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Notizen/Politik / Wirtschaft/Politische Konflikte und Konfliktanalyse
Notizen · Politik / WirtschaftDE · Abitur

Politische Konflikte und Konfliktanalyse

Politische Konflikte verstehen und bearbeiten: Konfliktbegriff (Galtung, Lederach), Konfliktdimensionen (Interessen, Werte, Identitäten), gewaltfreie und gewaltsame Konfliktaustragung sowie internationale Konfliktbearbeitung. Aktuelle Anwendungsfälle: Ukraine-Krieg, Nahostkonflikt, Klimakonflikte.

6 Abschnitte·~23 Min Lesezeit·3 Kompetenzen·Niveau Basis 1 · Standard 3 · Vertiefung 2·Stand 06/2026

T·111111 / 11
Prüfungsprofil
Sach · Sachkompetenz — Konfliktbegriffe und -typen unterscheidenMeth · Methodenkompetenz — Konfliktanalysen (Sinus, COSIMO) anwendenUrt · Urteilskompetenz — Konfliktbearbeitungsstrategien beurteilen
Operatoren:analysierenbeurteilenerörternerläutern

grundlegendes Niveau

gA-Niveau: Konfliktbegriff (Galtung), positiver / negativer Frieden, Konfliktdimensionen erläutern.

erhöhtes Niveau

eA-Niveau: Konfliktanalyse mit Lederach (Triangle of Satisfaction), Konfliktintensitätsmaße (HIIK), R2P-Doktrin und „Liberal Peace Theory" diskutieren.

Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Politische Konflikte und Konfliktanalyse
    • 01Konfliktbegriff und Frieden○
    • 02Konfliktanalyse — Lederach und COSIMO◐
    • 03Internationale Konfliktbearbeitung●
    • 04Innergesellschaftliche Konflikte in Deutschland◐
    • 05Eskalation und Deeskalation (Glasl)◐
    • 06Erweiterter Sicherheitsbegriff und menschliche Sicherheit●
§ 01

Konfliktbegriff und Frieden#

●○○BasisLPEPA-Sozk-11.1LPNRW-KLP-SW-IF9

Negativer und positiver Frieden nach Galtung

Frieden nach GaltungTabelle mit 3 Spalten und 2 Zeilen, Daten: Friedensbegriff · Kernidee · Abwesenheit von; Negativer Frieden · Ende direkter Gewalt · personaler Gewalt, Krieg; Positiver Frieden · soziale Gerechtigkeit · struktureller Gewalt, hervorgehobene Zelle: soziale GerechtigkeitFRIEDENSBEGRIFFKERNIDEEABWESENHEIT VONNEGATIVER FRIEDENEnde direkter Gewaltpersonaler Gewalt, KriegPOSITIVER FRIEDENsoziale Gerechtigkeitstruktureller GewaltGaltung: positiver Frieden umfasst den negativen.
Abb. 1Negativer Frieden = Abwesenheit personaler Gewalt; positiver Frieden = Abwesenheit struktureller Gewalt und soziale Gerechtigkeit.

Kernpunkte

Der Konfliktbegriff der Friedens- und Konfliktforschung (Johan Galtung) ist weiter und nüchterner als die Alltagssprache: Ein Konflikt liegt vor, wenn zwei oder mehr Akteure unvereinbare Ziele verfolgen. Entscheidend und klausurzentral ist, dass Konflikt nicht gleich Gewalt ist — Gewalt ist nur eine mögliche, eskalierte Form der Konfliktaustragung. In der Demokratie sind Konflikte sogar der Normalfall und produktiv: Der Wettstreit um Interessen, Werte und Ressourcen treibt Wandel und Aushandlung an. Ziel ist deshalb nicht die Abschaffung von Konflikten, sondern ihre gewaltfreie, geregelte Bearbeitung.
Galtungs Schlüsselbeitrag ist die Unterscheidung dreier Gewaltformen (das „Gewaltdreieck"). Direkte (personale) Gewalt ist die sichtbare, körperliche Schädigung durch einen identifizierbaren Täter (Krieg, Schlag, Mord). Strukturelle Gewalt ist in die gesellschaftlichen Verhältnisse eingebaut, ohne dass es einen einzelnen Täter gäbe: Armut, Ausbeutung, Diskriminierung und ungleiche Lebenschancen, die Menschen schädigen, weil die Struktur sie benachteiligt. Kulturelle Gewalt schließlich sind die Ideen (Ideologien, Religion, Sprache), die direkte und strukturelle Gewalt rechtfertigen und legitim erscheinen lassen.
Auf dieser Grundlage definiert Galtung (in „Violence, Peace, and Peace Research", 1969) zwei Friedensbegriffe. Negativer Frieden ist die bloße Abwesenheit direkter, organisierter Gewalt — Waffenstillstand, kein Krieg. Positiver Frieden ist mehr: der Abbau struktureller (und kultureller) Gewalt, also soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und Kooperation. Ein Waffenstillstand bei fortbestehender Unterdrückung wäre nur negativer Frieden. Dieser Doppelbegriff ist der Maßstab jeder Konfliktbearbeitung: Dauerhafter Frieden verlangt nicht nur das Schweigen der Waffen, sondern gerechte Strukturen.
Konflikte lassen sich nach ihrem Gegenstand typisieren — eine Unterscheidung, die die richtige Bearbeitungsform vorbereitet. Interessenkonflikte (um knappe Güter, etwa Verteilungskonflikte) sind oft verhandelbar, weil sich Kompromisse und Tauschgeschäfte finden lassen. Wertekonflikte (um grundlegende Überzeugungen, Religion, Identität) sind viel schwerer lösbar, weil Werte nicht teilbar sind. Hinzu kommen Beziehungs- und Mittelkonflikte (Streit über den Weg zum gemeinsamen Ziel). Wer Konflikttypen vermischt, wählt das falsche Instrument — ein Wertekonflikt lässt sich nicht wie ein Tauschhandel „aufteilen".
Zur methodischen Einordnung der Gewaltintensität dient das Konfliktbarometer des Heidelberger Instituts (HIIK). Es unterscheidet fünf Intensitätsstufen: Disput und gewaltlose Krise (beide gewaltlos) sowie gewaltsame Krise, begrenzter Krieg und Krieg (gewaltsam, abgestuft nach Mitteln, Intensität und Folgen). Diese Skala erlaubt einen systematischen, vergleichbaren Überblick über das weltweite Konfliktgeschehen, ist aber auf Datenlage und Bewertungskriterien angewiesen. Das beigefügte Rechenbeispiel ordnet einen Verlauf konkret in die fünf Stufen ein.
Konflikte durchlaufen idealtypisch mehrere Phasen — Entstehung (latenter Konflikt), Eskalation, Bearbeitung, Deeskalation und Transformation. Wichtig ist, dass dieser Verlauf nicht linear ist: Konflikte können auf jeder Stufe verharren, in frühere Phasen zurückfallen oder Schleifen bilden. Die psychosoziale Dynamik der Eskalation beschreibt das Neun-Stufen-Modell von Friedrich Glasl (win-win → win-lose → lose-lose), das als Diagnoseinstrument im eigenen Abschnitt vertieft wird. Galtungs Friedensbegriff (das Ziel) und Glasls Eskalationsmodell (die Dynamik) bilden zusammen das Grundgerüst der Konfliktanalyse.

