Loading
Die zentrale Frage der Anthropologie lautet seit Kant: Was ist der Mensch? Aristoteles bestimmt den Menschen als zoon logon echon (vernunftbegabtes Lebewesen) und zoon politikon (politisches Wesen). Pico della Mirandola (1486) sieht den Menschen als Wesen ohne festen Ort, das sich selbst gestaltet. Helmuth Plessner (1928) bestimmt die exzentrische Positionalität als anthropologisches Differenzmerkmal: der Mensch verhält sich zu seinem Sich-Verhalten. Arnold Gehlen (1940) sieht den Menschen als Mängelwesen, das durch Institutionen entlastet wird. Diese Modelle bilden die Folie für aktuelle Debatten um Transhumanismus, KI und Tierethik.
6Abschnitteca. 32Min Lesezeit2KompetenzenNiveauBasis 1 · Standard 2 · Vertiefung 3Stand 06/2026
grundlegendes Niveau
gA-Niveau: Aristoteles (zoon logon echon, zoon politikon), Plessners exzentrische Positionalität, Gehlens Mängelwesen-These. Differenz Mensch — Tier benennen können.
erhöhtes Niveau
eA-Niveau: Genese der philosophischen Anthropologie (Scheler, Plessner, Gehlen) als eigene Disziplin im 20. Jh.; Diskussion mit Soziobiologie und neuerer Kognitionsforschung; transhumanistische und posthumanistische Kritik.
Lesetiefe: Vertiefung
Schriftgröße: Standard
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Rekonstruieren Sie das Funktionsargument (ergon-Argument, Nikomachische Ethik I 6/7) als Schluss — da das ergon des Menschen das vernunftgemäße Tätigsein der Seele ist, besteht sein Gut in dessen vorzüglicher (tugendhafter) Ausübung. Prüfen Sie den Einwand, der Schluss vom „Wesen" bzw. der „Funktion" des Menschen auf sein „Gut" und „Sollen" begehe einen naturalistischen Fehlschluss (Hume, Moore). Wie verteidigt eine neoaristotelische Position (Philippa Foot, „Natural Goodness", 2001) die Ableitung des Guten aus der Lebensform des Menschen?
Aktive Wiederholung
Diskutieren Sie: Hält die Bestimmung des Menschen als zoon logon echon angesichts neuerer Forschung zu Tiersprache (Bienen, Primaten, KI-Sprachmodelle) noch?
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Aristotle (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Plessners Stufen der Positionalität
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Prüfen Sie Gehlens Mängelwesen-These an der neueren Biologie. Kritiker wenden ein, der Mensch sei kein „defizitäres" Spezialwesen, sondern ein Generalist, dessen Unspezialisiertheit selbst ein evolutionärer Vorteil ist (Neotenie, Lernoffenheit) — der Begriff „Mangel" projiziere also unzulässig eine Tiernorm auf den Menschen. Diskutieren Sie, ob Gehlens eigentliche Pointe (die Institutionenlehre) auch ohne die These vom biologischen Defizit trägt, und vergleichen Sie mit Heideggers Bestimmung des Tieres als „weltarm" gegenüber dem „weltbildenden" Menschen (Die Grundbegriffe der Metaphysik, 1929/30).
Aktive Wiederholung
Vergleichen Sie Aristoteles’ zoon logon echon mit Plessners exzentrischer Positionalität: Welche Differenz erfasst das Spezifische des Menschen besser, und warum?
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophical Anthropology (Stanford University) · NRW KLP Philosophie GOSt 2013 (MSB NRW)
Typische Fehler
LK-Vertiefung
Vertiefen Sie Habermas’ Argument der „liberalen Eugenik" und Sandels Bedenken zur „Vollkommenheits-Suche" (The Case Against Perfection, 2007) als deontologische Gegengewichte gegen transhumanistischen Optimismus.
