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Die mittelalterliche Philosophie (ca. 400–1400) denkt im Spannungsfeld von Glaube (fides) und Vernunft (ratio): Wie verhalten sich die offenbarte Wahrheit der Religion und die natürliche Erkenntnis der Philosophie? Augustinus prägt die Patristik durch die Synthese von Platonismus und Christentum; die Scholastik systematisiert das Verhältnis von Theologie und Aristotelischer Philosophie (Anselm, Thomas von Aquin). Der Universalienstreit verhandelt den ontologischen Status der Allgemeinbegriffe, und mit dem Nominalismus (Ockham) und der spätscholastischen Trennung der Bereiche beginnt der Weg in die Neuzeit. Das Mittelalter ist kein „dunkles Zeitalter", sondern die Schule der begrifflichen Strenge.
4Abschnitteca. 22Min Lesezeit2KompetenzenNiveauStandard 1 · Vertiefung 3Stand 06/2026
grundlegendes Niveau
gA-Niveau: Leitfrage Glaube und Vernunft; Augustinus („credo ut intelligam"); Anselms ontologischer Gottesbeweis (Grundidee); Thomas von Aquin (Harmonie von Glaube und Vernunft, fünf Wege); Universalienstreit als Streit um die Allgemeinbegriffe.
erhöhtes Niveau
eA-Niveau: Augustins Synthese von Neuplatonismus und Christentum (Illuminationslehre, Zeitanalyse Conf. XI); Anselms Proslogion II als Originalargument rekonstruieren; Aquins Aristotelismus (natürliche vs. Offenbarungstheologie, ancilla theologiae) und die fünf Wege; Universalienstreit (Realismus — Konzeptualismus — Nominalismus) mit Ockhams Rasiermesser.
Lesetiefe: Vertiefung
Schriftgröße: Standard
Rekonstruieren Sie Augustins Zeitanalyse (Confessiones XI) und beurteilen Sie die These, Zeit sei „Erstreckung der Seele".
Augustinus formuliert das berühmte Paradox: „Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, so weiß ich es nicht" („Si nemo ex me quaerat, scio; si quaerenti explicare velim, nescio", Conf. XI,14). Die Zeit ist uns vertraut und doch begrifflich rätselhaft.
Die Vergangenheit ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht, und die Gegenwart hat, wenn sie wirklich gegenwärtig ist, keine Ausdehnung (der Augenblick zerfällt sofort). Wie kann dann die Zeit überhaupt „sein" und sogar gemessen werden, wenn ihre drei Teile streng genommen nicht existieren?
Augustins Antwort: Zeit ist eine „Erstreckung" (distentio) der Seele. Es gibt nicht eigentlich drei Zeiten, sondern drei Gegenwartsweisen der Seele: die Gegenwart des Vergangenen als Erinnerung (memoria), die Gegenwart des Gegenwärtigen als Anschauung/Aufmerksamkeit (contuitus/attentio) und die Gegenwart des Künftigen als Erwartung (expectatio).
Folglich messen wir nicht die Dinge selbst, sondern den Eindruck, den ihr Vorübergehen in der Seele hinterlässt. Wenn ich eine lange Silbe an einer kurzen messe, vergleiche ich nicht die längst verklungenen Laute, sondern ihre im Gedächtnis festgehaltenen Eindrücke. Zeitmessung ist eine Leistung des Bewusstseins.
Auf die spöttische Frage „Was tat Gott vor der Erschaffung der Welt?" antwortet Augustinus: Gott schuf die Welt nicht IN der Zeit, sondern MIT der Zeit; die Zeit ist selbst Teil der Schöpfung. Vor der Welt gab es kein „Vorher", weil es keine Zeit gab — Gott steht in der zeitlosen Ewigkeit.
Stärke: Augustinus entdeckt die subjektive, bewusstseinsgebundene Zeit und nimmt damit Husserls Analyse des inneren Zeitbewusstseins (Retention/Protention) vorweg — ein Klassiker der Phänomenologie. Einwand: Eine rein seelische Zeit erklärt schlecht die intersubjektiv-objektive, physikalisch messbare Zeit; nötig ist wohl eine Verbindung beider Auffassungen, nicht ihre Ersetzung.
