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Bestimmungen des Menschen: Vernunftwesen, Leib-Seele-Problem, Personenidentität und moderne Anthropologie.
6Abschnitteca. 22Min Lesezeit3KompetenzenNiveauStandard 2 · Vertiefung 4Stand 06/2026
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Klassische Menschenbilder im Vergleich
Vergleichen Sie Aristoteles’ Bestimmung des Menschen als zoon logon echon mit Picos Bild des Menschen als „Selbstbildner". Worin liegt jeweils die Würde des Menschen?
Der Mensch hat eine feste Natur (Wesen): Er ist das vernunftbegabte (zoon logon echon) und gemeinschaftsorientierte (zoon politikon) Lebewesen. Sein Gutsein besteht darin, diese Natur zu verwirklichen — Tugend und gelingendes Leben (eudaimonia) in der Polis (Abb. 1).
In der „Rede über die Würde des Menschen" (1486) hat der Mensch gerade KEINE feste Natur: Gott setzte ihn in die Mitte der Schöpfung und überließ ihm, sich selbst zu formen — herab zum Tier oder hinauf zum Geistigen.
Bei Aristoteles entspringt die Würde dem Erfüllen einer vorgegebenen Vernunftnatur; bei Pico gerade dem Fehlen jeder Festlegung — die Würde liegt in der Freiheit zur Selbstgestaltung.
Picos Gedanke nimmt Zentrales der Moderne vorweg: die Existenzphilosophie (Sartre: „Existenz vor Essenz") und die Anthropologie des Mängelwesens (Gehlen), das seine Instinktarmut durch Kultur kompensiert.
Beide Bilder erfassen einen Aspekt: die vernünftige Natur UND die Offenheit/Freiheit des Menschen. Eine heutige Anthropologie verbindet biologische Konstanten mit kultureller Selbstgestaltung, statt sich auf eines festzulegen.
Ergebnis: Aristoteles begründet die Würde aus der zu verwirklichenden Vernunftnatur, Pico aus der freien Selbstgestaltung. Der Vergleich zeigt die Grundspannung der Anthropologie: feste Natur vs. Offenheit — beide Pole gehören zusammen.
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Vergleichen Sie Aristoteles' zoon logon echon und Picos „Selbstbildner" hinsichtlich der Frage: Was macht den Menschen zum Menschen?
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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Philosophical Anthropology" (Stanford University)
Positionen zum Leib-Seele-Problem
Diskutieren Sie das Mary-Gedankenexperiment: Lernt die farbkundige, aber farblos aufgewachsene Mary etwas Neues, wenn sie zum ersten Mal Rot sieht? Ziehen Sie eine Folgerung für das Leib-Seele-Problem.
Mary kennt alle physikalischen Fakten über Farbsehen (Wellenlängen, Netzhaut, neuronale Verarbeitung), lebt aber in einem schwarz-weissen Raum und hat nie Farbe gesehen.
Mary verlässt den Raum und sieht erstmals etwas Rotes. Frage: Erfährt sie dabei etwas Neues, das ihr trotz vollständigen physikalischen Wissens fehlte?
Jacksons Argument: Wenn Mary Neues lernt (nämlich wie es ist, Rot zu sehen — das Quale), dann kann nicht alles Wissen physikalisches Wissen sein. Es gibt nicht-physikalische Tatsachen (Qualia).
Physikalistische Antworten: Mary erwirbt keine neue Tatsache, sondern eine neue Fähigkeit/Bekanntschaft (Ability/Acquaintance Hypothesis) oder einen neuen Begriff für eine bereits bekannte physikalische Tatsache (phänomenale Begriffe).
Das Experiment macht das „Hard Problem of Consciousness" greifbar: Selbst vollständiges physikalisches Wissen scheint das subjektive Erleben (Qualia) nicht zu erschöpfen — ein Kernargument gegen den reduktiven Physikalismus, ohne ihn zwingend zu widerlegen.
Ergebnis: Lernt Mary Neues, spricht dies für einen Eigenschaftsdualismus (Qualia sind nicht physikalisch reduzierbar). Physikalisten können den Schluss bestreiten, indem sie zwischen Tatsachen- und Fähigkeitswissen unterscheiden.