Glasl — Neun Stufen der Konflikteskalation

Glasl — KonflikteskalationTabelle mit 3 Spalten und 3 Zeilen, Daten: Phase · Stufen · Bearbeitung; win-win (1–3) · Verhärtung, Debatte, Taten · Selbsthilfe der Parteien; win-lose (4–6) · Images, Gesichtsverlust, Drohungen · Moderation, Mediation; lose-lose (7–9) · Vernichtung, Zersplitterung, Abgrund · Machteingriff, Schiedsverfahren, hervorgehobene Zelle: lose-lose (7–9)PHASESTUFENBEARBEITUNGWIN-WIN (1–3)Verhärtung, Debatte, TatenSelbsthilfe der ParteienWIN-LOSE (4–6)Images, Gesichtsverlust,DrohungenModeration, MediationLOSE-LOSE (7–9)Vernichtung, Zersplitterung,AbgrundMachteingriff,SchiedsverfahrenGlasl (1980): neun Eskalationsstufen in drei Phasen.
Abb. 2Konfliktdynamik in drei Phasen: win-win, win-lose, lose-lose — mit jeweils drei aufeinanderfolgenden Stufen.
Musterlösung

Konfliktintensität nach dem HIIK-Schema einordnen

Ein Grenzkonflikt verläuft so: zunächst gegenseitige Vorwürfe und abgebrochene Verhandlungen, dann wirtschaftliche Sanktionen und vereinzelte Schusswechsel, schließlich anhaltende Gefechte mit zahlreichen Opfern und Vertreibungen. Ordnen Sie die Phasen den fünf HIIK-Intensitätsstufen zu und beurteilen Sie die Konfliktdynamik.

  1. 01Schritt 1 — HIIK-Stufenmodell anlegen

    Das Heidelberger Institut (HIIK) unterscheidet fünf Intensitätsstufen: 1 Disput (gewaltlos), 2 gewaltlose Krise, 3 gewaltsame Krise, 4 begrenzter Krieg, 5 Krieg — gemessen an Mitteln, Intensität und Folgen.

  2. 02Schritt 2 — Frühphase einordnen

    Gegenseitige Vorwürfe und abgebrochene Verhandlungen ohne Gewalt entsprechen Stufe 1 (Disput); die Drohung mit Sanktionen markiert den Übergang zur Stufe 2 (gewaltlose Krise).

  3. 03Schritt 3 — Eskalationsphase einordnen

    Sanktionen plus vereinzelte Schusswechsel entsprechen Stufe 3 (gewaltsame Krise: sporadische Gewalt). Anhaltende Gefechte mit zahlreichen Opfern und Vertreibungen erreichen Stufe 4–5 (begrenzter Krieg bzw. Krieg: organisierte, anhaltende Gewalt mit massiven Folgen).

  4. 04Schritt 4 — Beurteilen

    Der Konflikt durchläuft alle Stufen vom Disput bis zum Krieg. Die HIIK-Klassifikation ermöglicht einen systematischen, vergleichbaren Überblick, ist aber auf Datenlage und Bewertungskriterien angewiesen. Methodisch ergänzt sie Glasls Eskalationsmodell: Glasl beschreibt die psychosoziale Dynamik, HIIK die messbare Gewaltintensität.

Ergebnis: Die Phasen reichen von Stufe 1 (Disput) über Stufe 3 (gewaltsame Krise) bis Stufe 4–5 (Krieg); HIIK liefert eine vergleichbare Intensitätsmessung als Ergänzung zu Glasls Dynamikmodell.

Abiturfokus

  • Operator „erläutern": Konflikt und Gewalt sauber trennen — Konflikt als Normalfall der Demokratie.
  • Galtungs Gewaltdreieck (direkte, strukturelle, kulturelle Gewalt) und negativen vs. positiven Frieden präzise definieren.
  • Konflikttypen (Interessen-, Werte-, Verteilungs-, Beziehungskonflikt) unterscheiden und der Bearbeitungsform zuordnen.
  • HIIK-Fünfstufenskala als Methodenkompetenz zur Intensitätsmessung anwenden.
  • Konfliktphasen als nicht-linearen Prozess (Schleifen möglich) darstellen.

Typische Fehler

  • Konflikt wird mit Gewalt gleichgesetzt; Gewalt ist nur eine eskalierte Form der Austragung.
  • Frieden wird nur negativ (als Abwesenheit von Krieg) gedacht; positiver Frieden verlangt den Abbau struktureller Gewalt.
  • Konflikttypen werden vermischt; ein Wertekonflikt ist nicht wie ein Interessenkonflikt teilbar.
  • Strukturelle Gewalt wird übersehen, weil sie keinen sichtbaren Täter hat.
  • Konfliktphasen werden linear gedacht; tatsächlich sind Rückfälle und Schleifen möglich.

