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Notizen/Evangelische Religionslehre/Bibelwissenschaft und Hermeneutik
Notizen · Evangelische ReligionslehreDE · Abitur

Bibelwissenschaft und Hermeneutik

Aufbau und Kanonbildung der christlichen Bibel, historisch-kritische Methode, Gattungen, hermeneutische Modelle (Schleiermacher, Bultmann, Gadamer, Ricoeur) und ihre Anwendung auf konkrete Exegesen. Methodische Grundlage der gesamten evangelisch-religiösen Arbeit. Querverweise: „Altes Testament: Schöpfung, Bund, Prophetie, Weisheit" und „Neues Testament" wenden die hier entwickelten Methoden exegetisch an.

6 Abschnitte·~26 Min Lesezeit·4 Kompetenzen·Niveau Basis 2 · Standard 3 · Vertiefung 1·Stand 06/2026

T·0111 / 7
Prüfungsprofil
EV-REL-K1 · Aufbau und Entstehung der christlichen Bibel darstellenEV-REL-K2 · Die historisch-kritische Methode in ihren Teildisziplinen anwendenEV-REL-K3 · Hermeneutische Modelle (Schleiermacher, Bultmann, Gadamer, Ricoeur) unterscheidenEV-REL-K4 · Biblische Gattungen identifizieren und gattungsspezifisch interpretieren
Operatoren:darstellenerschließenanalysiereninterpretierenerörternbeurteilen

grundlegendes Niveau

gA: Aufbau der Bibel (AT/NT, vier Hauptgruppen), drei zentrale Schritte der hist.-krit. Methode (Text-, Literar-, Formgeschichte), zwei hermeneutische Modelle in Grundzügen, drei Gattungen (Prophetie, Gleichnis, Brief).

erhöhtes Niveau

eA: vollständige fünfschrittige hist.-krit. Methode inkl. Redaktions- und Sachkritik, Spannung diachron/synchron, Bultmanns Entmythologisierung, Gadamers Horizont­verschmelzung, Ricoeurs Symboltheorie, Anwendung auf einen unbekannten Text.

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Bibelwissenschaft und Hermeneutik
    • 01Aufbau der Bibel und Kanonbildung○
    • 02Die historisch-kritische Methode◐
    • 03Hermeneutische Modelle●
    • 04Biblische Gattungen◐
    • 05Textkritik und Bibel­übersetzung◐
    • 06Die Bibel im Religionsunterricht○
§ 01

Aufbau der Bibel und Kanonbildung#

●○○BasisLPNRW-KLP-EvR-IF3LPKMK-EPA-EvR-I.1

Kernpunkte

Der Name „Bibel“ stammt vom griechischen ta biblia, „die Bücher“ (Plural von biblion, Büchlein) — die Bibel ist keine einheitliche Schrift, sondern eine über rund tausend Jahre gewachsene Bibliothek aus Einzelschriften verschiedener Sprache, Gattung und Herkunft. Sie zerfällt in zwei „Testamente“ (lateinisch testamentum übersetzt hebräisch berit bzw. griechisch diatheke, „Bund“): das Alte Testament als israelitisch-jüdische Überlieferung (hebräisch, in Teilen aramäisch) und das Neue Testament als urchristliche Schriftensammlung (griechisch in der Koine). Für die evangelische Theologie ist diese Zweiteilung theologisch geladen: Weil nach reformatorischem Verständnis allein die Schrift (sola scriptura) Quelle und Norm des Glaubens ist, entscheidet die Frage, welche Bücher zur Bibel gehören, mit darüber, woran sich Glaube und Lehre messen lassen.
Das Alte Testament umfasst im evangelischen Kanon 39 Bücher, die christlich in vier Sachgruppen geordnet werden: Tora bzw. Pentateuch (Genesis bis Deuteronomium, fünf Bücher), Geschichtsbücher (Josua bis Ester), Lehr- und Weisheitsbücher (Hiob, Psalmen, Sprüche, Kohelet, Hoheslied) sowie die Propheten (Jesaja bis Maleachi); die kanonische Gesamtarchitektur beider Testamente zeigt . Die jüdische Bibel (Tanach) enthält dieselben Texte, ordnet sie aber dreigliedrig — Tora (Weisung), Nebiim (Propheten), Ketubim (Schriften) —, woraus das Akronym TaNaK entsteht. Der Unterschied ist nicht bloß formal: Der jüdische Kanon endet mit den Chronikbüchern (Blick zurück auf Tempel und Land), die christliche Anordnung dagegen mit Maleachi und seiner Ankündigung des kommenden „Boten“ — eine lesegelenkte Hinüberweisung auf das Neue Testament.

