subjekt, sondern immer schon besorgend in eine Welt verstrickt. Die Grundstimmung der Angst (vor dem Nichts, nicht vor etwas Bestimmtem) und der Vorlauf in den eigenen Tod reißen aus dem zerstreuten „Man" heraus und ermöglichen ein eigentliches Existieren.
Musterbeispiel

Camus anwenden — drei Antworten auf das Absurde

Erläutern Sie Camus' Diagnose des Absurden und prüfen Sie die drei möglichen Reaktionen am Bild des Sisyphos.

  1. 011. Das Absurde definieren

    Das Absurde entsteht aus dem Zusammenstoss zwischen dem menschlichen Sinnbedürfnis und einem Universum, das keine Antwort gibt. Es liegt weder allein im Menschen noch allein in der Welt, sondern in ihrer Konfrontation.

  2. 022. Erste Reaktion prüfen — Selbstmord

    Der körperliche Selbstmord beendet die Konfrontation, indem er einen der Pole (den Menschen) aufhebt. Camus verwirft ihn: er löst das Absurde nicht, sondern flieht vor ihm.

  3. 033. Zweite Reaktion prüfen — philosophischer Sprung

    Der „Sprung" in Religion oder Metaphysik stellt künstlich Sinn her und hebt den anderen Pol (die sinnlose Welt) auf. Camus verwirft auch ihn als unredliche Flucht (philosophischer Selbstmord).

  4. 044. Dritte Reaktion prüfen — Auflehnung

    Die Auflehnung (revolte) hält beide Pole aufrecht: Der Mensch erkennt die Sinnlosigkeit an und lebt dennoch bewusst und intensiv weiter, ohne falsche Tröstung.

  5. 055. Auf Sisyphos beziehen

    Sisyphos wälzt ewig den Stein bergauf. Gerade im hellsichtigen Annehmen dieses Schicksals liegt seine Freiheit: „Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen."

Ergebnis: Camus verwirft Selbstmord und religiösen Sprung als Fluchtbewegungen und plädiert für die hellsichtige Auflehnung. Sinn entsteht nicht aus einer Garantie, sondern aus dem bewussten Bejahen des absurden Lebens.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank8 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutern Sie Sartres These „Existenz vor Essenz" und Camus’ Begriff des Absurden und vergleichen Sie ihre Konsequenzen für die Lebensführung.

Maturafokus

  • Sartres „Existenz vor Essenz" mit Beispiel illustrieren.
  • Camus' Diagnose des Absurden präzise wiedergeben.
  • Heideggers Begriff der Eigentlichkeit von der Uneigentlichkeit (Man-Selbst) abgrenzen.

Typische Fehler

  • Existenzphilosophie als bloßen Pessimismus lesen.
  • Sartres Freiheit mit Beliebigkeit gleichsetzen.
  • Camus religiös auflösen — er bleibt agnostisch-rebellisch.

Aktive Wiederholung

Diskutieren Sie Sartres These „Wir sind zur Freiheit verurteilt" — Befreiung oder Last?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Existentialism" (Stanford University)

§ 02

Sprachphilosophie: Wittgenstein und linguistische Wende#

●●●VertiefungLPPP-Phi-Ex-2.1

Kernpunkte

Die linguistische Wende (linguistic turn) des 20. Jahrhunderts macht die Sprache selbst zum Hauptgegenstand der Philosophie: Viele klassische Probleme erscheinen nun als Folge sprachlicher Missverständnisse (). Kein Denker verkörpert diese Wende stärker als Wittgenstein — und zwar gleich zweifach, denn er widerruft sein Frühwerk im Spätwerk.

