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Notizen/Evangelische Religionslehre/Christologie: Person, Werk und Auferstehung Jesu Christi
Notizen · Evangelische ReligionslehreDE · Abitur

Christologie: Person, Werk und Auferstehung Jesu Christi

Person Jesu (vere Deus, vere homo), Soteriologie (Sühnetod, Stellvertretung, Versöhnung), Auferstehung als Glaubens­grund. Klassische Christologie (Nicäa, Chalcedon, Reformatoren) und moderne Anfragen (Bultmann, Käsemann, Third Quest). Querverweise: setzt die Reich-Gottes-Botschaft aus „Neues Testament" voraus und verschränkt sich mit dem trinitarischen Bekenntnis in „Gottesfrage".

6 Abschnitte·~25 Min Lesezeit·5 Kompetenzen·Niveau Standard 3 · Vertiefung 3·Stand 06/2026

T·0444 / 7
Prüfungsprofil
EV-REL-CHR1 · Klassische christologische Lehrsätze (Nicäa, Chalcedon) wiedergebenEV-REL-CHR2 · Reformatorische Christologie (Luther, communicatio idiomatum) erläuternEV-REL-CHR3 · Moderne Christologien (Bultmann, Käsemann, Third Quest) einordnenEV-REL-CHR4 · Soteriologische Deutemuster (Sühne, Stellvertretung, Versöhnung) differenzierenEV-REL-CHR5 · Auferstehungszeugnisse historisch, theologisch, existenzial interpretieren
Operatoren:darstelleninterpretierenanalysierenvergleichenerörternbeurteilen

grundlegendes Niveau

gA: Zwei-Naturen-Lehre in Grundform (vere Deus, vere homo), drei Deutemuster des Todes Jesu (Sühne, Stellvertretung, Versöhnung), Auferstehung als Glaubens­grundlage, ein modernes Christologie-Modell (Bultmann oder Käsemann).

erhöhtes Niveau

eA: vier christologische Konzilien differenziert, Lutherische communicatio idiomatum, drei Quests der historischen Jesus-Forschung mit Kriterien, alternative Soteriologien (Anselm, Abaelard, moralische Beispiel-Christologie), Auferstehung in drei Aussage­ebenen.

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Christologie: Person, Werk und Auferstehung Jesu Christi
    • 01Frage nach dem historischen Jesus◐
    • 02Klassische Christologie der Alten Kirche◐
    • 03Soteriologie: Deutemuster des Todes Jesu◐
    • 04Auferstehung Christi●
    • 05Moderne Jesusbilder●
    • 06Soteriologie heute — Erlösung in säkularer Umwelt●
§ 01

Frage nach dem historischen Jesus#

●●○StandardLPNRW-KLP-EvR-IF3LPKMK-EPA-EvR-IV.1

Kernpunkte

Die „Frage nach dem historischen Jesus“ ist eines der zentralen Probleme der protestantischen Theologie: Wie verhält sich der historisch rekonstruierbare „Jesus von Nazaret“ zum „Christus des Glaubens“, den die Kirche bekennt? Martin Kähler formulierte 1892 die bleibende Spannung schon im Titel seiner Schrift „Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus“: Die Evangelien sind keine biographischen Quellen, sondern Glaubenszeugnisse — der „historische Jesus“ der Forschung ist nie unmittelbar greifbar, sondern stets durch das Bekenntnis hindurch.
Die „Old Quest“ (die Leben-Jesu-Forschung, 1778–1906) begann mit Hermann Samuel Reimarus (von Lessing postum als „Wolfenbütteler Fragmente“ veröffentlicht), der Jesus zum gescheiterten politischen Messias erklärte. Über David Friedrich Strauß' „Das Leben Jesu“ (1835/36, das die Wunder als „Mythen“ deutete) führte sie zur liberalen Theologie Adolf von Harnacks (Jesus als Lehrer der Vaterliebe und der Gottesherrschaft). Albert Schweitzer beendete diese Phase 1906 mit der „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“: Die Forscher hätten kein objektives Bild gewonnen, sondern je ihr eigenes Ideal in Jesus hineingespiegelt und den apokalyptischen, fremden Jesus übersehen.
Es folgte die „No Quest“ der dialektischen und existenzialen Theologie (etwa 1920–1953). Rudolf Bultmann erklärte die historische Rückfrage für theologisch unerheblich: Heilsentscheidend sei nicht der historische Jesus, sondern das Kerygma (die Verkündigung) der Urgemeinde; es genüge das „Dass“ seines Gekommenseins. Sein Programm der Entmythologisierung deutet die Aussagen über Wunder und Auferstehung existenzial — als Anrede an das Selbstverständnis des Menschen, nicht als historische Protokolle.
Die „New Quest“ eröffnete Bultmanns Schüler Ernst Käsemann 1953 mit dem Vortrag „Das Problem des historischen Jesus“: Ohne jede Rückbindung an den irdischen Jesus drohe die Christologie in den Doketismus (Christus nur als Idee, nicht als wirklicher Mensch) und in Beliebigkeit abzugleiten. Die Kontinuität zwischen dem irdischen Jesus und dem verkündigten Christus müsse theologisch gesichert werden. Dazu entwickelte die Forschung Authentizitätskriterien: das Differenzkriterium (was sich weder aus dem Judentum noch aus der Urkirche ableiten lässt, ist wahrscheinlich echt), das Kohärenzkriterium und die Mehrfachbezeugung.
Die „Third Quest“ (seit etwa 1985) verortet Jesus konsequent und positiv im Judentum seiner Zeit (Ed Parish Sanders, Gerd Theißen, John Dominic Crossan, Nicholas Thomas Wright — „Jesus the Jew“). Sie nutzt Sozialgeschichte, Archäologie und Kulturanthropologie und zeichnet Jesus als jüdischen Reich-Gottes-Propheten, charismatischen Heiler und Tempelkritiker. Das Differenzkriterium wird dabei kritisiert, weil es Jesus künstlich aus seinem jüdischen Kontext herauslöst; an seine Stelle tritt das Kriterium der historischen Plausibilität (Theißen/Winter).
Trotz aller Differenzen besteht ein breiter Minimalkonsens über den historischen Jesus: ein um die Zeitenwende geborener galiläischer Jude, getauft von Johannes dem Täufer, Verkündiger der nahen Gottesherrschaft, Gleichniserzähler und Heiler, der mit Zöllnern und Sündern Tischgemeinschaft hielt, in einen Konflikt um den Tempel geriet und um 30 n. Chr. unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde. Diese Eckdaten sind historisch so gut gesichert wie wenig anderes aus der Antike.
Theologisch ist die Lehre dieser Forschungsgeschichte, dass historischer Jesus und Christus des Glaubens keine Alternative sind: Käsemanns Anliegen — die historische Rückbindung gegen die Beliebigkeit — und Bultmanns Anliegen — der Glaube gründet nicht auf historischer Beweisbarkeit, sondern auf der Anrede des Kerygmas — gehören zusammen. Evangelisch gilt: Der Glaube lässt sich historisch weder erzwingen noch widerlegen; er braucht die historische Frage als Schutz vor Willkür, ruht aber letztlich nicht auf Forschungsergebnissen, sondern auf der im Wort begegnenden Christuswirklichkeit.
Musterlösung

