Allgemeine Musiklehre — Tonsystem, Intervalle, Akkorde, Funktionsharmonik
Musikalisches Basiswissen ist Voraussetzung jeder Werkanalyse. Es umfasst das Tonsystem (chromatische Skala, Stammtöne, Alterationen), die diatonischen Tonleitern (Dur, Moll in drei Varianten, Kirchentonarten), die Intervalle (Halbtonschritte und Klassifikation), die Akkordbildung (Drei- und Vierklang) und die Funktionsharmonik (Tonika - Subdominante - Dominante mit Kadenzbildung). Diese Bausteine bilden das Vokabular, mit dem klassische und romantische Musik beschrieben wird.
Operatoren:benennen · bestimmen · analysieren · beschreiben · klassifizieren
grundlegendes Niveau
gA-Niveau: Stammtöne und Alterationen, Vorzeichen der wichtigsten Tonarten (bis vier Kreuze/B), Intervalle bis zur Oktav sicher benennen, Dur- und Moll-Dreiklang aufbauen, Hauptfunktionen T-S-D in einer einfachen Kadenz erkennen.
erhöhtes Niveau
eA-Niveau: Quintenzirkel komplett (auch enharmonische Verwechslung Fis/Ges), alle Intervalle inkl. übermäßig/vermindert, Vierklang mit Septim, Funktionsharmonik mit Nebenfunktionen (Tp, Sp, Dp) und Doppeldominante, modale Tonleitern (dorisch, mixolydisch etc.), Modulationen über gemeinsame Akkorde.
Tonsystem, Notation, Quintenzirkel
Basiskmk-epa-musik-basisKernpunkte
- Stammtöne der westlichen Musik: C - D - E - F - G - A - H - C (in englischer Notation: C - D - E - F - G - A - B - C; das deutsche H entspricht dem englischen B).
- Alterationen: Kreuz (#) erhöht um einen Halbton (c -> cis), Be (b) erniedrigt um einen Halbton (c -> ces). Doppelkreuz (x) und Doppel-Be alterieren um zwei Halbtöne.
- Notenschlüssel: Violinschlüssel (G-Schlüssel, Linie 2 = g1), Bassschlüssel (F-Schlüssel, Linie 4 = f), Alt- und Tenorschlüssel (C-Schlüssel auf wechselnden Linien für Bratsche, Posaune u. a.).
- Quintenzirkel: ordnet die zwölf Dur-Tonarten im Quintabstand. Im Uhrzeigersinn jeweils ein Kreuz mehr (C-Dur 0, G-Dur 1, D-Dur 2, ...). Gegen den Uhrzeigersinn jeweils ein B mehr (C-Dur 0, F-Dur 1, B-Dur 2, ...).
- Parallele Tonarten: jede Dur-Tonart hat eine parallele Molltonart auf der 6. Stufe (C-Dur / a-Moll, G-Dur / e-Moll, F-Dur / d-Moll). Gleiche Vorzeichen, gleiche Stammtöne, andere Tonika.
- Variantentonarten: gleiche Tonika, andere Tongeschlecht (C-Dur / c-Moll). Wechsel der Variantentonart ist romantisches Stilmittel (Schubert).
- Enharmonische Verwechslung: derselbe Klang, andere Schreibweise (Fis = Ges, Cis = Des). In gleichstufiger Stimmung klanglich identisch.
QUINTENZIRKEL — DUR- UND MOLLTONARTEN MIT VORZEICHEN
Welche drei Beschriftungen in "Quintenzirkel — Dur- und Molltonarten mit Vorzeichen" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
- Verwechslung von H (deutsch) und B (englisch / Jazz-Notation) - im Jazz-Leadsheet bedeutet B den deutschen Ton H.
- Parallele und Variant-Tonart werden gleichgesetzt.
- Die Vorzeichen einer Tonart werden ohne Quintenzirkel-Hilfe falsch geraten.
- Doppelalterationen (x, bb) werden übersehen und als einfache Alterationen gelesen.
Übungsaufgabe
Bestimmen Sie die Tonart eines vorgelegten Notenausschnitts allein anhand der Generalvorzeichen. Geben Sie sowohl Dur- als auch Mollvariante an und entscheiden Sie aufgrund der Schlussakkorde.
Quellen: KMK EPA Musik 1989 / 2005 (KMK) · Riemann Musiklexikon (Schott) (Schott Music) · Klett Spielräume Musik Oberstufe (Klett)
Tonleitern — Dur, Moll-Varianten, Kirchentonarten
Standardkmk-epa-musik-basisKernpunkte
- Dur-Tonleiter: Halbtonschritte zwischen 3.-4. und 7.-8. Stufe; alle anderen sind Ganztonschritte. Schema: G-G-H-G-G-G-H. C-Dur: c-d-e-f-g-a-h-c.