Aktive Wiederholung

Erläutern Sie Galtungs Begriff von negativem und positivem Frieden und beurteilen Sie ihn an einem aktuellen Konflikt Ihrer Wahl.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) · Charter of the United Nations (United Nations)

§ 02

Konfliktanalyse — Lederach und COSIMO#

●●○StandardLPEPA-Sozk-11.2LPBW-BP-PoWi-5.3

Kernpunkte

John Paul Lederach hat den Begriff der Konflikttransformation geprägt und ihn von der bloßen Konfliktlösung abgegrenzt. Während „Lösung" oft nur das sichtbare Streitthema beilegt, zielt Transformation auf die dauerhafte Veränderung der Beziehungen und Strukturen, aus denen der Konflikt immer wieder hervorgeht. Lederach unterscheidet dafür die sichtbare „Episode" (das aktuelle Streitthema) vom darunterliegenden „Epizentrum" (das Muster der Beziehungen und Strukturen). Eine Konfliktanalyse muss deshalb drei Ebenen erfassen: den Inhalt (die strittigen Issues), die Beziehungen zwischen den Parteien und die zugrunde liegenden Strukturen/Systeme. Nur wer alle drei bearbeitet, erreicht nachhaltigen positiven Frieden.
Berühmt ist Lederachs Friedenspyramide (aus „Building Peace", 1997): Sie ordnet die Akteure dreier Ebenen — die politische Führung (Track I: Staats- und Regierungschefs, offizielle Diplomatie), die mittlere Führungsebene (Track II: angesehene Persönlichkeiten, Religions- und NGO-Vertreter) und die Basis (Track III: lokale Gemeinschaften). Sein zentrales Argument ist die Schlüsselrolle der mittleren Ebene: Sie ist mit beiden anderen verbunden und kann Friedensprozesse tragen, wenn die Spitzenpolitik blockiert ist. Friedensförderung („peacebuilding") muss alle drei Ebenen verbinden — ein Friedensschluss der Eliten ohne gesellschaftliche Verankerung bleibt brüchig.
Datenbasis der wissenschaftlichen Konfliktbeobachtung ist u. a. das Heidelberger Institut (HIIK) mit seinem Informationssystem (CONIS/COSIMO): eine umfassende Dokumentation politischer Konflikte mit ihren Intensitäten, Akteuren und Streitgegenständen, die in das jährliche Konfliktbarometer mündet. Solche Datensätze ermöglichen systematische, vergleichende Aussagen über Konflikttrends, sind aber selbst kein neutrales Abbild — Auswahl, Kategorisierung und Bewertung der Fälle treffen methodische Vorentscheidungen, die man bei der Interpretation mitdenken muss.
Methodisch folgt eine Konfliktanalyse festen Schritten: die Akteure identifizieren (Konfliktparteien, Dritte, Verbündete); ihre Interessen von ihren Positionen trennen; den eigentlichen Konfliktgegenstand bestimmen; die Dynamik (Eskalationsstand, Wendepunkte) nachzeichnen; und Bearbeitungsoptionen prüfen. Die Unterscheidung von Position (die geäußerte Forderung: „Ich will X") und Interesse (das dahinterliegende Bedürfnis: „weil ich Y brauche") ist dabei der Schlüssel — über Positionen wird gefeilscht, über Interessen lässt sich verhandeln, weil sich für dasselbe Interesse oft mehrere Lösungen finden.
Warum manche Konflikte so hartnäckig sind, erklärt der Bedürfnisansatz (John Burton, in der Tradition auch Galtung): Tiefe Konflikte wurzeln nicht in verhandelbaren Interessen, sondern in frustrierten menschlichen Grundbedürfnissen — Identität, Sicherheit und Anerkennung. Solche Bedürfnisse sind nicht teilbar und nicht „wegzukaufen", weshalb identitätsbasierte Konflikte (ethnische, religiöse, nationale) so schwer beizulegen sind. Ihre Bearbeitung verlangt Anerkennung und Vertrauensbildung, nicht bloß einen Kompromiss über Ressourcen.
Das wichtigste Verfahren gewaltfreier Bearbeitung ist die Mediation — die Vermittlung durch einen allparteilichen Dritten, der den Prozess strukturiert, die Lösung aber den Parteien überlässt (anders als die Schlichtung, bei der der Dritte einen Lösungsvorschlag macht). Ihr theoretischer Kern ist das Harvard-Konzept des sachgerechten Verhandelns (Fisher/Ury, „Getting to Yes", 1981): Menschen und Probleme trennen, sich auf Interessen statt Positionen konzentrieren, Optionen zum beiderseitigen Vorteil entwickeln und das Ergebnis an objektiven Kriterien messen — ergänzt um die BATNA (die beste Alternative zur Verhandlungslösung), die die eigene Verhandlungsmacht bestimmt. Das Konzept gilt für zwischenstaatliche wie für innergesellschaftliche und betriebliche Konflikte gleichermaßen.

Abiturfokus

  • Operator „analysieren": Lederachs drei Ebenen (Inhalt, Beziehung, Struktur) und Episode vs. Epizentrum auf einen Konflikt anwenden.
  • Lederachs Friedenspyramide (Track I/II/III) mit der Schlüsselrolle der mittleren Ebene darstellen.
  • Interessen sauber von Positionen trennen (Harvard-Konzept) — der Kern jeder Verhandlung.
  • Bedürfnisansatz (Burton) zur Erklärung der Hartnäckigkeit identitätsbasierter Konflikte heranziehen.
  • Konflikttransformation als langfristigen Strukturwandel gegen die bloße Konfliktlösung abgrenzen.