Aktive Wiederholung
Diskutieren Sie: Sollte ein hochentwickelter KI-Agent moralisch und/oder rechtlich als Person behandelt werden? Argumentieren Sie mit mindestens zwei anthropologischen Positionen.
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophical Anthropology (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas (Stanford University)
Freiheit und Determinismus — drei Grundpositionen
Beurteilen Sie das Argument: „Da das Libet-Experiment ein Bereitschaftspotenzial im Gehirn nachweist, bevor die Versuchsperson den Entschluss bewusst fasst, ist der freie Wille eine Illusion."
Libet (1983) maß ein Bereitschaftspotenzial (readiness potential) rund 550 ms vor der Bewegung, einen Finger zu bewegen; die bewusst erlebte Entscheidung (W) trat erst etwa 200 ms vor der Bewegung auf — das Bereitschaftspotenzial geht der bewussten Entscheidung also um rund 350 ms voraus. Argument: P1 Die neuronale Ursache liegt vor dem Bewusstsein. P2 Was vorher neuronal festgelegt ist, ist nicht frei gewählt. K Der bewusste Wille ist kausal wirkungslos — Freiheit ist Illusion.
Der Schluss unterstellt einen libertarischen Freiheitsbegriff (Verursachung durch ein der Kausalkette enthobenes Ich). Ein kompatibilistischer Begriff (Freiheit = Handeln nach eigenen Wünschen ohne äußeren Zwang) wird durch das Bereitschaftspotenzial gar nicht berührt.
Das Experiment betrifft nur willkürliche, bedeutungslose Spontanbewegungen ohne Überlegung — nicht überlegte Entscheidungen mit Gründen. Libet selbst räumte ein Veto-Fenster ein („free won’t"): das Bewusstsein kann die eingeleitete Bewegung noch stoppen. Folgestudien (Schurger 2012) deuten das Potenzial als stochastisches Rauschen, nicht als Entscheidungskausal.
Der naturalistische Fehlschluss droht: aus dem Sein (neuronaler Vorlauf) folgt kein Sollen (Verantwortung entfällt). Zudem: Freiheit ist primär ein praktischer und normativer Begriff (Zurechenbarkeit von Gründen), kein neurophysiologisches Datum.
Das Libet-Argument widerlegt allenfalls einen naiven Libertarismus spontaner Willkürakte, nicht die für Ethik und Recht relevante Freiheit der gründegeleiteten, vetofähigen Entscheidung. Determinismus und Verantwortung sind nach kompatibilistischer Lesart vereinbar.
Ergebnis: Das Argument ist nicht stichhaltig: Es überträgt einen Befund über bedeutungslose Spontanbewegungen auf den normativen Freiheitsbegriff, ignoriert das Veto-Fenster und begeht einen Sein-Sollen-Fehlschluss. Die handlungsrelevante Willensfreiheit bleibt unwiderlegt.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Diskutieren Sie Harry Frankfurts Angriff auf das „Prinzip alternativer Möglichkeiten" (PAP) anhand seiner Frankfurt-Fälle (1969): Ein Manipulator würde nur eingreifen, falls die Person sich anders entschiede — sie entscheidet aber von selbst „richtig", sodass sie verantwortlich ist, obwohl sie nicht anders KONNTE. Trifft das den Libertarismus? Stellen Sie dem Galen Strawsons „basic argument" gegenüber, wonach echte, verdienstfundierende Verantwortung unmöglich sei, weil man, um für sein Handeln letztverantwortlich zu sein, Ursache seiner selbst (causa sui) sein müsste.
Aktive Wiederholung
Beurteilen Sie das Argument, das Libet-Experiment widerlege die Willensfreiheit. Argumentieren Sie mit mindestens zwei Freiheitsbegriffen.
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Kant’s Moral Philosophy (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Leib-Seele-Problem — Positionen
Analysieren Sie das Cogito-Argument: Welche Prämissen führen Descartes zur Konklusion „Ich denke, also bin ich"? Prüfen Sie die Schlussfolgerung.
