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Notizen/Geografie und Wirtschaftskunde/GW 10 — Entwicklungsländer, HDI, Theorien, Mikrofinanz, Fair Trade
Notizen · Geografie und WirtschaftskundeAT · Matura

GW 10 — Entwicklungsländer, HDI, Theorien, Mikrofinanz, Fair Trade

Konzepte von Entwicklung, Klassifikation (LDC, MDC), HDI/IHDI, Lorenzkurve und Gini, Entwicklungstheorien (Modernisierung, Dependenz, Postkolonial), Mikrofinanz, Fair Trade, Agenda 2030 (SDGs).

6 Abschnitte·~17 Min Lesezeit·2 Kompetenzen·Niveau Basis 1 · Standard 3 · Vertiefung 2·Stand 06/2026

T·101010 / 12
Prüfungsprofil
GW-Ent-1 · Entwicklungsbegriff reflektierenGW-Ent-2 · Theorien und Strategien
Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

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Schriftgröße: Standard

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. GW 10 — Entwicklungsländer, HDI, Theorien, Mikrofinanz, Fair Trade
    • 01HDI, Gini, Lorenzkurve, IHDI◐
    • 02Entwicklungstheorien: Modernisierung vs. Dependenz●
    • 03Mikrofinanz, Fair Trade, EZA, Agenda 2030◐
    • 04Ungleichheit messen: Lorenzkurve und Gini in der Praxis◐
    • 05Welthandel, Rohstoffabhängigkeit und Terms of Trade●
    • 06Bevölkerungsdynamik und Ernährungssicherung im Globalen Süden○
§ 01

HDI, Gini, Lorenzkurve, IHDI#

●●○StandardLPGW-Ent-10.1

Kernpunkte

Wohlstand ist mehr als Einkommen — das ist die Grundidee des Human Development Index (HDI, UNDP seit 1990). Er fasst drei Dimensionen zusammen: ein langes Leben (Lebenserwartung), Wissen (Bildung) und einen angemessenen Lebensstandard (Bruttonationaleinkommen pro Kopf), und zwar als geometrisches Mittel der drei normierten Teilindizes (, siehe Beispiel).

HDI-Klassen nach Weltregion

HDI-Klassen nach WeltregionTabelle mit 3 Spalten und 4 Zeilen, Daten: HDI-Klasse · Wert · Beispiele; sehr hoch · ≥ 0,80 · NA, EU, JP; AT 0,926; hoch · 0,70–0,79 · China, Brasilien, Mexiko; mittel · 0,55–0,69 · Indien, Pakistan, Kenia; niedrig · < 0,55 · Sub-Sahara; Niger 0,394, hervorgehobene Zelle: sehr hochHDI-KLASSEWERTBEISPIELEsehr hoch≥ 0,80NA, EU, JP; AT 0,926hoch0,70–0,79China, Brasilien, Mexikomittel0,55–0,69Indien, Pakistan, Kenianiedrig< 0,55Sub-Sahara; Niger 0,394
Abb. 1Sehr hoch (Westen, OECD), hoch (Lateinamerika, China), mittel (Südasien), niedrig (Sub-Sahara).
Der HDI liegt zwischen 0 und 1 und wird in vier Klassen eingeteilt: sehr hoch (über 0,80), hoch (0,70 bis 0,79), mittel (0,55 bis 0,69) und niedrig (darunter). Österreich erreicht 2022 einen Wert von 0,926 (Rang 22 weltweit); an der Spitze liegt die Schweiz mit 0,967.
Der HDI sagt aber nichts über die Verteilung. Der ungleichheitsbereinigte IHDI korrigiert ihn um die Ungleichheit innerhalb des Landes und fällt entsprechend niedriger aus (AT 2022: 0,859). Die Differenz zwischen HDI und IHDI ist ein Maß dafür, wie ungleich Entwicklung verteilt ist.
Direkt misst die Verteilung der Gini-Koeffizient: 0 bedeutet vollkommene Gleichheit, 1 maximale Ungleichheit (er wird als Dezimalzahl, nicht in Prozent angegeben). Österreichs Einkommens-Gini liegt bei rund 0,27 (relativ gleich), die USA bei 0,41, Brasilien bei 0,52 — ein klarer internationaler Unterschied.
Veranschaulicht wird der Gini durch die Lorenzkurve, die den kumulierten Einkommensanteil gegen den kumulierten Bevölkerungsanteil aufträgt (siehe Folgeabschnitt). Je stärker sie von der Diagonale abweicht, desto ungleicher die Verteilung — der Gini ist genau diese Abweichung, ausgedrückt in einer Zahl.
Kein einzelner Index erfasst Entwicklung vollständig, daher gibt es ergänzende Maße: den Multidimensional Poverty Index (MPI), den Better Life Index der OECD und das Bruttonationalglück Bhutans. Jeder setzt andere Schwerpunkte — Wohlstand ist eben vieldimensional.
Schließlich teilt man Länder grob ein: am wenigsten entwickelte Länder (LDC, eine UN-Liste mit rund 44 Staaten), entwickelte Länder (MDC) und die aufstrebenden Schwellenländer (Newly Industrialized Countries). Diese Kategorien sind grob, helfen aber, globale Disparitäten zu ordnen.
HDI=LEI⋅EI⋅II3HDI = \sqrt[3]{LEI \cdot EI \cdot II}HDI=3LEI⋅EI⋅II​