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Diskutieren Sie das Mary-Gedankenexperiment (Jackson): Lernt Mary etwas Neues, wenn sie zum ersten Mal Rot sieht?
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Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — „The Mind/Brain Identity Theory" (Stanford University)
Kriterien der Personenidentität
Ein Teletransporter scannt Ihren Körper, zerstört ihn und baut auf dem Mars eine atomgenaue Kopie mit allen Erinnerungen. Sind Sie auf dem Mars angekommen oder gestorben? Diskutieren Sie mit den Identitätskriterien.
Die Kopie hat alle Erinnerungen, Charakterzüge und Überzeugungen — also vollständige psychologische Kontinuität —, aber einen NEUEN Körper aus anderer Materie (Abb. 3).
Der ursprüngliche Körper wurde zerstört. Nach dem körperlichen Kriterium der Identität bin ich also gestorben; die Kopie ist eine andere Person, die mir nur gleicht.
Erinnerung und Charakter sind lückenlos erhalten. Nach Lockes Bewusstseins- bzw. Parfits psychologischem Kontinuitätskriterium bin ich angekommen — ich „wache" auf dem Mars auf.
Die Kriterien geben verschiedene Antworten — das ist der Sinn des Experiments. Verschärfung (Verzweigungsfall): Werden ZWEI Kopien gebaut, kann keine numerisch identisch mit mir sein, obwohl beide voll verbunden sind.
„Identity is not what matters." Worauf es uns ankommt — Überleben, Fürsorge für die eigene Zukunft — ist die psychologische Verbundenheit/Kontinuität, nicht die strenge numerische Identität. Diese kann scheitern, wo das, was zählt, fortbesteht.
Ergebnis: Körper- und Kontinuitätskriterium fallen im Teletransporter auseinander. Parfit zieht daraus: Nicht die numerische Identität zählt, sondern die psychologische Verbundenheit — eine Entdramatisierung der Identitätsfrage mit Folgen für Ethik und Selbstsorge.
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Erstellen Sie ein Gedankenexperiment, in dem das Körper- und das Bewusstseinskriterium der Personenidentität auseinanderfallen, und diskutieren Sie die Konsequenzen.
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Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Personal Identity" (Stanford University)
Willensfreiheit und Determinismus — Positionen
Das Libet-Experiment zeigt ein Bereitschaftspotenzial im Gehirn, das dem bewussten Entschluss vorausgeht. Widerlegt das die Willensfreiheit? Interpretieren und kritisieren Sie.
Versuchspersonen sollen spontan das Handgelenk beugen und am rotierenden Punkt den Zeitpunkt des bewussten Entschlusses ablesen; ein EEG misst zugleich das Bereitschaftspotenzial.
Das Bereitschaftspotenzial setzt rund 300–500 ms VOR dem berichteten Zeitpunkt des bewussten Wollens ein. Das Gehirn ist also „früher dran" als das Bewusstsein.
Daraus wird gefolgert: Der bewusste Wille sei nur ein nachträgliches Begleitphänomen, die eigentliche Entscheidung falle unbewusst — Willensfreiheit sei eine Illusion (Abb. 4).
Einwände: nur triviale, bedeutungslose Spontanbewegungen; die Zeitmessung des subjektiven Willens ist unsicher; das Bereitschaftspotenzial könnte unspezifische Vorbereitung oder (Schurger) bloße stochastische Fluktuation sein. Libet selbst ließ ein bewusstes „Veto" (free won’t) zu.
Selbst wenn neuronale Prozesse vorausgehen, trifft das nur den Libertarismus. Der Kompatibilismus (frei = aus eigenen Gründen ohne Zwang handeln) bleibt unberührt; und überlegte, gründegeleitete Entscheidungen unterscheiden sich grundlegend vom spontanen Fingerheben.
Ergebnis: Das Libet-Experiment widerlegt die Willensfreiheit nicht: Es ist methodisch begrenzt, betrifft nur triviale Spontanakte und trifft höchstens den Libertarismus, nicht den Kompatibilismus. Es mahnt aber, „Freiheit" sorgfältig zu bestimmen.