Früh- und Spätwittgenstein

WittgensteinTabelle mit 3 Spalten und 4 Zeilen, Daten: Aspekt · Tractatus (früh) · Unters. (spät); Bedeutung · Abbild der Welt · Gebrauch im Sprachspiel; Sprache · eine logische Form · viele Sprachspiele; Methode · Grenzen der Sprache · Therapie von Verwirrung; Motto · „… schweigen" · „Bedeutung ist Gebrauch"ASPEKTTRACTATUS (FRÜH)UNTERS. (SPÄT)BEDEUTUNGAbbild der WeltGebrauch im SprachspielSPRACHEeine logische Formviele SprachspieleMETHODEGrenzen der SpracheTherapie von VerwirrungMOTTO„… schweigen"„Bedeutung ist Gebrauch"
Abb. 2Vom Bildmodell des Tractatus zur Gebrauchstheorie der Philosophischen Untersuchungen.
Der Frühwittgenstein des „Tractatus logico-philosophicus" (1921) vertritt die Abbildtheorie: Die Sprache ist ein logisches Bild der Welt; ein Satz ist sinnvoll, wenn er einen möglichen Sachverhalt abbildet. Was sich nicht so sagen lässt (Ethik, Ästhetik, das Mystische), gehört zum Unsagbaren — daher der berühmte Schlusssatz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."
Der Spätwittgenstein der „Philosophischen Untersuchungen" (1953) verwirft das Bildmodell: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. Sprache besteht aus vielen Sprachspielen (Befehlen, Fragen, Witzen, Beten), die in Lebensformen eingebettet sind; Begriffe haben oft kein gemeinsames Wesen, sondern nur Familienähnlichkeiten (wie die Mitglieder einer Familie).
Das Privatsprachenargument zeigt: Eine prinzipiell nur mir zugängliche, private Sprache ist unmöglich, weil es in ihr kein Kriterium für „richtige" Wortverwendung gäbe (ich könnte Regelfolgen und bloßes Für-richtig-Halten nicht unterscheiden). Bedeutung ist also wesentlich sozial und regelgeleitet — eine starke Antwort auf cartesische Innenwelt-Konzepte.
Methodisch folgt daraus ein neues Philosophieverständnis: Philosophie liefert keine Theorien, sondern ist therapeutisch — sie löst Scheinprobleme auf, die entstehen, wenn die Sprache „leerläuft" (Begriffe außerhalb ihres Sprachspiels verwendet werden). „Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache."
Die Sprechakttheorie führt den Gedanken weiter: Austin („How to Do Things with Words") zeigt, dass wir mit Sprache nicht nur beschreiben, sondern HANDELN (versprechen, taufen, urteilen); Searle systematisiert die illokutionären Akte. Habermas wiederum baut auf dieser verständigungsorientierten Sprachauffassung seine Diskursethik auf — die linguistische Wende wirkt bis in die praktische Philosophie.
Musterbeispiel

Ein philosophisches Problem als Sprachverwirrung auflösen (Wittgenstein)

Wittgenstein meint, viele philosophische Probleme entstünden durch Missverständnisse der Sprache. Zeigen Sie das am Wort „Zeit" (Augustinus: „Was ist die Zeit? Wenn niemand mich fragt, weiß ich es; will ich es erklären, weiß ich es nicht.").

  1. 011. Das Problem als Was-ist-Frage

    Augustinus sucht ein verborgenes Wesen „der Zeit" — als wäre „Zeit" der Name eines Gegenstands, den man wie ein Ding inspizieren könnte. Genau hier setzt die Verwirrung an.

  2. 022. Die Wende zum Gebrauch

    Statt nach einer verborgenen Entität zu fahnden, fragt der späte Wittgenstein: Wie wird das Wort „Zeit" tatsächlich GEBRAUCHT? Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache (Abb. 2).

  3. 033. Das Sprachspiel beschreiben

    „Wie viel Zeit haben wir?", „zur rechten Zeit", „die Zeit messen" — in jedem Kontext funktioniert „Zeit" anders. Es gibt kein einheitliches Wesen, nur Familienähnlichkeiten zwischen den Verwendungen.

  4. 044. Die Diagnose

    Die Verwirrung entsteht, weil wir das Substantiv „Zeit" nach dem Muster von Dingwörtern (wie „Apfel") deuten und ein Objekt suchen. Die Sprache „feiert", sie läuft leer; ein Bild hält uns gefangen.

  5. 055. Die Therapie

    Philosophie löst das Problem nicht durch eine Theorie der Zeit, sondern indem sie den realen Gebrauch sichtbar macht und die Bilderfalle auflöst: „ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache".

Ergebnis: Das „Rätsel der Zeit" ist kein metaphysisches, sondern ein grammatisches Problem: Es entsteht, weil „Zeit" wie ein Dingname behandelt wird. Wittgensteins Methode löst es auf, indem sie den vielfältigen Sprachgebrauch beschreibt, statt ein verborgenes Wesen zu suchen.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank7 Punkte

Aufgabenstellung

Stellen Sie Früh- und Spätwittgenstein gegenüber und erläutern Sie, inwiefern philosophische Probleme als Sprachprobleme verstanden werden können.

Maturafokus

  • Früh- und Spätwittgenstein in einem Satz unterscheiden.
  • Sprachspielbegriff mit Beispiel erläutern.
  • Linguistische Wende historisch einordnen (ca. 1900–1960).