Typische Fehler

  • Konfliktlösung wird mit Konfliktende gleichgesetzt; Transformation zielt auf dauerhaften Struktur- und Beziehungswandel.
  • Interessen und Positionen werden vermischt; nur über Interessen lässt sich produktiv verhandeln.
  • Mediation wird mit Schlichtung verwechselt; der Mediator entscheidet nicht, sondern strukturiert den Prozess.
  • Lederachs Ansatz wird auf zwischenstaatliche Konflikte verkürzt; er gilt ebenso innenpolitisch und betrieblich.
  • Identitäts- und Bedürfniskonflikte werden wie Interessenkonflikte behandelt; Grundbedürfnisse sind nicht teilbar.

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie einen aktuellen politischen Konflikt mit Lederachs Drei-Ebenen-Modell und beurteilen Sie Optionen für Konflikttransformation.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) · Charter of the United Nations (United Nations)

§ 03

Internationale Konfliktbearbeitung#

●●●VertiefungLPEPA-Sozk-11.3LPNRW-KLP-SW-IF9

Kernpunkte

Internationale Konflikte werden in den IB-Theorien durch drei „Brillen" gedeutet, die zu sehr verschiedenen Diagnosen und Therapien führen — ihre Anwendung ist der eigentliche Anspruch des erhöhten Niveaus. Realismus, Liberalismus und Konstruktivismus erklären dieselbe Lage (etwa den Ukrainekrieg) unterschiedlich, weil sie verschieden bestimmen, was Staaten antreibt: Macht, Kooperationsgewinn oder geteilte Bedeutungen. Eine gute Erörterung führt nicht eine Theorie als „wahr" vor, sondern zeigt, was jede sichtbar macht und ausblendet.
Der (Neo-)Realismus (Hans Morgenthau, „Politics Among Nations", 1948; Kenneth Waltz; John Mearsheimer) sieht Staaten als rationale Machtakteure in einer anarchischen Ordnung ohne Weltregierung. Weil niemand übergeordneten Schutz garantiert, müssen Staaten für ihre eigene Sicherheit sorgen — das erzeugt das Sicherheitsdilemma: Rüstet ein Staat zur Verteidigung auf, fühlen sich andere bedroht und rüsten nach, sodass alle unsicherer werden. Nicht Werte, sondern Macht und Interesse erklären Verhalten. Achtung: Realismus ist keine zynische Gutheißung der Macht, sondern eine analytische Perspektive, die ihre Logik offenlegt.
Der Liberalismus betont, dass Anarchie durch Institutionen, Recht, Handel und wechselseitige Abhängigkeit gezähmt werden kann. Sein bekanntester Strang ist die Theorie des demokratischen Friedens (Michael Doyle, anknüpfend an Kants „Zum ewigen Frieden", 1795): Demokratien führen untereinander kaum Kriege, weil gewählte Regierungen, öffentliche Kontrolle und Handelsverflechtung den Krieg verteuern. Die These ist empirisch gut gestützt für das Verhältnis zwischen Demokratien, aber umstritten als allgemeines Friedensrezept — Demokratien sind nach außen keineswegs grundsätzlich friedlicher. Sie ist deshalb als empirische Debatte zu führen, nicht als Glaubenssatz.
Der Konstruktivismus (Alexander Wendt, „Anarchy Is What States Make of It", 1992) bestreitet, dass Interessen objektiv vorgegeben sind: Identitäten, Normen und geteilte Ideen formen, was Staaten überhaupt als Interesse begreifen. Anarchie ist nicht naturgegeben, sondern sozial konstruiert — die USA fürchten nordkoreanische Atomwaffen mehr als die weit zahlreicheren britischen, weil die Beziehung anders gedeutet wird. Damit erklärt der Konstruktivismus Wandel: das Entstehen von Normen (Folterverbot, R2P, nukleares Tabu) und ihren Verfall.
Die wichtigste völkerrechtliche Norm zum Schutz vor Massenverbrechen ist die Responsibility to Protect (R2P, UN-Weltgipfel 2005). Sie umfasst drei Säulen: die primäre Verantwortung jedes Staates, seine Bevölkerung vor Völkermord, Kriegsverbrechen, ethnischer Säuberung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu schützen; die internationale Unterstützung dabei; und — als letztes Mittel — eine kollektive Reaktion über den UN-Sicherheitsrat nach Kapitel VII. Entscheidend gegen ein verbreitetes Missverständnis: R2P ist kein einseitiges Interventionsrecht, sondern eine restriktiv ausgeübte kollektive Verantwortung. Die Selektivität ist ihr Kernproblem — Libyen 2011 (UN-Resolution 1973) wurde aktiviert, in Syrien blockierten Vetomächte jede Reaktion.
Den Rahmen setzt die UN-Charta: das allgemeine Gewaltverbot (Art. 2 Ziff. 4), das Recht auf Selbstverteidigung (Art. 51) und das System kollektiver Sicherheit (Kapitel VII), dessen Wirksamkeit am Veto der fünf ständigen Sicherheitsratsmitglieder hängt. Der russische Angriff auf die Ukraine seit 2022 ist ein klarer Bruch des Gewaltverbots; die Eskalation in Nahost seit 2023 und die Putsch- und Söldnerdynamik in der Sahelzone zeigen die Grenzen der Ordnung. Bearbeitet werden Konflikte durch UN-Friedensmissionen, EU-Missionen der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP), OSZE-Vermittlung und die internationale Strafjustiz: Der Internationale Strafgerichtshof erließ 2023 Haftbefehl gegen Putin und 2024 gegen Netanjahu und Gallant — wirkungsstark als Delegitimierung, aber abhängig von der Kooperation der Staaten.

Abiturfokus

  • Operator „erörtern": Realismus, Liberalismus und Konstruktivismus als drei Deutungsbrillen auf den Ukrainekrieg anwenden.
  • Sicherheitsdilemma (Realismus) und demokratischen Frieden (Doyle/Kant) präzise erklären.
  • R2P-Dreisäulenstruktur und ihre Selektivität (Libyen 2011 vs. Syrien) darstellen.
  • UN-Charta (Gewaltverbot Art. 2 IV, Selbstverteidigung Art. 51, Kap. VII) und das Vetoproblem benennen.
  • ICC-Haftbefehle als Instrument und Grenze internationaler Strafjustiz einordnen.

