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DE-Abitur · PhilosophieT·1212 / 15
Religionsphilosophie reflektiert die Geltungsansprüche religiösen Denkens mit philosophischen Mitteln — säkular, ohne Glaubensvoraussetzung. Drei zentrale Themen: (1) klassische Gottesbeweise (ontologisch, kosmologisch, teleologisch) und ihre Kritik (Kant, Hume); (2) Theodizee-Problem (Leibniz): wie ist das Übel mit Allgüte und Allmacht Gottes vereinbar?; (3) Religionskritik (Feuerbach, Marx, Freud, Nietzsche) — Religion als Projektion, Opium, Illusion, Sklavenmoral. Habermas (postsäkular) reflektiert das Verhältnis von säkularer Vernunft und religiösen Geltungsansprüchen neu.
6Abschnitteca. 12Min Lesezeit2Kompetenzen
Operatoren:analysieren · rekonstruieren · erörtern · beurteilen
grundlegendes Niveau
gA-Niveau: drei klassische Gottesbeweise mit Aufbau und Hauptkritik; Theodizee-Problem (Leibniz, Hiob); Religionskritik (Feuerbach: Projektion; Marx: Opium; Freud: Illusion).
erhöhtes Niveau
eA-Niveau: Anselms Proslogion II als Originaltext rekonstruieren; Kants Sein-ist-kein-Prädikat-Argument (KrV B 620); Theodizee-Antworten (Leibniz, Augustinus, Hick); Nietzsche-Religionskritik („Tod Gottes"); Habermas-Postsäkularität.
Kernpunkte
KLASSISCHE GOTTESBEWEISE
Welche drei Beschriftungen in "Klassische Gottesbeweise" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Musterlösung
Rekonstruieren Sie Anselms ontologischen Gottesbeweis (Proslogion II) als formales Argument und prüfen Sie ihn anhand von Gaunilos und Kants Einwänden.
Anselm definiert Gott als „id quo maius cogitari non potest" — das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Selbst der Tor (Ps 14,1), der sagt „es ist kein Gott", versteht diesen Begriff und hat ihn so im Verstand (in intellectu).
P1: Gott (als id quo maius …) existiert zumindest im Verstand. P2: Existenz in der Wirklichkeit (in re) ist größer/vollkommener als bloße Existenz im Verstand. P3: Angenommen, Gott existierte nur im Verstand — dann ließe sich ein Größeres denken (dasselbe Wesen, das auch in Wirklichkeit existiert).
Aus P3 folgt ein Widerspruch: „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann", wäre etwas, worüber hinaus doch Größeres gedacht werden kann. Also muss Gott auch in der Wirklichkeit existieren. K: Gott existiert notwendig.
Gaunilo (Pro insipiente): Analog ließe sich die „vollkommenste Insel" herbeidenken — aus dem Begriff der größten Insel folgte ihre Existenz, was absurd ist. Anselms Replik: Das Argument gilt nur für ein Wesen, dessen Nicht-Existenz undenkbar ist (notwendige Existenz), nicht für kontingente Dinge wie Inseln.
Kant (KrV B 620 ff.): „Sein ist offenbar kein reales Prädikat" — Existenz fügt einem Begriff keine Eigenschaft hinzu. „100 wirkliche Taler enthalten nicht das Mindeste mehr als 100 mögliche Taler." Existenz ist eine Setzung (Position), kein vollkommenheitssteigerndes Merkmal. Damit bricht P2 zusammen.
Das Argument ist formal gültig (reductio), aber P2 ist nach Kant falsch: Existenz steigert keine Vollkommenheit. Der Beweis macht die Existenz analytisch aus einem Begriff — doch Existenzaussagen sind synthetisch. Bleibender Wert: die Klärung des Verhältnisses von Begriff und Sein; moderne modallogische Varianten (Gödel, Plantinga) verlagern die Frage auf die Möglichkeit notwendiger Existenz.