- Natürliches Moll (äolisch): Halbtonschritte zwischen 2.-3. und 5.-6. Stufe. Schema: G-H-G-G-H-G-G. a-Moll: a-h-c-d-e-f-g-a.
- Harmonisches Moll: 7. Stufe um einen Halbton erhöht (Leitton); ergibt eine übermäßige Sekunde zwischen 6. und 7. Stufe. a-Moll harmonisch: a-h-c-d-e-f-gis-a. Wichtig für die Dominante (V-Stufe wird Dur-Dreiklang).
- Melodisches Moll: aufwärts 6. und 7. Stufe erhöht, abwärts wie natürliches Moll. Beseitigt die übermäßige Sekunde des harmonischen Moll - melodisch geschmeidiger.
- Kirchentonarten (Modi): dorisch (auf D, „Moll mit großer Sext“), phrygisch (auf E, „Moll mit kleiner Sek“), lydisch (auf F, „Dur mit übermäßiger Quart“), mixolydisch (auf G, „Dur mit kleiner Sept“), äolisch (= nat. Moll), ionisch (= Dur).
- Pentatonik: fünftonige Skala ohne Halbtonschritte (z. B. c-d-e-g-a). Dur-Pentatonik in Volkslied, Jazz, ostasiatischer Musik. Blues-Skala = Moll-Pentatonik + Blue Note.
QUINTENZIRKEL — DUR- UND MOLLTONARTEN MIT VORZEICHEN
Welche drei Beschriftungen in "Quintenzirkel — Dur- und Molltonarten mit Vorzeichen" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
- Harmonisches und melodisches Moll werden verwechselt - der entscheidende Unterschied ist die Behandlung in Abwärtsbewegung.
- Modi werden als „Moll-Skalen“ missdeutet - dorisch und phrygisch sind Moll-Modi, lydisch und mixolydisch Dur-Modi.
- Pentatonik wird als „primitiv“ abqualifiziert - sie ist die globalste Skalenform der Welt.
Übungsaufgabe
Konstruieren Sie auf dem Grundton D je eine dorische, eine phrygische und eine mixolydische Tonleiter. Vergleichen Sie die Halbtonschritt-Verteilung und benennen Sie das charakteristische Intervall jeder Skala.
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Erläutern Sie die Verwendung der Kirchentonarten im 20. Jahrhundert (Vaughan Williams, Bartok, Jazz Modal Style). Welche kompositorische Funktion übernehmen Modi als Alternative zur Funktionsharmonik?
Quellen: Klett Spielräume Musik Oberstufe (Klett) · Riemann Musiklexikon (Schott) (Schott Music)
Intervalle — Bezeichnung, Halbtöne, Konsonanz/Dissonanz
Standardkmk-epa-musik-basisKernpunkte
- Intervall = Abstand zwischen zwei Tönen. Bezeichnung nach Anzahl Stammtöne (Prim, Sek, Terz, Quart, Quint, Sext, Sept, Oktav) und Qualität (rein, groß, klein, übermäßig, vermindert).
- Reine Intervalle: Prim, Quart, Quint, Oktav. Groß/Klein-Intervalle: Sek, Terz, Sext, Sept. Alteration erzeugt übermäßig (+) oder vermindert (-).
- Halbtonschritte: Prim 0, kl. Sek 1, gr. Sek 2, kl. Terz 3, gr. Terz 4, r. Quart 5, Tritonus 6, r. Quint 7, kl. Sext 8, gr. Sext 9, kl. Sept 10, gr. Sept 11, Oktav 12.
- Konsonanzen: vollkommen (Prim, Quart, Quint, Oktav) und unvollkommen (Terzen, Sexten). Dissonanzen: Sekunden, Septimen, Tritonus.
- Tritonus („diabolus in musica“): im Mittelalter verboten, im Barock als Spannungsintervall im Dominantseptakkord etabliert, im Jazz Grundbaustein.
- Komplementärintervalle: Intervall + Komplement = Oktav (Quart + Quint, Terz + Sext, Sek + Sept). Hilft beim Bestimmen umgekehrter Intervalle.
- Enharmonische Identität: übermäßige Quart = verminderte Quint (beide 6 Halbtöne). Notation entscheidet über Funktion.