Kanonischer Aufbau der christlichen Bibel

Kanonischer Aufbau der BibelTabelle mit 2 Spalten und 4 Zeilen, Daten: Altes Testament (39) · Neues Testament (27); Thora (5) · Evangelien (4); Geschichtsbücher (12) · Apostelgeschichte (1); Lehr- / Weisheit (5) · Briefe (21); Propheten (17) · Offenbarung (1), hervorgehobene Zelle: Evangelien (4)ALTES TESTAMENT (39)NEUES TESTAMENT (27)Thora (5)Evangelien (4)Geschichtsbücher (12)Apostelgeschichte (1)Lehr- / Weisheit (5)Briefe (21)Propheten (17)Offenbarung (1)Ev. Kanon: hebr. AT-Umfang ohne Apokryphen (kath. + 7Spätschriften)
Abb. 1Altes Testament (Thora, Geschichtsbücher, Lehrbücher/Weisheit, Propheten) und Neues Testament (Evangelien, Apostelgeschichte, Briefe, Offenbarung).
Das Neue Testament zählt 27 Bücher in vier Gruppen: die vier Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes), die Apostelgeschichte als Geschichtswerk der Urgemeinde, die Briefliteratur (die dreizehn paulinischen bzw. deuteropaulinischen Briefe, dazu der Hebräerbrief und die sieben Katholischen Briefe) und als einziges apokalyptisches Buch die Offenbarung des Johannes. Die Gattung „Evangelium“ (griechisch euangelion, „gute Botschaft“) ist dabei eine urchristliche Neuschöpfung: keine antike Biographie, sondern ein durch den Osterglauben gebrochenes, verkündigendes Erzählen vom irdischen Jesus. Die kanonische Vierzahl bewahrt bewusst vier verschiedene Christusprofile nebeneinander, statt sie — wie Tatians „Diatessaron“ im 2. Jahrhundert — zu einer einzigen Harmonie zu verschmelzen.
Kanonbildung war kein einmaliger Beschluss, sondern ein jahrhundertelanger Rezeptionsprozess. Den entscheidenden Anstoß zur Abgrenzung gab im 2. Jahrhundert Markion (um 144), der das gesamte Alte Testament und alles „Jüdische“ verwarf und nur ein gereinigtes Lukasevangelium samt zehn Paulusbriefen gelten ließ — gegen diese Verengung musste die Kirche ihren breiteren Konsens explizit machen. Maßgebliche Anerkennungskriterien waren apostolischer Ursprung, Übereinstimmung mit der regula fidei (Glaubensregel), gottesdienstlicher Gebrauch und kirchenweite Verbreitung (Katholizität). Das früheste erhaltene Verzeichnis exakt der 27 heutigen NT-Bücher findet sich im 39. Osterfestbrief des Athanasius (367 n. Chr.); die Synoden von Hippo (393) und Karthago (397) bestätigten diesen Bestand für die Westkirche.
Eine bleibende konfessionelle Differenz betrifft die Apokryphen bzw. deuterokanonischen Schriften (unter anderem Jesus Sirach, Weisheit Salomos, Tobit, Judit, 1. und 2. Makkabäer). Sie standen in der griechischen Septuaginta (LXX), fehlen aber im hebräischen Kanon. Luther folgte dem Grundsatz der hebraica veritas und stellte sie als eigenen Anhang zwischen die Testamente, mit der berühmten Überschrift, es seien „Bücher, so der heiligen Schrift nicht gleich gehalten und doch nützlich und gut zu lesen sind“. Die römisch-katholische Kirche erklärte sie demgegenüber auf dem Konzil von Trient (1546) für vollgültig kanonisch. Evangelisch sind sie also erbaulich, aber nicht lehrnormierend — eine direkte Konsequenz des sola-scriptura-Prinzips.
Damit verbindet sich die reformatorische Frage nach dem Kriterium des Kanons. Gegen die katholische Lehre, das kirchliche Lehramt verbürge den Kanon, setzten die Reformatoren das testimonium internum Spiritus Sancti: Die Schrift bezeugt sich selbst als Gottes Wort, indem der Heilige Geist im Hörer ihre Wahrheit gewiss macht (so Calvin, Institutio I,7). Luther fügte ein materiales Kriterium hinzu — „was Christum treibet“: Maßstab ist, ob ein Buch Christus verkündigt. An diesem inneren Sachkanon maß Luther auch einzelne Schriften kritisch und nannte den Jakobusbrief in der Vorrede von 1522 zugespitzt eine „stroherne Epistel“, weil er die Rechtfertigung schwächer entfalte; er entfernte ihn jedoch nicht, sondern rückte Hebräer, Jakobus, Judas und Offenbarung lediglich an den Schluss des Neuen Testaments.
Schließlich ist die Bibel kein im Original erhaltener Text, sondern in Handschriften überliefert, deren ältesten Wortlaut die Textkritik rekonstruiert. Für das Alte Testament sind der masoretische Text (kritisch ediert in der Biblia Hebraica Stuttgartensia, BHS), die Septuaginta und die Qumran-Funde (darunter die fast vollständige Jesaja-Rolle, ca. 2. Jahrhundert v. Chr.) maßgeblich; für das Neue Testament die wissenschaftliche Standardausgabe Nestle-Aland, gestützt auf rund 5800 griechische Handschriften. Diese dichte, aber uneinheitliche Bezeugung ist kein Mangel, sondern die Arbeitsgrundlage einer methodisch redlichen Exegese — wie sie der folgende Abschnitt zur historisch-kritischen Methode entfaltet.
Exegese=Was steht da?  ∧  Was meinte der Autor?  ∧  Was sagt es uns?\text{Exegese} = \text{Was steht da?} \;\wedge\; \text{Was meinte der Autor?} \;\wedge\; \text{Was sagt es uns?}Exegese=Was steht da?∧Was meinte der Autor?∧Was sagt es uns?

Trias der Bibelauslegung (synchron, diachron, applikativ)

Methodisch sauber zwischen den drei Ebenen unterscheiden; Aktualisierung ist legitim, darf aber nicht den Befund verdecken.

Abiturfokus

  • Operator „darstellen": vier Hauptgruppen des AT und NT mit Beispielbüchern korrekt benennen.
  • Unterscheidung evangelischer vs. katholischer Kanonumfang erklären (Apokryphen-Frage).
  • Reformatorisches Kanonprinzip (testimonium internum) gegenüber katholischem (Lehramt) abgrenzen.

Typische Fehler

  • AT mit „jüdischer Bibel" gleichsetzen, ohne die jüdische Gliederung (Tanach: Thora-Nebiim-Ketubim) zu erwähnen.
  • Apokryphen als „verfälschte" Texte abtun statt als deuterokanonische Schriften.
  • Kanonbildung als einmaligen Akt darstellen — sie war ein Jahrhunderte langer Prozess.
  • Luther für Bilderstürmerei am Kanon verantwortlich machen — er entfernte keine NT-Bücher, sortierte aber Hebräer, Jakobus, Judas und Offenbarung an den Schluss.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Vergleichen Sie das reformatorische Kanonprinzip (sola scriptura, testimonium internum) mit dem katholischen (Schrift + Tradition + Lehramt) und problematisieren Sie die Frage, wie sich der Kanon „selbst" bezeugen kann, ohne in einen Zirkel zu geraten.