Typische Fehler

  • Wittgensteins Frühwerk mit dem Spätwerk vermengen.
  • Sprachspiel als bloßes Spielen interpretieren.
  • Privatsprachenargument auf reine Tagebücher beziehen.

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie den Wandel von Wittgensteins Sprachverständnis und seine Bedeutung für die Philosophie.

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Ludwig Wittgenstein" (Stanford University)

§ 03

Postmoderne: Lyotard, Derrida, Foucault#

●●●VertiefungLPPP-Phi-Ex-3.1

Kernpunkte

Die (philosophische) Postmoderne ist weniger eine Doktrin als eine Grundhaltung des Misstrauens gegenüber universalen Begründungen, festen Bedeutungen und großen Sinnsystemen (). Sie reagiert auf das Scheitern der Moderne (zwei Weltkriege, Totalitarismus) und betont stattdessen Pluralität, Differenz und Kontingenz.

Positionen der Postmoderne

PostmoderneTabelle mit 3 Spalten und 4 Zeilen, Daten: Denker · Begriff · These; Lyotard · große Erzählungen · deren Ende; Derrida · Dekonstruktion · binäre Oppositionen lösen; Foucault · Macht / Wissen · Diskurse formen Wahrheit; Baudrillard · Simulation · HyperrealitätDENKERBEGRIFFTHESELYOTARDgroße Erzählungenderen EndeDERRIDADekonstruktionbinäre Oppositionen lösenFOUCAULTMacht / WissenDiskurse formen WahrheitBAUDRILLARDSimulationHyperrealität
Abb. 3Gemeinsam ist die Skepsis gegenüber universalen Begründungen und festen Bedeutungen.
Lyotard prägt 1979 die Leitthese: Die Postmoderne ist der „Unglaube gegenüber den großen Erzählungen" (Metanarrativen). Geschichten wie der Fortschritt der Aufklärung, die Emanzipation des Proletariats oder die Selbstbegründung der Wissenschaft haben ihre Legitimationskraft verloren; an ihre Stelle treten viele kleine, lokale Erzählungen.
Derridas Dekonstruktion ist eine Lese- und Denkstrategie: Sie deckt in Texten verborgene binäre Oppositionen (Geist/Körper, Mann/Frau, Sprache/Schrift) auf, in denen ein Pol stets bevorzugt wird, und zeigt, wie diese Hierarchien sich selbst unterlaufen. Bedeutung ist nie endgültig fixiert, sondern verschiebt sich fortwährend (différance); Derrida kritisiert den „Logozentrismus" der abendländischen Tradition.
Foucault (im Thema Politische Philosophie vertieft) liefert mit Macht/Wissen und Diskursanalyse das gesellschaftstheoretische Fundament: Was als wahr gilt, ist an Machtverhältnisse gebunden. Baudrillard radikalisiert die Zeichentheorie: In der Welt der Simulation lösen sich Zeichen vom Bezeichneten; in der Hyperrealität ist die Kopie ohne Original (Medien, Werbung) real-er als die Wirklichkeit.
Positiv setzen postmoderne Denker auf Pluralismus, Differenz und die Anerkennung der Vielfalt der Lebensformen — gegen vereinheitlichende „Meistererzählungen" und gegen die Gewalt, mit der das „Andere" oft ausgeschlossen wurde. Das eröffnet Sensibilität für Minderheiten, Marginalisierte und kulturelle Vielfalt.
Die Kritik ist gewichtig: Die postmoderne Position droht selbstwidersprüchlich zu sein (Lyotards These ist selbst eine große Erzählung; Habermas: „performativer Selbstwiderspruch"), in einen beliebigen Relativismus zu kippen und kritische Maßstäbe zu verlieren. Die Sokal-Affäre legte zudem Scheintiefe in Teilen des Diskurses offen. Wichtig: Pluralismus ist nicht dasselbe wie „alles ist gleich gültig".
Musterbeispiel

Lyotard anwenden — ist Klimagerechtigkeit eine „große Erzählung"?

Lyotard diagnostiziert das Ende der großen Erzählungen. Prüfen Sie, ob die Forderung nach globaler Klimagerechtigkeit eine solche Metaerzählung ist.

  1. 011. Begriff klären

    Eine „große Erzählung" (Metanarrativ) ist eine umfassende Geschichte, die Wissen und Handeln legitimiert — Fortschritt, Aufklärung, Emanzipation. Postmoderne ist „Unglaube gegenüber den Metaerzählungen" (Lyotard, Abb. 3).