INTERVALLTABELLE — BEZEICHNUNGEN, HALBTONSCHRITTE, STIMMUNGS-CHARAKTER
Welche drei Beschriftungen in "Intervalltabelle — Bezeichnungen, Halbtonschritte, Stimmungs-Charakter" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
- Vertauschen von Stammton-Differenz und Halbtonschritten (Quart hat 4 Stammtöne Abstand, aber 5 Halbtöne).
- Übermäßige Quart und verminderte Quint werden als identisch behandelt - klanglich gleich, funktional unterschiedlich.
- Komplementärintervalle werden nicht zur Kontrolle eingesetzt.
Übungsaufgabe
Bestimmen Sie alle Intervalle der ersten vier Takte eines vorgelegten Bach-Choralsatzes (z. B. „O Haupt voll Blut und Wunden“). Klassifizieren Sie nach Konsonanz/Dissonanz und beschreiben Sie die Dissonanzbehandlung.
Quellen: Riemann Musiklexikon (Schott) (Schott Music) · Klett Spielräume Musik Oberstufe (Klett)
Akkordbildung — Dreiklang, Vierklang, Umkehrungen
Standardkmk-epa-musik-basisKernpunkte
- Dreiklang = Grundton + Terz + Quint. Vier Typen: Dur (gr. Terz + kl. Terz = c-e-g), Moll (kl. Terz + gr. Terz = c-es-g), vermindert (kl. Terz + kl. Terz = c-es-ges), übermäßig (gr. Terz + gr. Terz = c-e-gis).
- Vierklang = Dreiklang + Septim. Dur-Sept (Maj7 = c-e-g-h), Moll-Sept (m7 = c-es-g-b), Dominantsept (7 = c-e-g-b), halbverm. Sept (m7b5 = c-es-ges-b), verm. Sept (dim7 = c-es-ges-heses).
- Umkehrungen: Grundstellung (Grundton im Bass), 1. Umkehrung (Terz im Bass, Sextakkord 6), 2. Umkehrung (Quint im Bass, Quart-Sext 6/4). Bei Vierklängen zusätzlich 3. Umkehrung (Sept im Bass).
- Generalbass-Bezifferung: Zahlen unter dem Bass geben Intervalle über dem Bass an. 6 = Sextakkord, 6/4 = Quartsextakkord, 7 = Septakkord, 6/5 = Quintsextakkord (1. Umk. des Vierklangs).
- Akkord-Erweiterungen (Jazz): None (9), Undezime (11), Tredezime (13). Cmaj9 = c-e-g-h-d. Alterierte Akkorde: 7b9, 7#9, 7b5, 7#5 (Schlüsselbausteine des Bebop).
- Akkordsymbol-Schreibweise: Großbuchstabe = Dur (C), kleiner m = Moll (Cm), 7 = Dominantsept (C7), maj7 = große Sept (Cmaj7), dim = vermindert, sus = Vorhalt.
AKKORD-STAPELUNG — DREIKLANG, VIERKLANG, ERWEITERTER AKKORD
Welche drei Beschriftungen in "Akkord-Stapelung — Dreiklang, Vierklang, erweiterter Akkord" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
- Akkord-Bezeichnung anhand der höchsten Stimme statt anhand des Grundtons.
- Verminderter Septakkord und halbverminderter Septakkord werden verwechselt.
- Umkehrungen werden ohne Beachtung der Basslage zugeordnet.
Übungsaufgabe
Identifizieren Sie alle Akkorde des Anfangs des Bach-Chorals „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (BWV 140). Geben Sie Grundton, Akkordart und Umkehrung an.
Quellen: Klett Spielräume Musik Oberstufe (Klett) · Riemann Musiklexikon (Schott) (Schott Music)
Funktionsharmonik — Tonika, Subdominante, Dominante, Kadenz
Standardkmk-epa-musik-basismusik-funktionsharmonikKernpunkte
- Hugo Riemann (1893) entwickelte die Funktionstheorie: alle Akkorde einer Tonart lassen sich auf drei Hauptfunktionen zurückführen - Tonika (T, I), Subdominante (S, IV), Dominante (D, V).
- Tonika: Ruhepunkt, tonales Zentrum. In C-Dur: C-Dur-Akkord (c-e-g). Subdominante: Spannungsstufe nach unten. In C-Dur: F-Dur (f-a-c). Dominante: Spannungsstufe nach oben mit Auflösungstendenz zur Tonika. In C-Dur: G-Dur (g-h-d), oft als G7 (g-h-d-f).