Aktive Wiederholung

Stellen Sie den Aufbau der christlichen Bibel dar und erläutern Sie den Unterschied zwischen evangelischem und katholischem Kanonumfang anhand mindestens dreier konkreter Bücher.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft) · Luthers Septembertestament 1522 — gemeinfreier Volltext (Deutsches Textarchiv (BBAW)) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK)

§ 02

Die historisch-kritische Methode#

●●○StandardLPNRW-KLP-EvR-IF3LPKMK-EPA-EvR-I.2

Kernpunkte

Die historisch-kritische Methode ist das wissenschaftliche Standardverfahren der Bibelauslegung an Universität und (in Grundzügen) Schule. Ihr Grundgedanke: Die biblischen Texte sind historisch gewordene, von Menschen in konkreten Situationen verfasste Schriften — und nur wer ihre Entstehung, Sprache und Gattung rekonstruiert, versteht, was sie sagen wollten. „Kritisch“ meint dabei nicht „glaubensfeindlich“, sondern (von griechisch krinein, unterscheiden) das methodisch geregelte Prüfen und Unterscheiden. Evangelische Theologie hat diese Methode seit dem 18. und 19. Jahrhundert maßgeblich entwickelt, weil das sola-scriptura-Prinzip eine möglichst genaue, nicht durch Dogmen vorentschiedene Erfassung des Schriftsinns verlangt.
Der erste Schritt ist die Textkritik: Da kein Autograph (Original) erhalten ist, vergleicht sie die Handschriften, um den ältesten erreichbaren Wortlaut zu rekonstruieren und spätere Abschreibfehler, Glättungen und Zusätze (etwa den sekundären Markusschluss Mk 16,9–20 oder das Comma Johanneum) zu erkennen. Sie ist die Voraussetzung aller weiteren Schritte — man kann nur auslegen, was man textkritisch als Wortlaut gesichert hat.
Die Literarkritik (Quellenkritik) fragt nach der literarischen Einheit oder Uneinheit eines Textes: Spannungen, Dubletten, Stilbrüche und Widersprüche verraten, dass ein Text aus mehreren Quellen oder Schichten zusammengewachsen ist. Klassisches Beispiel ist die Pentateuchkritik: Julius Wellhausen ordnete die Tora vier Quellen zu — Jahwist (J), Elohist (E), Deuteronomist (D) und Priesterschrift (P), die sogenannte Neuere Urkundenhypothese; ebenso lassen sich die beiden Schöpfungsberichte (Gen 1 als P, Gen 2 als J) literarkritisch unterscheiden.
Die Formgeschichte (Gattungskritik) bestimmt die Gattung einer kleinsten Texteinheit — Gleichnis, Wundererzählung, Hymnus, Streitgespräch — und ihren „Sitz im Leben“, die typische soziale Verwendungssituation, in der eine Gattung entstand und gebraucht wurde (der Begriff stammt von Hermann Gunkel). Erst die Gattung steuert die Auslegung: Ein Gleichnis darf nicht als Tatsachenbericht, ein Schöpfungsmythos nicht als Naturkunde gelesen werden. Rudolf Bultmann übertrug die Formgeschichte auf die synoptische Jesusüberlieferung („Die Geschichte der synoptischen Tradition“, 1921).
Die Traditions- und Redaktionsgeschichte verfolgt den Weg eines Stoffes von der mündlichen Überlieferung bis zur schriftlichen Endgestalt und fragt, wie der Endredaktor (etwa ein Evangelist) sein Material theologisch geordnet und akzentuiert hat. So zeigt die Redaktionsgeschichte, dass Matthäus den Markusstoff bewusst umstellt und mit großen Reden anreichert, um Jesus als Lehrer Israels zu zeichnen — die Evangelisten erweisen sich als Theologen mit eigenem Profil, nicht als bloße Sammler.
Den Abschluss bilden Sachkritik und Aktualisierung: Was sagt der so erschlossene Text heute, gemessen an seiner eigenen „Sache“ (für die evangelische Theologie: dem Evangelium von der Rechtfertigung)? Hier schlägt die diachrone Frage („Was war? Wie ist der Text geworden?“) in die synchrone und hermeneutische Frage um („Was sagt der Text uns?“); die Abfolge der fünf Schritte von der diachronen Rekonstruktion zur synchronen Aneignung veranschaulicht . Sachkritik ist dabei keine Willkür, sondern die methodisch geregelte Unterscheidung von Zeitbedingtem und bleibend Gültigem.

Schritte der historisch-kritischen Methode

Schritte der historisch-kritischen MethodeNetzgraph, Textkritik → Literarkritik, Literarkritik → Formgeschichte, Formgeschichte → Redaktionskritik, Redaktionskritik → AktualisierungTextkritikLiterarkritikFormgeschichteRedaktionskritikAktualisierung
Abb. 2Textkritik → Literarkritik → Formgeschichte → Traditions- und Redaktionsgeschichte → Sachkritik / Aktualisierung.
Seit den 1970er Jahren ergänzen synchrone Verfahren die klassische, diachron orientierte Exegese: narrative criticism (Erzählanalyse), reader-response criticism (Rezeptionsästhetik), die kanonische Exegese (Brevard S. Childs, der Text als Teil des Gesamtkanons) sowie sozial- und wirkungsgeschichtliche Zugänge. Sie reagieren auf eine Grenze der historisch-kritischen Methode — ihre Neigung, den Text in Vorstufen zu zerlegen, statt die vorliegende Endgestalt als Sinnganzes zu lesen. Evangelisch gilt: Die Methode ist kein Glaubensabbau, sondern das Mittel theologisch verantworteter Auslegung; sie schützt zugleich vor fundamentalistischer Verbalinspiration (jeder Buchstabe unmittelbar diktiert) und vor reduktionistischem Skeptizismus.
Musterlösung

Bibelhermeneutik — Schleiermachers und Gadamers Zirkelmodell

Erläutern Sie den hermeneutischen Zirkel bei Schleiermacher und Gadamer und beurteilen Sie seine Bedeutung für die Bibelexegese.

  1. 01Schritt 1 — Schleiermachers Konzept

    F. Schleiermacher („Hermeneutik und Kritik", 1838): Verstehen pendelt zwischen grammatischem (Sprache, Satzbau) und psychologischem (Autorintention) Verstehen, zwischen Teil und Ganzem. Der hermeneutische Zirkel: das Ganze versteht man aus den Teilen, aber die Teile nur vom Ganzen her — ein produktiver, nicht vitiöser Zirkel.

  2. 02Schritt 2 — Gadamers Erweiterung

    H.-G. Gadamer „Wahrheit und Methode" (1960): Vorverständnis (Vorurteil im technischen Sinn) ist Bedingung des Verstehens, nicht Hindernis. „Horizont­verschmelzung" zwischen Text-Horizont und Leser-Horizont. Verstehen ist immer schon Geschichtlich Verstehen — „wirkungsgeschichtliches Bewusstsein".

  3. 03Schritt 3 — Anwendung auf Bibelexegese

    Reine Objektivität ist Illusion; der Exeget bringt seine Tradition (kirchlich, kulturell, methodisch) mit. Aufgabe: das eigene Vorverständnis bewusst machen, am Text korrigieren, eine Horizont­verschmelzung anstreben. Historisch-kritische Methode bleibt nötig (vermeidet Eis­egese), reicht aber nicht — die Aktualisierungsfrage muss explizit gestellt werden.