Wissenschaftliches Verfahren — Frage nach dem historischen Jesus

Erläutern Sie die drei „Quests" der Frage nach dem historischen Jesus und beurteilen Sie ihre theologische Tragfähigkeit.

  1. 01Schritt 1 — Old Quest (1778–1906)

    Beginn mit H. S. Reimarus (Wolfenbütteler Fragmente), Höhepunkt in D. F. Strauß „Das Leben Jesu" (1835) und der liberalen Theologie (A. v. Harnack). A. Schweitzer beendet diese Phase mit der „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" (1906): die Quellen geben keinen biographischen Jesus her, sondern projizieren je eigene Idealbilder.

  2. 02Schritt 2 — No Quest / Kerygma-Theologie (1920–53)

    R. Bultmann: theologisch erheblich ist nicht der historische Jesus, sondern das Kerygma (Verkündigung) der Urgemeinde („Dass" der Existenz Christi reicht). Entmythologisierung als Programm: Aussagen über Wunder, Auferstehung, Himmelfahrt sind existenzial zu interpretieren.

  3. 03Schritt 3 — New Quest (1953ff.)

    E. Käsemann „Das Problem des historischen Jesus" (1953) lehnt die kerygmatische Beliebigkeit ab: Ohne Rückbezug auf den irdischen Jesus driftet die Christologie in den Doketismus. G. Bornkamm, G. Ebeling und E. Schweizer entwickeln Kriterien (Differenzkriterium, Kohärenzkriterium, Mehrfachbezeugung).

  4. 04Schritt 4 — Third Quest (ab 1985)

    E. P. Sanders, G. Theißen, J. D. Crossan, N. T. Wright: Jesus konsequent im Judentum seiner Zeit verortet (Jesus the Jew). Wesensmerkmale: Reich-Gottes-Prediger, Heiler, Bewegungsstifter, Tempelkritik. Methoden­vielfalt: Sozialgeschichte, Archäologie, Kulturanthropologie. Differenziertere Quellenkritik (auch Thomas-Evangelium, Q).

  5. 05Schritt 5 — Theologische Beurteilung

    Drei Lektionen: (1) Der historische Jesus ist methodisch zugänglich, aber nie als „reines Faktum" — Quellen sind selbst schon Glaubenszeugnisse. (2) Theologie braucht die historische Frage als Vergewisserung gegen Beliebigkeit (Käsemann). (3) Glaube reduziert sich nicht auf historische Sicherheit; der „Christus des Glaubens" und der „Jesus der Geschichte" sind dialektisch zu verstehen.

Ergebnis: Die drei Quests zeigen: historische Frage und Kerygma sind keine Alternative. Eine reife Christologie braucht beides — die historische Rückbindung (gegen Beliebigkeit) und das Glaubenszeugnis (gegen Reduktion auf Fakten).

Abiturfokus

  • Operator „darstellen": drei Quests mit ihren Hauptvertretern und Stichworten benennen.
  • Differenzkriterium an einem Beispiel anwenden (z. B. Reich-Gottes-Logien).
  • Verhältnis historischer Jesus und Christus des Glaubens dialektisch beschreiben.

Typische Fehler

  • Bultmann als „Auferstehungs­leugner" missverstehen — er deutet sie existenzial.
  • Third Quest mit Old Quest verwechseln.
  • Historisch-kritische Forschung als Glaubens­zerstörung darstellen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erörtern Sie die methodischen Probleme der Kriterien (Differenz-, Kohärenz-, Mehrfachbezeugung) und diskutieren Sie alternative Ansätze wie die social-memory-Theorie (J. Schröter).

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie die drei Quests der Jesusforschung und beurteilen Sie das theologische Verhältnis von historischem Jesus und Christus des Glaubens.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK)