Ergebnis: Augustinus löst das Zeitparadox, indem er Zeit als „distentio animi" deutet: Erinnerung, Aufmerksamkeit und Erwartung als drei Gegenwartsweisen der Seele. Die Analyse erfasst die subjektive Zeiterfahrung glänzend, lässt aber die objektive (physikalische) Zeit unterbestimmt.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Auf den Einwand „Was tat Gott vor der Erschaffung der Welt?" antwortet Augustinus, Gott habe die Welt nicht IN der Zeit, sondern MIT der Zeit geschaffen — die Zeit ist selbst Teil der Schöpfung, ein „Vorher" gab es nicht. Diskutieren Sie diese Lösung im Vergleich mit der modernen Kosmologie (Urknall als „Anfang" der Raumzeit): Inwiefern trifft Augustins begriffliche Pointe (kein „Vorher" ohne Zeit) ein bleibendes Problem jeder Anfangskosmologie?
Aktive Wiederholung
Erläutern Sie Augustins These „Zeit ist Erstreckung der Seele" und prüfen Sie, ob sie die subjektive Zeiterfahrung besser erfasst als eine objektive (physikalische) Zeitauffassung.
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: KMK EPA Philosophie 2006 (KMK) · NRW KLP Philosophie GOSt 2013 (MSB NRW)
Klassische Gottesbeweise
Rekonstruieren Sie Anselms ontologischen Gottesbeweis (Proslogion II) als formales Argument und prüfen Sie ihn anhand von Gaunilos und Kants Einwänden.
Anselm definiert Gott als „id quo maius cogitari non potest" — das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Selbst der Tor (Ps 14,1), der sagt „es ist kein Gott", versteht diesen Begriff und hat ihn so im Verstand (in intellectu).
P1: Gott (als id quo maius …) existiert zumindest im Verstand. P2: Existenz in der Wirklichkeit (in re) ist größer/vollkommener als bloße Existenz im Verstand. P3: Angenommen, Gott existierte nur im Verstand — dann ließe sich ein Größeres denken (dasselbe Wesen, das auch in Wirklichkeit existiert).
Aus P3 folgt ein Widerspruch: „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann", wäre etwas, worüber hinaus doch Größeres gedacht werden kann. Also muss Gott auch in der Wirklichkeit existieren. K: Gott existiert notwendig.
Gaunilo (Pro insipiente): Analog ließe sich die „vollkommenste Insel" herbeidenken — aus dem Begriff der größten Insel folgte ihre Existenz, was absurd ist. Anselms Replik: Das Argument gilt nur für ein Wesen, dessen Nicht-Existenz undenkbar ist (notwendige Existenz), nicht für kontingente Dinge wie Inseln.
Kant (KrV B 620 ff.): „Sein ist offenbar kein reales Prädikat" — Existenz fügt einem Begriff keine Eigenschaft hinzu. „100 wirkliche Taler enthalten nicht das Mindeste mehr als 100 mögliche Taler." Existenz ist eine Setzung (Position), kein vollkommenheitssteigerndes Merkmal. Damit bricht P2 zusammen.
Das Argument ist formal gültig (reductio), aber P2 ist nach Kant falsch: Existenz steigert keine Vollkommenheit. Der Beweis macht die Existenz analytisch aus einem Begriff — doch Existenzaussagen sind synthetisch. Bleibender Wert: die Klärung des Verhältnisses von Begriff und Sein; moderne modallogische Varianten (Gödel, Plantinga) verlagern die Frage auf die Möglichkeit notwendiger Existenz.
Ergebnis: Anselms Beweis ist als reductio formal stringent, scheitert aber an Prämisse P2: Mit Kant ist Existenz kein reales Prädikat, das Vollkommenheit steigert. Der ontologische Beweis überführt unzulässig eine Begriffsanalyse in eine Existenzaussage.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Im 20. Jahrhundert wurden modallogische Varianten des ontologischen Arguments entwickelt (Kurt Gödel; Alvin Plantinga). Sie verlagern die Frage: Aus der bloßen MÖGLICHKEIT eines notwendig existierenden, maximal vollkommenen Wesens folgt mit dem modallogischen Axiomensystem S5 seine WIRKLICHE Existenz. Diskutieren Sie, ob diese Varianten Kants Einwand entgehen — oder ob die ganze Beweislast nun an der unbewiesenen Prämisse hängt, ein solches Wesen sei überhaupt möglich (und nicht etwa unmöglich).
Aktive Wiederholung
Rekonstruieren Sie Anselms ontologischen Beweis als formales Argument (Prämissen — Schluss) und prüfen Sie Gaunilos Insel-Analogie sowie Kants Einwand. Welcher Einwand trifft das Argument im Kern?
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Ontological Arguments (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Rekonstruieren Sie Thomas’ zweiten Gottesbeweis (Summa Theologiae I q.2 a.3, ex ratione causae efficientis) und prüfen Sie den Einwand des unendlichen Regresses.