  4. 04Schritt 4 — Anfragen

    Befreiungstheologie (G. Gutiérrez): der „Ort" des Lesers (privilegiert vs. arm) beeinflusst das Verstehen — daher „Vorzugsoption für die Armen" als hermeneutische Position. Feministische Hermeneutik (E. Schüssler Fiorenza): Geschlechter­perspektive deckt verdeckte Gewichtungen auf. Beide Ansätze radikalisieren Gadamers These und fordern, die soziale Verortung explizit zu machen.

  5. 05Schritt 5 — Beurteilung

    Der hermeneutische Zirkel ist methodologisch unhintergehbar; er ist keine Schwäche, sondern Bedingung des Verstehens. Für die Bibelexegese folgt: Bibel ist nie „objektiv von außen" lesbar — sie spricht in Gemeinschaft und Tradition. Eine reflektierte Exegese kombiniert historisch-kritische Disziplin mit ehrlicher Reflexion auf den eigenen Standort.

Ergebnis: Der hermeneutische Zirkel macht Bibelexegese zu einem Gespräch zwischen Text und Leser im Horizont der Tradition. Methodische Disziplin und Reflexion des eigenen Vorverständnisses sind beide nötig — Objektivismus und Subjektivismus sind gleichermaßen Sackgassen.

Abiturfokus

  • Operator „erschließen": auf einen unbekannten Bibeltext die fünf Schritte der hist.-krit. Methode anwenden.
  • Diachron/synchron sauber unterscheiden können.
  • Ergänzende moderne Methoden (narrative criticism, reader-response) benennen und in ihren Akzenten unterscheiden.

Typische Fehler

  • Hist.-krit. Methode als „Glaubenszerstörung" darstellen — sie ist im Gegenteil ein Mittel theologisch verantworteter Schrift­auslegung.
  • Sachkritik mit Subjektivismus verwechseln; sie ist methodisch geregelt.
  • Form- und Gattungsfrage nicht stellen; daraus folgt regelmäßig die Verwechslung von Gattungen (Gleichnis als historischer Bericht).
  • Quellenkritik (Literarkritik) als reine „Bibelzerstückelung" missverstehen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie die Kritik der hist.-krit. Methode (B. S. Childs „kanonische Exegese"; H. Frei „narrative theology") und entwickeln Sie einen Methoden­mix, der diachrone und synchrone Zugänge integriert.

Aktive Wiederholung

Erschließen Sie Gen 1,1–2,4a in den fünf Schritten der historisch-kritischen Methode und beurteilen Sie, welche Aussagen für eine evangelische Schöpfungstheologie zentral sind.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK)

§ 03

Hermeneutische Modelle#

●●●VertiefungLPNRW-KLP-EvR-IF3LPKMK-EPA-EvR-I.3

Kernpunkte

Hermeneutik ist die Lehre vom Verstehen und Auslegen von Texten — von griechisch hermeneuein, „auslegen, übersetzen, verkünden“ (vom Götterboten Hermes). Sie fragt nicht primär nach der Entstehung (wie die historisch-kritische Methode), sondern nach der Bedingung der Möglichkeit des Verstehens überhaupt: Wie kann ein heutiger Leser einen zwei Jahrtausende alten, fremden Text verstehen — und was geschieht dabei in ihm selbst? Für die evangelische Theologie ist die Hermeneutik zentral, weil die Schrift nicht nur historisch erforscht, sondern als gegenwärtige Anrede Gottes an den heutigen Hörer aktualisiert werden soll.
Friedrich Schleiermacher (1768–1834) begründete die allgemeine Hermeneutik als Kunstlehre des Verstehens. Er unterschied das grammatische Verstehen (der Text aus der Sprache seiner Zeit) vom psychologisch-technischen Verstehen (das Nacherleben des individuellen Autors) und formulierte den hermeneutischen Zirkel: Das Ganze versteht man nur aus den Teilen, die Teile nur aus dem Ganzen. Sein Ziel war, einen Autor „erst ebenso gut und dann besser zu verstehen, als er sich selbst verstanden hat“.
Wilhelm Dilthey (1833–1911) verankerte die Hermeneutik in der Methodenlehre der Geisteswissenschaften und stellte das „Verstehen“ (das sinnerfassende Nachvollziehen geistiger Lebensäußerungen) dem „Erklären“ der Naturwissenschaften (Subsumtion unter Kausalgesetze) gegenüber. Damit war geklärt: Ein biblischer Text wird nicht erklärt wie ein Naturvorgang, sondern verstanden als Ausdruck gelebten Sinns.
Den folgenreichsten Beitrag zur theologischen Hermeneutik leistete Rudolf Bultmann mit dem Programm der Entmythologisierung (Programmschrift „Neues Testament und Mythologie“, 1941; Debatte im Sammelband „Kerygma und Mythos“, 1948). Bultmann beobachtet, dass das Neue Testament in einem mythischen, antik-kosmologischen Weltbild redet (dreistöckiges Weltbild, Dämonen, Himmelfahrt). Entmythologisierung heißt nicht Streichung des Mythos, sondern existenziale Interpretation: Die mythischen Bilder werden auf ihren Aussagegehalt für die Existenz des Menschen hin ausgelegt (Was bedeutet „Auferstehung“ für mein Selbstverständnis vor Gott?). Methodisch greift er auf die Existenzphilosophie Martin Heideggers zurück. Die kritische Anfrage lautet: Verkürzt diese Konzentration auf die Existenz den objektiven Heilsbezug?
Hans-Georg Gadamer („Wahrheit und Methode“, 1960) rehabilitiert das Vorverständnis: Verstehen ist nie voraussetzungslos, sondern geschieht aus der eigenen, geschichtlich geprägten Vor-Urteilsstruktur. Sein Schlüsselbegriff ist die Horizontverschmelzung — im Verstehen verschmelzen der Horizont des Textes und der Horizont des Lesers zu einem neuen, erweiterten Verständnishorizont. Das „wirkungsgeschichtliche Bewusstsein“ weiß, dass der Ausleger selbst Teil der Wirkungsgeschichte des Textes ist. Das Vorverständnis ist damit nicht Hindernis, sondern Bedingung des Verstehens.
Paul Ricoeur entwickelt eine Hermeneutik des Symbols und der Erzählung: „Das Symbol gibt zu denken“ — religiöse Sprache ist primär bildlich-symbolisch und eröffnet einen Bedeutungsüberschuss, der sich nicht auf einen Begriff reduzieren lässt. Nach der notwendigen kritischen Destruktion naiver Lesarten (der „Wüste der Kritik“) zielt er auf eine „zweite Naivität“: ein durch die Kritik hindurchgegangenes, neues Hören auf den Text. Biblische Texte entwerfen so eine „Welt vor dem Text“, in die der Leser eintreten kann.
Kontextuelle Hermeneutiken radikalisieren Gadamers Einsicht in die Standortgebundenheit: Die befreiungstheologische (Gustavo Gutiérrez) und die feministische Hermeneutik (Elisabeth Schüssler Fiorenza mit ihrer „Hermeneutik des Verdachts“) halten fest, dass die soziale Lage — Armut, Geschlecht, Macht — mitbestimmt, was ein Leser im Text sieht und was er überliest. Evangelisch ist dabei die Trias der Auslegung zu wahren: zu unterscheiden, was im Text steht (synchron), was der Autor meinte (diachron) und was er uns heute sagt (applikativ) — die Aktualisierung ist legitim, darf aber den historischen Befund nicht überschreiben.
Exegese=Was steht da?  ∧  Was meinte der Autor?  ∧  Was sagt es uns?\text{Exegese} = \text{Was steht da?} \;\wedge\; \text{Was meinte der Autor?} \;\wedge\; \text{Was sagt es uns?}Exegese=Was steht da?∧Was meinte der Autor?∧Was sagt es uns?