- Authentische Kadenz: T - S - D - T (I - IV - V - I). Schlüsselformel zur Bestätigung einer Tonart. Plagale Kadenz: IV - I („Amen-Schluss“). Trugschluss: V - VI statt V - I.
- Nebenfunktionen („Parallelen“): Tp (T-Parallele, vi-Stufe, in C-Dur a-Moll), Sp (S-Parallele, ii-Stufe, in C-Dur d-Moll), Dp (D-Parallele, iii-Stufe, in C-Dur e-Moll). Diese vertreten ihre Hauptfunktion harmonisch.
- Stufentheorie (Sechter, amerikan. Tradition): Akkorde werden als Stufen (I - VII) benannt, nicht funktional. In C-Dur: I = C, ii = d-Moll, iii = e-Moll, IV = F, V = G, vi = a-Moll, vii dim = h-vermindert.
- Modulation: Wechsel der Tonart innerhalb eines Stücks. Häufige Verfahren: über gemeinsamen Akkord (Pivot-Akkord), enharmonische Verwechslung, chromatische Verschiebung. Zieltonarten: Dominante (in der Exposition), Mediantverwandte (in der Romantik), entfernte Tonarten (in Durchführungen).
- Doppeldominante (DD oder V/V): die Dominante der Dominante. In C-Dur: D-Dur (mit fis) als Vorbereitung der Dominante G-Dur. Erweitert die kadenzielle Spannung.
FUNKTIONSHARMONIK — TONIKA, SUBDOMINANTE, DOMINANTE (KADENZSCHEMA)
Welche drei Beschriftungen in "Funktionsharmonik — Tonika, Subdominante, Dominante (Kadenzschema)" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
AKKORD-STAPELUNG — DREIKLANG, VIERKLANG, ERWEITERTER AKKORD
Welche drei Beschriftungen in "Akkord-Stapelung — Dreiklang, Vierklang, erweiterter Akkord" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Musterlösung
Vollständige Kadenz in C-Dur konstruieren und vierstimmig aussetzen
Konstruieren Sie eine vollständige authentische Kadenz (T - S - D7 - T) in C-Dur. Geben Sie die Akkordtöne jeder Funktion an, beziffern Sie den Generalbass und beschreiben Sie die Stimmführung der beiden Leittöne im Übergang D7 - T.
- 1. Hauptfunktionen als Dreiklänge bestimmen
Tonika I = C-Dur (c-e-g). Subdominante IV = F-Dur (f-a-c). Dominante V = G-Dur (g-h-d). Alle drei sind Dur-Dreiklänge aus den leitereigenen Tönen von C-Dur (keine Vorzeichen). Zusammen enthalten T, S und D alle sieben Stammtöne der Tonleiter.
- 2. Dominante zur Dominantseptime erweitern
Die Septime f wird über den Dominantgrundton g geschichtet: V7 = G7 = g-h-d-f. Das Intervall g-f ist eine kleine Septime (10 Halbtöne). Der Akkord enthält den Tritonus h-f (6 Halbtöne) zwischen Terz und Septime - er erzeugt den charakteristischen Auflösungsdrang.
- 3. Stimmführung der beiden Leittöne
Der Leitton h (zugleich Terz der Dominante und Leitton der Tonart C-Dur) löst sich einen Halbton aufwärts nach c (Grundton der Tonika) auf. Die Septime f löst sich einen Halbton abwärts nach e (Terz der Tonika) auf. Der Tritonus h-f kontrahiert also in Gegenbewegung zur Terz c-e.
- 4. Generalbass-Bezifferung
In Grundstellung wird die Tonika ohne Ziffer notiert, die Subdominante als Dreiklang in Grundstellung ebenfalls ziffernlos, die Dominantseptime mit der Ziffer 7. Beziffert: C (—) - F (—) - G7 (7) - C (—). Im aussetzenden Satz führt der Continuist die Septime vorbereitet ein und löst sie regelgerecht abwärts auf.
- 5. Kontrolle der Funktionslogik
Die Folge T - S - D7 - T realisiert das funktionsharmonische Grundgerüst: die Subdominante trägt von der Tonika weg, die Dominante führt mit höchster Spannung (Tritonus) zurück. Ersetzt man den Schluss-Akkord durch a-Moll (vi), entsteht statt der authentischen Kadenz ein Trugschluss V - VI.
Ergebnis: Authentische Kadenz in C-Dur: C (c-e-g) - F (f-a-c) - G7 (g-h-d-f) - C (c-e-g). Im Übergang G7 - C löst sich der Leitton h aufwärts nach c, die Septime f abwärts nach e; der Tritonus h-f kontrahiert in Gegenbewegung zur Terz c-e.
