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Notizen/Geschichte und Politische Bildung/GSK 12 — Geschichtskultur, Erinnerung, Public History
Notizen · Geschichte und Politische BildungAT · Matura

GSK 12 — Geschichtskultur, Erinnerung, Public History

Mauthausen als zentraler Erinnerungsort; Heldenplatz als Schauplatz von Annexion und republikanischer Selbstverortung; Wehrmachtsausstellung 1995 als geschichtskultureller Bruch; „Lebenslüge"-Diskurs; Restitution; Public History und neue Erinnerungsformen.

6 Abschnitte·~14 Min Lesezeit·2 Kompetenzen·Niveau Basis 1 · Standard 2 · Vertiefung 3·Stand 06/2026

T·121212 / 12
Prüfungsprofil
HOK-GK · Geschichtskulturelle OrientierungskompetenzHMK-GK · Re-/De-Konstruktion geschichtskultureller Produkte (Denkmäler, Reden, Medien)
Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

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Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. GSK 12 — Geschichtskultur, Erinnerung, Public History
    • 01Erinnerungsorte: Mauthausen, Heldenplatz, Hofburg, Belvedere◐
    • 02Wehrmachtsausstellung 1995, „Lebenslüge"-Diskurs, Restitution●
    • 03Public History, Mauerfall, „Geschichte" in Medien und Politik◐
    • 04Restitution: Klimts „Goldene Adele" und Kunstrückgabegesetz●
    • 05Grundlagen: Was ist Geschichtskultur und Erinnerungskultur?○
    • 06Geschichtspolitik und aktuelle Erinnerungsdebatten●
§ 01

Erinnerungsorte: Mauthausen, Heldenplatz, Hofburg, Belvedere#

●●○StandardLPGSK-GK-12.1

Österreichische Erinnerungsorte und Gedenkdaten

Republik 1918 / 1945 / 1955 / 1995 Mauthausen KZ-Gedenkstätte (5.5.) Heldenplatz 15.3.1938 / 23.1.1993 Belvedere Staatsvertrag 15.5.1955 Hrdlicka-Mahnmal Albertinaplatz Hofburg / Volksgarten Republikdenkmal 1928 Wehrmachtsausstellung 1995 Wien — Tabubruch
Abb. 1Geschichtskulturelle Knotenpunkte: Mauthausen, Heldenplatz, Hofburg, Belvedere, Wehrmachtsausstellung.

Kernpunkte

Mauthausen (OÖ): KZ-Hauptlager mit 49 Außenlagern; Befreiung 5.5.1945; offizielle Gedenkstätte seit 1949, Bundes-Gedenkstätte seit 1949; jährliche Gedenkfeier 5. Mai (Wandel von der „Heimkehrer-" zur Opfer-Erzählung).
Heldenplatz: 15.3.1938 Hitler-Rede (Annexionsverkündung); 23.1.1993 „Lichtermeer" (Großdemonstration von SOS Mitmensch gegen das FPÖ-Volksbegehren „Österreich zuerst") als Gegenbild zu 1938; 1988 „Heldenplatz"-Stück Thomas Bernhard; Pro-Demokratie-Demos.
Hofburg / Volksgarten: Republik-Denkmal 1928 (Pernerstorfer, Hanusch, Adler); zentrale Bühne staatlicher Erinnerungspolitik.
Belvedere: Staatsvertrags-Unterzeichnung 15.5.1955, Figl-Balkonrede „Österreich ist frei!" — heute zentrales Bild positiver Selbstvergewisserung.
Albertinaplatz: Mahnmal Alfred Hrdlicka (1988): „Gegen Krieg und Faschismus" — kontrovers debattiert (Straßenwaschende Jüdin als Skulptur).
Concordiaplatz: „Stein der Republik" (2008); Margaretengürtel-Denkmal für österr. Widerstand.
Musterbeispiel

Geschichtskulturelle Analyse eines Erinnerungszeichens

Analysiere ein österreichisches Erinnerungszeichen (z. B. das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus am Albertinaplatz, Hrdlicka 1988) nach einem festen Raster.

  1. 01Beschreiben (Was?)

    Sachliche Beschreibung: mehrteilige Skulpturengruppe (u. a. „Tor der Gewalt", der „strassenwaschende Jude"), errichtet 1988/91, öffentlich zugänglicher Platz im Zentrum Wiens.