  2. 022. Pro: Es wirkt wie eine Metaerzählung

    Klimagerechtigkeit liefert ein universales Ziel (Rettung der Menschheit), eine Rettungs-/Fortschrittsnarration und legitimiert globales Handeln — strukturell einer großen Erzählung ähnlich.

  3. 033. Contra: Es ist anders fundiert

    Sie stützt sich auf konkrete, revidierbare wissenschaftliche Befunde und auf partikulare Betroffenheiten (lokale Gerechtigkeit), nicht auf eine spekulative Geschichtsphilosophie oder Heilsgeschichte.

  4. 044. Lyotards Selbstwiderspruch bedenken

    Die These „es gibt keine großen Erzählungen mehr" ist selbst eine umfassende Erzählung über die Geschichte (Habermas’ Einwand) — radikale Erzählungsskepsis untergräbt sich performativ selbst.

  5. 055. Beurteilen

    Klimagerechtigkeit ist eher eine empirisch fundierte, pluralismusverträgliche „mittlere" Erzählung als ein klassisches Metanarrativ. Das zeigt: Die Postmoderne kann normative Orientierung nicht einfach ersetzen — eine berechtigte Grenze radikalen Pluralismus.

Ergebnis: Klimagerechtigkeit ist keine klassische Metaerzählung (empirisch fundiert, revidierbar, pluralismusoffen), erfüllt aber Legitimationsfunktionen einer solchen. Der Fall deckt zugleich Lyotards Selbstwiderspruch auf — die Postmoderne braucht weiter normative Maßstäbe.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank7 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutern Sie Lyotards These vom „Ende der großen Erzählungen" und Derridas Dekonstruktion und nennen Sie einen Einwand gegen die Postmoderne.

Maturafokus

  • Lyotards „Ende der großen Erzählungen" präzise erklären.
  • Dekonstruktion mit einem Beispiel verständlich machen.
  • Kritik an Postmoderne von Habermas oder Sokal nennen.

Typische Fehler

  • Postmoderne als Stilrichtung der Kunst missverstehen.
  • Dekonstruktion mit Destruktion verwechseln.
  • Pluralismus mit „Alles ist gleich gültig" gleichsetzen.

Aktive Wiederholung

Diskutieren Sie: Ist eine „große Erzählung" wie Klimagerechtigkeit ein Rückfall hinter die Postmoderne — oder ihr legitimer Erbe?

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Postmodernism" (Stanford University)

§ 04

Phänomenologie: Husserl und Heidegger#

●●●VertiefungLPPP-Phi-Ex-2.2

Kernpunkte

Die Phänomenologie (Husserl) ist eine Methode, die strenge Erkenntnis auf eine neue Grundlage stellen will: Statt über die Welt zu spekulieren oder sie naturwissenschaftlich zu erklären, geht sie auf die Erfahrung selbst zurück, wie sie sich dem Bewusstsein unmittelbar zeigt — „Zu den Sachen selbst!" (). Sie beschreibt, statt vorschnell zu deuten.

Husserls phänomenologische Reduktion

Phänomenologische ReduktionNetzgraph, Natürliche Einstellung → Epoché (Einklammern), Epoché (Einklammern) → Phänomenolog. Reduktion, Phänomenolog. Reduktion → WesensschauNatürlicheEinstellungEpoché(Einklammern)Phänomenolog.ReduktionWesensschau
Abb. 4Vom Einklammern der natürlichen Einstellung zur Wesensschau — „zu den Sachen selbst".
Ihr Grundbegriff ist die Intentionalität: Bewusstsein ist immer „Bewusstsein VON etwas" — es ist auf Gegenstände gerichtet. Es gibt kein leeres, gegenstandsloses Bewusstsein; jeder Akt (Wahrnehmen, Erinnern, Urteilen, Wünschen) hat sein Objekt. Husserl unterscheidet dabei den Akt (Noesis) vom Gegenstand, so wie er gemeint ist (Noema).
Die zentrale Methode ist die Epoché (phänomenologische Reduktion): Man „klammert ein" — enthält sich des Urteils über die reale Existenz der Dinge (die „natürliche Einstellung") —, um rein zu betrachten, WIE sie sich dem Bewusstsein zeigen. So sollen die invarianten Wesensstrukturen der Erfahrung sichtbar werden (Wesensschau).
In seinem Spätwerk führt Husserl den Begriff der Lebenswelt ein: die vorwissenschaftliche, alltägliche Erfahrungswelt, in der wir immer schon leben. Sie ist das vergessene Fundament auch der exakten Wissenschaften — die mathematisierte Naturwissenschaft hat ihren Ursprung in der Lebenswelt überdeckt („Krisis der europäischen Wissenschaften").
Heidegger, Husserls Schüler, wendet die Phänomenologie existenzial: In „Sein und Zeit" ist das menschliche Dasein nicht ein weltloses Bewusstsein, sondern wesentlich In-der-Welt-Sein. Er beschreibt Existenzialien (Grundstrukturen des Daseins) wie Befindlichkeit (Gestimmtheit), Verstehen und Rede — der Mensch ist immer schon besorgend, verstehend, gestimmt in eine Welt verstrickt.
Daraus folgt die Unterscheidung von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit: Im Alltag geht das Dasein im anonymen „Man" auf („man tut das so") und verstellt sich die eigene Existenz. Erst die Grundstimmung der Angst und der Vorlauf in den eigenen Tod öffnen die Möglichkeit, das Leben eigentlich — als je meines, endliches — zu ergreifen. (Abgrenzung: Phänomenologie ist keine introspektive Psychologie, sondern Wesensanalyse.)
Musterbeispiel