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Beurteilen Sie, ob das Libet-Experiment die Willensfreiheit widerlegt, und beziehen Sie eine begründete Position.
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Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Free Will" (Stanford University)
Sein-Sollen-Problem und naturalistischer Fehlschluss
Vergleichen Sie Gehlens Mängelwesen und Plessners exzentrische Positionalität und beurteilen Sie, welches Modell die Sonderstellung des Menschen besser erfasst.
Gehlen: Der Mensch ist biologisch ein Mängelwesen — instinktarm, unspezialisiert, weltoffen. Er kompensiert diesen Mangel durch Kultur, Technik und Institutionen.
Plessner: Der Mensch lebt nicht nur, er verhält sich zu seinem Leben (exzentrische Positionalität). Er ist zugleich Körper (Leib) und hat einen Körper — er kann sich selbst zum Gegenstand machen.
Beide bestimmen den Menschen über eine Differenz zum umweltgebundenen Tier und betonen Weltoffenheit statt fixer Instinktnatur. Beide gehören zur Trias der philosophischen Anthropologie (mit Scheler).
Gehlen argumentiert biologisch-funktional (Kompensation eines Mangels), Plessner strukturell-phaenomenologisch (Stellung im Verhältnis zum eigenen Leben). Gehlen betont Institutionen, Plessner Selbstdistanz und Reflexivität.
Plessners Modell erfasst die Reflexivität des Menschen (Selbstbewusstsein, Distanz zu sich) präziser; Gehlens Modell erklärt besser die kulturelle und technische Produktivität. Eine Verbindung beider Perspektiven ist tragfähiger als ein Entweder-Oder.
Ergebnis: Gehlen und Plessner bestimmen die Sonderstellung des Menschen über Weltoffenheit, setzen aber unterschiedlich an (Kompensation vs. Selbstdistanz). Beide ergänzen sich und vermeiden den naturalistischen Fehlschluss.
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Prüfen Sie ein Argument, das aus dem natürlichen Verhalten von Tieren eine moralische Norm für Menschen ableitet, auf den naturalistischen Fehlschluss.
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Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Naturalism" (Stanford University)
Cassirers symbolische Formen
Erläutern Sie mit Cassirer, warum Sprache nicht bloß ein Werkzeug der Verständigung ist, sondern den Weltzugang des Menschen mitprägt.
Im Alltagsverständnis ist Sprache ein neutrales Werkzeug, das fertige Gedanken von einem Kopf in den anderen transportiert — Denken zuerst, Sprache danach.
Der Mensch ist animal symbolicum: Er lebt in einem Universum symbolischer Formen — Sprache, Mythos, Kunst, Religion, Wissenschaft (Abb. 6). Symbole bilden Wirklichkeit nicht bloß ab, sie erschließen und gliedern sie überhaupt erst.
Begriffe ordnen die Welt (Farb-, Zeit-, Verwandtschaftsbegriffe); ohne sprachliche Symbole gibt es kein abstraktes, allgemeines Denken. Sprache ist damit Bedingung des Denkens, nicht nur dessen Übermittlung.
Sprache trägt Tradition, Erinnerung und Normen über Generationen (kulturelles Gedächtnis) — sie ist Teil der „zweiten Natur", in die jeder Mensch hineinwächst.
Tierische Signale sind umweltgebunden (von Uexküll); menschliche Symbole sind frei kombinierbar und weltbildend. Daher ist Sprache eine anthropologische Grundkategorie — kein nachträgliches Hilfsmittel.
Ergebnis: Mit Cassirer ist Sprache eine weltbildende symbolische Form: Sie erschließt und strukturiert Wirklichkeit, ermöglicht abstraktes Denken und stiftet Gemeinschaft — weit mehr als ein bloßes Verständigungswerkzeug.
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Erläutern Sie an einem Beispiel, inwiefern Sprache mehr ist als ein Werkzeug der Verständigung, und beziehen Sie sich auf Cassirer.
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Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — „Ernst Cassirer" (Stanford University)
Belege & Quellen
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