Human Development Index (UNDP)

Geometrisches Mittel aus Lebenserwartungs-, Bildungs- und Einkommensindex.

G=1−2∫01L(x) dxG = 1 - 2 \int_{0}^{1} L(x)\, dxG=1−2∫01​L(x)dx

Gini-Koeffizient (Lorenz-Kurve)

G = 0 vollkommene Gleichheit, G = 1 maximale Ungleichheit.

Musterbeispiel

Einen HDI-Teilindex berechnen

Die Lebenserwartung eines Landes beträgt 75 Jahre. Der HDI normiert sie zwischen 20 (Minimum) und 85 Jahren (Maximum). Wie hoch ist der Lebenserwartungs-Index?

  1. 01Normierungsformel

    Index = (Istwert minus Minimum) durch (Maximum minus Minimum).

  2. 02Einsetzen

    Werte einsetzen und kürzen.

    75−2085−20=5565≈0,85\dfrac{75 - 20}{85 - 20} = \dfrac{55}{65} \approx 0{,}8585−2075−20​=6555​≈0,85
  3. 03Deutung

    Der Lebenserwartungs-Index liegt bei rund 0,85; analog werden Bildungs- und Einkommensindex gebildet und geometrisch gemittelt.

Ergebnis: Lebenserwartungs-Index rund 0,85 — die drei Teilindizes ergeben über das geometrische Mittel den HDI.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank10 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutern Sie den HDI als Wohlstandsmass. Vergleichen Sie ihn mit BIP/Kopf und Gini-Koeffizient.

Maturafokus

  • HDI-Formel (geom. Mittel).
  • AT-HDI-Rang (22).
  • Gini-Koeffizient interpretieren.

Typische Fehler

  • HDI mit BIP/Kopf gleichsetzen.
  • Gini-Koeffizient als Prozentwert ausgeben.
  • IHDI als "anderer Index" sehen — er ist HDI minus Ungleichheit.

Aktive Wiederholung

Berechne den Gini-Koeffizienten anhand einer einfachen Verteilung. Vergleiche AT, USA, BR.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: UNDP Human Development Reports (UNDP) · World Bank Data Gini Index (World Bank)

§ 02

Entwicklungstheorien: Modernisierung vs. Dependenz#

●●●VertiefungLPGW-Ent-10.2

Kernpunkte

Warum sind manche Länder reich und andere arm? Darauf geben Entwicklungstheorien unterschiedliche Antworten (). Die klassische Modernisierungstheorie (Rostow 1960) sieht Entwicklung als linearen Aufstieg durch fünf Stadien: traditionelle Gesellschaft, Vorbedingungen, Take-off, Reife und Massenkonsum — mit Nordamerika als Vorbild.