Ergebnis: Anselms Beweis ist als reductio formal stringent, scheitert aber an Prämisse P2: Mit Kant ist Existenz kein reales Prädikat, das Vollkommenheit steigert. Der ontologische Beweis überführt unzulässig eine Begriffsanalyse in eine Existenzaussage.
Typische Fehler
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ontological Arguments (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Cosmological Argument (Stanford University)
Kernpunkte
Musterlösung
Rekonstruieren Sie das Theodizee-Problem als logisches Trilemma und beurteilen Sie zwei Lösungsversuche (Leibniz, Free-Will-Defence).
Drei Annahmen scheinen unvereinbar: (1) Gott ist allmächtig. (2) Gott ist allgütig. (3) Es gibt Übel in der Welt. Wären (1) und (2) wahr, dürfte es (3) nicht geben — ein allmächtiger, allgütiger Gott könnte und wollte das Übel verhindern (Epikur, zugeschrieben).
Angesichts des Übels muss mindestens eine Annahme fallen: entweder Gott will das Übel nicht beseitigen (dann nicht allgütig), oder kann es nicht (dann nicht allmächtig), oder kennt es nicht (dann nicht allwissend). Die Theodizee versucht, alle drei zu retten.
Moralisches Übel (malum morale) entsteht durch menschliches Handeln (Krieg, Grausamkeit); natürliches/physisches Übel (malum physicum) durch Naturereignisse (Erdbeben, Krankheit). Verschiedene Übel verlangen verschiedene Antworten.
Leibniz (Théodicée 1710): Diese Welt ist die „beste aller möglichen Welten". Das Übel ist metaphysisch notwendig (Endlichkeit) oder dient höheren Gütern (Freiheit, moralisches Wachstum). Einwand (Voltaire, Candide): angesichts realen Leids (Erdbeben Lissabon 1755) wirkt der Optimismus zynisch.
Plantinga: das moralische Übel ist der Preis der menschlichen Willensfreiheit — eine Welt mit freien (also auch fehlbaren) Wesen ist wertvoller als eine Welt determinierter Marionetten. Greift jedoch nicht für das natürliche Übel (Erdbeben sind nicht Folge menschlicher Freiheit) — Ergänzung durch Hicks „Soul-Making".
Das logische Theodizee-Problem (strikte Unvereinbarkeit) gilt durch die Free-Will-Defence als entschärft; das evidentielle Problem (die schiere Menge sinnlosen Leids) bleibt eine ernste Herausforderung. Theodizee „rettet" Gott nicht beweisend, sondern zeigt nur die logische Möglichkeit der Vereinbarkeit — die existenzielle Wucht des Leids bleibt.
Ergebnis: Das Theodizee-Trilemma zwingt dazu, Allmacht, Allgüte oder die Realität des Übels aufzugeben. Die Free-Will-Defence entschärft das logische Problem (für moralisches Übel), das natürliche Übel und das evidentielle Problem (Ausmaß des Leids) bleiben jedoch ungelöst.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
Vertiefen Sie John Hicks „Vale of Soul-Making" (1966): Übel als notwendige Bedingung der Charakterbildung; Antwort auf das free-will-defence-Argument von Alvin Plantinga.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — The Problem of Evil (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas (Stanford University)
Kernpunkte
Typische Fehler
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Cosmological Argument (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Kernpunkte
Typische Fehler
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ontological Arguments (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — The Problem of Evil (Stanford University)
Kernpunkte
RELIGIONSKRITIK DES 19./20. JAHRHUNDERTS
Welche drei Beschriftungen in "Religionskritik des 19./20. Jahrhunderts" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
Vertiefen Sie das Böckenförde-Diktum: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Welche Rolle spielt Religion für den Zusammenhalt liberaler Gesellschaften?
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Kernpunkte
Typische Fehler
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Albert Camus (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Søren Kierkegaard (Stanford University)