Typische Fehler

  • Realismus wird mit Zynismus/Befürwortung von Macht gleichgesetzt; er ist eine analytische Perspektive.
  • R2P wird als einseitiges Eingriffsrecht gelesen; präzise: restriktiv ausgeübte kollektive Verantwortung über den UN-Sicherheitsrat.
  • Der demokratische Frieden wird affirmativ behauptet; er gilt zwischen Demokratien und ist als allgemeines Rezept empirisch umstritten.
  • OSZE, EU und Europarat werden vermischt; es sind verschiedene Organisationen mit eigenen Mandaten.
  • Der ICC wird mit dem IGH (Staatenstreitigkeiten) verwechselt; der Strafgerichtshof verfolgt Individuen.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie die Reichweite der Responsibility to Protect am Beispiel der NATO-Intervention in Libyen 2011 und der Nicht-Intervention in Syrien; beurteilen Sie, ob die Doktrin praxiswirksam ist.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie unter Rückgriff auf Realismus, Liberalismus und Konstruktivismus die Möglichkeiten und Grenzen internationaler Konfliktbearbeitung am Beispiel des Ukrainekriegs.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Charter of the United Nations (United Nations) · Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) · EUR-Lex — Zugang zum Recht der Europäischen Union (Amt für Veröffentlichungen der EU)

§ 04

Innergesellschaftliche Konflikte in Deutschland#

●●○StandardLPEPA-Sozk-11.4LPBY-LP-Sozk-12.8

Kernpunkte

Ein Schlüsselbegriff zur Diagnose innergesellschaftlicher Konflikte ist die Polarisierung — und sie ist sauber zu differenzieren. Ideologische Polarisierung meint das inhaltliche Auseinanderdriften der Positionen (die Ränder wachsen, die Mitte schrumpft). Affektive Polarisierung meint die emotionale Ablehnung der Andersdenkenden — man mag, vertraut und respektiert die „andere Seite" immer weniger, unabhängig von den Sachfragen. Studien deuten für Deutschland vor allem auf wachsende affektive Polarisierung. Wichtig für die Beurteilung: Konflikt und Meinungsstreit sind demokratisch normal und produktiv; gefährlich wird erst die affektive Entfremdung, die den gemeinsamen Boden der Auseinandersetzung untergräbt.
Beim Klimakonflikt verdichtet sich der Streit um die Grenzen legitimen Protests. Bewegungen wie Fridays for Future, die „Letzte Generation" und (mit anderer Stoßrichtung) die Bauernproteste 2024 spannen das Verhältnis von Protest und Rechtsstaat auf. Den Begriff des zivilen Ungehorsams hat John Rawls präzisiert: ein öffentlicher, gewaltfreier, gewissensgeleiteter Regelverstoß, der die Strafe bewusst in Kauf nimmt, um auf ein Unrecht aufmerksam zu machen. Genau diese Merkmale — Öffentlichkeit, Gewaltfreiheit, Strafannahme — unterscheiden zivilen Ungehorsam von Gewalt und von gewöhnlicher Kriminalität; an ihnen entscheidet sich in der Klausur die Bewertung einer Protestaktion.
Migrations- und Integrationskonflikte prägen die Innenpolitik seit den Fluchtbewegungen 2015, 2022 (Ukraine) und 2023 ff. Politisch stehen sich humanitäre Verpflichtung (Asylgrundrecht Art. 16a GG, Genfer Flüchtlingskonvention) und Steuerungs-/Kapazitätsargumente gegenüber; auf EU-Ebene reagierte 2024 die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS). Wichtig: Integration ist mehr als Migrationssteuerung — sie ist ein wechselseitiger Prozess (Teilhabe, Bildung, Arbeitsmarkt, Anerkennung), der die Aufnahmegesellschaft ebenso fordert wie die Zuwandernden. Wer Integrationspolitik auf Zuzugsbegrenzung verkürzt, verfehlt ihren Kern.
Geschlechter- und Identitätspolitik bildet eine weitere Konfliktlinie: Gleichstellung, queere Rechte und das Selbstbestimmungsgesetz (2024, vereinfachte Änderung von Geschlechtseintrag und Vornamen) lösen Debatten über Anerkennung aus. Theoretisch lassen sie sich mit Axel Honneths „Kampf um Anerkennung" deuten: Soziale Konflikte sind oft nicht nur Verteilungs-, sondern Anerkennungskonflikte — der Kampf um die Würdigung der eigenen Identität und Lebensform. Diese Konflikte werden medial häufig als „Kulturkampf" zugespitzt, was die sachliche Aushandlung erschwert.
Demokratien verfügen über eigene, deliberative Bearbeitungsformen jenseits von Wahl und Parlament: Bürgerräte (etwa der zivilgesellschaftliche Bürgerrat Klima 2021 und der vom Bundestag eingesetzte Bürgerrat zur Ernährung 2023/24), Mediation und Demokratiebildung. Per Losverfahren zusammengesetzte Bürgerräte sollen informierte, repräsentative und entpolarisierte Beratung ermöglichen. Ihre Stärke ist die Qualität der Deliberation, ihre Grenze die fehlende Entscheidungsmacht: Sie beraten und empfehlen, entscheiden aber nicht — ihre Wirkung hängt davon ab, ob die Politik ihre Empfehlungen aufgreift.
Den äußeren Rahmen setzt das Prinzip der wehrhaften (streitbaren) Demokratie: Das Grundgesetz lässt sich nicht mit demokratischen Mitteln abschaffen („keine Freiheit den Feinden der Freiheit"). Instrumente sind der Verfassungsschutz, das Parteiverbot (Art. 21 Abs. 2 GG), die Grundrechtsverwirkung (Art. 18 GG) und das Vereinsverbot (Art. 9 Abs. 2 GG) — etwa Verbote im Umfeld der Hamas 2023. Die Grenze ist die Verhältnismäßigkeit: Wehrhafte Demokratie darf nicht zur Unterdrückung legitimer Opposition werden. Dass die Justiz Verbotsverfügungen überprüft und auch aussetzt (so vorläufig beim Compact-Magazin 2024), zeigt gerade, dass die Wehrhaftigkeit selbst rechtsstaatlich gebunden bleibt — sie ist nicht mit Repression gleichzusetzen.

