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DE-Abitur · EthikT·1111 / 11
Die Ethik ist methodisch reflexiv: sie arbeitet mit Argumentationsanalyse, Fallrekonstruktion, Dilemmadiskussion und Mehrtheorienanwendung. Stephen Toulmins Argumentationsschema (1958) liefert das Standardraster für ethische Begründung (Daten, Schlussregel, Stützung, Konklusion, Einwand, Geltungsbeschränkung). Die Dilemma-Methode (Trolley, Heinz, Lifeboat) trainiert die mehrperspektivische Bewertung. Klausurtaugliche Erörterungen folgen einem festen Vier-Schritt-Algorithmus: Sachverhalt — Theorien — Vergleich — Stellungnahme.
6Abschnitteca. 15Min Lesezeit2Kompetenzen
Operatoren:analysieren · erörtern · beurteilen · vergleichen
grundlegendes Niveau
gA-Niveau: Toulmin-Schema (D — W — K — B — R — Q); Dilemma-Methode mit zwei Theorien; klassischer Erörterungsaufbau (Einleitung — Hauptteil — Schluss).
erhöhtes Niveau
eA-Niveau: erweiterte Argumentationsanalyse (deduktiv, induktiv, abduktiv, Analogie); Mehrtheorienanwendung mit reflektierter Theoriewahl; ethische Fallrekonstruktion mit Beauchamp/Childress; metaethische Reflexion über Begründungslast.
Kernpunkte
TOULMIN-SCHEMA FÜR ETHISCHE ARGUMENTATION
Welche drei Beschriftungen in "Toulmin-Schema für ethische Argumentation" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ethics (Stanford University) · NRW KLP Philosophie GOSt (MSB NRW)
Kernpunkte
VIER-SCHRITT-ALGORITHMUS FÜR ETHISCHE ERÖRTERUNGEN
Welche drei Beschriftungen in "Vier-Schritt-Algorithmus für ethische Erörterungen" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
TROLLEY-PROBLEM (FOOT 1967, THOMSON 1985)
Welche drei Beschriftungen in "Trolley-Problem (Foot 1967, Thomson 1985)" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Musterlösung
Eine außer Kontrolle geratene Straßenbahn rast auf fünf Gleisarbeiter zu. Sie stehen an einer Weiche und können den Wagen auf ein Nebengleis umleiten, auf dem eine einzelne Person arbeitet. Beurteilen Sie das Umlegen der Weiche aus utilitaristischer, deontologischer und tugendethischer Perspektive.
Handlungsoptionen: (A) nicht eingreifen — fünf Tote durch Unterlassen; (B) Weiche umlegen — ein Tod durch aktives Eingreifen. Relevant: niemand sonst kann eingreifen; die Person auf dem Nebengleis ist unbeteiligt; alle sechs Personen sind moralisch gleichrangig (keine Schuld, keine Einwilligung).
Nutzenkalkül: 5 gerettete Leben > 1 verlorenes Leben (Saldo +4). Aktives Töten und passives Sterbenlassen sind moralisch gleichwertig — entscheidend ist die Folge. Pflicht zum Umlegen. Schwäche: Die Maximierung opfert ein Individuum für die Mehrheit — Vorwurf der „Tyrannei der Mehrheit".
Die Person auf dem Nebengleis wird beim Umlegen als bloßes Mittel zur Rettung der fünf instrumentalisiert (Verstoß gegen die Selbstzweckformel). Maxime „Töte einen, um fünf zu retten" lässt sich nicht widerspruchsfrei universalisieren — bei Generalisierung würde jeder Einzelne jederzeit als Opfermasse verfügbar. Pflicht zum Nicht-Umlegen. Schwäche: der Tod der fünf wird in Kauf genommen.
Eine Handlung mit guter und schlechter Wirkung ist erlaubt, wenn (a) die Handlung selbst nicht unmoralisch, (b) die schlechte Wirkung nicht beabsichtigt, sondern nur in Kauf genommen, (c) die gute Wirkung nicht durch die schlechte erreicht wird, (d) die Proportion stimmt. Beim Trolley: Tod der einzelnen Person ist Nebenwirkung, nicht Mittel — Umlegen erlaubt. Vergleich mit „Dicker Mann von der Brücke" (Thomson 1985): hier wird die Person als Mittel benutzt — verboten.
Phronesis (praktische Klugheit) verlangt situatives Urteil statt Regelanwendung. Eine tugendhafte Person fragt: Was würde der Phronimos in dieser konkreten Lage tun? Aristotelische Antwort offen, aber gewichtet werden müssen: Mut zur Entscheidung, Gerechtigkeit (alle Leben zählen gleich), Verantwortungsbewusstsein.
