Aufgabenstellung
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Psychische Störungen nach ICD-11/DSM-5, Therapieansätze, Stigmatisierung und Recovery.
6Abschnitteca. 19Min Lesezeit3KompetenzenNiveauStandard 4 · Vertiefung 2Stand 06/2026
Lesetiefe: Vertiefung
Schriftgröße: Standard
Häufige psychische Störungen im Überblick
Eine 17-Jährige ist seit Wochen niedergeschlagen, hat die Freude an allem verloren, schläft schlecht, ist erschöpft und hält sich für „wertlos". Welche diagnostischen Kriterien wären zu prüfen, und was ist abzugrenzen?
Gedrückte Stimmung, Anhedonie (Freudlosigkeit) und Antriebslosigkeit sind die Kernsymptome der depressiven Episode; hinzu kommen Schlafstörung, Erschöpfung und Wertlosigkeitsgefühle (Abb. 1).
Erst Dauer (≥ 2 Wochen), deutlicher Leidensdruck und Funktionsbeeinträchtigung (Schule, soziale Kontakte) machen aus Traurigkeit eine behandlungsbedürftige Störung.
Wertlosigkeit und Hoffnungslosigkeit erfordern, Suizidgedanken DIREKT und einfühlsam anzusprechen — das „weckt" keine Ideen (verbreiteter, falscher Mythos), sondern entlastet und ermöglicht Hilfe.
Abzugrenzen sind normale Trauer (klarer Anlass, klingt ab), Anpassungsstörung, somatische Ursachen (z. B. Schilddrüse, Mangelzustände) und eine bipolare Störung (gab es frühere manische Phasen?).
Keine Selbstdiagnose, sondern Verweis auf fachliche Abklärung (ICD-11/DSM-5-TR sind deskriptiv-kategorial). Hilfe- und Therapieoptionen (KVT, ggf. Medikation) und stigma-sensible Kommunikation: Eine Diagnose ist Hilfe zur Behandlung, kein Etikett.
Ergebnis: Zu prüfen sind Leitsymptome (Stimmung, Anhedonie, Antrieb), Dauer, Leidensdruck, Funktionsbeeinträchtigung und Suizidalität sowie Differenzialdiagnosen. Die Einordnung dient der Behandlung — Suizidalität wird direkt angesprochen, die Diagnose nicht als Stigma verwendet.
SRDP-Aufgaben
Aufgabenstellung
Typische Fehler
Aktive Wiederholung
Beschreiben Sie ein realistisches Fallbeispiel einer Person mit Depression — welche diagnostischen Kriterien wären zu prüfen?
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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: ICD-11 — World Health Organization (WHO) · DSM-5-TR — American Psychiatric Association (APA)
Die großen Psychotherapierichtungen
Wenden Sie das ABC-Schema (Ellis) auf einen Prüfungsangst-Fall an und leiten Sie eine kognitive Intervention ab.
Das ABC-Schema unterscheidet A (activating event, auslösendes Ereignis), B (beliefs, Bewertungen/Gedanken) und C (consequences, emotionale und Verhaltensfolgen). Nicht A, sondern B verursacht C.
Auslösendes Ereignis (A): Eine wichtige Prüfung steht bevor.
Dysfunktionale Bewertung (B): „Wenn ich durchfalle, bin ich ein totaler Versager und mein Leben ist ruiniert." Es handelt sich um eine Katastrophisierung und Überverallgemeinerung.
Folge (C): starke Angst, Blackout, Vermeidung des Lernens. Die Konsequenz folgt aus der Bewertung B, nicht direkt aus dem Ereignis A.
Kognitive Umstrukturierung (D, disputation): den katastrophisierenden Gedanken prüfen und durch eine realistische Bewertung ersetzen — „Eine Prüfung ist wichtig, aber kein Urteil über meinen Wert; ich kann sie wiederholen." Ergebnis (E): geringere Angst, besseres Lernverhalten.
Ergebnis: Das ABC-Schema zeigt, dass nicht Ereignisse, sondern ihre Bewertung Emotionen erzeugen. Kognitive Umstrukturierung setzt an B an und ist ein Kernverfahren der kognitiven Verhaltenstherapie.