Intentionalität an einem Wahrnehmungsbeispiel erläutern

Erläutern Sie an der Wahrnehmung einer Tasse Kaffee, was Husserl mit der Intentionalität des Bewusstseins meint, und was die phänomenologische Reduktion leistet.

  1. 011. Intentionalität bestimmen

    Bewusstsein ist immer „Bewusstsein VON etwas" — es ist gerichtet. Ich erlebe nicht „ein Sehen", sondern ich sehe DIE TASSE; jeder Akt (Wahrnehmen, Erinnern, Wünschen) hat ein Objekt (Abb. 4).

  2. 022. Akt und Gegenstand

    Husserl unterscheidet die Noesis (den Akt: das Wahrnehmen) vom Noema (dem Wahrgenommenen, so wie es erscheint: die Tasse als braun, dampfend, von dieser Seite gesehen).

  3. 033. Perspektivität zeigen

    Ich sehe die Tasse stets nur in „Abschattungen" (von einer Seite), erfasse sie aber als ein ganzes Ding. Das Bewusstsein meint also mehr, als jeweils sinnlich gegeben ist.

  4. 044. Epoché und Reduktion

    Ich klammere die Frage „Existiert die Tasse wirklich?" (die natürliche Einstellung) ein und betrachte nur, WIE sie sich dem Bewusstsein zeigt. So werden die Wesensstrukturen der Erfahrung freigelegt.

  5. 055. Ertrag und Abgrenzung

    „Zu den Sachen selbst!" — die Phänomenologie beschreibt die Erfahrung, ohne sie vorschnell naturwissenschaftlich oder metaphysisch zu deuten. Sie ist daher keine bloße Introspektion (kein Tagebuch über Gefühle), sondern Wesensanalyse.

Ergebnis: Intentionalität heißt: Bewusstsein ist stets auf einen Gegenstand gerichtet (Noesis–Noema), den es perspektivisch, aber als Ganzes meint. Die Epoché klammert die Existenzfrage ein und legt so die Wesensstrukturen der Erfahrung frei.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank7 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutern Sie das Prinzip der Intentionalität und Husserls phänomenologische Reduktion und grenzen Sie Heideggers In-der-Welt-Sein vom cartesischen Subjekt-Objekt-Schema ab.

Maturafokus

  • Erläutern Sie das Prinzip der Intentionalität.
  • Erklären Sie Husserls phänomenologische Reduktion (Epoche).
  • Stellen Sie Heideggers In-der-Welt-Sein dem cartesischen Subjekt-Objekt-Schema gegenüber.

Typische Fehler

  • Phänomenologie mit blosser Introspektion verwechseln.
  • Intentionalität als Absicht (im Alltagssinn) missdeuten.
  • Heideggers Daseinsanalyse als Psychologie lesen.

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie an einem Wahrnehmungsbeispiel, was es heißt, dass Bewusstsein intentional verfasst ist.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Phenomenology" (Stanford University)

§ 05

Freiheit und Verantwortung bei Sartre#

●●●VertiefungLPPP-Phi-Ex-1.2

Kernpunkte

Sartres Grundsatz „Die Existenz geht der Essenz voraus" () kehrt die klassische Ordnung um: Beim Brieföffner steht der Zweck (Essenz) vor der Herstellung; beim Menschen ist es umgekehrt — er existiert zuerst und bestimmt erst durch sein Handeln, was er ist. Es gibt keine vorgegebene Natur und (für den Atheisten Sartre) keinen Gott, der sie festlegt.