Die drei Modelle führen zu unterschiedlichen Urteilen — daher ist das Trolley-Dilemma ein Lehrstück über Theoriewahl. Eine begründete Stellungnahme gewichtet: Wer das Würdeargument (Kant) priorisiert, lässt nicht um. Wer Folgenethik bevorzugt, legt um. Die Tugendethik mahnt, kein abstraktes Prinzip mechanisch anzuwenden, sondern den Charakter der Situation zu würdigen.
Ergebnis: Es gibt keine objektiv richtige Antwort. Klausurtauglich ist eine differenzierte Erörterung, die alle drei Modelle anwendet, das Doppelwirkungsprinzip einbezieht und in einer reflektierten eigenen Position mündet, die ihre Theoriewahl explizit begründet.
Musterlösung
Heinz’ Ehefrau leidet an einer seltenen Krebserkrankung. Ein einziges Medikament könnte sie retten; der Apotheker, der es entwickelt hat, verlangt das Zehnfache seiner Herstellungskosten. Heinz kann nur die Hälfte aufbringen, der Apotheker verweigert Ratenzahlung. Heinz bricht nachts in die Apotheke ein und stiehlt das Medikament. Beurteilen Sie das Verhalten ethisch.
Konflikt: Eigentumsrecht des Apothekers (Art. 14 GG) vs. Recht der Ehefrau auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art. 2 II GG). Hinzu kommt die ökonomische Frage gerechter Preisgestaltung bei lebensrettenden Gütern.
Aggregierter Nutzen: Leben gerettet (hoher Wert) − ökonomischer Schaden des Apothekers (gering) − Sekundärschaden Rechtsordnung (mittel). Saldo positiv → Stehlen ist gerechtfertigt. Singer (Präferenzutilitarismus) würde betonen, dass die Präferenz der Ehefrau zu leben die Profit-Präferenz des Apothekers überwiegt.
Maxime „Ich darf stehlen, wenn ich ein höherwertiges Gut retten kann" lässt sich nicht universalisieren — Eigentumsordnung kollabierte. Diebstahl bleibt Pflichtverletzung. Aber: der Apotheker instrumentalisiert die Notlage zur Profitmaximierung — Verstoß gegen Selbstzweckformel. Kant würde Stehlen ablehnen, das Verhalten des Apothekers aber als moralisch verwerflich brandmarken.
In einem idealen Diskurs unter Beteiligung aller Betroffenen (Heinz, Ehefrau, Apotheker, Gesellschaft) wäre eine Norm zu finden, der alle zustimmen könnten. Wahrscheinliches Ergebnis: keine Pflicht zum Diebstahl, aber Pflicht der Gesellschaft, lebensrettende Medikamente solidarisch verfügbar zu machen (Sozialstaatsprinzip).
Stufe 1 („Heinz soll nicht stehlen, weil er bestraft würde"); Stufe 3 („Heinz soll stehlen, weil ein guter Ehemann seine Frau rettet"); Stufe 4 („Heinz soll nicht stehlen, weil das Gesetz gilt"); Stufe 5 („Sozialvertrag — Recht auf Leben ist höherrangig"); Stufe 6 („Universalprinzip der Menschenwürde — Heinz darf, vielleicht muss er stehlen"). Wichtig: Kohlberg bewertet die Begründungsstruktur, nicht das Ergebnis.
Vertretbar ist eine Position, die Eigentumsrecht hinter dem Lebensrecht zurückstellt (postkonventionelle Begründung) und gleichzeitig die strukturelle Verantwortung der Gesellschaft betont — das Dilemma soll gar nicht erst entstehen (vgl. den Rechtsgedanken des § 34 StGB, rechtfertigender Notstand: ob er einen Einbruchsdiebstahl zur Medikamentenbeschaffung tatsächlich rechtfertigt, ist juristisch umstritten — die Interessenabwägung und das Merkmal der Angemessenheit sind hier gerade nicht eindeutig).
Ergebnis: Eine klausurtaugliche Antwort kombiniert Folgen-, Pflicht- und Diskursethik, verortet die eigene Begründung in Kohlbergs Stufenschema und reflektiert das Spannungsverhältnis von Individualmoral und Sozialstruktur.
Musterlösung
Nach einem Schiffbruch treiben elf Überlebende in einem Rettungsboot, das nur sieben Personen sicher tragen kann. Ohne Entlastung sinkt das Boot binnen Stunden, und alle ertrinken. Es gibt keine andere Hilfe in Sicht. Beurteilen Sie die ethischen Optionen.
