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DE-Abitur · PhilosophieT·099 / 15
Die normative Ethik fragt: Was sollen wir tun? Vier Großfamilien stehen seit der Antike im Wettstreit. Tugendethik (Aristoteles): Frage nach dem guten Charakter und dem gelingenden Leben (eudaimonia). Pflichtenethik (Kant): Frage nach der unbedingten Sollensvorschrift (Kategorischer Imperativ). Utilitarismus (Bentham, Mill, Singer): Maximierung des Gesamtnutzens. Diskursethik (Habermas, Apel): Begründung von Normen im idealen Diskurs aller Betroffenen. Jede Theorie hat eigene Stärken und blinde Flecken — die Klausur verlangt Anwendung mindestens zweier Theorien im Vergleich.
6Abschnitteca. 12Min Lesezeit1Kompetenz
Operatoren:analysieren · erörtern · vergleichen · beurteilen · anwenden
grundlegendes Niveau
gA-Niveau: vier Grundtheorien sicher unterscheiden; Kategorischen Imperativ und Nutzenkalkül anwenden; Tugendbegriff und Diskursethik in Grundzügen.
erhöhtes Niveau
eA-Niveau: drei Formeln des KI mit Beispielen; Mesotes-Lehre und phronesis bei Aristoteles; Akt- vs. Regelutilitarismus; Universalisierungsregel (U) und Diskursregel (D) bei Habermas; Theoriewahl in der Anwendung explizit begründen.
Kernpunkte
ARISTOTELISCHE MESOTES-LEHRE
Welche drei Beschriftungen in "Aristotelische Mesotes-Lehre" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Aristotle (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Kernpunkte
KATEGORISCHER IMPERATIV — PRÜFSCHEMA
Welche drei Beschriftungen in "Kategorischer Imperativ — Prüfschema" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Musterlösung
Prüfen Sie mit Kants Universalisierungsformel die Maxime: „Ich verspreche etwas, von dem ich von vornherein weiß, dass ich es nicht halten werde, um Geld zu leihen."
M: „Wenn ich in Geldnot bin, leihe ich mir Geld unter dem Versprechen der Rückzahlung, auch wenn ich weiß, dass ich nicht zurückzahlen werde." Maxime ist subjektives Handlungsprinzip — keine bloße Handlung, sondern die Regel dahinter.
Allgemeines Gesetz: „Jeder soll, wenn er in Geldnot ist, ein Lügenversprechen abgeben." Frage: Ist diese Welt (a) denkbar und (b) wollbar (Grundlegung, AA IV 421)?
Wenn alle Lügenversprechen abgeben, würde niemand mehr Versprechen ernst nehmen — die Institution „Versprechen" wird selbst zerstört. Damit verschwände der Mechanismus, durch den die Maxime überhaupt funktioniert (Selbstaufhebung). Maxime ist nicht widerspruchsfrei denkbar — perfekte Pflicht zur Unterlassung.
Zweite Hauptformel: „Handle so, dass du die Menschheit ... niemals bloß als Mittel brauchst." Das Lügenversprechen instrumentalisiert den Geldgeber als bloßes Mittel zur Kreditbeschaffung, ohne ihm die wahren Bedingungen offenzulegen — Verletzung der Selbstzweckformel.
Dritte Hauptformel: „Handle so, als ob du durch deine Maximen ein gesetzgebendes Mitglied im allgemeinen Reich der Zwecke wärest." In einer Gemeinschaft autonomer Vernünftiger kann das Lügenversprechen nicht Gesetz sein — es widerspricht der gegenseitigen Anerkennung als Gesetzgeber.
Alle drei Formeln führen zum gleichen Verdikt: die Maxime ist moralisch verboten. Reflektiert: Kant unterscheidet vollkommene Pflichten (Universalisierung scheitert schon an Denkbarkeit — Lügen, Mord, Versprechensbruch) und unvollkommene Pflichten (Denkbarkeit gegeben, Wollbarkeit scheitert — Wohltätigkeit, Selbstvervollkommnung).
Ergebnis: Klausurtauglich ist die Prüfung mit allen drei Formeln, die saubere Unterscheidung von Denkbarkeit und Wollbarkeit sowie die Einordnung in das Schema vollkommener/unvollkommener Pflichten. Wichtig: Maxime präzise formulieren, nicht die Handlung selbst universalisieren.