§ 02

Klassische Christologie der Alten Kirche#

●●○StandardLPNRW-KLP-EvR-IF3LPKMK-EPA-EvR-IV.2

Kernpunkte

Die altkirchlichen Konzilien rangen um die eine Frage: Wer ist Jesus Christus im Verhältnis zu Gott und zum Menschsein? Es ging dabei nie um abstrakte Spekulation, sondern um das Heil: Nur wenn Christus wahrer Gott ist, kann er erlösen; nur wenn er wahrer Mensch ist, ist der Mensch wirklich erlöst — Gregor von Nazianz brachte es auf die Formel „Was nicht angenommen ist, ist nicht erlöst“. Die dogmatischen Festlegungen sichern also den Heilsbezug Christi gegen Verkürzungen nach beiden Seiten.
Das Konzil von Nicäa (325) entschied gegen den Arianismus: Arius hatte gelehrt, der Sohn sei ein Geschöpf, das höchste und erste zwar, aber nicht wahrer Gott („es gab eine Zeit, da er nicht war“). Nicäa bekannte demgegenüber, der Sohn sei „wesensgleich“ (homoousios) mit dem Vater, „gezeugt, nicht geschaffen“. Dieses eine Wort homoousios — gegen das nur ähnlich klingende homoiousios (wesensähnlich) — wurde zum Schibboleth der Rechtgläubigkeit und steht bis heute im Glaubensbekenntnis (Symbolum Nicaenum).
Das Konzil von Konstantinopel (381) vollendete die Trinitätslehre: Auch der Heilige Geist ist wahrer Gott, „der Herr ist und lebendig macht“. Damit war die klassische trinitarische Grundformel erreicht — ein Gott in drei „Hypostasen“ (Personen) und einer „Usia“ (Wesen), una substantia, tres personae. Trinität und Zwei-Naturen-Lehre sind dabei sauber auseinanderzuhalten: Die Trinitätslehre betrifft das Verhältnis der drei göttlichen Personen, die Christologie das Verhältnis von Gottheit und Menschheit in der einen Person des Sohnes.
Das Konzil von Ephesus (431) verteidigte die Einheit der Person Christi gegen Nestorius, der die beiden Naturen so stark trennte, dass Christus in zwei Personen zu zerfallen drohte und Maria nur „Christusgebärerin“ (Christotokos), nicht „Gottesgebärerin“ heißen sollte. Ephesus bekräftigte den Titel Theotokos („Gottesgebärerin“): Nicht eine bloße Natur, sondern die eine Person des menschgewordenen Gottessohnes wurde geboren. Die Differenz war subtiler, als die spätere Polemik vermuten lässt — Nestorius wollte gerade die wahre, ungeschmälerte Menschheit Christi wahren.
Das Konzil von Chalcedon (451) brachte die klassische Synthese, die für alle Großkirchen (orthodox, katholisch, reformatorisch) maßgeblich blieb: Christus ist „wahrer Gott und wahrer Mensch“ (vere Deus, vere homo), in zwei Naturen, die in der einen Person „unvermischt, unverwandelt, ungetrennt, ungesondert“ (asynchytos, atreptos, adiairetos, achoristos) geeint sind. Die vier berühmten Negationen grenzen nach beiden Seiten ab: gegen die Vermischung der Naturen (Monophysitismus) und gegen ihre Trennung (Nestorianismus). Christus ist nicht „halb Gott, halb Mensch“ und nicht „erst Mensch, dann Gott“, sondern zugleich ganz Gott und ganz Mensch.
Die folgenden Konzilien präzisierten weiter: Konstantinopel II (553) und III (680/681) wehrten monophysitische und monotheletische Sonderwege ab (Christus hat zwei Willen, einen göttlichen und einen menschlichen). Nicht alle Kirchen folgten Chalcedon: Die altorientalischen Kirchen (die koptische, die syrisch-orthodoxe, die armenische, die äthiopische) lehnten die Zwei-Naturen-Formel ab und gelten seither als „miaphysitisch“; moderne ökumenische Gespräche (seit etwa 1990) haben jedoch gezeigt, dass die Differenz weithin terminologischer Art ist. ordnet die Konzilien und ihre jeweiligen Abgrenzungen.

Christologische Konzilien und Zwei-Naturen-Lehre

Christologische KonzilienZeitleiste von 300 bis 470, 325: Nicäa: homoousios, 381: Konstantinopel: Trinität, 431: Ephesus: Theotokos, 451: Chalcedon: 2 Naturen300470n. Chr.325Nicäa:homoousios381Konstantinopel:Trinität431Ephesus:Theotokos451Chalcedon: 2Naturen
Abb. 1Nicäa 325 (homoousios), Konstantinopel 381 (Trinität), Ephesus 431 (Theotokos), Chalcedon 451 (Zwei-Naturen-Lehre).
Die Reformatoren behielten das chalcedonische Dogma; Luther akzentuierte es mit der communicatio idiomatum (der „Eigenschaftsmitteilung“): Weil Gottheit und Menschheit in der einen Person Christi vereint sind, lassen sich die Eigenschaften der einen Natur der ganzen Person zusprechen — man darf sagen „Gott ist für uns gestorben“ und „dieser Mensch hat die Welt geschaffen“. Diese Zuspitzung wurde im Abendmahlsstreit gegen Zwingli und Calvin bedeutsam (die leibliche Realpräsenz). Evangelisch bleibt die Pointe der ganzen Christologie soteriologisch: Die Zwei-Naturen-Lehre ist kein metaphysisches Rätsel um seiner selbst willen, sondern die dogmatische Sicherung der Aussage, dass in Jesus Christus Gott selbst zu unserem Heil Mensch geworden ist.
Christus=vere Deus  ∧  vere homo\text{Christus} = \text{vere Deus} \;\wedge\; \text{vere homo}Christus=vere Deus∧vere homo

Chalcedonensische Christologie

Wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich, „unvermischt, unverwandelt, ungetrennt, ungesondert".

Abiturfokus

  • Operator „darstellen": vier christologische Konzilien chronologisch mit Hauptaussage.
  • Chalcedonische Formel mit vier Adverbien wörtlich.
  • Lutherische communicatio idiomatum als ev. Akzent erklären.

Typische Fehler

  • Trinität und Zwei-Naturen-Lehre vermischen.
  • Konzilien als „rein dogmatische Spielerei" abtun — sie sicherten den Heilsbezug Christi.
  • Nestorius als „Häretiker" karikieren — die Differenz war subtiler.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Vergleichen Sie die orthodoxe Christologie (Chalcedon) mit den monophysitischen Kirchen (Koptisch, Syrisch, Armenisch) und beurteilen Sie aktuelle ökumenische Annäherungen seit 1990.