Trias der Bibelauslegung (synchron, diachron, applikativ)

Methodisch sauber zwischen den drei Ebenen unterscheiden; Aktualisierung ist legitim, darf aber nicht den Befund verdecken.

Musterlösung

Hermeneutische Modelle vergleichen — Bultmanns Entmythologisierung und Ricoeurs Symboltheorie an Mk 1,9–13

Vergleichen Sie Bultmanns existenziale Interpretation mit Ricoeurs Symboltheorie an der Taufperikope Mk 1,9–13 und beurteilen Sie, welche Hermeneutik der Pluralität biblischer Sprache besser gerecht wird.

  1. 01Schritt 1 — Textbefund Mk 1,9–13

    Die Perikope enthält geöffnete Himmel, herabsteigenden Geist „wie eine Taube", Himmelsstimme („Du bist mein lieber Sohn") und vierzig Tage Wüste/Versuchung. Mythische Sprachelemente (Himmelsöffnung, Stimme, Satan, dienende Engel) tragen die theologische Aussage.

  2. 02Schritt 2 — Bultmanns Zugriff (Entmythologisierung)

    R. Bultmann liest das mythische Weltbild nicht kosmologisch, sondern existenzial: Das Bild des geöffneten Himmels meint die Erschließung neuer Existenzmöglichkeit; die Stimme meint Anrede, die den Hörer ins Heute der Entscheidung ruft. Der Mythos wird nicht gestrichen, sondern auf seinen Aussagekern (Selbstverständnis vor Gott) hin „übersetzt".

  3. 03Schritt 3 — Ricoeurs Zugriff (Symbol und Erzählwelt)

    P. Ricoeur („Symbol gibt zu denken") wendet sich gegen die Reduktion auf einen begrifflichen Kern: Das Symbol (Taube, Himmel, Wüste) besitzt einen Überschuss an Sinn, der sich nicht restlos in Existenzaussagen auflösen lässt. Der Text entwirft eine Welt, „vor" die der Leser tritt (Welt des Textes); Verstehen heißt, sich von dieser Welt etwas sagen zu lassen.

  4. 04Schritt 4 — Vergleich der Leistungen

    Bultmann sichert Übersetzbarkeit und Relevanz, riskiert aber Sinnverlust durch Verengung auf das existenziale Subjekt. Ricoeur bewahrt den Mehrwert der Symbolsprache und die narrative Ganzheit, riskiert aber Unbestimmtheit der konkreten Anrede. Beide eint die Absage an einen naiv-historischen Literalismus.

  5. 05Schritt 5 — Beurteilung

    Für die Pluralität biblischer Sprache ist Ricoeur tragfähiger, weil er die unterschiedlichen Gattungen (Mythos, Symbol, Erzählung, Gleichnis) in ihrem je eigenen Sinnüberschuss anerkennt. Bultmanns Entmythologisierung bleibt jedoch als Korrektiv unverzichtbar, wo Texte fundamentalistisch verdinglicht werden. Eine reflektierte Exegese kombiniert Ricoeurs Symbolsensibilität mit Bultmanns Frage nach der existenziellen Verbindlichkeit.

Ergebnis: Ricoeurs Symboltheorie wird der Pluralität biblischer Sprache besser gerecht als Bultmanns Verengung auf das Existenzial; beide Modelle ergänzen sich, weil Symbolüberschuss und existenzielle Anrede zusammengehören.

Abiturfokus

  • Operator „vergleichen": Schleiermachers und Gadamers Zirkelbegriff differenzieren.
  • Bultmanns Entmythologisierungsprogramm in Grundzügen darstellen.
  • Ricoeurs Symbolbegriff auf einen konkreten Text (z. B. Offb 21) anwenden.

Typische Fehler

  • Hermeneutik mit Bibel-Übersetzung verwechseln.
  • Bultmanns Entmythologisierung als „Bibelreduktion" darstellen — sie zielt auf bessere Verständigung, nicht auf Streichung.
  • Vorverständnis als Bias abwerten statt als Verstehensbedingung anerkennen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie das Verhältnis von hist.-krit. Methode (J. Roloff, U. Luz) und kanonisch-narrativer Theologie (B. S. Childs, H. Frei) als methodische Ergänzung.