Entwicklungstheorien im Vergleich

Entwicklungstheorien im VergleichTabelle mit 3 Spalten und 4 Zeilen, Daten: Theorie · Kernidee · Kritik; Modernisierung · lineare Stadien (Rostow) · eurozentrisch; Dependenz · Zentrum und Peripherie · wenig Auswege; Capability (Sen) · Freiheiten erweitern · schwer messbar; Nachhaltigkeit · Generationengerechtigkeit · ZielkonflikteTHEORIEKERNIDEEKRITIKModernisierunglineare Stadien (Rostow)eurozentrischDependenzZentrum und Peripheriewenig AuswegeCapability (Sen)Freiheiten erweiternschwer messbarNachhaltigkeitGenerationengerechtigkeitZielkonflikte
Abb. 2Vier Sichtweisen darauf, warum Länder sich unterschiedlich entwickeln.
Die Kritik daran ist scharf: Das Modell ist linear (als müsse jedes Land denselben Weg gehen), eurozentrisch (der Westen als Maßstab) und blendet die Kolonialgeschichte aus. Entwicklung wäre demnach nur eine Frage der Zeit — was die strukturellen Hürden ignoriert.
Die Dependenztheorie (Prebisch, Frank, 1960er) dreht die Perspektive um: Entwicklungsländer sind nicht „rückständig", sondern durch ihre Einbindung in den Weltmarkt strukturell vom „Zentrum" abhängig gehalten. Weil sich die Terms of Trade für Rohstoffe verschlechtern, bleibt die Peripherie systematisch benachteiligt.
Aus dieser Diagnose folgen andere Rezepte: importsubstituierende Industrialisierung (ISI) — eigene Industrie statt Importe — oder ein teilweises Abkoppeln vom Welthandel (Disengagement). In der Praxis stießen beide an Grenzen, doch die Analyse der Abhängigkeit blieb einflussreich.
Die postkolonialen Studien (Said 1978, Spivak) fragen nach Wissens- und Diskursmacht: „Entwicklung" sei selbst ein Konstrukt der Geberländer, das die Weltsicht des Nordens fortschreibt. Damit rückt die Frage in den Blick, wer überhaupt definiert, was als „entwickelt" gilt.
Einen menschenzentrierten Gegenentwurf bietet der Capability Approach (Sen, Nussbaum): Entwicklung heißt Erweiterung realer Freiheiten und Fähigkeiten, nicht bloß Einkommen — genau die Idee hinter dem HDI. Die Brundtland-Definition (1987) ergänzt die Zeitdimension: Entwicklung soll die Bedürfnisse der Gegenwart decken, ohne die künftiger Generationen zu gefährden.
Die Agenda 2030 der UN (2015) bündelt diese Einsichten in 17 nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) mit 169 Targets — und sie gilt universell, also auch für reiche Länder wie Österreich. Keine einzelne Theorie erklärt alles; in der Reifeprüfung kombiniert man sie (siehe Beispiel).
Musterbeispiel

Zwei Theorien auf einen Fall anwenden

Ein Land Subsahara-Afrikas exportiert fast nur Rohkakao und bleibt trotz Wachstum arm. Wie erklären Modernisierungs- und Dependenztheorie diesen Befund?

  1. 01Modernisierungssicht

    Das Land stecke noch in einer frühen Phase vor dem Take-off; mit Bildung, Kapital und Institutionen hole es auf — der Rückstand sei vorübergehend.

  2. 02Dependenzsicht

    Das Land sei strukturell als Rohstofflieferant in den Weltmarkt eingebunden; sinkende Terms of Trade halten es in der Peripherie — der Rückstand sei systembedingt.

  3. 03Synthese

    Beide Linsen ergänzen sich: Die Modernisierungssicht zeigt Stellschrauben (Bildung, Verarbeitung), die Dependenzsicht die strukturellen Hürden (Wertschöpfungstreppe, Welthandelsregeln).

Ergebnis: Modernisierung erklärt aufholbare Defizite, Dependenz die strukturelle Abhängigkeit — erst zusammen ergibt sich ein vollständiges Bild.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank10 Punkte

Aufgabenstellung

Vergleichen Sie Modernisierungs- und Dependenztheorie und diskutieren Sie ihren Erklärungswert für aktuelle Entwicklungsdefizite.

Maturafokus

  • Rostow 5 Stadien.
  • Dependenztheorie Kernidee.
  • Sen/Brundtland/SDGs.

Typische Fehler

  • Modernisierungstheorie als "veraltet aber falsch" abtun — sie war prägend.
  • Dependenztheorie mit Marxismus gleichsetzen.
  • SDGs nur als Entwicklungsländer-Programm sehen.

Aktive Wiederholung

Vergleiche Modernisierungs- und Dependenztheorie. Wie helfen sie, die Lage Sub-Sahara-Afrikas zu erklären?