  2. 02Verorten (Wann/Wer/Warum?)

    Entstehungskontext: Bedenkjahr 1988 (50 Jahre „Anschluss"), Waldheim-Debatte, beginnende Abkehr von der reinen Opferthese. Auftraggeber Stadt Wien; Künstler Alfred Hrdlicka.

  3. 03Deuten (Welche Aussage?)

    Funktion: Mahnung statt Heroisierung, Erinnerung an Opfer von Krieg und Faschismus. Die Figur des knienden Mannes thematisiert Demütigung während des „Anschlusses" — kontrovers diskutiert (Würde der Darstellung).

  4. 04Beurteilen (Wirkung/Kontroverse)

    Geschichtskulturelle Einordnung: markiert den Übergang von der Opfer- zur Mitverantwortungserzählung. Später ergänzt das „Shoah-Namensmauern-Gedenken" bzw. das Mahnmal am Judenplatz (Whiteread 2000) die Erinnerungslandschaft.

Ergebnis: Das Albertinaplatz-Mahnmal ist ein Schlüsselobjekt der österreichischen Geschichtskultur: Es dokumentiert die Wende vom Opfermythos zur kritischen Auseinandersetzung im Bedenkjahr 1988 und bleibt in seiner Bildsprache umstritten.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank10 Punkte

Aufgabenstellung

Analysieren Sie die KZ-Gedenkstätte Mauthausen als zentralen Erinnerungsort. Wie veränderte sich die Deutungspraxis von 1949 bis heute?

Maturafokus

  • Mauthausen als zentrale Erinnerungsstätte mit Wandel der Deutungspraxis (Heimkehrer → Opfer → Mitverantwortung).
  • Heldenplatz als ambivalenter Ort (1938 Anschluss / 1993 Lichtermeer / Gegenwart).
  • Bernhard „Heldenplatz" 1988 als Skandalstück als Bezugspunkt.

Typische Fehler

  • Mauthausen als bloßes „KZ-Museum" — es ist Bildungs- und Forschungsort.
  • Heldenplatz auf 1938 reduzieren.
  • Hrdlicka-Mahnmal unkritisch loben — die Skulptur der „kniend reinigenden Jüdin" wurde kritisiert.

Aktive Wiederholung

Wähle einen österreichischen Erinnerungsort und analysiere ihn nach: Gattung (Mahnmal, KZ-Gedenkstätte, Platz), Funktion, Zielgruppe, Wandel der Deutungspraxis, Kontroversen.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Mauthausen Memorial (BMI Mauthausen Memorial) · DÖW — Erinnerungsorte (DÖW)

§ 02

Wehrmachtsausstellung 1995, „Lebenslüge"-Diskurs, Restitution#

●●●VertiefungLPGSK-GK-12.2

Österreichische Erinnerungsorte und Gedenkdaten

Republik 1918 / 1945 / 1955 / 1995 Mauthausen KZ-Gedenkstätte (5.5.) Heldenplatz 15.3.1938 / 23.1.1993 Belvedere Staatsvertrag 15.5.1955 Hrdlicka-Mahnmal Albertinaplatz Hofburg / Volksgarten Republikdenkmal 1928 Wehrmachtsausstellung 1995 Wien — Tabubruch
Abb. 2Geschichtskulturelle Knotenpunkte: Mauthausen, Heldenplatz, Hofburg, Belvedere, Wehrmachtsausstellung.