Descartes (Meditationes 1641) setzt radikalen Zweifel an: Sinneserfahrung kann täuschen (Traumargument), selbst mathematische Gewissheiten könnten durch einen genius malignus suggeriert sein. Ziel: ein archimedischer Punkt, der jedem Zweifel widersteht.
P1: Auch der Akt des Zweifelns ist ein Akt des Denkens. P2: Wo gedacht wird, muss ein Denkendes existieren (kein Denken ohne Träger). P3: Selbst wenn ein böser Geist mich täuscht, muss ich existieren, um getäuscht werden zu können.
K: „Ich bin, ich existiere" — solange ich denke (quamdiu cogito). Geltungsanspruch: nicht logischer Syllogismus, sondern unmittelbare intuitive Evidenz im Vollzug des Denkens (clara et distincta perceptio).
Selbstreferentielle Unbezweifelbarkeit: Der Versuch zu bezweifeln, dass man denkt, ist selbst ein Denkakt. Begründet ein gewisses „Ich" als Ausgangspunkt der Philosophie. Markiert den „turn to the subject" der Neuzeit (Erkenntnistheorie statt Ontologie als Erste Philosophie).
Lichtenberg: „Es denkt" wäre korrekter — aus Denken folgt nur ein Denken, nicht ein einheitlicher Träger („Ich"). Nietzsche: das „Ich" ist grammatische Suggestion, kein substantielles Subjekt. Hume: das Selbst ist nur ein „bundle of perceptions". Heidegger: Cogito unterschlägt die Frage nach dem Sein des cogito (Sein und Zeit § 10).
Das Cogito sichert minimal die Existenz eines denkenden Akts — die starke Konklusion einer res cogitans (denkende Substanz) trägt es nicht. Als methodischer Anfangspunkt unverzichtbar; als Substanzbeweis überfordert. Wertvoll bleibt der epistemologische Wendepunkt: Gewissheit beginnt bei der Selbstreflexion des Bewusstseins.
Ergebnis: Klausurtauglich ist eine Analyse, die das Cogito als unmittelbare Selbstgewissheit (nicht als Syllogismus) erfasst, seine Stärke als archimedischen Punkt anerkennt und die Einwände gegen die starke Subjektthese (Lichtenberg, Nietzsche, Hume) integriert.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
Vertiefen Sie Searles Chinese-Room-Argument (1980) gegen den Funktionalismus: syntaktische Symbolmanipulation erzeugt keine Semantik — und die Systemantwort der Funktionalisten.
Aktive Wiederholung
Vergleichen Sie Identitätstheorie und Funktionalismus hinsichtlich der Frage, ob ein hinreichend komplexer Computer Bewusstsein haben könnte.
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Descartes (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophical Anthropology (Stanford University)
Typische Fehler
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Stellen Sie Parfits reduktionistische Sicht (personale Identität bestehe in nichts weiter als psychologischer bzw. physischer Kontinuität) der „further-fact view" gegenüber, wonach es über alle Kontinuitätstatsachen hinaus eine weitere, fundamentale Tatsache des Identisch-Seins gibt. Ziehen Sie Bernard Williams’ „The Self and the Future" (1970) heran: Dasselbe Körpertausch-Szenario zieht die Intuitionen in entgegengesetzte Richtungen, je nachdem, ob es als künftiges Erleben („du wirst gefoltert werden") oder als psychologischer Tausch beschrieben wird. Spricht das für das somatische gegen das psychologische Kriterium?
Aktive Wiederholung
Erörtern Sie am Teletransporter-Gedankenexperiment (eine exakte Kopie wird erzeugt, das Original zerstört): Überlebt die Person? Argumentieren Sie mit Locke, Hume und Parfit.
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophical Anthropology (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Belege & Quellen
Stanford University