Option A: Nichts tun — alle elf sterben (Saldo: 0 Überlebende). Option B: Vier Personen über Bord werfen — sieben überleben (Saldo: +7, aber aktives Töten). Option C: Losverfahren — Zufall entscheidet (gerechte Verteilung der Sterbenswahrscheinlichkeit). Option D: Freiwillige Selbstaufgabe einzelner.
Maximierung der Geretteten: Option B oder C sind geboten, Option A ist verwerflich (Nicht-Eingreifen kostet alle Leben). Mill würde Lebensqualität berücksichtigen — Verzweiflungssituationen können Lebensqualität entwerten. Kritik (Bernard Williams): das Kalkül berücksichtigt nicht die persönliche Integrität dessen, der töten muss.
Aktives Töten Unschuldiger verletzt die Menschenwürde — Option B ist verboten, auch wenn dies bedeutet, dass alle sterben. „Fiat iustitia et pereat mundus" (es geschehe Gerechtigkeit, und gehe die Welt darüber zugrunde). Schwäche: Untätigkeit als moralisch saubere Lösung ist kontraintuitiv, wenn dadurch alle sterben.
Phronesis verlangt situatives Abwägen — keine starre Regel. Eine tugendhafte Person würde alle Beteiligten einbeziehen, freiwillige Lösung suchen (Option D — historisch dokumentiert bei „Birkenhead Drill" 1852). Wenn nicht möglich, ist das Losverfahren (Option C) prozedural gerecht: jede Person trägt gleiches Sterberisiko, kein Leben wird qualitativ niedriger gewertet (Habermas: prozedurale Fairness).
Historischer Fall „Regina v. Dudley and Stephens" (1884): Schiffbrüchige töten und essen den jüngsten Matrosen. Britisches Gericht verurteilte zum Tode (begnadigt zu 6 Monaten). Lehre: Notlage entschuldigt nicht den Mord am Unschuldigen. Vgl. dt. § 35 StGB (entschuldigender Notstand) — gilt aber nicht für vorsätzliche Tötung Unbeteiligter. Vergleichsfall „Luftsicherheitsgesetz", BVerfG 2006: Abschuss entführter Passagierflugzeuge verfassungswidrig.
Eine ethisch und juristisch tragfähige Antwort: Freiwillige Lösung suchen (D), sekundär Losverfahren (C), niemals erzwungenes Töten zur Rettung der Mehrheit (B). Reflexion auf BVerfG-Linie: die Menschenwürde verbietet das aktive Opfern Einzelner — selbst zur Mehrheitsrettung.
Ergebnis: Klausurtauglich ist die Kombination aus folgenethischer Optionsabwägung, kantischer Würdebegründung und prozeduraler Fairness, abgesichert durch Verweise auf historische Fälle und BVerfG-Rechtsprechung.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Reflektieren Sie metaethisch, warum klassische Dilemmata gerade nicht auflösbar sind. Welche metaethische Position (Moralrealismus, Konstruktivismus, Pluralismus) erklärt dies am besten?
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ethics (Stanford University) · KMK EPA Ethik 2006 (KMK)
Kernpunkte
Typische Fehler
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ethics (Stanford University) · NRW KLP Philosophie GOSt (MSB NRW)
Kernpunkte
HÄUFIGE FEHLSCHLÜSSE IN ETHISCHER ARGUMENTATION
Welche drei Beschriftungen in "Häufige Fehlschlüsse in ethischer Argumentation" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ethics (Stanford University) · NRW KLP Philosophie GOSt (MSB NRW)
Kernpunkte
TOULMIN-SCHEMA FÜR ETHISCHE ARGUMENTATION
Welche drei Beschriftungen in "Toulmin-Schema für ethische Argumentation" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
Quellen: KMK EPA Ethik 2006 (KMK) · NRW KLP Philosophie GOSt (MSB NRW)
Kernpunkte
VIER MEDIZINETHISCHE PRINZIPIEN (BEAUCHAMP / CHILDRESS)
Welche drei Beschriftungen in "Vier medizinethische Prinzipien (Beauchamp / Childress)" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Diskutieren Sie den Vorwurf, die Prinzipienethik sei bei gleichgewichtigem Prinzipienkonflikt beliebig. Inwiefern können Kants Selbstzweckformel oder ein Regelutilitarismus das balancing anleiten?
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Theory and Bioethics (Stanford University) · KMK EPA Ethik 2006 (KMK)