Kernpunkte

Wehrmachtsausstellung „Vernichtungskrieg" (Hamburger Institut für Sozialforschung) 1995–1999, in Wien 1995/96: zeigt erstmals umfassend Beteiligung der Wehrmacht an Kriegsverbrechen.
Skandal in AT: Demonstrationen, FPÖ-Plakate, Kontroverse über „Ehre" der Wehrmacht-Veteranen — Tabubruch der „Soldaten-waren-keine-Verbrecher"-Erzählung.
„Lebenslüge der zweiten Republik" (Anton Pelinka): Bezeichnet die offizielle Opferthese als kollektive Selbsttäuschung.
Restitution: ÖVP-SPÖ-Republik vermied lange systematische Rückgabe arisierten Eigentums; Washingtoner Konferenz 1998; Kunstrückgabegesetz 1998 (Klimt-Werke aus Belvedere, Restitution an Familie Bloch-Bauer 2006).
Entschädigungsfonds 2000 (Bundesgesetz): symbolische Zahlungen an Zwangsarbeiter:innen; Allgemeiner Entschädigungsfonds 2001 für sonstige NS-Opfer.
Vranitzky-Reden 8.7.1991 (NR) und 1993 (Israel): erste offizielle Anerkennung der Mitverantwortung Österreichs.
Klestil-Rede 1994 (Knesset): „Wir kommen, um um Vergebung zu bitten".
Aktuelle Erinnerungskultur: Stolpersteine (Gunter Demnig), Steine der Erinnerung, Wien-Erinnerung-App, IKG-Friedhofsprojekt.
Musterbeispiel

Analysieren: die Wehrmachtsausstellung 1995 als geschichtskulturelle Zäsur

Analysieren Sie die Wehrmachtsausstellung 1995 als geschichtskulturellen Wendepunkt in Österreich und ihre Folgen für Erinnerungspraxis und Restitution.

  1. 01Inhalt bestimmen

    Die Ausstellung „Vernichtungskrieg" zeigt erstmals umfassend die Beteiligung der Wehrmacht an Kriegsverbrechen — ein Bruch mit dem Mythos der „sauberen Wehrmacht".

  2. 02Kontroverse in AT

    In Wien 1995/96 kommt es zu Protesten, FPÖ-Plakaten und Streit um die „Ehre" der Veteranen — ein öffentlicher Tabubruch.

  3. 03Einbetten

    Die Ausstellung steht in einem größeren Prozess: Vranitzkys Mitverantwortungs-Rede 1991 und Klestils Knesset-Rede 1994 gehen voran.

  4. 04Folge benennen

    Sie beschleunigt die Restitutionsgesetzgebung (Kunstrückgabegesetz 1998, Entschädigungsfonds 2001) und neue Erinnerungspraktiken (Stolpersteine, Steine der Erinnerung).

  5. 05Bewerten

    Geschichtskulturell markiert 1995 die Wende von der Opfer- zur Verantwortungserzählung — getragen von zivilgesellschaftlichem und internationalem Druck.

Ergebnis: Eine starke Analyse liest die Wehrmachtsausstellung als Zäsur: Sie zerstört den „saubere-Wehrmacht"-Mythos, polarisiert die Öffentlichkeit und beschleunigt Restitution und Mitverantwortungs-Diskurs.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank10 Punkte

Aufgabenstellung

Diskutieren Sie die Wehrmachtsausstellung 1995 als geschichtskulturelles Ereignis. Welche Wirkungen ergaben sich auf den österreichischen Umgang mit der NS-Vergangenheit?

Maturafokus

  • Wehrmachtsausstellung 1995 als geschichtskulturelle Zäsur explizit benennen.
  • „Lebenslüge"-Diskurs als Konzept (Pelinka).
  • Restitution als langer, unvollständiger Prozess.

Typische Fehler

  • Wehrmachtsausstellung als deutsches Thema sehen — sie war auch AT-Skandal.
  • Restitution als „abgeschlossen" darstellen.
  • Vranitzky 1991 vor Klestil 1994 verwechseln.

Aktive Wiederholung

Analysiere die Wehrmachtsausstellung 1995 als geschichtskulturellen Wendepunkt in Österreich. Welche Folgen für Erinnerungspraxis und Restitutionspolitik?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: DÖW — Wehrmachtsausstellung (DÖW)

§ 03

Public History, Mauerfall, „Geschichte" in Medien und Politik#

●●○StandardLPGSK-GK-12.3

Österreichische Erinnerungsorte und Gedenkdaten

Republik 1918 / 1945 / 1955 / 1995 Mauthausen KZ-Gedenkstätte (5.5.) Heldenplatz 15.3.1938 / 23.1.1993 Belvedere Staatsvertrag 15.5.1955 Hrdlicka-Mahnmal Albertinaplatz Hofburg / Volksgarten Republikdenkmal 1928 Wehrmachtsausstellung 1995 Wien — Tabubruch
Abb. 3Geschichtskulturelle Knotenpunkte: Mauthausen, Heldenplatz, Hofburg, Belvedere, Wehrmachtsausstellung.