Existenz vor Essenz (Sartre)

Existenz vor EssenzNetzgraph, Ding (Werkzeug) → Essenz (Zweck), Essenz (Zweck) → Existenz, Mensch → Existenz (frei), Existenz (frei) → Essenz (Entwurf)Ding(Werkzeug)Essenz(Zweck)ExistenzMenschExistenz(frei)Essenz(Entwurf)
Abb. 5Beim hergestellten Ding geht die Essenz (Zweck) der Existenz voraus — beim Menschen ist es umgekehrt: Er existiert zuerst und entwirft sich in Freiheit selbst.
Daraus folgt die radikale Freiheit: Der Mensch ist „zur Freiheit verurteilt" — er kann nicht nicht wählen (auch Nicht-Entscheiden ist eine Wahl) und trägt für seine Entwürfe die volle Verantwortung. Diese Freiheit ist keine erfreuliche Eigenschaft, sondern eine Last, die Angst auslöst.
Die Freiheit ist jedoch situiert: In der Geworfenheit (von Heidegger übernommen) findet sich der Mensch in einer Lage vor, die er nicht gewählt hat (Körper, Herkunft, Epoche, Tatsachen). Frei ist nicht die Situation, sondern die Stellungnahme zu ihr — radikale Freiheit und Faktizität gehören zusammen, schließen sich nicht aus.
Der zentrale Fehlmodus ist die mauvaise foi (Selbstbetrug, Unaufrichtigkeit): die Flucht vor der eigenen Freiheit, indem man sich als bloß determiniert ausgibt. Der Kellner, der seine Rolle perfekt „spielt", als WÄRE er nichts als Kellner, leugnet seine Freiheit, jederzeit auch anders zu können — ein Verstecken hinter Rolle, Zwang oder „Sachzwang".
Wahl ist nie privat: Indem ich für mich wähle, was ein Mensch sein soll, entwerfe ich zugleich ein Bild des Menschen überhaupt — „ich bin verantwortlich für mich selbst und für alle". Diese Verallgemeinerung gibt der individuellen Entscheidung ein quasi-universales Gewicht (Nähe und Differenz zu Kant).
Daraus folgt das Engagement: Freiheit bewährt sich nicht in bloßer Innerlichkeit, sondern im verantwortlichen Handeln in der Welt. Sartres „Existentialismus ist ein Humanismus" wehrt den Vorwurf des Pessimismus ab — die Lehre ist gerade eine Aufforderung zu Aktivität, Verantwortung und Solidarität.
Querverweis: Sartres radikale Freiheit ist der existenzphilosophische Gegenpol zur Determinismus-Debatte im Thema Philosophische Anthropologie (Willensfreiheit, Libet) — wo dort neuronale Verursachung die Freiheit infrage stellt, behauptet Sartre eine nicht hintergehbare Wahlfreiheit.
Musterbeispiel

Mauvaise foi prüfen — der Verweis auf Sachzwänge

Beurteilen Sie an einem Alltagsbeispiel mit Sartres Begriffen, ob die Berufung auf „Sachzwänge" ein Fall von mauvaise foi (Selbstbetrug) ist.

  1. 011. Grundsatz ansetzen

    Für Sartre geht die Existenz der Essenz voraus: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt und wählt sich in jeder Situation selbst. Es gibt keine Entschuldigung, die diese Freiheit aufhebt.

  2. 022. Beispiel einsetzen

    Ein Angestellter sagt: „Ich musste die unethische Anweisung ausführen, ich hatte keine Wahl — das ist eben mein Job."

  3. 033. Mauvaise foi bestimmen

    Mauvaise foi ist die Flucht vor der eigenen Freiheit, indem man sich als blosses Objekt von Umständen ausgibt. Der Angestellte verschleiert, dass er sich auch hätte weigern oder kündigen können.

  4. 044. Geworfenheit berücksichtigen

    Sartre leugnet die Situation (Geworfenheit) nicht: Es gibt reale Zwänge und Kosten. Entscheidend ist aber, dass der Mensch sich zu diesen Zwängen verhält und ihnen Bedeutung gibt — die Wahl bleibt seine.

  5. 055. Begründetes Urteil

    Wird der Sachzwang als absolute Entschuldigung präsentiert, liegt mauvaise foi vor. Wird er als reales, aber abwägbares Hindernis benannt, zu dem man sich verantwortlich verhält, ist es authentisches Handeln.