SRDP-Aufgaben
Aufgabenstellung
Typische Fehler
Aktive Wiederholung
Vergleichen Sie KVT und systemische Therapie an einem Fall „Angst vor Referaten". Welche Interventionen sind charakteristisch?
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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Spektrum.de — Psychotherapie (Spektrum)
Das CHIME-Recovery-Modell
Eine Mitschülerin äußert Hoffnungslosigkeit und deutet an, „es nicht mehr auszuhalten". Wie reagieren Sie evidenzbasiert, und welche Rolle spielen Recovery und Medien?
Warnzeichen (Hoffnungslosigkeit, sozialer Rückzug, frühere Versuche, konkrete Andeutungen) nicht bagatellisieren — besonders in akuten Krisen ist Aufmerksamkeit lebenswichtig.
Suizidgedanken offen und ruhig anzusprechen senkt das Risiko und weckt KEINE Ideen (verbreiteter, falscher Mythos). Zuhören, ernst nehmen, nicht moralisieren oder beschwichtigen.
An professionelle Stellen verweisen — Telefonseelsorge (142), Rat auf Draht (147), Ärztin/Krisendienst; in akuter Gefahr die Person nicht allein lassen und aktiv Unterstützung organisieren.
Genesung ist ein persönlicher Prozess: Das CHIME-Modell (Verbundenheit, Hoffnung, Identität, Sinn, Empowerment, Abb. 3) betont Ressourcen, Peer-Support und Hoffnung — Recovery ist mehr als bloße Symptomfreiheit.
Der Werther-Effekt (Nachahmung nach reißerischer Berichterstattung) und der Papageno-Effekt (Schutzwirkung lösungs- und hilfeorientierter Berichte) zeigen: Wie über Suizid und psychische Krankheit gesprochen wird, hat reale Folgen — entstigmatisierende Kommunikation rettet Leben.
Ergebnis: Richtig ist: Warnzeichen ernst nehmen, Suizidgedanken direkt ansprechen (kein „Ideen wecken"), professionelle Hilfe vermitteln und nicht allein lassen. Recovery (CHIME) und entstigmatisierende, papageno-orientierte Kommunikation stützen die Prävention.
SRDP-Aufgaben
Aufgabenstellung
Typische Fehler
Aktive Wiederholung
Entwickeln Sie ein Konzept für eine schulische Anti-Stigma-Kampagne, das Recovery-orientierte Botschaften und Suizidprävention integriert.
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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Spektrum.de — Stigma psychisch Erkrankter (Spektrum)
Vier Normalitätsbegriffe
Beurteilen Sie mit den vier Normalitätsbegriffen, ob ausgeprägte Schüchternheit als psychische Störung gelten sollte.
Sehr schüchtern zu sein ist statistisch selten — aber „selten" heißt nicht „krank" (auch Hochbegabung weicht statistisch ab). Dieses Kriterium allein genügt nicht (Abb. 4).
Ein „Idealzustand" (immer souverän und kontaktfreudig) ist utopisch und wertend — als Krankheitsmaßstab untauglich, weil ihn niemand erfüllt.
Schüchternheit verstößt gegen die Erwartungen geselliger Gesellschaften, ist aber kulturabhängig (in manchen Kontexten geschätzt). Abweichung von sozialen Normen darf nicht vorschnell pathologisiert werden.
Erst wenn deutlicher Leidensdruck UND eine relevante Funktionsbeeinträchtigung (Schule, Beziehungen) über längere Dauer hinzukommen, ist ein Störungswert plausibel — dann spräche man von sozialer Angststörung, nicht von „Schüchternheit".
Eine Persönlichkeitsvariante ist keine Störung. Vorschnelle Diagnosen pathologisieren Normvarianten (Etikettierung, Rosenhan-Studie); Diagnostik dient der Hilfe, nicht der Abwertung. Entscheidend sind Leidensdruck und Beeinträchtigung, nicht bloße Abweichung.
Ergebnis: Schüchternheit ist für sich genommen keine Störung: Statistische, ideale und soziale Norm taugen nicht als Maßstab. Erst die funktionale Norm (Leidensdruck + Beeinträchtigung + Dauer) begründet einen Störungswert (soziale Angststörung) — sonst droht Pathologisierung einer Normvariante.