Kernpunkte

Public History = wissenschaftliche Geschichte in öffentlichen Räumen (Museen, Filme, Serien, Podcasts, Social Media, Computerspiele).
Mauerfall 9.11.1989 als globales Erinnerungsereignis; symbolische Folie für „Ende des Kalten Kriegs" (Fukuyama-Diskurs).
Erinnerungsdaten AT: 12.11. (Republikgründung), 5.5. (Mauthausen-Befreiung), 8.5. (Tag der Befreiung — erst seit 2013 zentrale Gedenkstunde im Parlament), 26.10. (Nationalfeiertag/Neutralitätsgesetz), 15.5. (Staatsvertrag).
Filme und Serien als Geschichtsmedien: „Schindlers Liste" (1993), „Holocaust" (1979), ORF-Dokus, ZDF-„Hitlers" Reihen — Quellenstatus, nicht Faktenbericht.
Computerspiele („Wolfenstein", „Battlefield"): Auseinandersetzung mit Geschichtsmythen; mediale Inszenierung.
Wikipedia, TikTok, YouTube als Geschichtsbildungsorte — Risiken: Verkürzung, Desinformation, Quellenarmut.
Universitäten und neue Formen: Oral History (Center for Oral History), digitale Editionen, „History Marketing" durch Unternehmen.
Geschichtspolitik: Regierungen nutzen Erinnerungstage zur Selbstlegitimation; Aufgabe der Bildung: kritische Reflexion.
Musterbeispiel

Ein Geschichtsmedium kritisch lesen: der Spielfilm als Quelle

Analysieren Sie einen historischen Spielfilm (z. B. „Schindlers Liste") als Geschichtsmedium: Quellenstatus, Perspektive, Auslassung und Wirkung auf die Erinnerungskultur.

  1. 01Quellenstatus klären

    Ein Spielfilm ist eine Darstellung mit dramaturgischer Inszenierung (Auswahl, Verdichtung, Fiktionalisierung) — kein Faktenbericht und keine Quelle ersten Grades.

  2. 02Perspektive bestimmen

    Zu fragen ist: Aus wessen Sicht wird erzählt, welche Held:innen- und Opferrollen werden gesetzt, welche Emotion soll erzeugt werden?

  3. 03Auslassung erkennen

    Was bleibt außen vor (Strukturen, Täterapparat, andere Opfergruppen)? Verdichtung auf Einzelschicksale kann Komplexität verkürzen.

  4. 04Wirkung beurteilen

    Reichweitenstarke Filme prägen das kollektive Bild stärker als Fachliteratur — Chance (Zugänglichkeit) und Risiko (Verkürzung) zugleich.

  5. 05Konsequenz

    Historisch-politische Bildung verbindet Medienkompetenz mit Quellenkritik: Filme analysieren, statt sie für „die Wahrheit" zu halten.

Ergebnis: Eine starke Analyse behandelt den Film als inszenierte Darstellung (Perspektive, Auslassung, Wirkung), nicht als Faktenbericht — und macht die Methode der Quellenkritik auf Public-History-Medien anwendbar.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank10 Punkte

Aufgabenstellung

Diskutieren Sie die Rolle der Public History (Filme, Serien, Social Media) für die zeitgenössische Geschichtskultur. Welche Chancen und Risiken sehen Sie für die historisch-politische Bildung?

Maturafokus

  • Public History als Erweiterung wissenschaftlicher Geschichte.
  • Erinnerungsdaten AT korrekt zuordnen.
  • Mediale Geschichtsdarstellung (Film, Serie, Game, Social Media) als eigene Quellenklasse.

Typische Fehler

  • Filme als „Wahrheit" über Geschichte sehen.
  • Social-Media-Geschichte unkritisch übernehmen.
  • Public History mit „populärer Geschichte" verwechseln.