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: UN Sustainable Development Goals (United Nations)

§ 03

Mikrofinanz, Fair Trade, EZA, Agenda 2030#

●●○StandardLPGW-Ent-10.3

Kernpunkte

Entwicklungspolitik kennt viele Instrumente, von der Selbsthilfe bis zur staatlichen Zusammenarbeit. Die Mikrofinanz setzt ganz unten an: Mikrokredite (Muhammad Yunus, Grameen Bank, Friedensnobelpreis 2006), Mikroversicherung und Mikrosparen geben armen Menschen ohne Sicherheiten Zugang zu Kapital. Kritisch sind hohe Zinsen und mögliche Verschuldungsspiralen.
Der faire Handel (Fair Trade) korrigiert Marktbedingungen direkt: garantierte Mindestpreise, eine Prämie für Gemeinschaftsprojekte und langfristige Verträge — vor allem bei Kaffee, Kakao, Bananen und Baumwolle (Siegel FAIRTRADE). Er ist nicht dasselbe wie „Bio", sondern zielt auf gerechte Erlöse für die Produzenten.
Auf staatlicher Ebene leistet die Entwicklungszusammenarbeit (EZA), in Österreich über die Austrian Development Agency (ADA) im Außenministerium. Gemessen wird sie an der ODA-Quote (öffentliche Entwicklungsleistung in % des BNE): Österreich liegt 2023 bei rund 0,38 % und damit deutlich unter dem UN-Ziel von 0,7 % (, siehe Beispiel).

ODA-Quote ausgewählter Länder 2023 (% des BNE)

ODA-Quote 2023 (% des BNE)Säulendiagramm: ODA (% des BNE) nach Land, Daten: AT: 0.38; DE: 0.79; Schweden: 0.9; UN-Ziel: 0.700.10.20.30.40.50.60.70.80.9ATDESchwedenUN-Ziel0.380.790.90.7ODA (% des BNE)Land
Abb. 3Öffentliche Entwicklungsleistung im Verhältnis zum BNE; UN-Ziel 0,7 %. Quelle: OECD DAC.
Hilfe kann verschiedene Formen annehmen: Soforthilfe bei Katastrophen (etwa über das Welternährungsprogramm WFP), Strukturhilfe für Bildung und Gesundheit oder Budgethilfe direkt an Partnerregierungen. Jede Form hat Stärken und Risiken — Soforthilfe rettet, schafft aber keine Strukturen; Budgethilfe stärkt die Eigenverantwortung, setzt aber funktionierende Institutionen voraus.
Den Rahmen setzt die Agenda 2030 mit ihren 17 SDGs — von der Beseitigung von Armut (1) und Hunger (2) über Bildung (4) und Gleichstellung (5) bis zu Klimaschutz (13) und Partnerschaften (17). Wichtig: Die SDGs gelten universell; auch Österreich berichtet jährlich über seinen Fortschritt (auf Kurs in mehreren, im Rückstand unter anderem bei Konsum und Klima).
Oft unterschätzt wird die Rolle der Migration: Die Rücküberweisungen von Migrantinnen und Migranten (Remittances) in Entwicklungs- und Schwellenländer beliefen sich 2023 auf rund 650 Mrd. USD — mehr als die gesamte staatliche Entwicklungshilfe. Migration ist damit selbst ein bedeutender Entwicklungsfaktor.
Schließlich verbindet sich Entwicklung zunehmend mit Klimagerechtigkeit: Die Industrieländer sagten 100 Mrd. USD pro Jahr für den Globalen Süden zu (Paris), und die COP28 (2023) beschloss einen Fonds für Schäden und Verluste (Loss and Damage). Wer wenig zur Erderwärmung beigetragen hat, soll bei ihren Folgen unterstützt werden.
Musterbeispiel

ODA-Quote berechnen

Österreich leistet rund 1,9 Mrd. EUR öffentliche Entwicklungshilfe bei einem BNE von rund 500 Mrd. EUR. Wie hoch ist die ODA-Quote, und wie verhält sie sich zum UN-Ziel?

  1. 01Quote bilden

    ODA durch BNE mal 100.

    1,9500⋅100≈0,38 %\dfrac{1{,}9}{500} \cdot 100 \approx 0{,}38\,\%5001,9​⋅100≈0,38%
  2. 02Mit UN-Ziel vergleichen

    0,38 % liegt deutlich unter dem UN-Ziel von 0,7 % des BNE.

  3. 03Deutung

    Um das Ziel zu erreichen, müsste Österreich seine ODA fast verdoppeln (auf rund 3,5 Mrd. EUR).

Ergebnis: Die ODA-Quote beträgt rund 0,38 % — etwa die Hälfte des UN-Ziels von 0,7 %.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank10 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutern Sie den Mikrofinanz-Ansatz und diskutieren Sie Chancen und Risiken am Beispiel der Grameen Bank.

Maturafokus

  • Yunus / Mikrofinanz Grundidee.
  • ODA-Quote AT.
  • SDGs als Universalziel.

Typische Fehler

  • Fair Trade als bloe "Bio" sehen.
  • ODA-Quote als BIP-Quote angeben (ist BNE).
  • SDGs nur für Entwicklungsländer sehen.