SRDP-Aufgaben
Aufgabenstellung
Typische Fehler
Aktive Wiederholung
Beurteilen Sie anhand der Normalitätsbegriffe, ob ausgeprägte Schüchternheit als psychische Störung gelten sollte.
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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: ICD-11 — Mental, behavioural or neurodevelopmental disorders (World Health Organization)
Furchtkonditionierung (Erwerb einer Phobie)
Erläutern Sie am Beispiel einer depressiven Episode, wie das Vulnerabilitäts-Stress-Modell Entstehung und Verlauf einer psychischen Störung erklärt.
Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell (Diathese-Stress-Modell) erklärt psychische Störungen aus dem Zusammenwirken einer Anfälligkeit (Vulnerabilität) und äußeren Belastungen (Stressoren).
Disposition: genetische Belastung, frühe Verlusterfahrungen, dysfunktionale Denkmuster (Becks kognitive Triade: negative Sicht von Selbst, Welt, Zukunft).
Auslösende Belastung: ein kritisches Lebensereignis wie Arbeitsplatzverlust, Trennung oder chronische Überlastung.
Bei hoher Vulnerabilität genügt geringer Stress, um die Schwelle zur Episode zu überschreiten; bei niedriger Vulnerabilität braucht es starke Stressoren. Die Störung entsteht aus dem Zusammenspiel, nicht aus einer Ursache allein.
Ansatzpunkte auf beiden Seiten: Stress reduzieren (Entlastung, Problemlösung) und Vulnerabilität senken (kognitive Umstrukturierung, Aufbau von Ressourcen und Bewältigungsstrategien).
Ergebnis: Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell erklärt die Depression als Resultat von Disposition und Belastung. Es ist die Grundlage des biopsychosozialen Verständnisses und begründet mehrdimensionale Therapie und Prävention.
SRDP-Aufgaben
Aufgabenstellung
Typische Fehler
Aktive Wiederholung
Analysieren Sie die Entstehung und Aufrechterhaltung einer Hundephobie mit lern- und kognitionstheoretischen Konzepten.
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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Spektrum.de — Depression (Spektrum)
Biopsychosoziales Modell
Eine Lehrerin entwickelt über Monate Erschöpfung, Zynismus und Leistungsabfall (Burnout). Analysieren Sie den Fall mit dem biopsychosozialen Modell und ordnen Sie je zwei Faktoren den drei Ebenen zu.
Das biopsychosoziale Modell (Engel) erklärt Störungen aus dem Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren — keine Ebene allein genügt (Abb. 6).
Chronische Stressaktivierung (HPA-Achse, dauerhaft erhöhtes Cortisol), anhaltender Schlafmangel und eventuell eine genetische Vulnerabilität für Erschöpfung/Depression.
Perfektionistische Ansprüche und dysfunktionale Kognitionen („ich muss allen gerecht werden"), ungünstige Bewältigungsstile (kein Abschalten) und geringe wahrgenommene Kontrolle.
Hohe Arbeitsbelastung und große Klassen, mangelnde Anerkennung und Unterstützung, Rollenkonflikte sowie gesellschaftlicher Leistungsdruck.
Nach dem Diathese-Stress-Konzept lösen Anlage-Verwundbarkeit plus chronische Belastung das Syndrom aus. Behandlung und Prävention müssen auf ALLEN drei Ebenen ansetzen (Entlastung, kognitive Arbeit, Erholung) und Schutzfaktoren stärken (Salutogenese, Antonovskys Kohärenzgefühl, soziale Unterstützung).
Ergebnis: Burnout ist nicht monokausal: Biologische (Cortisol, Schlaf), psychische (Perfektionismus, Kontrollverlust) und soziale Faktoren (Überlastung, fehlende Anerkennung) wirken zusammen (Diathese-Stress). Wirksame Hilfe setzt auf allen drei Ebenen an und stärkt Ressourcen (Salutogenese).
SRDP-Aufgaben
Aufgabenstellung
Typische Fehler
Aktive Wiederholung
Analysieren Sie einen Fall (z. B. Burnout) mit dem biopsychosozialen Modell und ordnen Sie je zwei Faktoren den drei Ebenen zu.
Aktiv abrufen
Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Spektrum.de — Biopsychosoziales Modell (Spektrum)
Belege & Quellen