Aktive Wiederholung

Wähle ein Geschichtsmedium (Film, Serie, Computerspiel, TikTok-Kanal) und analysiere es nach: Quellenstatus, Perspektive, Auslassung, Wirkung auf Erinnerungskultur.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Demokratiezentrum Wien — Public History (Demokratiezentrum Wien) · DÖW — Bildungsangebote (DÖW)

§ 04

Restitution: Klimts „Goldene Adele" und Kunstrückgabegesetz#

●●●VertiefungLPGSK-GK-12.4

Österreichische Erinnerungsorte und Gedenkdaten

Republik 1918 / 1945 / 1955 / 1995 Mauthausen KZ-Gedenkstätte (5.5.) Heldenplatz 15.3.1938 / 23.1.1993 Belvedere Staatsvertrag 15.5.1955 Hrdlicka-Mahnmal Albertinaplatz Hofburg / Volksgarten Republikdenkmal 1928 Wehrmachtsausstellung 1995 Wien — Tabubruch
Abb. 4Geschichtskulturelle Knotenpunkte: Mauthausen, Heldenplatz, Hofburg, Belvedere, Wehrmachtsausstellung.

Kernpunkte

Hintergrund: Maria Altmann (Erbin von Adele Bloch-Bauer) klagt seit 1998 auf Rückgabe von fünf Klimt-Gemälden, die nach „Arisierung" 1938 in die Österreichische Galerie Belvedere gelangten.
Kunstrückgabegesetz 1998 als Reaktion auf Washingtoner Konferenz: schafft systematische Rechtsgrundlage für Provenienzforschung und Restitution in Bundesmuseen.
Schiedsgerichts­urteil 16.1.2006: Republik muss „Adele Bloch-Bauer I" („Goldene Adele") und vier weitere Klimt-Gemälde an Familie Altmann restituieren.
Verkauf 2006: „Goldene Adele" geht für 135 Mio. USD an Ronald Lauder (Neue Galerie New York); zeitweise teuerstes Gemälde der Welt.
Folgegesetze: Novelle 2009 erweitert Restitutionsanspruch; jährlicher Restitutionsbericht des BMKÖS.
Gerade-Linie-Effekt: Diskussion um „bedingte Schenkungen" (Vorbedingung Exportgenehmigung) als verdeckte Enteignung — auch in anderen Sammlungen (Leopold-Stiftung).
Geschichtskulturelle Wirkung: Film „Die Frau in Gold" (2015) macht den Fall global bekannt; Bewusstsein für „Arisierung" wird massengesellschaftlich.
Musterbeispiel

Analysieren: der Klimt-Adele-Restitutionsfall (1998–2006)

Analysieren Sie den Klimt-Adele-Fall als geschichtskulturelles und rechtspolitisches Ereignis. Welche Rolle spielen das Kunstrückgabegesetz 1998 und die Provenienzforschung?

  1. 01Vorgeschichte

    Die Klimt-Gemälde gelangten nach der „Arisierung" 1938 in die Österreichische Galerie Belvedere; Erbin Maria Altmann klagt ab 1998 auf Rückgabe.

  2. 02Rechtsgrundlage

    Als Reaktion auf die Washingtoner Konferenz schafft das Kunstrückgabegesetz 1998 eine systematische Grundlage für Provenienzforschung und Restitution in Bundesmuseen.

  3. 03Wende 2006

    Ein Schiedsspruch verpflichtet 2006 die Republik zur Rückgabe der „Goldenen Adele" und vier weiterer Klimt-Werke an die Familie Altmann.

  4. 04Wirkung

    Der Verkauf der „Goldenen Adele" (an die Neue Galerie New York) und der Film „Die Frau in Gold" (2015) machen den Fall global bekannt — „Arisierung" wird massengesellschaftlich bewusst.

  5. 05Deuten

    Restitution ist nicht nur Rechtsfrage, sondern Erinnerungspolitik mit Rechtsmitteln; Provenienzforschung ist eine Daueraufgabe (Novelle 2009, jährlicher Bericht).

Ergebnis: Eine starke Analyse verbindet die Fallgeschichte (Arisierung → Klage → Schiedsspruch 2006), das Kunstrückgabegesetz 1998 und die geschichtskulturelle Wirkung — Restitution als Erinnerungspolitik, nicht bloß Rechtsstreit.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank10 Punkte

Aufgabenstellung

Diskutieren Sie die Restitution geraubten Kunstgutes am Beispiel des Klimt-Adele-Falls. Welche Bedeutung haben das Kunstrückgabegesetz 1998 und die Provenienzforschung für die österreichische Erinnerungskultur?