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie die chalcedonische Zwei-Naturen-Lehre und beurteilen Sie ihre soteriologische Bedeutung („was nicht angenommen ist, ist nicht erlöst" — Gregor von Nazianz).

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK)

§ 03

Soteriologie: Deutemuster des Todes Jesu#

●●○StandardLPNRW-KLP-EvR-IF3LPKMK-EPA-EvR-IV.3

Kernpunkte

Die Soteriologie (von griechisch soteria, „Heil, Rettung“) fragt nach der Heilsbedeutung Christi: Wie wird durch Leben, Tod und Auferstehung Jesu der Mensch mit Gott versöhnt? Das Neue Testament gibt darauf keine einzige Theorie, sondern eine Fülle von Deutemustern, die das eine Heilsereignis in verschiedenen Bildwelten auslegen — Opfer, Gericht, Sklavenmarkt, Schlacht, Vorbild. Keines dieser Bilder ist für sich „die“ Lehre; sie ergänzen einander.
Allen Deutemustern gemeinsam ist die Grundrichtung: Nicht der Mensch versöhnt einen zürnenden Gott, sondern Gott selbst stiftet die Versöhnung. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“ (2 Kor 5,19) — die Initiative geht ganz von Gott aus. Dieses „von Gott her“ ist die soteriologische Grundregel; jedes Bild, das Gott als den durch ein Opfer erst zu besänftigenden Zürnenden darstellt, verfehlt sie.
Das Modell des stellvertretenden Sühnetods (Röm 3,25; 2 Kor 5,21) deutet Jesu Tod mit dem Bild des alttestamentlichen Opferkults (Lev 16, der große Versöhnungstag Jom Kippur): Christus stirbt „für uns“ (hyper hemon), trägt stellvertretend, was den Sünder von Gott trennt, und schafft so Versöhnung. Wichtig ist die evangelische Klärung: Stellvertretung meint nicht, dass ein unschuldiges Opfer einen rachsüchtigen Gott beschwichtigt, sondern dass Gott selbst in Christus die Folge der Sünde auf sich nimmt.
Das Lösegeld-Modell (Mk 10,45: der Menschensohn gibt „sein Leben als Lösegeld für viele“, lytron) nimmt das Bild des Freikaufs vom Sklavenmarkt auf: Christus erkauft die Freiheit der Gefangenen. Eng verwandt ist das Christus-Victor-Modell (Kol 2,15): In Kreuz und Auferstehung „triumphiert“ Christus über die versklavenden Mächte — Sünde, Tod und Teufel. Gustaf Aulén hat dieses „klassische“ Modell („Christus Victor“, 1930) als das eigentlich altkirchliche und reformatorische herausgestellt: Erlösung als Befreiungssieg.
Die einflussreichste systematische Theorie ist die Satisfaktionslehre Anselms von Canterbury („Cur Deus homo“, 1098): Die Sünde verletzt die Ehre Gottes unendlich; diese Verletzung muss durch eine angemessene Genugtuung (Satisfaktion) ausgeglichen werden. Da nur der Mensch schuldet, aber nur Gott Unendliches leisten kann, muss der Erlöser Gott-Mensch sein — daraus folgt die Notwendigkeit der Menschwerdung. Ihre Stärke: Sie denkt Christologie und Soteriologie streng zusammen. Ihre Schwäche: Sie setzt ein feudales Gottesbild voraus (der beleidigte Lehnsherr) und droht, die Gnade in eine juristische Aufrechnung zu verwandeln.
Als Gegenmodell entwarf Petrus Abaelard (12. Jahrhundert) die subjektiv-moralische Deutung: Christi Tod ist die höchste Offenbarung der Liebe Gottes, die im Menschen Gegenliebe und Umkehr weckt. Erlösung geschieht hier nicht durch eine objektive Heilstat, sondern durch die verwandelnde Kraft des Vorbilds. Ihre Stärke: Sie nimmt die Liebe Gottes ernst und vermeidet das problematische Aufrechnungsdenken. Ihre Schwäche: Allein genommen verdünnt sie das Kreuz zum bloßen moralischen Appell und macht Christus zum Moralapostel.
Der reformatorische Akzent (Luther) liest den stellvertretenden Sühnetod streng im Gnadenzusammenhang (sola gratia): Im „fröhlichen Wechsel“ nimmt Christus die Sünde des Menschen auf sich und schenkt ihm seine Gerechtigkeit — das Kreuz ist die Tat der sich verschenkenden Liebe Gottes (theologia crucis). Die moderne Diskussion vertieft dies: Jürgen Moltmann („Der gekreuzigte Gott“, 1972) denkt das Kreuz trinitarisch — im Tod des Sohnes leidet Gott selbst mit und nimmt das Leid der Welt in sich hinein. Evangelisch gilt: Die verschiedenen Deutemuster () sind komplementär zu lesen; entscheidend bleibt, dass am Kreuz Gott selbst handelt — aus Liebe, zu unserem Heil.