Abiturfokus

  • Operator „erörtern": zivilen Ungehorsam (Rawls: öffentlich, gewaltfrei, Strafannahme) und Rechtsstaat abwägen.
  • Affektive und ideologische Polarisierung präzise unterscheiden.
  • Integration als wechselseitigen Prozess (nicht bloß Zuzugssteuerung) darstellen; GEAS-Reform 2024 einordnen.
  • Bürgerräte als deliberative Antwort mit ihrer Stärke (Beratungsqualität) und Grenze (keine Entscheidungsmacht) bewerten.
  • Wehrhafte Demokratie (Art. 9 II, 18, 21 II GG) im Spannungsverhältnis zu Meinungs- und Versammlungsfreiheit beurteilen.

Typische Fehler

  • Polarisierung wird pauschal als Gefahr beschrieben; nach ideologisch und affektiv differenzieren.
  • Ziviler Ungehorsam wird mit Gewalt verwechselt; er ist gewaltfrei und nimmt die Strafe bewusst in Kauf.
  • Integrationspolitik wird auf Migrationssteuerung reduziert; sie ist ein wechselseitiger Teilhabeprozess.
  • Wehrhafte Demokratie wird mit Repression gleichgesetzt; sie ist selbst an Verhältnismäßigkeit und gerichtliche Kontrolle gebunden.
  • Bürgerräten wird Entscheidungsmacht zugeschrieben; sie beraten und empfehlen, entscheiden aber nicht.

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie einen innergesellschaftlichen Konflikt in Deutschland (z.B. Klimaprotest oder Migration) und beurteilen Sie geeignete demokratische Bearbeitungsformen.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (Bundesministerium der Justiz) · Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) · Bundesverfassungsgericht — Entscheidungen (Bundesverfassungsgericht)

§ 05

Eskalation und Deeskalation (Glasl)#

●●○StandardLPEPA-Sozk-11.2LPNRW-KLP-SW-IF9

Glasl — Neun Stufen der Konflikteskalation

Glasl — KonflikteskalationTabelle mit 3 Spalten und 3 Zeilen, Daten: Phase · Stufen · Bearbeitung; win-win (1–3) · Verhärtung, Debatte, Taten · Selbsthilfe der Parteien; win-lose (4–6) · Images, Gesichtsverlust, Drohungen · Moderation, Mediation; lose-lose (7–9) · Vernichtung, Zersplitterung, Abgrund · Machteingriff, Schiedsverfahren, hervorgehobene Zelle: lose-lose (7–9)PHASESTUFENBEARBEITUNGWIN-WIN (1–3)Verhärtung, Debatte, TatenSelbsthilfe der ParteienWIN-LOSE (4–6)Images, Gesichtsverlust,DrohungenModeration, MediationLOSE-LOSE (7–9)Vernichtung, Zersplitterung,AbgrundMachteingriff,SchiedsverfahrenGlasl (1980): neun Eskalationsstufen in drei Phasen.
Abb. 3Konfliktdynamik in drei Phasen: win-win, win-lose, lose-lose — mit jeweils drei aufeinanderfolgenden Stufen.

Kernpunkte

Friedrich Glasl beschreibt in seinem „Konfliktmanagement" (1980) die Eskalationsdynamik als Treppe, die nicht hinauf-, sondern hinabführt: neun Stufen in drei Phasen (win-win 1–3, win-lose 4–6, lose-lose 7–9). Das Modell ist deshalb so wirkmächtig, weil es zeigt, dass Eskalation ein sich selbst verstärkender Sog ist: Mit jeder Stufe sinkt die Selbststeuerungsfähigkeit der Parteien, die Wahrnehmung verengt sich, der Konflikt entwickelt eine Eigendynamik, die niemand mehr bewusst steuert. Es ist primär ein Diagnoseinstrument — wer die Stufe bestimmt, kann die passende Bearbeitungsform ableiten.
In der ersten Phase (win-win, Stufen 1–3: Verhärtung, Debatte/Polemik, Taten statt Worte) verhärten sich die Standpunkte, die Debatte wird zum verbalen Schlagabtausch, schließlich handeln die Parteien aneinander vorbei. Wesentlich ist: Beide Seiten könnten hier noch gewinnen, eine sachliche Einigung ist möglich. Geeignet sind daher Moderation und Selbsthilfe — die Parteien können den Konflikt mit etwas Unterstützung noch selbst lösen.
In der zweiten Phase (win-lose, Stufen 4–6: Images und Koalitionen, Gesichtsverlust, Drohstrategien) kippt der Konflikt: Er personalisiert sich, die Parteien suchen Verbündete, greifen das Ansehen des Gegners an (öffentlicher Gesichtsverlust) und setzen auf Drohungen. Jetzt kann eine Seite nur noch auf Kosten der anderen gewinnen. Die Selbstlösung scheitert; nötig ist die Vermittlung durch neutrale, allparteiliche Dritte (Mediation, Prozessbegleitung), die verloren gegangene Kommunikation wiederherstellen.
In der dritten Phase (lose-lose, Stufen 7–9: begrenzte Vernichtungsschläge, Zersplitterung, gemeinsam in den Abgrund) geht es nicht mehr ums eigene Gewinnen, sondern um die Schädigung des Gegners — notfalls um den Preis des eigenen Untergangs. Am Ende steht die wechselseitige Vernichtung. Hier helfen weder Moderation noch Mediation mehr; wirksam sind nur noch Schiedsverfahren, ein Machteingriff von außen oder eine Friedenserzwingung (im internationalen Fall etwa der UN-Sicherheitsrat nach Kapitel VII).
Deeskalation setzt an den Wendepunkten zwischen den Phasen an, bevor die nächste Stufe genommen wird. Ihre Mittel sind, Gesichtswahrung anzubieten (damit eine Partei aussteigen kann, ohne als Verliererin dazustehen), Kommunikationskanäle offenzuhalten und vertrauensbildende Maßnahmen zu ergreifen (Waffenstillstand, humanitäre Korridore, Beobachtermissionen). Entscheidend für die Beurteilung: Deeskalation ist nicht Nachgeben oder einseitiger Verzicht, sondern zielt auf eine Strukturveränderung, die den Konflikt bearbeitbar macht.
Die Stufenlogik ist nicht zwangsläufig: Konflikte können auf jeder Stufe stagnieren, durch Einsicht oder Vermittlung zurückgeführt oder durch äußere Intervention unterbrochen werden — Eskalation ist also stets aufhaltbar. Glasls Modell gilt zudem nicht nur für Kriege, sondern ebenso für innerbetriebliche, familiäre und gesellschaftliche Konflikte. Es ergänzt die übrigen Werkzeuge: Galtung liefert das Ziel (negativer/positiver Frieden), das HIIK die messbare Gewaltintensität, Glasl die psychosoziale Eskalationsdynamik. Das beigefügte Rechenbeispiel ordnet einen realen Verlauf den Phasen zu und leitet die Interventionsform ab.
Musterlösung