Maturafokus

  • Kunstrückgabegesetz 1998 als zentrale rechtliche Reform.
  • Klimt-Adele-Fall als geschichtskulturelles Schlüsselereignis.
  • Provenienzforschung als Daueraufgabe.

Typische Fehler

  • Restitution als „nur Rechtsfrage" sehen — sie ist Erinnerungspolitik.
  • Den Fall auf Maria Altmann als Einzelperson reduzieren.
  • Verkauf ins Ausland (USA) als „Verlust" beklagen, ohne die Vorgeschichte zu nennen.

Aktive Wiederholung

Analysiere den Klimt-Adele-Restitutionsfall (1998–2006) als geschichtskulturelles und rechtspolitisches Ereignis. Welche Rolle spielen das Kunstrückgabegesetz 1998 und die Provenienzforschung?

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Kommission für Provenienzforschung — Klimt-Werke (BMKÖS Kommission für Provenienzforschung)

§ 05

Grundlagen: Was ist Geschichtskultur und Erinnerungskultur?#

●○○BasisLPGSK-GK-12.1LPGSK-Ori-1.1

Österreichische Erinnerungsorte und Gedenkdaten

Republik 1918 / 1945 / 1955 / 1995 Mauthausen KZ-Gedenkstätte (5.5.) Heldenplatz 15.3.1938 / 23.1.1993 Belvedere Staatsvertrag 15.5.1955 Hrdlicka-Mahnmal Albertinaplatz Hofburg / Volksgarten Republikdenkmal 1928 Wehrmachtsausstellung 1995 Wien — Tabubruch
Abb. 5Geschichtskulturelle Knotenpunkte: Mauthausen, Heldenplatz, Hofburg, Belvedere, Wehrmachtsausstellung.

Kernpunkte

Geschichtskultur bezeichnet die Gesamtheit der Formen, in denen eine Gesellschaft mit Vergangenheit umgeht: Museen, Denkmäler, Gedenktage, Filme, Schulbücher, Politikreden, Computerspiele.
Jörn Rüsen unterscheidet drei Dimensionen: kognitiv (Wissen), ästhetisch (Darstellung) und politisch (Legitimation/Identität).
Erinnerungskultur ist der Teil der Geschichtskultur, der sich auf das kollektive Gedächtnis (Jan und Aleida Assmann) bezieht — kommunikatives (gelebtes) vs. kulturelles (institutionalisiertes) Gedächtnis.
Geschichtskultur ist nie neutral: Sie wählt aus, gewichtet und dient Interessen — Geschichtspolitik nutzt Geschichte zur Legitimation von Gegenwartszielen.
Aufgabe der historischen Bildung ist die reflektierte Teilnahme an der Geschichtskultur: ihre Produkte analysieren, statt sie nur zu konsumieren.
Musterbeispiel

Einen Geschichtsmythos dekonstruieren: die „Opferthese"

Dekonstruiere die österreichische „Opferthese" als Geschichtsmythos und beschreibe ihre Funktion und ihren Wandel.

  1. 01Mythos benennen

    Die „Opferthese" deutet Österreich als „erstes Opfer" des Nationalsozialismus und blendet die breite Beteiligung und Mittäterschaft österreichischer Personen aus.

  2. 02Entstehung und Bezugspunkt

    Bezugspunkt ist die Moskauer Deklaration 1943 (Opferstatus), deren Mitverantwortungsklausel jedoch verschwiegen wurde. Nach 1945 diente der Mythos der nationalen Identitätsstiftung und der Abwehr von Reparations- und Aufarbeitungsforderungen.

  3. 03Funktion analysieren

    Der Mythos entlastete: Er ermöglichte Wiederaufbau und Konsens, verhinderte aber Jahrzehnte lang die kritische Auseinandersetzung mit Täterschaft und die Restitution.

  4. 04Wandel und Auflösung beurteilen

    Die Waldheim-Affaere 1986, das Bedenkjahr 1988 und das Vranitzky-Bekenntnis 1991 brechen den Mythos auf. An seine Stelle tritt eine Erinnerungskultur, die Mitverantwortung anerkennt — auch wenn der Mythos in Teilen der Bevölkerung fortwirkt.