Soteriologische Deutemuster des Todes Jesu

Soteriologische Deutemuster des Todes JesuTabelle mit 3 Spalten und 6 Zeilen, Daten: Deutemuster · Beleg · Kernaussage; Stellvertr. Sühnetod · Röm 3,25; Lev 16 · reformator. Schwerpunkt (sola gratia); Versöhnung · 2 Kor 5,18ff. · Gott versöhnt die Welt, Initiative bei Gott; Lösegeld (lytron) · Mk 10,45 · Loskauf aus Knechtschaft; Christus Victor · Kol 2,15; Aulén · Sieg über die Mächte; Vorbild (Abaelard) · — · Beispiel der Liebe; keine objektive Heilstat; Satisfaktion (Anselm) · Cur Deus homo 1098 · Kritik: problematisches Gottesbild, hervorgehobene Zelle: Stellvertr. SühnetodDEUTEMUSTERBELEGKERNAUSSAGEStellvertr. SühnetodRöm 3,25; Lev 16reformator. Schwerpunkt(sola gratia)Versöhnung2 Kor 5,18ff.Gott versöhnt die Welt,Initiative bei GottLösegeld (lytron)Mk 10,45Loskauf aus KnechtschaftChristus VictorKol 2,15; AulénSieg über die MächteVorbild (Abaelard)—Beispiel der Liebe; keineobjektive HeilstatSatisfaktion (Anselm)Cur Deus homo 1098Kritik: problematischesGottesbildEin Kreuzesgeschehen „pro nobis"; Moltmann „Der gekreuzigteGott" (1972)
Abb. 2Fünf neutestamentlich-dogmatische Modelle (Sühne, Versöhnung, Lösegeld, Christus Victor, Vorbild) deuten das eine Kreuzesgeschehen; Anselms Satisfaktionstheorie steht kritisch daneben.
Heil=Gottes Initiative  →  Christus pro nobis  →  Verso¨hnung\text{Heil} = \text{Gottes Initiative} \;\rightarrow\; \text{Christus pro nobis} \;\rightarrow\; \text{Versöhnung}Heil=Gottes Initiative→Christus pro nobis→Verso¨hnung

Grundstruktur der Soteriologie (2 Kor 5,18–21)

Nicht der Mensch versöhnt einen zürnenden Gott, sondern Gott versöhnt durch Christus die Welt mit sich selbst; die verschiedenen NT-Deutemuster (Sühne, Lösegeld, Sieg, Vorbild) explizieren dieselbe Bewegung „von Gott her".

Abiturfokus

  • Operator „differenzieren": fünf Deute­muster mit Bibelbelegen und kurzem Profil.
  • Anselms Satisfaktions­theorie kritisch würdigen.
  • Reformatorische Akzentuierung erklären.

Typische Fehler

  • Sühnetod und Lösegeld in einen Topf werfen.
  • Satisfaktions­theorie als „die" biblische Lehre darstellen.
  • Versöhnung im Vater-Sohn-Schema („Gott versöhnt sich selbst") missverstehen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie Moltmanns „Der gekreuzigte Gott" als Antwort auf die Theodizee­frage und beurteilen Sie die theologische Tragweite seiner These „Gott leidet im Sohne mit".

Aktive Wiederholung

Vergleichen Sie das Stellvertretungs-Modell (Röm 3,25) und das Christus-Victor-Modell (Kol 2,15) als Deutung des Todes Jesu und beurteilen Sie ihre jeweilige Plausibilität in heutigem Sprach- und Wertehorizont.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK) · EKD-Texte (Grundlagenpapiere) (EKD)

§ 04

Auferstehung Christi#

●●●VertiefungLPNRW-KLP-EvR-IF3LPKMK-EPA-EvR-IV.4

Kernpunkte

Die Auferstehung Jesu ist der Grund und die Mitte des christlichen Glaubens — ohne sie gäbe es weder Kirche noch Neues Testament. Paulus zieht die Konsequenz mit aller Schärfe: „Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich“ (1 Kor 15,14). Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob die Auferstehung zentral ist, sondern wie sie zu verstehen ist — als welche Art von „Ereignis“ und auf welcher Aussageebene.
Das älteste Auferstehungszeugnis ist nicht ein Evangelium, sondern eine vorpaulinische Bekenntnisformel, die Paulus in 1 Kor 15,3–8 zitiert (überliefert wohl schon in den 30er Jahren, also wenige Jahre nach den Ereignissen): „gestorben für unsere Sünden nach der Schrift; und begraben; und auferweckt am dritten Tage nach der Schrift; und erschienen“ — es folgt eine Liste von Zeugen (Kephas, die Zwölf, mehr als 500, schließlich Paulus selbst). Die Formel ist auffallend früh und nüchtern und bildet das historische Fundament der Osterüberlieferung.
Die Evangelien überliefern zwei Traditionsstränge: das leere Grab und die Erscheinungen des Auferstandenen. Sie stimmen in den Kerndaten überein (Tod und Begräbnis, das leere Grab am Ostermorgen, Erscheinungen, der Wandel der zuvor geflohenen Jünger zur bekennenden Gemeinde), differieren aber in den Einzelheiten (Zahl und Namen der Frauen, Orte der Erscheinungen). Diese Differenzen sprechen gerade nicht für eine Fiktion — eine erfundene Geschichte wäre besser harmonisiert —, sondern für mehrere voneinander unabhängige Traditionen.
Theologisch ist sorgfältig abzugrenzen, was die Auferstehung nicht meint: Sie ist keine bloße „Wiederbelebung“ eines Leichnams in das alte, sterbliche Leben (wie bei der Auferweckung des Lazarus, der wieder sterben musste), sondern der Eintritt in eine neue, verwandelte, unvergängliche Wirklichkeit (Paulus spricht in 1 Kor 15 vom „geistlichen Leib“). Auferstehung ist auch nicht einfach das „Weiterleben der Seele“ (ein griechischer Gedanke), sondern Gottes neuschaffende Tat am ganzen Menschen.
Um den Charakter des Ereignisses streiten zwei klassische Positionen: Rudolf Bultmann deutet die Auferstehung existenzial — sie sei kein objektiv-historisches Ereignis, sondern „das Auferstehen Jesu ins Kerygma hinein“: In der Verkündigung wird der Gekreuzigte als der Lebendige präsent, Ostern „ereignet sich“ dort, wo der Glaube entsteht. Wolfhart Pannenberg dagegen („Grundzüge der Christologie“, 1964) versteht die Auferstehung als universalhistorisches, prinzipiell der historischen Vernunft zugängliches Geschehen — als „Vorwegnahme“ (Prolepse) der endzeitlichen Auferweckung der Toten. Die Anfrage an Bultmann: Verflüchtigt sich die Auferstehung in bloße Subjektivität? Die Anfrage an Pannenberg: Überspannt er die Reichweite historischer Beweisbarkeit?
Hilfreich ist die Unterscheidung dreier Aussageebenen, die nicht zu vermischen sind: Historisch ist der Tod Jesu sicher, das leere Grab und die Erscheinungserfahrungen sind als Phänomene zugänglich — die Auferstehung selbst aber ist kein innerweltlich beobachtbares Ereignis und entzieht sich dem historischen Zugriff; theologisch ist sie Gottes Tat am Sohn, der Sieg über Tod und Sünde; existenzial eröffnet sie dem Glaubenden neues Leben und Hoffnung. Wer die Ebenen vermengt, gerät entweder in einen unhaltbaren historischen „Beweis“ oder in bloße Innerlichkeit.
Aus dem Osterglauben entsteht alles Weitere: Pfingsten als Geburtsstunde der Kirche, der Sonntag als wöchentliches Osterfest, die christliche Hoffnung auf die eigene Auferstehung (Christus als „Erstling der Entschlafenen“, 1 Kor 15,20–22). Evangelisch gilt: Die Auferstehung ist kein bloßes Anhängsel an das Kreuz, sondern Gottes Ja zum Gekreuzigten und damit der Grund der Rechtfertigung — Christus ist „um unsrer Rechtfertigung willen auferweckt“ (Röm 4,25). Der Glaube ruht darum nicht auf einem historischen Beweis, sondern auf der im Wort begegnenden Wirklichkeit des Auferstandenen.
Musterlösung