Anders als Anselms ontologisches Argument (a priori, aus dem bloßen Gottesbegriff) ist Thomas’ Weg a posteriori: Er geht von beobachtbaren Zügen der Welt aus und schließt von ihnen auf Gott. Thomas lehnt Anselms Beweis ausdrücklich ab, weil uns das Wesen Gottes nicht unmittelbar einsichtig ist.
In der sinnlichen Welt finden wir eine Ordnung von Wirkursachen: Nichts bringt sich selbst hervor; jede Wirkung hat eine ihr vorausgehende Ursache. Ein Ding müsste, um Ursache seiner selbst zu sein, vor sich selbst existieren — das ist unmöglich.
P1: Es gibt eine Ordnung wirkender Ursachen. P2: Nichts ist Wirkursache seiner selbst. P3: Eine ins Unendliche fortlaufende Reihe wesentlich (per se) geordneter Wirkursachen ist unmöglich, denn ohne eine erste Ursache gäbe es weder mittlere noch letzte Wirkungen — die ganze Kausalität wäre aufgehoben.
Also muss eine erste Wirkursache angenommen werden, „die alle Gott nennen" („quam omnes Deum nominant"). Sie ist nicht selbst verursacht und Ursprung der gesamten Ursachenordnung.
Einwand: Warum ist eine unendliche Ursachenkette ausgeschlossen? — Thomas’ Antwort: Er bestreitet nicht jede unendliche Reihe, sondern nur die unendliche Reihe wesentlich (per se) geordneter Ursachen, in der die mittleren Glieder ihre Wirkkraft nur „durchreichen" (wie eine Hand den Stock bewegt, der den Stein bewegt). Eine zufällig (per accidens) geordnete Reihe (Vater zeugt Sohn …) dürfte dagegen unendlich sein.
Stärke: Die per-se/per-accidens-Unterscheidung macht den Beweis gegen den naheliegendsten Einwand widerstandsfähiger, als oft angenommen. Kritik: Hume bestreitet die Notwendigkeit des Kausalprinzips, und Kant zeigt, dass der Schluss heimlich das (von ihm widerlegte) ontologische Argument voraussetzt, wenn er die „erste Ursache" als notwendiges Wesen mit Gott identifiziert. Zudem bleibt offen, warum die erste Ursache gerade der Gott der Offenbarung sein soll.
Ergebnis: Der zweite Weg schließt a posteriori von der Ordnung der Wirkursachen auf eine erste, unverursachte Ursache. Der Regress-Einwand greift nur scheinbar: Thomas verbietet nur den unendlichen Regress per se geordneter Ursachen. Offen bleiben das Kausalprinzip selbst (Hume) und die Gleichsetzung der ersten Ursache mit Gott (Kant).
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Kant wendet gegen alle kosmologischen Beweise ein, sie setzten heimlich das (von ihm widerlegte) ontologische Argument voraus: Vom Schluss auf eine „erste Ursache" zur Identifikation dieser Ursache mit einem notwendigen, vollkommenen GOTT komme man nur, wenn man dem notwendigen Wesen die Existenz schon begrifflich zuschreibe. Diskutieren Sie diesen Einwand am zweiten Weg: Gelangt Thomas wirklich a posteriori zu „Gott" — oder nur zu einer ersten Ursache, deren Gleichsetzung mit Gott zusätzliche (offenbarungstheologische) Annahmen verlangt?
Aktive Wiederholung
Rekonstruieren Sie den kosmologischen „zweiten Weg" (Wirkursache) des Thomas von Aquin und prüfen Sie den Einwand, eine unendliche Ursachenkette sei nicht ausgeschlossen.
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Cosmological Argument (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Der Universalienstreit ist in der Gegenwartsphilosophie unter neuem Namen wieder offen — als Debatte um abstrakte Gegenstände (etwa: Existieren Zahlen, Mengen, Eigenschaften?). Der mathematische Platonismus (Frege, Gödel) ist ein moderner Realismus, der Nominalismus (Field, „Science without Numbers", 1980) versucht, Mathematik ohne die Annahme abstrakter Zahlen zu rekonstruieren. Diskutieren Sie am Beispiel der Zahlen, ob Ockhams Rasiermesser für den Nominalismus spricht oder ob die „Unentbehrlichkeit" der Mathematik in der Naturwissenschaft (Quine-Putnam-Argument) gerade die Existenz abstrakter Gegenstände nahelegt.
Aktive Wiederholung
Erörtern Sie am Begriff „Gerechtigkeit", ob Allgemeinbegriffe real existieren (Realismus), nur im Verstand (Konzeptualismus) oder bloße Namen sind (Nominalismus). Welche Position ist am sparsamsten — und um welchen Preis?
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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Informal Logic (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Belege & Quellen