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Die normative Ethik fragt: Was sollen wir tun? Vier Großfamilien stehen seit der Antike im Wettstreit. Tugendethik (Aristoteles): Frage nach dem guten Charakter und dem gelingenden Leben (eudaimonia). Pflichtenethik (Kant): Frage nach der unbedingten Sollensvorschrift (Kategorischer Imperativ). Utilitarismus (Bentham, Mill, Singer): Maximierung des Gesamtnutzens. Diskursethik (Habermas, Apel): Begründung von Normen im idealen Diskurs aller Betroffenen. Jede Theorie hat eigene Stärken und blinde Flecken — die Klausur verlangt Anwendung mindestens zweier Theorien im Vergleich.
6Abschnitteca. 34Min Lesezeit1KompetenzNiveauStandard 3 · Vertiefung 3Stand 06/2026
grundlegendes Niveau
gA-Niveau: vier Grundtheorien sicher unterscheiden; Kategorischen Imperativ und Nutzenkalkül anwenden; Tugendbegriff und Diskursethik in Grundzügen.
erhöhtes Niveau
eA-Niveau: drei Formeln des KI mit Beispielen; Mesotes-Lehre und phronesis bei Aristoteles; Akt- vs. Regelutilitarismus; Universalisierungsregel (U) und Diskursregel (D) bei Habermas; Theoriewahl in der Anwendung explizit begründen.
Lesetiefe: Vertiefung
Schriftgröße: Standard
Aristotelische Mesotes-Lehre
Wenden Sie Aristoteles’ Mesotes-Lehre auf die Tugend der „Ehrlichkeit im Feedback" an: Bestimmen Sie das Übermaß und den Mangel, und erläutern Sie, warum die Mitte „relativ zu uns" (pros hemas) liegt.
Nach Nikomachischer Ethik II ist jede ethische Tugend eine Mitte (mesotes) zwischen einem Zuviel (Übermaß, hyperbolé) und einem Zuwenig (Mangel, élleipsis) hinsichtlich eines Affekts oder einer Handlung.
Beim ehrlichen Feedback ist das Übermaß die verletzende Schonungslosigkeit (jede Kritik ungefiltert äußern), der Mangel die feige Schmeichelei (unangenehme Wahrheiten verschweigen). Die Tugend ist die wohlwollende Aufrichtigkeit, die wahrhaftig und zugleich zumutbar bleibt.
Die Mitte ist kein arithmetischer Mittelwert, sondern situations-, person- und kontextabhängig (pros hemas): Gegenüber einem verunsicherten Anfänger liegt die richtige Mitte näher an der Schonung, gegenüber einem überheblichen Profi näher an der klaren Kritik. Phronesis (praktische Klugheit) bestimmt im Einzelfall, wo die Mitte liegt.
Tugend ist kein einmaliger Treffer, sondern ein eingeübter Habitus (hexis): Wer wiederholt wohlwollend-ehrlich handelt, wird ehrlich. Die Mitte zu treffen erfordert Übung — „eine Schwalbe macht noch keinen Sommer".
Die Mesotes-Lehre erklärt, warum dieselbe Handlung (eine harte Rückmeldung) je nach Situation tugendhaft oder lasterhaft sein kann. Grenze: Manche Handlungen kennen keine tugendhafte Mitte (Mord, Neid, Schadenfreude) — sie sind per se schlecht.
Ergebnis: Die Tugend „wohlwollende Aufrichtigkeit" liegt als situationsrelative Mitte zwischen verletzender Schonungslosigkeit (Übermaß) und feiger Schmeichelei (Mangel); ihr Treffen verlangt phronesis und eingeübten Habitus, nicht das Errechnen eines Durchschnitts.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Prüfen Sie den klassischen Zirkeleinwand gegen die Tugendethik: Die richtige Handlung sei, was der Tugendhafte (phronimos) täte — tugendhaft aber sei, wer richtig handelt. Dreht sich die Theorie damit im Kreis und gibt sie, anders als Kant oder der Utilitarismus, kein anwendbares Handlungskriterium? Diskutieren Sie die Gegenrede der modernen Tugendethik (Rosalind Hursthouse, „On Virtue Ethics", 1999), die Handlungsanweisungen aus den Tugendbegriffen selbst gewinnt („Handle ehrlich, großzügig …"), und wägen Sie die Erklärungslast gegen die von Pflichten- und Folgenethik ab.
Aktive Wiederholung
Welche Tugend brauchen Sie für eine schwierige Klausurentscheidung — und welche Laster lauern an den Rändern? Argumentieren Sie mesotes-strukturiert.
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Aristotle (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Kategorischer Imperativ — Prüfschema
Prüfen Sie mit Kants Universalisierungsformel die Maxime: „Ich verspreche etwas, von dem ich von vornherein weiß, dass ich es nicht halten werde, um Geld zu leihen."