Aktive Wiederholung

Vergleichen Sie Bultmanns existenziale Interpretation mit Ricoeurs Symboltheorie an Mk 1,9–13 (Taufe Jesu) und beurteilen Sie, welche Hermeneutik der Pluralität biblischer Sprache besser gerecht wird.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophy of Religion (Stanford University) · Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft)

§ 04

Biblische Gattungen#

●●○StandardLPNRW-KLP-EvR-IF3LPKMK-EPA-EvR-I.4

Kernpunkte

Eine Gattung (literarische Form) ist ein wiederkehrendes Textschema mit typischen Merkmalen, Funktionen und einem typischen Entstehungsort. Die Bestimmung der Gattung ist der vielleicht folgenreichste exegetische Schritt, denn sie legt fest, mit welcher Erwartung ein Text zu lesen ist: Wer die Gattung verfehlt, verfehlt den Sinn. Ein Gleichnis als historischen Bericht, einen Schöpfungsmythos als Naturkunde oder eine apokalyptische Vision als Kalender der Endzeit zu lesen — das sind keine Detailfehler, sondern grundlegende Missverständnisse.
Den Schlüsselbegriff lieferte die Formgeschichte: Jede Gattung hat ihren „Sitz im Leben“ (Hermann Gunkel), eine typische soziale Verwendungssituation, in der sie entstand und gebraucht wurde. Der Klagepsalm hat seinen Sitz im Tempel- und Gebetskult, das Streitgespräch im rabbinischen Lehrhaus, der Hymnus in der gottesdienstlichen Akklamation, die Haustafel in der frühchristlichen Gemeindeparänese. Wer den Sitz im Leben kennt, versteht Funktion und Tonfall eines Textes.
Das Alte Testament bietet ein breites Gattungsspektrum: Mythos (die Urgeschichte Gen 1–11, die in Bildern Grundwahrheiten über Gott, Welt und Mensch aussagt), Sage und Erzählung (die Vätergeschichten Gen 12–50), Recht (der Dekalog Ex 20, das Bundesbuch, die priesterliche Gesetzgebung), Prophetie (Wortberichte, Visionsberichte, Symbolhandlungen), Weisheit (Sprüche, Hiob, Kohelet), Lyrik (die Psalmen, das Hohelied) und Apokalyptik (Dan 7–12). Jede dieser Formen verlangt eigene Leseregeln.
Das Neue Testament schafft mit dem Evangelium eine eigene Gattung — eine Mischung aus antiker Lebensbeschreibung (bios) und kerygmatischer Verkündigung, deren Zentrum die Passion bildet. Hinzu kommen die Apostelgeschichte (frühchristliche Geschichtsschreibung), der Brief (die paulinischen Gemeindebriefe als Gelegenheitsschriften, dazu die Katholischen Briefe), die Apokalyptik (Offenbarung) sowie innerhalb der Evangelien kleinere Formen: Wundererzählung, Streit- und Schulgespräch, Logion (Einzelwort) und Gleichnis.
Am Gleichnis lässt sich gattungsspezifische Auslegung exemplarisch zeigen: Es vergleicht eine vertraute Alltagsszene mit der Gottesherrschaft und besitzt in der Regel genau einen Vergleichspunkt (tertium comparationis), nicht einen allegorisch durchcodierten Detailsinn. ordnet die Typen Gleichnis, Parabel, Beispielerzählung und Allegorie. Die gattungsgerechte Auslegungsregel lautet daher: nicht jedes Detail ausdeuten, sondern die eine Pointe treffen — eine Regel, die der folgende Abschnitt zur Gleichnishermeneutik vertieft.

Gleichnis-Hermeneutik nach Jülicher / Linnemann

Gleichnis-Hermeneutik (Jülicher)Tabelle mit 3 Spalten und 2 Zeilen, Daten: Bildhälfte · tertium comparationis · Sachhälfte; erzählte Welt · der eine Vergleichspunkt · gemeinte Wirklichkeit; z. B. Senfkorn, verlorener Sohn · nicht jeder Detailbezug zählt · Gottesherrschaft, Vatergüte, hervorgehobene Zelle: der eine VergleichspunktBILDHÄLFTETERTIUM COMPARATIONISSACHHÄLFTEerzählte Weltder eine Vergleichspunktgemeinte Wirklichkeitz. B. Senfkorn, verlorenerSohnnicht jeder DetailbezugzähltGottesherrschaft, VatergüteA. Jülicher (1886): ein Vergleichspunkt, nicht viele;Linnemann; Ricoeur
Abb. 3Bild­hälfte, Sach­hälfte und tertium comparationis als hermeneutische Achsen der Gleichnisauslegung.
Wichtig ist das evangelische Verständnis des Mythos: „Mythos“ ist keine Abwertung („nur erfunden“), sondern eine theologisch dichte Erzählform, die in Bildern aussagt, was sich begrifflich nicht fassen lässt — Schöpfung, Sündenfall, Urstand. Ebenso gilt: Dieselbe theologische Aussage kann in verschiedenen Formen entfaltet werden — die Präexistenz Christi hymnisch (Phil 2,6–11), prosaisch-erzählend (Joh 1,1–14) oder argumentativ (im Römerbrief). Die Form ist nicht bloße Verpackung, sondern Teil der Aussage.
Für die Klausur ist die Gattungsbestimmung ein eigener, begründungspflichtiger Schritt: Man benennt die Gattung, belegt sie an Textmerkmalen (Anrede, Struktur, Stilformen) und zieht daraus die Auslegungsregel. Die Frage „Mit welcher Erwartung will dieser Text gelesen werden?“ steht vor jeder inhaltlichen Deutung — sie schützt gleichermaßen vor fundamentalistischer Verwörtlichung (Gen 1 als Physik) wie vor flacher Entwertung (das Wunder als bloße Legende).

Abiturfokus

  • Operator „identifizieren": Gattung eines unbekannten Textes mit Begründung bestimmen.
  • Sitz-im-Leben-Konzept anwenden.
  • Gattungsspezifische Auslegungsregeln (z. B. „Gleichnis hat einen Vergleichspunkt") nennen.

Typische Fehler

  • Mythos abwerten („nur Mythos") — Mythos ist eine theologisch dichte Gattung.
  • Apokalyptische Bilder als Endzeit-Fahrplan lesen.
  • Briefe wie systematische Theologie behandeln — sie sind Gelegenheitsschriften.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie am Beispiel der Urgeschichte (Gen 1–11), inwiefern der Gattungsbegriff „Mythos“ theologisch produktiv ist, und grenzen Sie ihn gegen ein fundamentalistisches (Mythos als Tatsachenbericht) und ein rein literarkritisch-reduktionistisches (Mythos als bloße Fiktion) Textverständnis ab.