Ergebnis: Die Berufung auf Sachzwänge ist dann Selbstbetrug, wenn sie die immer bestehende Wahlmöglichkeit verdeckt. Authentizität heisst, Zwänge anzuerkennen und dennoch die eigene Verantwortung zu übernehmen.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank7 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutern Sie Sartres „Existenz vor Essenz" und den Begriff der mauvaise foi und diskutieren Sie, wie radikale Freiheit und Geworfenheit zusammengehen.

Maturafokus

  • Erläutern Sie „Existenz vor Essenz" an einem Beispiel.
  • Erklären Sie Sartres Begriff der mauvaise foi.
  • Diskutieren Sie, wie radikale Freiheit und Geworfenheit zusammengehen.

Typische Fehler

  • Radikale Freiheit als Willkür ohne Verantwortung missverstehen.
  • Geworfenheit als Aufhebung der Freiheit deuten.
  • Sartres Atheismus als blosse Provokation statt als Konsequenz seiner Position lesen.

Aktive Wiederholung

Beurteilen Sie an einem Alltagsbeispiel, ob die Berufung auf „Sachzwänge" ein Fall von mauvaise foi ist.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Jean-Paul Sartre" (Stanford University)

§ 06

Nietzsche: Nihilismus und Umwertung der Werte#

●●●VertiefungLPPP-Phi-Ex-3.2

Kernpunkte

Nietzsches Diagnose ist der Nihilismus: Mit dem „Tod Gottes" entwerten sich die obersten Werte selbst — die übersinnliche Welt (Platon) und der christliche Gott, die dem Dasein Sinn und Maß gaben, haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Zu unterscheiden ist der passive Nihilismus (Erschöpfung, Verzweiflung) vom aktiven (der die alten Werte zertrümmert, um Neues zu ermöglichen).
Sein Gegenprogramm ist die „Umwertung aller Werte". In der „Genealogie der Moral" rekonstruiert er die Herkunft der Moral: Die ursprüngliche Herrenmoral der Starken (gut = vornehm, mächtig, lebensbejahend) wurde durch die Sklavenmoral der Unterdrückten verdrängt, die aus Ressentiment die eigenen Schwächen (Demut, Mitleid, Gehorsam) zu „Tugenden" erklärte (). Die christlich-platonische Moral gilt ihm darum als lebensverneinend.

Nietzsche: Herren- und Sklavenmoral

Herren- vs. SklavenmoralTabelle mit 3 Spalten und 4 Zeilen, Daten: Aspekt · Herrenmoral · Sklavenmoral; Ursprung · die Vornehmen/Starken · die Unterdrückten; Wertung · gut = stark, edel · gut = demütig, mitleidig; Grundaffekt · Selbstbejahung · Ressentiment; Beispiel · antike Aristokratie · christliche MoralASPEKTHERRENMORALSKLAVENMORALURSPRUNGdie Vornehmen/Starkendie UnterdrücktenWERTUNGgut = stark, edelgut = demütig, mitleidigGRUNDAFFEKTSelbstbejahungRessentimentBEISPIELantike Aristokratiechristliche Moral
Abb. 6Nietzsches genealogische Unterscheidung zweier Ursprünge moralischer Wertung.
Den Grundzug allen Lebens nennt Nietzsche „Wille zur Macht": nicht bloß Herrschaft über andere, sondern die Tendialität jedes Lebendigen, sich zu steigern, zu wachsen und sich selbst zu überwinden. Werte sind keine ewigen Tatsachen, sondern Ausdruck eines Machtquantums — sie werden gesetzt, nicht entdeckt.
Die Antwort auf den Nihilismus ist der Übermensch: nicht ein biologischer „Herrenmensch", sondern der Mensch, der ohne metaphysische Garantien die Kraft hat, aus sich selbst eigene Werte zu schaffen und dem Leben Sinn zu geben. Er ist ein Ideal der Selbstüberwindung, kein politisches Programm.
Als existentiellen Prüfstein entwirft Nietzsche die ewige Wiederkehr des Gleichen: Könntest du wollen, dass dein Leben mit jeder Einzelheit unendlich oft identisch wiederkehrt? Nur wer dies bejahen kann, hat das „amor fati" (die Liebe zum Schicksal) erreicht — die vollständige Bejahung des Diesseits als Gegengift gegen den Nihilismus.
Kritik und Wirkung sind ambivalent: Nietzsches Werk wurde (durch seine Schwester verfälscht) politisch-ideologisch missbraucht, was seiner Philosophie widerspricht; „Wille zur Macht" und „Übermensch" sind nicht biologistisch zu lesen. Sein Einfluss reicht von der Existenzphilosophie über die Psychoanalyse (das Unbewusste, Ressentiment) bis zur Postmoderne (Wahrheits- und Subjektkritik).
Musterbeispiel

Die ewige Wiederkehr als ethischer Prüfstein (Nietzsche)

Nietzsche fragt: Würdest du wollen, dass dein Leben sich unendlich oft exakt wiederholt? Erklären Sie den Gedanken als ethischen Prüfstein und beurteilen Sie ihn.