M: „Wenn ich in Geldnot bin, leihe ich mir Geld unter dem Versprechen der Rückzahlung, auch wenn ich weiß, dass ich nicht zurückzahlen werde." Maxime ist subjektives Handlungsprinzip — keine bloße Handlung, sondern die Regel dahinter.
Allgemeines Gesetz: „Jeder soll, wenn er in Geldnot ist, ein Lügenversprechen abgeben." Frage: Ist diese Welt (a) denkbar und (b) wollbar (Grundlegung, AA IV 421)?
Wenn alle Lügenversprechen abgeben, würde niemand mehr Versprechen ernst nehmen — die Institution „Versprechen" wird selbst zerstört. Damit verschwände der Mechanismus, durch den die Maxime überhaupt funktioniert (Selbstaufhebung). Maxime ist nicht widerspruchsfrei denkbar — perfekte Pflicht zur Unterlassung.
Zweite Hauptformel: „Handle so, dass du die Menschheit ... niemals bloß als Mittel brauchst." Das Lügenversprechen instrumentalisiert den Geldgeber als bloßes Mittel zur Kreditbeschaffung, ohne ihm die wahren Bedingungen offenzulegen — Verletzung der Selbstzweckformel.
Dritte Hauptformel: „Handle so, als ob du durch deine Maximen ein gesetzgebendes Mitglied im allgemeinen Reich der Zwecke wärest." In einer Gemeinschaft autonomer Vernünftiger kann das Lügenversprechen nicht Gesetz sein — es widerspricht der gegenseitigen Anerkennung als Gesetzgeber.
Alle drei Formeln führen zum gleichen Verdikt: die Maxime ist moralisch verboten. Reflektiert: Kant unterscheidet vollkommene Pflichten (Universalisierung scheitert schon an Denkbarkeit — Lügen, Mord, Versprechensbruch) und unvollkommene Pflichten (Denkbarkeit gegeben, Wollbarkeit scheitert — Wohltätigkeit, Selbstvervollkommnung).
Ergebnis: Klausurtauglich ist die Prüfung mit allen drei Formeln, die saubere Unterscheidung von Denkbarkeit und Wollbarkeit sowie die Einordnung in das Schema vollkommener/unvollkommener Pflichten. Wichtig: Maxime präzise formulieren, nicht die Handlung selbst universalisieren.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Christine Korsgaard („Kant’s Formula of Universal Law", 1985) unterscheidet drei Deutungen, worin der „Widerspruch" bei der Universalisierung besteht: die logische (die verallgemeinerte Maxime ist in sich widersprüchlich), die teleologische (sie widerstreitet dem natürlichen Zweck der Handlung bzw. Institution) und die praktische Deutung (die Maxime untergräbt im allgemeinen Vollzug genau die Praxis, die ihr eigenes Gelingen voraussetzt). Wenden Sie alle drei auf das falsche Versprechen an und prüfen Sie, welche dem Formalismus-Vorwurf Hegels am besten standhält.
Aktive Wiederholung
Wenden Sie alle drei Formeln des KI auf die Maxime an: „Ich darf einen Kommilitonen anlügen, wenn es meiner Karriere nützt." Welche Pflichtenart (vollkommen/unvollkommen) liegt vor?
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Kant’s Moral Philosophy (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Kant’s Theoretical Philosophy (Stanford University)
Hedonistisches Kalkül (Bentham)
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Prüfen Sie zwei tiefer gehende Einwände. (1) Robert Nozicks „Erfahrungsmaschine" (Anarchy, State, and Utopia, 1974): Würden wir uns an eine Maschine anschließen lassen, die uns lebenslang lauter angenehme Erlebnisse vorgaukelt? Wenn nicht, zählt für uns mehr als bloßes Lustempfinden — ein Einwand gegen den hedonistischen Wertbegriff. (2) Der Kollaps-Einwand (David Lyons, 1965): Ein konsequenter Regelutilitarismus, der seine Regeln immer feiner an Ausnahmen anpasst, falle am Ende mit dem Aktutilitarismus zusammen. Diskutieren Sie, ob der Regelutilitarismus eine stabile Mittelposition behaupten kann.
Aktive Wiederholung
Berechnen Sie für ein selbstgewähltes Beispiel (z. B. Lockdown-Maßnahme) das hedonistische Kalkül in Benthams sieben Dimensionen. Wo stößt das Verfahren an Grenzen?
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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — The History of Utilitarianism (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Typische Fehler
LK-Vertiefung
Vergleichen Sie Habermas’ Diskursethik mit Rawls’ Schleier der Unwissenheit als zwei Spielarten verfahrensethischer Begründung: Habermas dialogisch, Rawls monologisch-konstruktivistisch.
Aktive Wiederholung
Wenden Sie U und D auf die Frage an: „Sollte Tempolimit auf deutschen Autobahnen eingeführt werden?" Welche Stimmen müssen einbezogen werden, welche Folgen müssen zwanglos akzeptiert werden können?