Aktive Wiederholung

Analysiere ein Beispiel der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (ADA). Wie passt es in die SDGs?

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: ADA Austrian Development Agency (ADA) · Fairtrade Austria (Fairtrade Austria)

§ 04

Ungleichheit messen: Lorenzkurve und Gini in der Praxis#

●●○StandardLPGW-Ent-10.1

Kernpunkte

Wie misst man Ungleichheit? Das grundlegende Werkzeug ist die Lorenzkurve (): Man ordnet die Bevölkerung nach Einkommen und trägt den kumulierten Einkommensanteil gegen den kumulierten Bevölkerungsanteil auf.

Lorenzkurve und Gini-Koeffizient

Lorenzkurve und GiniSchaubild von Gleichverteilung, Nullstellen bei x = 0, y-Achsenabschnitt bei y = 0, steigend, im Bereich x von 0 bis 1, Schaubild von Lorenzkurve, Nullstellen bei x = 0, y-Achsenabschnitt bei y = 0, steigend, im Bereich x von 0 bis 10.20.40.60.810.20.40.60.81GleichverteilungLorenzkurveEinkommensanteilBevölkerungsanteil
Abb. 4Je weiter sich die Lorenzkurve von der Gleichverteilungsdiagonale entfernt, desto höher der Gini.
Die Diagonale (45-Grad-Linie) steht für vollkommene Gleichverteilung — die unteren 50 % der Bevölkerung hätten dann genau 50 % des Einkommens. Je weiter sich die tatsächliche Lorenzkurve nach unten von der Diagonale wölbt, desto ungleicher ist die Verteilung.
Den Abstand fasst der Gini-Koeffizient in einer Zahl: G=A/(A+B)G = A/(A+B)G=A/(A+B), die Fläche A zwischen Diagonale und Lorenzkurve geteilt durch die gesamte Dreiecksfläche (A+B=0,5A + B = 0{,}5A+B=0,5). Er reicht von 0 (alle gleich) bis 1 (eine Person besitzt alles) und wird als Dezimalzahl angegeben (siehe Beispiel).
Entscheidend ist, welches Einkommen man betrachtet: Vor Steuern und Transfers (Markteinkommen) ist der Gini deutlich höher als danach (verfügbares Einkommen). Genau diese Differenz ist die Umverteilungswirkung des Sozialstaats — in Österreich ein erheblicher Effekt.
Ein häufiger Trugschluss: Österreich hat einen niedrigen Einkommens-Gini (rund 0,27), aber einen sehr hohen Vermögens-Gini (rund 0,73). Vermögen ist also weit ungleicher verteilt als Einkommen — von einem gleichen Einkommen darf man nicht auf gleiches Vermögen schließen.
Der Gini hat Grenzen: Er ist mittelsensitiv (reagiert stark auf Veränderungen in der Mitte) und verbirgt, wo in der Verteilung die Ungleichheit sitzt — zwei sehr verschiedene Verteilungen können denselben Gini haben.
Deshalb nutzt man ergänzende Maße: die 80/20-Quote (Einkommen der obersten gegenüber der untersten 20 %, siehe Beispiel), die Palma-Ratio (oberste 10 % zu untersten 40 %) und die Armutsgefährdungsquote. Erst mehrere Kennzahlen zusammen zeichnen ein faires Bild.
G=1−2∫01L(x) dxG = 1 - 2 \int_{0}^{1} L(x)\, dxG=1−2∫01​L(x)dx

Gini-Koeffizient (Lorenz-Kurve)

G = 0 vollkommene Gleichheit, G = 1 maximale Ungleichheit.

Musterbeispiel

Gini-Koeffizient aus zwei Bevölkerungshälften

Die ärmere Hälfte der Bevölkerung bezieht 30 %, die reichere Hälfte 70 % des Gesamteinkommens. Bestimme den Gini-Koeffizienten.

  1. 01Lorenzpunkte

    Punkte der Lorenzkurve: (0; 0), (0,5; 0,3), (1; 1).

  2. 02Fläche unter der Lorenzkurve

    Trapez 1: 0,5 . (0 + 0,3)/2 = 0,075. Trapez 2: 0,5 . (0,3 + 1)/2 = 0,325. Summe = 0,40.

    F=0,075+0,325=0,40F = 0{,}075 + 0{,}325 = 0{,}40F=0,075+0,325=0,40
  3. 03Gini

    A = 0,5 - 0,40 = 0,10; G = A / 0,5 = 0,10 / 0,5 = 0,20.