Konflikteskalation nach Glasl analysieren

Zwei Nachbarstaaten streiten zunächst diplomatisch über Grenzgewässer; nach gescheiterten Verhandlungen folgen Wirtschaftssanktionen, Truppenaufmärsche und schließlich begrenzte Grenzgefechte. Analysieren Sie den Verlauf mit Glasls Eskalationsmodell und leiten Sie geeignete Interventionsformen ab.

  1. 01Schritt 1 — Modell anlegen

    Glasls Modell unterscheidet neun Stufen in drei Phasen: win-win (1–3), win-lose (4–6), lose-lose (7–9). Jede Phase verlangt andere Interventionsformen.

  2. 02Schritt 2 — Phasen zuordnen

    Diplomatischer Streit und Verhandlungen = win-win (Stufen 1–3: Verhärtung, Debatte, Taten statt Worte). Sanktionen und Drohgebärden = win-lose (Stufen 4–6: Koalitionen, Gesichtsverlust, Drohstrategien). Begrenzte Grenzgefechte = Übergang zu lose-lose (Stufe 7: begrenzte Vernichtungsschläge).

  3. 03Schritt 3 — Interventionsform ableiten

    Win-win: Moderation/Selbsthilfe (z. B. bilaterale Gespräche). Win-lose: Mediation durch Dritte (UN-Vermittler, Sondergesandte). Lose-lose: Schiedsverfahren oder Machteingriff (UN-Sicherheitsrat nach Kap. VII, Friedenstruppen).

  4. 04Schritt 4 — Beurteilen

    Der Konflikt hat die Schwelle zur lose-lose-Phase erreicht; reine Mediation reicht nicht mehr aus. Eine Deeskalation erfordert robustes Eingreifen (Waffenstillstandsüberwachung) und den Aufbau von positivem Frieden (Galtung): Abbau struktureller Gewalt durch Grenzregime, gemeinsame Ressourcennutzung und Vertrauensbildung.

Ergebnis: Der Verlauf durchläuft win-win → win-lose → lose-lose (Stufe 7); ab dieser Schwelle sind Schiedsverfahren bzw. Machteingriff statt bloßer Mediation geboten.

Abiturfokus

  • Operator „analysieren": Einen realen Konflikt den Glasl-Stufen und -Phasen zuordnen und die Zuordnung begründen.
  • Operator „beurteilen": Aus der diagnostizierten Stufe die passende Interventionsform ableiten.
  • Wendepunkte zwischen den Phasen als Ansatzpunkte der Deeskalation identifizieren.
  • Glasl mit Galtungs Friedensbegriff verknüpfen (negativer/positiver Frieden als Ziel der Bearbeitung).

Typische Fehler

  • Die Phasen werden als zwangsläufiger Automatismus dargestellt; Eskalation ist auf jeder Stufe stoppbar.
  • Die Interventionsformen werden den Phasen falsch zugeordnet (Mediation in der lose-lose-Phase).
  • Glasls Modell wird nur auf zwischenstaatliche Konflikte angewandt; es gilt ebenso für innerbetriebliche und gesellschaftliche Konflikte.
  • Deeskalation wird mit Nachgeben gleichgesetzt; sie zielt auf Strukturveränderung, nicht auf einseitigen Verzicht.

Aktive Wiederholung

Analysieren Sie einen aktuellen internationalen Konflikt mit Glasls Eskalationsmodell, ordnen Sie ihn einer Phase zu und beurteilen Sie die daraus folgende Interventionsform.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)