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Discourse Ethics (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas (Stanford University)
Typische Fehlschlüsse (informelle Logik)
Typische Fehler
LK-Vertiefung
Vertiefen Sie Mackies Irrtumstheorie (error theory, Ethics: Inventing Right and Wrong 1977): moralische Aussagen erheben einen Objektivitätsanspruch (kognitivistisch), der jedoch systematisch falsch ist — „queerness"-Argument.
Aktive Wiederholung
Analysieren Sie die Aussage „Stehlen ist falsch" metaethisch: Wie deuten ein Emotivist, ein moralischer Realist und ein Präskriptivist diesen Satz jeweils?
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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Informal Logic (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Analysieren Sie die beiden Varianten des Trolley-Problems (Weiche und Brücke) als Test ethischer Theorien. Warum urteilen die meisten Menschen unterschiedlich, und welche philosophische Lehre lässt sich daraus ziehen?
Variante A (Weiche): Trolley rast auf 5 Personen zu; Umlenken auf Nebengleis tötet 1. Intuition: meist „umlenken" (≈ 80–90 % nach empirischen Studien). Variante B (Brücke): Trolley rast auf 5 zu; ein dicker Mann von Brücke gestoßen würde Trolley stoppen. Intuition: meist „nicht stoßen" (≈ 70–90 %). Asymmetrie trotz gleicher Bilanz (5 retten, 1 töten).
Bilanz identisch: +4 Leben in beiden Fällen. Konsequenter Utilitarismus (Singer): beide Handlungen geboten. Schwierigkeit: erklärt die moralische Asymmetrie nicht. Regelutilitarismus könnte differenzieren (Regel „nicht Unbeteiligte aktiv töten" hat höheren Gesamtnutzen).
Selbstzweckformel verbietet, einen Menschen bloß als Mittel zu instrumentalisieren. Brücken-Variante: Der dicke Mann wird als Mittel benutzt — verboten. Weichen-Variante umstrittener: Tod der einen Person ist Nebenwirkung der Rettung, nicht Mittel — eher erlaubt (Doctrine of Double Effect).
Vier Bedingungen: (a) Handlung selbst nicht intrinsisch böse; (b) gute Wirkung beabsichtigt, schlechte nur in Kauf genommen; (c) gute Wirkung nicht durch schlechte erreicht; (d) Proportion stimmt. Weiche: erfüllt (b) und (c) — Tod ist Nebeneffekt der Umlenkung. Brücke: verletzt (c) — Tod des Mannes IST das Mittel zum Stoppen.
Aristoteles / Foot: phronesis verlangt situative Klugheit, keine starre Regel. Empirisch (Greene 2001, Mikhail 2007): Brücken-Variante aktiviert affektive Hirnareale (persönliches Töten), Weichen-Variante kognitive Areale (utilitaristisches Kalkül) — moralische Urteile sind dual-system-strukturiert.
Das Trolley-Problem ist kein Lösungs-, sondern ein Theorie-Test. Es zeigt: utilitaristische Saldenlogik allein erfasst die moralische Differenz nicht; deontologische Mittel-Zweck-Unterscheidung greift die Intuition besser. Die Lehre: ethische Theorien müssen sowohl Folgen als auch Handlungsstruktur (Tun/Geschehenlassen, Mittel/Nebeneffekt) berücksichtigen — kein Monismus reicht.
Ergebnis: Klausurtauglich ist eine Analyse, die die intuitive Asymmetrie als Phänomen beschreibt, mit drei Theorien (Utilitarismus, Kant, Doppelwirkung) erklärt und die methodologische Lehre zieht, dass ethische Reflexion auf Pluralismus der Maßstäbe angewiesen ist.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Erläutern Sie das Prinzip der Doppelwirkung (doctrine of double effect, Thomas von Aquin, Summa theologiae II-II q.64 a.7): Eine Handlung mit einer guten und einer schlechten Wirkung kann erlaubt sein, wenn die Handlung selbst nicht schlecht ist, die schlechte Wirkung nicht das Mittel zur guten ist, nur die gute Wirkung beabsichtigt (die schlechte bloß in Kauf genommen) wird und ein angemessen schwerer Grund vorliegt. Wenden Sie es auf die indirekte Sterbehilfe (lebensverkürzende Schmerzlinderung) und die Trolley-Varianten an und prüfen Sie den utilitaristischen Einwand, die Unterscheidung von Beabsichtigen und Inkaufnehmen sei moralisch belanglos.
Aktive Wiederholung
Erörtern Sie die aktive Sterbehilfe, indem Sie Kant (Pflichtenethik), Utilitarismus und die vier medizinethischen Prinzipien anwenden und begründet Stellung nehmen.
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: KMK EPA Philosophie 2006 (KMK) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — The History of Utilitarianism (Stanford University)
Belege & Quellen
Stanford University