    G=0,5−0,400,5=0,20G = \dfrac{0{,}5 - 0{,}40}{0{,}5} = 0{,}20G=0,50,5−0,40​=0,20

Ergebnis: Gini-Koeffizient 0,20 — eine vergleichsweise gleiche Verteilung.

Musterbeispiel

80/20-Quote

Die obersten 20 % verfügen über 38 % des Einkommens, die untersten 20 % über 9 %. Berechne die 80/20-Quote.

  1. 01Quotenbildung

    S80/S20 = 38 / 9 = 4,22.

    389≈4,22\dfrac{38}{9} \approx 4{,}22938​≈4,22
  2. 02Deutung

    Die einkommensstärksten 20 % verdienen rund das 4,2-Fache der einkommensschwächsten 20 % — ein für Westeuropa typischer, moderater Wert.

Ergebnis: 80/20-Quote ca. 4,2 — moderate Einkommensspreizung.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank9 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutern Sie Lorenzkurve und Gini-Koeffizient und berechnen Sie den Gini für eine Verteilung, in der die ärmere Hälfte 25 % und die reichere Hälfte 75 % des Einkommens bezieht.

Maturafokus

  • Eine Lorenzkurve aus gegebenen Quintilsdaten konstruieren (operator: konstruieren).
  • Den Gini-Koeffizienten aus einer einfachen Verteilung berechnen (operator: berechnen).
  • Den Unterschied zwischen Einkommens- und Vermögensungleichheit beurteilen (operator: beurteilen).

Typische Fehler

  • Den Gini-Koeffizienten als Prozentsatz statt als Dezimalzahl angeben.
  • Markt- und verfügbares Einkommen nicht trennen (Umverteilung übersehen).
  • Aus einem niedrigen Einkommens-Gini auf geringe Vermögensungleichheit schliessen.

Aktive Wiederholung

Berechnen Sie den Gini-Koeffizienten für eine Verteilung, in der die ärmere Hälfte 30 % und die reichere Hälfte 70 % des Einkommens bezieht, und interpretieren Sie das Ergebnis.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: OECD Income Inequality (OECD)

§ 05

Welthandel, Rohstoffabhängigkeit und Terms of Trade#

●●●VertiefungLPGW-Ent-10.2

Kernpunkte

Viele Länder des Globalen Südens hängen am Export weniger Rohstoffe und Agrargüter (Monokultur, Klumpenrisiko), während sie Fertigwaren importieren müssen. Diese einseitige Struktur macht sie verwundbar — fällt der Weltmarktpreis eines Rohstoffs, bricht die Exporteinnahme ein.
Wie günstig der Tausch ist, misst die Terms of Trade (ToT): der Exportpreisindex geteilt durch den Importpreisindex, mal 100. Sinkt der Wert unter 100, verschlechtert sich das reale Tauschverhältnis — für dieselbe Importmenge muss mehr exportiert werden (siehe Beispiel).
Die Prebisch-Singer-These erklärt, warum das systematisch passiert: Langfristig verschlechtern sich die Terms of Trade für Rohstoffe gegenüber Industriegütern, weil die Nachfrage nach Rohstoffen mit steigendem Wohlstand langsamer wächst. Rohstoffexporteure geraten so strukturell ins Hintertreffen.
Paradox ist der Ressourcenfluch (Resource Curse): Rohstoffreichtum führt nicht automatisch zu Wohlstand, sondern kann ihn behindern — über Korruption, eine Rentenökonomie (man lebt von der Rohstoffrente statt von Produktivität) und eine einseitige Wirtschaftsstruktur. Norwegen mit seinem Ölfonds zeigt, dass es auch anders geht.
Der Ausweg ist die Wertschöpfungstreppe: Roher Kakao bringt wenig ein, erst die Verarbeitung im Land (Kakao zu Schokolade) hebt die Wertschöpfung deutlich (). Wer nur Rohstoffe exportiert, überlässt den größten Teil des Wertes anderen.