Aktive Wiederholung

Identifizieren Sie die Gattung von Ps 22 und interpretieren Sie den Psalm gattungsspezifisch; vergleichen Sie das Ergebnis mit der christologischen Auslegung in Mt 27,46.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft) · KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK)

§ 05

Textkritik und Bibel­übersetzung#

●●○StandardLPNRW-KLP-EvR-IF3LPKMK-EPA-EvR-I.5

Kernpunkte

Da von keinem biblischen Buch das Autograph erhalten ist, sondern nur Abschriften von Abschriften, rekonstruiert die Textkritik aus dem Vergleich der Handschriften den ältesten erreichbaren Wortlaut. Sie wertet die Lesarten nach inneren Kriterien (welche Lesart erklärt am besten die Entstehung der anderen?) und äußeren Kriterien (Alter, geographische Streuung, Qualität der Zeugen) und hält das Ergebnis in einem textkritischen Apparat fest. Sie ist damit nicht Bibelzersetzung, sondern die Grundlage jeder seriösen Auslegung — man legt nur aus, was textkritisch gesichert ist.
Die wissenschaftlichen Standardausgaben sind für das Alte Testament die Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS, masoretischer Text mit Apparat), für die griechische Übersetzung des Alten Testaments die Septuaginta-Ausgabe von Rahlfs und für das Neue Testament der „Nestle-Aland. Novum Testamentum Graece“. Letzterer stützt sich auf rund 5800 griechische Handschriften — von frühen Papyri (etwa P52, um 125 n. Chr.) über die großen Majuskeln (Codex Sinaiticus, Codex Vaticanus, 4. Jahrhundert) bis zu den jüngeren Minuskeln.
Die Textkritik macht sichtbar, wo der Text unsicher ist. Klassische Fälle sind der sekundäre Markusschluss (Mk 16,9–20, in den ältesten Handschriften fehlend), die Perikope von der Ehebrecherin (Joh 7,53–8,11) und das trinitarische Comma Johanneum (1 Joh 5,7f.), das erst spät in lateinische Handschriften gelangte. Wer solche Stellen ohne Blick in den Apparat als selbstverständlich „biblisch“ zitiert, baut auf unsicherem Grund.
Jede Übersetzung ist bereits Auslegung: Wo eine Sprache mehrere Bedeutungen in einem Wort fasst, muss der Übersetzer entscheiden und trägt damit theologische Last. Soll hebräisch ruach „Geist“, „Wind“ oder „Atem“ heißen? Soll griechisch doulos „Knecht“ oder „Sklave“ lauten? Steht für den Gottesnamen JHWH „der HERR“ oder „Gott“? Solche Entscheidungen verändern, was der deutsche Leser hört — Übersetzung ist nie neutrale Abbildung, sondern interpretierende Übertragung.
Man unterscheidet Übersetzungstypen nach dem Verhältnis von Treue und Verständlichkeit: philologisch-strukturtreue Übersetzungen (Elberfelder, Zürcher Bibel) bleiben nah am Urtext und nehmen sperrige Formulierungen in Kauf; kommunikativ-funktionale Übersetzungen (Gute Nachricht, BasisBibel) zielen auf heutige Verständlichkeit und glätten; historisch-konfessionell geprägte Übersetzungen (die Lutherbibel) bewahren eine kirchlich gewachsene Sprachgestalt. Verständlichkeit und Texttreue bilden einen Zielkonflikt, den jede Übersetzung anders austariert — keine ist „die“ Bibel.
Der berühmteste Fall einer interpretierenden Übersetzung ist Luthers Zusatz „allein“ in Röm 3,28: „so halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“. Das Wort „allein“ (sola) steht nicht im griechischen Text; Luther rechtfertigte es in seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“ (1530) als sachgemäße Verdeutlichung des paulinischen Sinns und als gutes Deutsch. Es ist keine Fälschung, sondern die übersetzerische Zuspitzung der reformatorischen Rechtfertigungslehre (sola fide) — und zugleich das Musterbeispiel dafür, wie Übersetzung Theologie transportiert.
Gegenwärtig wird die Sprachgestalt der Bibel neu verhandelt: Geschlechtergerechte Übersetzungen (die „Bibel in gerechter Sprache“, 2006) und die behutsamen Anpassungen der Lutherrevision 2017 sind theologisch wie sprachlich umstritten. Hinter allem steht die reformatorische Grundentscheidung, die Bibel in die Volkssprache zu übersetzen: Luthers Septembertestament (1522) machte die Schrift dem Laien zugänglich und prägte die deutsche Sprache — die konsequente Einlösung des sola-scriptura-Prinzips, das eine allgemein lesbare Bibel voraussetzt. Für historische Wortlautbelege ist dabei nur der gemeinfreie Luthertext von 1522 zitierfähig; die Lutherbibel 1984 und 2017 ist urheberrechtlich geschützt.

Abiturfokus

  • Operator „beurteilen": eine gegebene Übersetzung mit der Ursprache (Vokabel im Apparat) vergleichen.
  • Textkritisch erkennen, wo der Text unsicher ist (z. B. Mk 16,9–20).
  • Übersetzungspolitik mit theologischer Hermeneutik verbinden.

Typische Fehler

  • Eine Übersetzung als „die Bibel" behandeln — sie ist immer schon Auslegung.
  • Textkritische Marginalapparate ignorieren.
  • Kommunikative und philologische Übersetzungstypen verwechseln und Verständlichkeit gegen Texttreue ausspielen, statt beide Zielkonflikte zu benennen.
  • Luthers Zusatz „allein" (Rom 3,28) für eine Verfälschung halten, statt ihn als interpretierende Hervorhebung der Rechtfertigungslehre einzuordnen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erörtern Sie an Röm 3,28 und am „Sendbrief vom Dolmetschen“ (1530), inwiefern jede Bibelübersetzung notwendig Interpretation ist, und beurteilen Sie, wo die Grenze zwischen sachgemäßer Verdeutlichung und unzulässiger Sinnverschiebung verläuft.

Aktive Wiederholung

Vergleichen Sie zwei Übersetzungen (Luther 2017 und Elberfelder) zu Rom 3,28 und beurteilen Sie die theologischen Implikationen der Wortwahl „allein" (nur Luther).