Typische Fehler
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Kant’s Moral Philosophy (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Kant’s Theoretical Philosophy (Stanford University)
Kernpunkte
HEDONISTISCHES KALKÜL (BENTHAM)
Welche drei Beschriftungen in "Hedonistisches Kalkül (Bentham)" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — The History of Utilitarianism (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Kernpunkte
Typische Fehler
LK-Vertiefung
Vergleichen Sie Habermas’ Diskursethik mit Rawls’ Schleier der Unwissenheit als zwei Spielarten verfahrensethischer Begründung: Habermas dialogisch, Rawls monologisch-konstruktivistisch.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Discourse Ethics (Stanford University) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — Jürgen Habermas (Stanford University)
Kernpunkte
TYPISCHE FEHLSCHLÜSSE (INFORMELLE LOGIK)
Welche drei Beschriftungen in "Typische Fehlschlüsse (informelle Logik)" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
LK-Vertiefung
Vertiefen Sie Mackies Irrtumstheorie (error theory, Ethics: Inventing Right and Wrong 1977): moralische Aussagen erheben einen Objektivitätsanspruch (kognitivistisch), der jedoch systematisch falsch ist — „queerness"-Argument.
Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy — Informal Logic (Stanford University) · KMK EPA Philosophie 2006 (KMK)
Kernpunkte
Musterlösung
Analysieren Sie die beiden Varianten des Trolley-Problems (Weiche und Brücke) als Test ethischer Theorien. Warum urteilen die meisten Menschen unterschiedlich, und welche philosophische Lehre lässt sich daraus ziehen?
Variante A (Weiche): Trolley rast auf 5 Personen zu; Umlenken auf Nebengleis tötet 1. Intuition: meist „umlenken" (≈ 80–90 % nach empirischen Studien). Variante B (Brücke): Trolley rast auf 5 zu; ein dicker Mann von Brücke gestoßen würde Trolley stoppen. Intuition: meist „nicht stoßen" (≈ 70–90 %). Asymmetrie trotz gleicher Bilanz (5 retten, 1 töten).
Bilanz identisch: +4 Leben in beiden Fällen. Konsequenter Utilitarismus (Singer): beide Handlungen geboten. Schwierigkeit: erklärt die moralische Asymmetrie nicht. Regelutilitarismus könnte differenzieren (Regel „nicht Unbeteiligte aktiv töten" hat höheren Gesamtnutzen).
Selbstzweckformel verbietet, einen Menschen bloß als Mittel zu instrumentalisieren. Brücken-Variante: Der dicke Mann wird als Mittel benutzt — verboten. Weichen-Variante umstrittener: Tod der einen Person ist Nebenwirkung der Rettung, nicht Mittel — eher erlaubt (Doctrine of Double Effect).
Vier Bedingungen: (a) Handlung selbst nicht intrinsisch böse; (b) gute Wirkung beabsichtigt, schlechte nur in Kauf genommen; (c) gute Wirkung nicht durch schlechte erreicht; (d) Proportion stimmt. Weiche: erfüllt (b) und (c) — Tod ist Nebeneffekt der Umlenkung. Brücke: verletzt (c) — Tod des Mannes IST das Mittel zum Stoppen.
Aristoteles / Foot: phronesis verlangt situative Klugheit, keine starre Regel. Empirisch (Greene 2001, Mikhail 2007): Brücken-Variante aktiviert affektive Hirnareale (persönliches Töten), Weichen-Variante kognitive Areale (utilitaristisches Kalkül) — moralische Urteile sind dual-system-strukturiert.
Das Trolley-Problem ist kein Lösungs-, sondern ein Theorie-Test. Es zeigt: utilitaristische Saldenlogik allein erfasst die moralische Differenz nicht; deontologische Mittel-Zweck-Unterscheidung greift die Intuition besser. Die Lehre: ethische Theorien müssen sowohl Folgen als auch Handlungsstruktur (Tun/Geschehenlassen, Mittel/Nebeneffekt) berücksichtigen — kein Monismus reicht.
Ergebnis: Klausurtauglich ist eine Analyse, die die intuitive Asymmetrie als Phänomen beschreibt, mit drei Theorien (Utilitarismus, Kant, Doppelwirkung) erklärt und die methodologische Lehre zieht, dass ethische Reflexion auf Pluralismus der Maßstäbe angewiesen ist.
Typische Fehler
Quellen: KMK EPA Philosophie 2006 (KMK) · Stanford Encyclopedia of Philosophy — The History of Utilitarianism (Stanford University)