Wertschöpfungstreppe

WertschöpfungstreppeNetzgraph, Rohstoff (Kakao) → Verarbeitung, Verarbeitung → SchokoladeRohstoff (Kakao)VerarbeitungSchokolade+ Wert+ Wert
Abb. 5Erst die Verarbeitung im Land hebt die Wertschöpfung — reiner Rohstoffexport bringt wenig.
Die Welthandelsordnung wirkt ambivalent: Die WTO-Liberalisierung und Präferenzabkommen (etwa „Everything but Arms" der EU für die ärmsten Länder) öffnen Märkte, doch Agrarsubventionen der reichen Länder verzerren die Preise und benachteiligen Produzenten im Süden.
Gegen die einseitige Abhängigkeit helfen Diversifizierung (mehrere Standbeine statt einer Monokultur), Entschuldung (HIPC-Initiative von IWF und Weltbank) und regionale Integration wie die afrikanische Freihandelszone AfCFTA (seit 2021), die den Handel zwischen den Ländern des Südens stärkt.
ToT=ExportpreisindexImportpreisindex⋅100\text{ToT} = \dfrac{\text{Exportpreisindex}}{\text{Importpreisindex}} \cdot 100ToT=ImportpreisindexExportpreisindex​⋅100

Terms of Trade

Musterbeispiel

Terms of Trade eines Rohstofflandes

Exportpreisindex 105 (Rohstoffe), Importpreisindex 120 (Fertigwaren), Basisjahr 100. Bestimme und deute die Terms of Trade.

  1. 01Formel anwenden

    ToT = 105 / 120 . 100 = 87,5.

    ToT=105120⋅100=87,5\text{ToT} = \dfrac{105}{120}\cdot 100 = 87{,}5ToT=120105​⋅100=87,5
  2. 02Vergleich zur Basis

    Der Wert 87,5 liegt unter 100 — das reale Tauschverhältnis hat sich um 12,5 % verschlechtert.

  3. 03Deutung

    Für dieselbe Importmenge muss das Land jetzt mehr Rohstoffe exportieren — bestätigt die Prebisch-Singer-These und verschärft die Abhängigkeit.

Ergebnis: ToT = 87,5: Verschlechterung um 12,5 %, typisch für rohstoffabhaengige Volkswirtschaften.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank9 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutern Sie die Terms of Trade und die Prebisch-Singer-These und berechnen Sie die ToT eines Landes (Exportpreisindex 96, Importpreisindex 110).

Maturafokus

  • Terms of Trade berechnen und interpretieren (operator: berechnen, interpretieren).
  • Die Prebisch-Singer-These an Rohstoffabhängigkeit anwenden (operator: anwenden).
  • Strategien gegen einseitige Rohstoffabhängigkeit beurteilen (operator: beurteilen).

Typische Fehler

  • Terms of Trade mit der Handelsbilanz verwechseln.
  • Rohstoffreichtum automatisch mit Wohlstand gleichsetzen (Resource Curse übersehen).
  • Wertschöpfung mit dem Exportvolumen gleichsetzen.

Aktive Wiederholung

Berechnen Sie die Terms of Trade eines Rohstofflandes (Exportpreisindex 105, Importpreisindex 120) und beurteilen Sie die Folgen für die Entwicklung.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: UNCTAD Trade and Development (UNCTAD)

§ 06

Bevölkerungsdynamik und Ernährungssicherung im Globalen Süden#

●○○BasisLPGW-Ent-10.1

Kernpunkte

Viele am wenigsten entwickelte Länder stecken noch in einer frühen Phase des demographischen Übergangs (Phase 2 oder 3): hohe Geburtenraten, eine junge Altersstruktur, rasches Bevölkerungswachstum. Das setzt Bildung, Arbeitsmarkt und Ernährung unter Druck (siehe Beispiel).
Diese junge Struktur birgt eine Chance — die demografische Dividende: Wenn der Anteil der Erwerbsfähigen wächst und die Abhängigenlast sinkt, kann eine Wirtschaft stark wachsen. Aber nur, wenn zugleich Bildung und Arbeitsplätze bereitstehen; sonst wird aus der Dividende ein Heer arbeitsloser Junger.
Ernährungssicherung ist mehr, als genug Nahrung anzubauen. Die FAO definiert sie über vier Dimensionen (): Verfügbarkeit (Produktion), Zugang (Kaufkraft, Infrastruktur), Verwendung (Gesundheit, sauberes Wasser) und Stabilität (über die Zeit). Hunger herrscht oft trotz globaler Überproduktion — er ist meist ein Verteilungs- und Zugangsproblem.