Ergebnis: Die „Opferthese" ist ein identitätsstiftender Geschichtsmythos, der nach 1945 entlastete und Aufarbeitung verhinderte; seit 1986/88/91 wird er offiziell durch die Anerkennung der Mitverantwortung abgelöst — ein Lehrstück für die Funktion und Veränderbarkeit von Geschichtsmythen.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Geschichtskultur ist, wie eine Gesellschaft mit Vergangenheit umgeht — in Museen, Filmen, Denkmälern und Reden.

  2. 2

    Erinnerungskultur ist ein Teil davon: das kollektive Gedächtnis nach Assmann.

  3. 3

    Geschichtskultur ist nie neutral — analysiere ihre Produkte, statt sie nur zu konsumieren.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank8 Punkte

Aufgabenstellung

Erklären Sie die Begriffe Geschichtskultur, Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, grenzen Sie sie voneinander ab und wenden Sie die drei Dimensionen nach Rüsen auf ein Beispiel an.

Maturafokus

  • Mit dem Operator „erklären" Geschichtskultur, Erinnerungskultur und Geschichtspolitik klar voneinander abgrenzen.
  • Die drei Dimensionen nach Rüsen an einem Beispiel anwenden.
  • Geschichtskultur als interessengeleitet (nicht neutral) kennzeichnen.

Typische Fehler

  • Geschichtskultur wird mit „wahrer Geschichte" verwechselt.
  • Erinnerungs- und Geschichtskultur werden synonym verwendet, obwohl die eine ein Teil der anderen ist.
  • Die politische Funktion (Legitimation) wird übersehen.

Aktive Wiederholung

Erkläre die Begriffe Geschichtskultur, Erinnerungskultur und Geschichtspolitik und grenze sie voneinander ab. Wende die drei Dimensionen nach Rüsen auf ein Beispiel an.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Demokratiezentrum Wien — Geschichtskultur, Gedächtnis (Demokratiezentrum Wien)

§ 06

Geschichtspolitik und aktuelle Erinnerungsdebatten#

●●●VertiefungLPGSK-GK-12.3LPGSK-Met-1.4

Österreichische Erinnerungsorte und Gedenkdaten

Republik 1918 / 1945 / 1955 / 1995 Mauthausen KZ-Gedenkstätte (5.5.) Heldenplatz 15.3.1938 / 23.1.1993 Belvedere Staatsvertrag 15.5.1955 Hrdlicka-Mahnmal Albertinaplatz Hofburg / Volksgarten Republikdenkmal 1928 Wehrmachtsausstellung 1995 Wien — Tabubruch
Abb. 6Geschichtskulturelle Knotenpunkte: Mauthausen, Heldenplatz, Hofburg, Belvedere, Wehrmachtsausstellung.

Kernpunkte

Geschichtspolitik ist der bewusste Einsatz von Geschichte zur Legitimation politischer Ziele und zur Stiftung von Identität (z. B. Nationalfeiertag, Gedenkjahre, Strassennamen-Debatten).
Erinnerungsdebatten verschieben sich: von der NS-Aufarbeitung hin zu Fragen kolonialer Vergangenheit, Migration und „multidirektionaler Erinnerung" (Rothberg).
In Österreich prägen Debatten um belastete Strassennamen, Denkmäler (z. B. Lueger-Denkmal Wien) und die Aufarbeitung von Unrecht (Heimkinder, Verbrechen an Roma und Sinti) die Gegenwart.
Digitale Geschichtskultur (Social Media, Computerspiele, „Living History") erreicht neue Zielgruppen, birgt aber Risiken (Verkürzung, Geschichtsfälschung, Instrumentalisierung).
Methodisch wichtig: Geschichtspolitik analysieren heisst, Akteure, Interessen, Mittel und Wirkung zu unterscheiden — und Kontroversität zuzulassen.
Musterbeispiel

Beurteilen: eine Erinnerungsdebatte (das Lueger-Denkmal in Wien)

Beurteilen Sie die Debatte um ein belastetes Denkmal am Beispiel des Lueger-Denkmals. Unterscheiden Sie Akteure, Interessen, Mittel und Wirkung der Geschichtspolitik.

  1. 01Sachverhalt klären

    Karl Lueger (Wiener Bürgermeister 1897–1910) war als Reformer wirkmächtig, aber ein offener Antisemit; sein Denkmal am Dr.-Karl-Lueger-Platz steht deshalb in der Kritik.