Auferstehung interpretieren — historisch, theologisch, existenzial

Interpretieren Sie das Auferstehungszeugnis (1 Kor 15,3–8) auf den drei Ebenen historisch, theologisch und existenzial und beurteilen Sie das Verhältnis dieser Ebenen.

  1. 01Schritt 1 — Textbasis und Datierung

    1 Kor 15,3–8 enthält das älteste Auferstehungszeugnis (ca. 50 n. Chr., Paulus übernimmt eine bereits geprägte Formel, vermutlich aus den 30er Jahren). Vier Glieder: gestorben — begraben — auferweckt — erschienen. Erscheinungsliste: Kephas, die Zwölf, mehr als 500 Brüder, Jakobus, alle Apostel, Paulus zuletzt.

  2. 02Schritt 2 — Historische Ebene

    Methodisch zugänglich sind: das Faktum des Todes Jesu, das leere Grab (umstritten), die Erscheinungserfahrungen der Jünger (vielfach bezeugt), der Wandel der Jüngergemeinde von Niederlage zu Verkündigung. Nicht zugänglich ist die „Auferstehung selbst" als Ereignis — sie liegt strukturell jenseits historischer Methode.

  3. 03Schritt 3 — Theologische Ebene

    Auferweckung ist Gottes Tat an Jesus (Passivum divinum). Theologische Bedeutung: Bestätigung Jesu Botschaft, Sieg über Sünde und Tod, Begründung der Hoffnung auf eigene Auferstehung (1 Kor 15,20: „Erstling der Entschlafenen"). Christologisch: Erhöhung in Gottes Wirklichkeit; trinitarisch: Vater handelt am Sohn im Heiligen Geist.

  4. 04Schritt 4 — Existenziale Ebene

    Bultmanns Programm: Auferstehung ist „das Ereignis in das Kerygma hinein" — sie ereignet sich in der Verkündigung als Möglichkeit neuen Lebens. Anfragen: reduziert das auf bloße Subjektivität? Antwort moderner Theologie (Pannenberg, Moltmann): Bultmanns Ebene ist legitim, aber nicht ausreichend — sie muss auf die historische und theologische Ebene zurückbezogen werden.

  5. 05Schritt 5 — Beurteilung

    Die drei Ebenen sind hierarchisch geordnet: die historische Ebene ist Notwendigkeit (Bultmanns „Dass"), aber nicht hinreichend. Die theologische Ebene gibt der historischen ihren Sinn. Die existenziale Ebene aktualisiert das theologische Zeugnis für den Glaubenden. Reduktion auf eine Ebene führt entweder zu Faktenpositivismus oder zu Subjektivismus.

Ergebnis: Auferstehung ist gleichzeitig historische Glaubensbasis, theologische Tat Gottes und existenziale Eröffnung neuen Lebens. Eine reduktionistische Lektüre auf nur eine Ebene verfehlt das Auferstehungszeugnis.

Abiturfokus

  • Operator „interpretieren": Auferstehung auf drei Ebenen erschließen.
  • Bultmanns und Pannenbergs Positionen kontrastieren.
  • 1 Kor 15,3–8 als ältestes Zeugnis identifizieren.

Typische Fehler

  • Auferstehung als bloße „Wiederbelebung" (gleich Lazarus) missverstehen.
  • Historische und theologische Ebene vermischen.
  • Bultmann als bloß subjektivistisch abtun.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Vergleichen Sie Bultmanns existenziale und Pannenbergs universalhistorische Auferstehungs­interpretation und entwickeln Sie eine vermittelnde Position im Anschluss an J. Moltmann.

Aktive Wiederholung

Interpretieren Sie das paulinische Auferstehungs­zeugnis (1 Kor 15,3–8) auf den drei Ebenen historisch — theologisch — existenzial und beurteilen Sie das Verhältnis dieser Ebenen.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophy of Religion (Stanford University) · EKD-Texte (Grundlagenpapiere) (EKD)