Vier Dimensionen der Ernährungssicherung

Vier Dimensionen der ErnährungssicherungBaumdiagramm, 4 Pfade, Daten: Verfügbarkeit; Zugang; Verwendung; StabilitätErnährungssicherungVerfügbarkeitZugangVerwendungStabilität
Abb. 6Ernährungssicherheit ist mehr als Produktion — sie hat vier Dimensionen (FAO).
Die Grüne Revolution steigerte ab den 1960er-Jahren mit Hochertragssorten, Bewässerung und Dünger die Erträge dramatisch (vor allem in Asien) und bewahrte Millionen vor dem Hunger. Doch sie erhöhte die Abhängigkeit von Saatgut- und Düngerkonzernen und belastete Böden und Wasser — Fortschritt mit Kehrseite.
Ein modernes Problem ist das Landgrabbing: Ausländische Investoren oder Staaten erwerben großflächig Agrarland im Globalen Süden, oft für den Export, und verdrängen lokale Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Was als Investition gilt, kann die Ernährungssicherung vor Ort untergraben.
Parallel wächst die Bevölkerung rasant in die Städte: Megastädte des Südens dehnen sich aus, Slums und der informelle Sektor prägen das Bild. Die Versorgung mit Wohnraum, Wasser und Arbeit hält mit dem Wachstum oft nicht Schritt.
Den nachhaltigsten Hebel bildet die Bildung, besonders von Mädchen und Frauen: Sie senkt die Geburtenrate verlässlicher als reine Verhütungsprogramme und stärkt die Wirtschaft. Verschärft wird alles durch den Klimawandel, der den Globalen Süden am härtesten trifft (Dürren, Ernteausfälle), obwohl er am wenigsten dazu beigetragen hat — die Kernfrage der Klimagerechtigkeit.
Musterbeispiel

Verdopplungszeit der Bevölkerung

Ein Land wächst jährlich um 3,5 %. In wie vielen Jahren verdoppelt sich die Bevölkerung näherungsweise (70er-Regel)?

  1. 0170er-Regel

    Verdopplungszeit ist näherungsweise 70 geteilt durch die Wachstumsrate in Prozent.

    t≈703,5=20 Jahret \approx \dfrac{70}{3{,}5} = 20\,\text{Jahre}t≈3,570​=20Jahre
  2. 02Einordnen

    Bei 3,5 % verdoppelt sich die Bevölkerung in rund 20 Jahren — ein enormes Tempo.

  3. 03Deutung

    Solch schnelles Wachstum erschwert es, Schulen, Jobs und Nahrung im gleichen Tempo bereitzustellen.

Ergebnis: Rund 20 Jahre bis zur Verdopplung — das zeigt die Dringlichkeit von Bildungs- und Beschäftigungsinvestitionen.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank9 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutern Sie den Zusammenhang von Bildung, Stellung der Frau und Geburtenrate und beurteilen Sie die vier Dimensionen der Ernährungssicherung.

Maturafokus

  • Den Zusammenhang von Bildung und Geburtenrate erläutern (operator: erläutern).
  • Chancen und Risiken der Grünen Revolution beurteilen (operator: beurteilen).
  • Die vier Dimensionen der Ernährungssicherung anwenden (operator: anwenden).

Typische Fehler

  • Hunger allein auf zu geringe Produktion zurückführen — oft ein Verteilungs- und Zugangsproblem.
  • Demografische Dividende als Automatismus darstellen.
  • Bevölkerungswachstum als alleinige Entwicklungsbremse sehen.

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie den Zusammenhang zwischen Bildung, Stellung der Frau und Geburtenrate und beurteilen Sie daraus abgeleitete entwicklungspolitische Massnahmen.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: FAO State of Food Security (FAO)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01HDI, Gini, Lorenzkurve, IHDI◐
    • 02Entwicklungstheorien: Modernisierung vs. Dependenz●
    • 03Mikrofinanz, Fair Trade, EZA, Agenda 2030◐
    • 04Ungleichheit messen: Lorenzkurve und Gini in der Praxis◐
    • 05Welthandel, Rohstoffabhängigkeit und Terms of Trade●
    • 06Bevölkerungsdynamik und Ernährungssicherung im Globalen Süden○

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

GW 10 — Entwicklungsländer, HDI, Theorien, Mikrofinanz, Fair Trade

Festige dieses Thema an passenden Aufgaben aus der Fragenbank.

~17
Min
2
Kompetenzen
Üben
Beispielfrage

Erläutern Sie den HDI als Wohlstandsmass. Vergleichen Sie ihn mit BIP/Kopf und Gini-Koeffizient.

10 BE · 2024

Zur Fragenbank

Belege & Quellen

Quellen

UNDP

  • UNDP Human Development Reports

World Bank

  • World Bank Data Gini Index

United Nations

  • UN Sustainable Development Goals

ADA

  • ADA Austrian Development Agency

Fairtrade Austria

  • Fairtrade Austria

OECD

  • OECD Income Inequality

UNCTAD

  • UNCTAD Trade and Development

FAO

  • FAO State of Food Security

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GW 9 — EU, Binnenmarkt, Eurozone, BRICS, UN

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