  2. 02Akteure und Interessen

    Beteiligt sind Stadtpolitik, Aktivist:innen, Historiker:innen und Anrainer:innen mit unterschiedlichen Zielen (Erinnern, Mahnen, Tradition, Tourismus).

  3. 03Optionen abwägen

    Diskutiert werden Abriss, Umbenennung und künstlerische Kontextualisierung; 2023 fiel die Entscheidung für eine künstlerische Schräglage des Denkmals als Kontextualisierung statt eines Abrisses.

  4. 04Mittel und Wirkung

    Die Kontextualisierung „kommentiert" das Denkmal sichtbar, statt die Vergangenheit zu tilgen — sie macht die Auseinandersetzung selbst zum Erinnerungsakt.

  5. 05Urteil

    Methodisch trägt eine Lösung, die Multiperspektivität und Kontroversität zulässt: nicht moralisieren, sondern Akteure, Interessen und Wirkung transparent machen.

Ergebnis: Eine starke Beurteilung analysiert die Denkmaldebatte als Geschichtspolitik (Akteure, Interessen, Mittel, Wirkung) und wägt Abriss, Umbenennung und Kontextualisierung ab — statt vorschnell zu moralisieren.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Geschichtspolitik setzt Geschichte bewusst zur Legitimation und Identitätsstiftung ein.

  2. 2

    Aktuelle Debatten reichen von NS-Aufarbeitung bis zu kolonialer Vergangenheit und Migration.

  3. 3

    Digitale Geschichtskultur erreicht neue Zielgruppen — mit Chancen und Risiken.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank8 Punkte

Aufgabenstellung

Beurteilen Sie eine aktuelle Erinnerungsdebatte (z. B. um ein belastetes Denkmal oder einen Straßennamen) und unterscheiden Sie Akteure, Interessen, Mittel und Wirkung der Geschichtspolitik.

Maturafokus

  • Mit dem Operator „beurteilen" eine aktuelle Erinnerungsdebatte (z. B. belastete Denkmäler) abwägend bewerten.
  • Akteure, Interessen und Mittel der Geschichtspolitik unterscheiden.
  • Chancen und Risiken digitaler Geschichtskultur differenziert darstellen.

Typische Fehler

  • Geschichtspolitik wird als „Missbrauch" pauschal abgewertet, statt als analysierbares Phänomen behandelt.
  • Aktuelle Debatten werden moralisiert statt methodisch (Multiperspektivität, Kontroversität) analysiert.
  • Digitale Geschichtskultur wird nur als Gefahr oder nur als Chance gesehen.

Aktive Wiederholung

Beurteile eine aktuelle Erinnerungsdebatte (z. B. um ein belastetes Denkmal oder einen Strassennamen). Unterscheide Akteure, Interessen, Mittel und Wirkung der Geschichtspolitik.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Demokratiezentrum Wien — Geschichtspolitik, Erinnerungsdebatten (Demokratiezentrum Wien)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Erinnerungsorte: Mauthausen, Heldenplatz, Hofburg, Belvedere◐
    • 02Wehrmachtsausstellung 1995, „Lebenslüge"-Diskurs, Restitution●
    • 03Public History, Mauerfall, „Geschichte" in Medien und Politik◐
    • 04Restitution: Klimts „Goldene Adele" und Kunstrückgabegesetz●
    • 05Grundlagen: Was ist Geschichtskultur und Erinnerungskultur?○
    • 06Geschichtspolitik und aktuelle Erinnerungsdebatten●

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GSK 12 — Geschichtskultur, Erinnerung, Public History

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Beispielfrage

Analysieren Sie die KZ-Gedenkstätte Mauthausen als zentralen Erinnerungsort. Wie veränderte sich die Deutungspraxis von 1949 bis heute?

10 BE · 2024

Zur Fragenbank

Belege & Quellen

Quellen

BMI Mauthausen Memorial

  • Mauthausen Memorial

DÖW

  • DÖW — Erinnerungsorte

Demokratiezentrum Wien

  • Demokratiezentrum Wien — Public History

BMKÖS Kommission für Provenienzforschung

  • Kommission für Provenienzforschung — Klimt-Werke

Vorheriges Thema

GSK 11 — Politische Bildung und Sozialkunde: Demokratie, Verfassung, EU, Sozialstaat, Menschenrechte

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