§ 05

Moderne Jesusbilder#

●●●VertiefungLPNRW-KLP-EvR-IF3LPKMK-EPA-EvR-IV.5

Kernpunkte

Neben der historischen Jesusforschung hat die Theologie des 20. Jahrhunderts eine Fülle von „Jesusbildern“ entworfen, in denen sich je eine theologische Grundentscheidung und ein zeitgeschichtlicher Kontext spiegeln. Sie sind nicht beliebig, aber auch nicht einfach gegeneinander auszuspielen — viele sind komplementär, weil sie verschiedene Aspekte des einen Christus betonen. Ihr Vergleich macht sichtbar, wie Christologie stets auch Antwort auf die Fragen ihrer Zeit ist.
Die liberale Theologie (der Kulturprotestantismus) gipfelt in Adolf von Harnacks „Das Wesen des Christentums“ (1900): Jesus ist der Lehrer einer schlichten, ethischen Religion, deren Kern „das Evangelium vom Vater“ ist — die Vaterschaft Gottes, der unendliche Wert der Menschenseele und das Gebot der Liebe. Dogmen und Wunder gelten als spätere „Hellenisierung“. Ihre Stärke ist der ethische Ernst und die Klarheit; ihre Schwäche, dass Jesus zum bloßen Lehrer zu werden droht und Kreuz wie Eschatologie verblassen.
Der Erste Weltkrieg zerbrach diesen Optimismus. Karl Barths „Römerbrief“ (2. Auflage 1922) eröffnete die dialektische Theologie: Gott ist der „ganz Andere“, der „senkrecht von oben“ in die Welt einbricht; Christus ist Gottes Offenbarung, die alle menschliche Religion und Kultur in die Krise stürzt. Nicht der Mensch findet zu Gott (Religion), sondern Gott kommt zum Menschen (Offenbarung). Der theologische Bruch von 1922 markiert das Ende des Kulturprotestantismus.
Rudolf Bultmanns existenziale Christologie fragt nicht nach Jesu „Wesen“, sondern nach seiner Bedeutung für mich: Christus begegnet als Anrede ins Hier und Jetzt, die zur Entscheidung des Glaubens ruft und das Selbstverständnis des Menschen verwandelt. Die Entmythologisierung übersetzt die mythische Sprache des Neuen Testaments in diese existenziale Bedeutung. Ihre Stärke ist die existenzielle Wucht; die Anfrage lautet: Verkürzt sich der Christus auf das, was er „für mich“ bedeutet?
Nach Auschwitz und im Angesicht globaler Armut entstanden kontextuelle Christologien, die das Leiden ins Zentrum rücken: Die politische Theologie (Johann Baptist Metz, Jürgen Moltmann) versteht Christus als den Anwalt der Leidenden und macht die „Erinnerung an das Leiden“ (memoria passionis) zum Maßstab. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie (Gustavo Gutiérrez, Leonardo Boff) liest Jesus als Befreier und formuliert die „vorrangige Option für die Armen“. Diese Theologien sind nicht als bloße politische Ideologie abzutun, sondern als ernsthafte Antwort auf konkrete Unterdrückungs- und Leidenserfahrung zu verstehen.
Die feministische Theologie (Elisabeth Schüssler Fiorenza, Rosemary Radford Ruether) liest die Jesusüberlieferung kritisch gegen patriarchale Verzerrungen und hebt die befreiende Praxis Jesu gegenüber Frauen hervor (Ruethers Frage „Kann ein männlicher Erlöser Frauen erlösen?“ ist dabei produktiv, nicht destruktiv gemeint). Die pluralistische Religionstheologie (John Hick, Paul Knitter) schließlich relativiert den Absolutheitsanspruch: Christus sei „ein Weg unter mehreren“ — eine Position, die mit der chalcedonischen Bekenntnistradition in scharfen Konflikt gerät und kritisch zu befragen ist.
Für eine heutige evangelische Christologie bleiben mehrere Akzente tragend: Barths Betonung, dass Christus Gottes Offenbarung und nicht menschliche Projektion ist (gegen die Religionskritik Feuerbachs); Bultmanns existenzielle Anrede; die Solidarität der politischen und der Befreiungstheologie mit den Leidenden. Maßstab bleibt die Schrift (sola scriptura) und das Bekenntnis zu dem einen Christus, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Die Vielfalt der Jesusbilder ist dabei kein Mangel, sondern Reichtum — solange sie sich am biblischen Zeugnis und an der altkirchlichen Bekenntnisgrundlage messen lässt.

Abiturfokus

  • Operator „einordnen": modernes Jesusbild einem theologischen Strom zuordnen.
  • Kontextuelle Theologien (Befreiung, feministisch) als Antwort auf konkrete Erfahrungen verstehen.
  • Eigene begründete Position formulieren.

Typische Fehler

  • Modelle als sich ausschließend darstellen — sie sind oft komplementär.
  • Pluralistische Christologien voreilig als „Verrat" abwerten.
  • Kontextuelle Theologien (Befreiung, feministisch) als bloße politische Ideologie abtun, statt sie als Antwort auf konkrete Leidens- und Unterdrückungserfahrungen zu verstehen.
  • Harnacks liberales und Barths dialektisches Jesusbild historisch nivellieren, statt den Bruch von 1922 (Krise des Kulturprotestantismus) zu benennen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie die Plausibilität einer pluralistischen Christologie (Hick, Knitter) und problematisieren Sie deren Verträglichkeit mit klassischer chalcedonischer Bekenntnis­tradition.

Aktive Wiederholung

Vergleichen Sie das Jesusbild der liberalen Theologie (Harnack) mit dem der dialektischen Theologie (Barth) und beurteilen Sie, welche Akzente in einer heutigen evangelischen Christologie tragend bleiben.

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Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophy of Religion (Stanford University) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK)