  1. 011. Den Gedanken rekonstruieren

    Ein Dämon flüstert dir zu, du müsstest dieses Leben mit jeder Einzelheit unendlich oft wiederleben — nichts Neues, nur die identische Wiederkehr (Fröhliche Wissenschaft § 341).

  2. 022. Funktion als Prüfstein

    Der Gedanke ist kein kosmologischer Beweis, sondern ein existentielles Experiment: Wie stehst du zu deinem Leben? Würdest du verzweifeln — oder den Gedanken als „größtes Gewicht" bejahen?

  3. 033. Amor fati

    Nur wer sein Leben so bejaht, dass er dessen ewige Wiederkehr WOLLEN könnte, lebt affirmativ. „Amor fati" (Liebe zum Schicksal) ist Nietzsches Gegengift gegen den Nihilismus — sie setzt die Umwertung der lebensverneinenden Werte voraus (Abb. 6).

  4. 044. Verbindung zum Übermenschen

    Wer ohne metaphysische Garantien eigene Werte schafft und sein Leben restlos bejaht, verkörpert die schöpferische Haltung, die Nietzsche dem reaktiven Ressentiment der Sklavenmoral entgegensetzt.

  5. 055. Beurteilen

    Stärke: Sinn wird von einer jenseitigen Garantie in die radikale Bejahung des Diesseits verlegt. Einwände: Lässt sich das „Wollen" einer exakten Wiederholung überhaupt denken? Und droht die Lebensbejahung, reales Leid zu verharmlosen? Der Prüfstein ist eher ein Haltungstest als ein Argument.

Ergebnis: Die ewige Wiederkehr ist ein existentieller Test der Lebensbejahung (amor fati), keine kosmologische These. Sie verlegt Sinn ins Diesseits, bleibt aber als Gedankenexperiment angreifbar (Denkbarkeit, Gefahr der Leidverharmlosung).

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank8 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutern Sie Nietzsches Nihilismus-Diagnose und seine Kritik an der „Sklavenmoral" und beurteilen Sie, ob die Selbsterschaffung von Werten eine tragfähige Antwort ist.

Maturafokus

  • Unterscheiden Sie passiven und aktiven Nihilismus.
  • Erläutern Sie Nietzsches Kritik an der „Sklavenmoral".
  • Erklären Sie den Gedanken der ewigen Wiederkehr als ethischen Prüfstein.

Typische Fehler

  • Übermensch biologistisch oder politisch-ideologisch missdeuten.
  • Wille zur Macht auf blosse Gewaltausübung reduzieren.
  • Nihilismus mit Pessimismus gleichsetzen.

Aktive Wiederholung

Diskutieren Sie, ob Nietzsches Idee der Selbsterschaffung von Werten eine tragfähige Antwort auf den Nihilismus ist.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Nietzsche's Moral and Political Philosophy" (Stanford University)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Existenzphilosophie: Kierkegaard, Sartre, Camus◐
    • 02Sprachphilosophie: Wittgenstein und linguistische Wende●
    • 03Postmoderne: Lyotard, Derrida, Foucault●
    • 04Phänomenologie: Husserl und Heidegger●
    • 05Freiheit und Verantwortung bei Sartre●
    • 06Nietzsche: Nihilismus und Umwertung der Werte●

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

Existenzphilosophie und Philosophie des 20. Jahrhunderts

Festige dieses Thema an passenden Aufgaben aus der Fragenbank.

~21
Min
3
Kompetenzen
Üben
Beispielfrage

Erläutern Sie Sartres These „Existenz vor Essenz" und Camus’ Begriff des Absurden und vergleichen Sie ihre Konsequenzen für die Lebensführung.

8 BE · 2023

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Belege & Quellen

Quellen

Stanford University

  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Existentialism"
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Ludwig Wittgenstein"
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Postmodernism"
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Phenomenology"
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Jean-Paul Sartre"
  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Nietzsche's Moral and Political Philosophy"

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