§ 06

Erweiterter Sicherheitsbegriff und menschliche Sicherheit#

●●●VertiefungLPEPA-Sozk-11.3LPBW-BP-PoWi-5.3

Kernpunkte

Der Begriff der Sicherheit hat sich in der Politikwissenschaft tiefgreifend gewandelt — von einem engen zu einem erweiterten Verständnis. Der enge (klassische) Sicherheitsbegriff, geprägt vom Realismus und vom Ost-West-Konflikt, versteht Sicherheit als Schutz der staatlichen Souveränität und territorialen Integrität vor militärischen Bedrohungen. Das Bezugsobjekt („wessen Sicherheit?") ist allein der Staat, das Mittel die militärische Verteidigung. Der russische Angriff auf die Ukraine hat diesem klassischen, staatszentrierten Sicherheitsdenken in Europa neue Aktualität verschafft.
Der erweiterte Sicherheitsbegriff, theoretisch ausgearbeitet von der Kopenhagener Schule (Barry Buzan, Ole Wæver, „Security: A New Framework for Analysis", 1998), dehnt Sicherheit auf fünf Sektoren aus: den militärischen, politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen. Bedrohungen können also auch wirtschaftliche Abhängigkeiten, ökologische Krisen, Migration oder gesundheitliche Notlagen sein. Wichtig: Erweiterung heißt nicht „Abrüstung" — der Begriff fügt neue Bezugsdimensionen hinzu, ohne die militärische zu streichen.
Einen Perspektivwechsel vollzieht das Konzept der menschlichen Sicherheit (UNDP-Bericht zur menschlichen Entwicklung, 1994): Es macht nicht den Staat, sondern das Individuum zum Bezugsobjekt und bündelt zwei Schutzversprechen — „freedom from fear" (Freiheit von Gewalt und Willkür) und „freedom from want" (Freiheit von Not, Armut, Krankheit). Sicherheit ist damit normativ aufgeladen: Ein Staat kann militärisch sicher und seine Bevölkerung dennoch unsicher sein (durch Repression oder Armut). Menschliche Sicherheit ist nicht mit innerer Sicherheit (Polizei, Kriminalitätsbekämpfung) zu verwechseln.
Der theoretisch anspruchsvollste Begriff ist die Versicherheitlichung (securitization), das Kernkonzept der Kopenhagener Schule: Sicherheit ist demnach ein „Sprechakt". Indem ein mächtiger Akteur ein Thema zur „existenziellen Bedrohung" erklärt und ein Publikum dem zustimmt, wird es aus der normalen Politik herausgehoben und außerordentlichen, dringlichen Maßnahmen zugänglich gemacht. Das ist Chance und Risiko zugleich: Versicherheitlichung kann Aufmerksamkeit und Ressourcen mobilisieren (etwa für den Klimaschutz), zugleich aber demokratische Verfahren aushebeln, Grundrechte einschränken und die Verhältnismäßigkeit untergraben (Notstandslogik). Wer „X ist eine Sicherheitsfrage" sagt, trifft also keine neutrale Feststellung, sondern eine folgenreiche politische Setzung.
Die realen Bedrohungslagen sind heute überwiegend transnational und nicht-militärisch: Cyberangriffe und hybride Kriegsführung, Desinformation und Einflussoperationen, Klimafolgen (Klimamigration, Ressourcenkonflikte, Dürren) und Pandemien. Sie lassen sich nicht durch klassische Abschreckung oder Grenzverteidigung bewältigen, weil sie keine territorialen Fronten kennen und mehrere Politikfelder zugleich betreffen — sie sind der eigentliche Grund für die Erweiterung des Sicherheitsbegriffs.
Die politische Konsequenz ist das Leitbild der vernetzten Sicherheit (comprehensive approach): Diplomatie, Entwicklung und Verteidigung werden verzahnt (der „3-D"-Ansatz: Defence, Diplomacy, Development). Sicherheit wird so zur ressortübergreifenden Aufgabe statt zur reinen Militärfrage. Die Kehrseite ist die Gefahr einer „Versicherheitlichung" ziviler Felder — wenn Entwicklung, Migration oder Klima vorrangig unter dem Sicherheitsblick betrachtet werden, droht die Militarisierung von Aufgaben, die zivile Antworten verlangen. Genau diese Abwägung ist die geforderte Urteilsleistung.

Abiturfokus

  • Operator „vergleichen": engen (staatszentriert, militärisch) und erweiterten Sicherheitsbegriff (fünf Sektoren) anhand eines aktuellen Beispiels gegenüberstellen.
  • Menschliche Sicherheit (UNDP 1994: freedom from fear / from want, Bezugsobjekt Individuum) als normativen Maßstab anwenden.
  • Versicherheitlichung als Sprechakt (Kopenhagener Schule) mit Chancen und Gefahren erörtern (z. B. Klima als Sicherheitsthema).
  • Neue Bedrohungslagen (Cyber, hybrid, Klima, Pandemie) als transnational und nicht-militärisch charakterisieren.
  • Vernetzte Sicherheit (3-D) als Antwort und zugleich Risiko der Militarisierung ziviler Felder einordnen.

Typische Fehler

  • Der erweiterte Sicherheitsbegriff wird mit „Abrüstung" gleichgesetzt; er erweitert nur die Bezugsdimensionen, ohne die militärische zu streichen.
  • Menschliche Sicherheit wird mit innerer Sicherheit (Polizei) verwechselt; Bezugsobjekt ist das Individuum weltweit.
  • Versicherheitlichung wird durchweg positiv gedeutet; sie kann Grundrechte, Verfahren und Verhältnismäßigkeit aushöhlen.
  • Cyber- und Klimasicherheit werden als rein technische statt als politische (versicherheitlichte) Fragen behandelt.
  • Erweiterter Sicherheitsbegriff und menschliche Sicherheit werden gleichgesetzt; das eine erweitert die Sektoren, das andere wechselt das Bezugsobjekt.

LK-Vertiefung

eA-Vertiefung: Diskutieren Sie die Theorie der Kopenhagener Schule (Buzan/Wæver) und prüfen Sie an einem Fallbeispiel (Migration oder Pandemie), wann Versicherheitlichung demokratisch legitim ist.

Aktive Wiederholung

Erörtern Sie am Beispiel des Klimawandels, inwiefern eine „Versicherheitlichung" politischer Probleme deren Bearbeitung fördert oder gefährdet, und beurteilen Sie den Nutzen des Konzepts menschlicher Sicherheit.

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Charter of the United Nations (United Nations) · Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Konfliktbegriff und Frieden○
    • 02Konfliktanalyse — Lederach und COSIMO◐
    • 03Internationale Konfliktbearbeitung●
    • 04Innergesellschaftliche Konflikte in Deutschland◐
    • 05Eskalation und Deeskalation (Glasl)◐
    • 06Erweiterter Sicherheitsbegriff und menschliche Sicherheit●

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

Politische Konflikte und Konfliktanalyse

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Kompetenzen
Üben

Belege & Quellen

Quellen

bpb

  • Bundeszentrale für politische Bildung

United Nations

  • Charter of the United Nations

Amt für Veröffentlichungen der EU

  • EUR-Lex — Zugang zum Recht der Europäischen Union

Bundesministerium der Justiz

  • Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

Bundesverfassungsgericht

  • Bundesverfassungsgericht — Entscheidungen

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