§ 06

Soteriologie heute — Erlösung in säkularer Umwelt#

●●●VertiefungLPNRW-KLP-EvR-IF3LPKMK-EPA-EvR-IV.6

Kernpunkte

Die klassische Soteriologie setzt voraus, dass der Mensch sich als erlösungsbedürftig erfährt — als bedroht von Sünde, Schuld und Tod. Genau diese Voraussetzung ist in der säkularen Gegenwart fraglich geworden: Viele Menschen fühlen sich nicht „von Gott bedroht“ und verstehen die Sprache von „Sünde“ und „Heil“ nicht mehr. Die soteriologische Grundfrage lautet daher heute: Was bedeutet „Erlösung“ für einen Menschen, dem das Problem, auf das sie die Antwort ist, fremd geworden ist?
An die Stelle der religiösen Heilshoffnung treten säkulare „Heilssubstitute“: Selbstoptimierung und Gesundheit, ökonomischer Erfolg und Konsum, romantische Liebe, politische Utopien oder die Verheißungen der Technik. Jedes dieser Angebote verspricht, was traditionell die Religion zusagte — Sinn, Geborgenheit, Überwindung von Endlichkeit. Die christliche Soteriologie steht damit in Konkurrenz und tut gut daran, diese Substitute nicht reflexhaft zu entwerten, sondern als ernsthafte (und oft überfordernde) Sinnangebote zu verstehen.
Zugleich gibt es bleibende Anschlussfelder, an denen die Erlösungsfrage auch säkular aufbricht: die Sinnfrage in Lebenskrisen, die Last realer Schuld (die durch Therapie gemildert, aber nicht vergeben werden kann), das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit angesichts von Krankheit und Tod, die Erfahrung des Scheiterns und der Vergeblichkeit. Hier zeigt sich, dass die Erlösungsbedürftigkeit nicht verschwunden, sondern nur anders benannt ist — und dass christliche Soteriologie an diese Erfahrungen anknüpfen kann.
Eine zentrale Aufgabe ist die hermeneutische Übersetzung der überlieferten Heilsbilder. Manche Sprachbilder tragen heute schwer: „Opferblut“, „Lösegeld“, „Sühne“, „Satisfaktion“ setzen kultische oder feudale Vorstellungswelten voraus, die der heutige Hörer nicht mehr teilt und die unübersetzt sogar abstoßend wirken können (das Bild eines Gottes, der Blut fordert). Sie unübersetzt zu predigen überfordert die Hörer; sie zu erschließen verlangt, ihren ursprünglichen Sinn — Gottes selbsthingebende Liebe — freizulegen.
Andere biblische Heilsbilder tragen auch heute: „Versöhnung“ (wiederhergestellte Beziehung), „Freiheit“ und „Befreiung“ (aus Zwängen und Abhängigkeiten), „Annahme“ und „Rechtfertigung“ (bedingungslos angenommen sein, ohne sich rechtfertigen zu müssen), „neue Schöpfung“ und „Heilung“. Gerade die reformatorische Rechtfertigungsbotschaft — der Mensch ist von Gott bedingungslos angenommen, unabhängig von seiner Leistung — ist in einer Leistungs- und Optimierungsgesellschaft hochaktuell, weil sie den Druck der ständigen Selbstrechtfertigung durchbricht.
Empirisch zeigt sich ein differenziertes Bild: Nach dem Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung erleben religiöse Menschen tendenziell häufiger Sinnerfüllung und kommen mit Krisen besser zurecht — aber auch nichtreligiöse Menschen finden Sinn auf anderen Wegen. Die Soteriologie kann daher weder behaupten, nur der Glaube stifte Sinn, noch ignorieren, dass sie in einem pluralen Markt der Sinnangebote steht. Redlichkeit verlangt, diese empirische Lage anzuerkennen.
Pastoraltheologisch vollzieht sich daher eine Akzentverschiebung: Erlösung wird weniger als „Rettung der Seele ins Jenseits“ und stärker als „gut und getrost leben können — trotz Schuld, Scheitern und Tod“ verstanden. Erlösung ist dabei nicht mit psychischem Wohlbefinden zu verwechseln (sie ist nicht Therapie), sondern meint das im Glauben geschenkte Getragensein, das auch im Leid und im Sterben trägt. Evangelisch bleibt entscheidend: Heil ist Gabe, nicht Leistung — die Soteriologie übersetzt diese eine Botschaft in die Sprache und die Nöte der jeweiligen Zeit, ohne ihren Kern, die rechtfertigende Gnade Gottes, preiszugeben.

Abiturfokus

  • Operator „erörtern": Plausibilität klassischer Heils­bilder in heutiger Gesellschaft prüfen.
  • Säkulare Heils­substitute identifizieren und kritisch einordnen.
  • Eigene Position zur Sinn­frage formulieren.

Typische Fehler

  • Säkulare Heils­substitute reflexhaft entwerten statt verstehen.
  • Erlösung mit psychologischem Wohlfühlen verwechseln.
  • Klassische Sühne- und Lösegeldbilder unübersetzt verwenden und damit heutige Hörer überfordern, statt sie hermeneutisch zu erschließen.
  • Die empirische Lage (Religionsmonitor) ignorieren und behaupten, nur religiöse Menschen fänden Sinn — auch Nichtreligiöse tun dies, Soteriologie steht in Konkurrenz.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erörtern Sie die These, die reformatorische Rechtfertigungsbotschaft (bedingungslose Annahme ohne Leistung) sei gerade in einer Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft hochaktuell, und beurteilen Sie ihre Tragfähigkeit gegenüber säkularen Heilssubstituten und psychologischen Sinnangeboten.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie die Frage: „Was bedeutet Erlösung für einen Menschen, der sich nicht von Gott bedroht fühlt?" und entwickeln Sie eine theologisch tragfähige Antwort.

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Quellen: Bertelsmann Religionsmonitor — empirische Studien zur Religiosität (Bertelsmann Stiftung) · EKD-Texte (Grundlagenpapiere) (EKD)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Frage nach dem historischen Jesus◐
    • 02Klassische Christologie der Alten Kirche◐
    • 03Soteriologie: Deutemuster des Todes Jesu◐
    • 04Auferstehung Christi●
    • 05Moderne Jesusbilder●
    • 06Soteriologie heute — Erlösung in säkularer Umwelt●

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

Christologie: Person, Werk und Auferstehung Jesu Christi

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5
Kompetenzen
Üben

Belege & Quellen

Quellen

Deutsche Bibelgesellschaft

  • Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft)

KMK

  • KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006)

EKD

  • EKD-Texte (Grundlagenpapiere)

Stanford University

  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophy of Religion

Bertelsmann Stiftung

  • Bertelsmann Religionsmonitor — empirische Studien zur Religiosität

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