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft) (Deutsche Bibelgesellschaft) · Luthers Septembertestament 1522 — gemeinfreier Volltext (Deutsches Textarchiv (BBAW))

§ 06

Die Bibel im Religionsunterricht#

●○○BasisLPNRW-KLP-EvR-IF3LPKMK-EPA-EvR-I.6

Kernpunkte

Der Religionsunterricht ist in Deutschland nach Art. 7 Abs. 3 GG „ordentliches Lehrfach“ an den öffentlichen Schulen und wird „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften“ erteilt — er ist also konfessionell gebunden (mit Sonderregelungen etwa für Bremen und Berlin). Das unterscheidet ihn grundlegend von einer neutralen Religionskunde: Der evangelische Religionsunterricht vermittelt nicht nur Wissen über Religionen von außen, sondern erschließt den christlichen Glauben in der Perspektive der Teilnehmenden — bei gewährleisteter Religionsfreiheit (Abmelderecht, Ethik als Ersatzfach).
Die Bibel hat im Religionsunterricht eine hermeneutische Doppelfunktion. Zum einen ist sie Bildungsgut: Ohne biblische Grundkenntnis bleibt ein Großteil der europäischen Kultur — Kunst, Literatur, Musik, Recht, Sprache — unverständlich (die Bibel als „Kulturcode“). Zum anderen ist sie Glaubenszeugnis: Sie will die Lernenden existenziell ansprechen und zur eigenen Auseinandersetzung mit der Gottesfrage anstoßen. Beide Dimensionen sind zusammenzudenken, nicht gegeneinander auszuspielen.
Seit den KMK-Bildungsstandards und der EPA (Fassung 2006) ist der Unterricht kompetenzorientiert: Er zielt nicht auf träges Wissen, sondern auf Sach-, Methoden-, Urteils- und Handlungs- bzw. Gestaltungskompetenz. Im Umgang mit der Bibel heißt das, Texte methodisch erschließen (analysieren, interpretieren), theologisch beurteilen (erörtern, Stellung nehmen) und zur eigenen Lebenswelt in Beziehung setzen zu können — nicht bloß Inhalte zu reproduzieren.
Die Anforderungen werden durch KMK-Operatoren gesteuert, die drei Anforderungsbereiche bedienen: AFB I (Reproduktion) etwa „darstellen“ und „wiedergeben“; AFB II (Reorganisation) etwa „analysieren“, „erschließen“, „interpretieren“, „vergleichen“, „einordnen“; AFB III (Reflexion und Urteil) etwa „erörtern“, „beurteilen“, „Stellung nehmen“, „sich auseinandersetzen“. Die Operatoren sind keine Synonyme — wer auf „erörtern“ nur nacherzählt oder auf „darstellen“ bereits wertet, verfehlt die Aufgabe.
Didaktisch arbeitet der evangelische Religionsunterricht überwiegend korrelativ: Er bringt die biblische Überlieferung und die Lebenswelt der Lernenden wechselseitig ins Gespräch, sodass der Text die Erfahrung deutet und die Erfahrung den Text erschließt. Die Gefahr dabei ist die Trivialisierung (der Text als bloßer Anlass für Alltagsgespräche); die Kunst ist, den fremden, widerständigen Sinn des Textes zu wahren und gerade darin seine erschließende Kraft zu entfalten.
In mehreren Ländern (Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, NRW) wird der Unterricht zunehmend konfessionell-kooperativ erteilt: evangelische und katholische Lerngruppen und Lehrkräfte arbeiten zusammen, ohne die je eigene konfessionelle Perspektive aufzugeben. Das spiegelt die ökumenische Annäherung (etwa die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, 1999) und reagiert zugleich auf gesellschaftliche Pluralisierung und sinkende Mitgliederzahlen in den Kirchen.
Prüfungspraktisch wird die hermeneutische Doppelfunktion eingelöst, indem das Abitur sowohl Sachwissen und Methodenbeherrschung (Bibel erschließen, Positionen einordnen) als auch eigenständiges, begründetes Urteilen verlangt. Evangelisch ist dabei leitend, dass die Auslegung der Schrift kein bloß historisches Geschäft ist: sola scriptura meint, dass die Schrift selbst — methodisch redlich erschlossen — zur Sprache kommen und den Hörer treffen können soll. Der Religionsunterricht macht die in den vorigen Abschnitten entfalteten Methoden für genau diese Erschließung verfügbar.

Abiturfokus

  • KMK-Operatoren (erschließen, analysieren, interpretieren, erörtern, beurteilen, vergleichen) korrekt einsetzen.
  • Kompetenzbereiche der EPA Religion benennen.
  • Verfassungsrechtliche Verankerung des Religionsunterrichts (Art. 7 GG) erwähnen können.

Typische Fehler

  • KMK-Operatoren als Synonyme behandeln — sie verlangen unterschiedliche Anforderungsbereiche.
  • Religionsunterricht mit Religionskunde verwechseln (letzteres ist neutral-religionswissenschaftlich).
  • Den Bildungsanspruch gegen den Glaubensanspruch ausspielen, statt die hermeneutische Doppelfunktion (Erbe vermitteln und existenziell erschließen) zusammenzudenken.
  • Die verfassungsrechtliche Verankerung (Art. 7 Abs. 3 GG, konfessionelle Bindung) übergehen und Religionsunterricht als beliebiges Wahlfach darstellen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Erörtern Sie das Spannungsverhältnis von Bildungsauftrag (Art. 7 Abs. 3 GG, „Bibel als Kulturcode“) und Glaubensbezug des konfessionellen Religionsunterrichts und beurteilen Sie das Modell des konfessionell-kooperativen Unterrichts angesichts religiöser Pluralisierung.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie das Verhältnis von Bildungsanspruch und Glaubensanspruch im evangelischen Religionsunterricht und beurteilen Sie, wie dieses Verhältnis im Abitur prüfungspraktisch eingelöst wird.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006) (KMK) · NRW Kernlehrplan Evangelische Religionslehre GOSt (MSB NRW)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Aufbau der Bibel und Kanonbildung○
    • 02Die historisch-kritische Methode◐
    • 03Hermeneutische Modelle●
    • 04Biblische Gattungen◐
    • 05Textkritik und Bibel­übersetzung◐
    • 06Die Bibel im Religionsunterricht○

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

Bibelwissenschaft und Hermeneutik

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4
Kompetenzen
Üben

Belege & Quellen

Quellen

Deutsche Bibelgesellschaft

  • Bibelwissenschaft.de — Wibilex (Deutsche Bibelgesellschaft)

Deutsches Textarchiv (BBAW)

  • Luthers Septembertestament 1522 — gemeinfreier Volltext

KMK

  • KMK EPA Evangelische Religionslehre (Beschluss 1989 i. d. F. 2006)

Stanford University

  • Stanford Encyclopedia of Philosophy — Philosophy of Religion

MSB NRW

  • NRW Kernlehrplan Evangelische Religionslehre GOSt

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