Musterlösung
Schubert, „Der Lindenbaum“ (Winterreise D 911 Nr. 5) — Funktionsharmonische Analyse
Analysieren Sie das Lied „Der Lindenbaum“ aus Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ (Text: Wilhelm Müller, 1827). Untersuchen Sie das Verhältnis von Dur- und Moll-Strophen, die funktionsharmonischen Wendungen und die Wort-Ton-Beziehung.
- 1. Werkkontext und Form
„Der Lindenbaum“ ist Nr. 5 von 24 Liedern der „Winterreise“ (komponiert 1827). Form: erweiterte Strophenform mit Variantentechnik. Drei Hauptteile entsprechen den drei Erinnerungsschritten des lyrischen Ichs (Erinnerung - Versuchung - Resignation). Tonart: E-Dur (Strophe 1, 3) wechselt nach e-Moll (Strophe 2, „Mir tat sein Rauschen ...“).
- 2. Klavier-Introduktion und Wort-Ton-Beziehung
Triolenfiguren im Klavier (3/4-Takt) malen das Rauschen der Blätter im Wind - hochgradig programmatisch. Die rechte Hand spielt durchgängig Sechzehntel-Triolen, die linke Hand stützt mit Tonika und Dominante in E-Dur. Eintaktiger Vorhang öffnet die Erinnerungsszene.
- 3. Strophe 1 (E-Dur): Funktionsharmonische Stützen
Gesang setzt mit Sextsprung c#-e ein („Am Brunnen vor dem Tore“). Harmonische Folge T - S - D - T (I - IV - V - I) in E-Dur, ausgeschmückt durch Vorhalte und Durchgangsnoten. Die Strophe endet mit authentischer Kadenz V7 - I (H7 - E-Dur). Erinnerungston: friedlich, klar, dur-haltig.
- 4. Strophe 2 (e-Moll): Variantentonart als psychologischer Bruch
Variantentonart-Wechsel von E-Dur nach e-Moll (gleiche Tonika, andere Terz) signalisiert die schmerzhafte Wendung der Erinnerung. Harmonik wird chromatisch angereichert: e-Moll, h-Moll (D-Moll-Parallele), C-Dur (neapolitanische Subdominantverwandte). Begleitfigur des Klaviers wechselt zu pulsierenden Achtel-Akkorden statt fließender Triolen - Sturmcharakter, Naturmetapher für den inneren Aufruhr.
- 5. Strophe 3 (E-Dur, modifiziert): Resignation
Rückkehr nach E-Dur, aber die Triolen-Begleitung ist nun chromatisch eingefärbt. Spannungstöne (verminderte Septakkorde, Doppeldominanten) zeigen, dass die Idylle nicht ungetrübt zurückkehrt. Die Schlusswendung enthält einen Trugschluss V - VI (H7 - cis-Moll) vor dem endgültigen Ganzschluss - musikalisches Äquivalent zum textlichen Schwanken zwischen Sehnsucht und Resignation.
- 6. Interpretatorische Synthese
Die Tonartendisposition E-Dur - e-Moll - E-Dur spiegelt den dramaturgischen Bogen Erinnerung - Versuchung - Resignation. Schubert nutzt Variantentechnik (Hauptmittel der Romantik) statt der klassischen Dominantmodulation - der Charakterwechsel bleibt im selben tonalen Zentrum verankert, was die psychologische Innerlichkeit verstärkt. Der Text wird nicht „vertont“, sondern in eine eigenständige musikalische Dramaturgie überführt.
Ergebnis: Schuberts „Lindenbaum“ zeigt exemplarisch die romantische Liedästhetik: erweiterte Strophenform, programmatische Klavierbegleitung (Blätterrauschen), Variantentechnik als Ausdruck psychischer Wendungen, Chromatik als Mittel innerer Konflikte. Die funktionsharmonische Grundsubstanz bleibt klassisch, wird aber durch Modulationen, Trugschlüsse und Variantentonarten emotionalisiert.
Typische Fehler
- Stufen- und Funktionsbezeichnung werden vermischt - in Klausur ist eine Notation konsequent durchzuhalten.
- Trugschluss wird mit unvollkommener Kadenz verwechselt.
- Doppeldominante wird als „verlängerte Dominante“ missverstanden.
- Nebenfunktionen werden nur als „Stellvertreter“ begriffen - sie haben eigene harmonische Färbung.
Übungsaufgabe
Analysieren Sie funktionsharmonisch die ersten acht Takte des Bach-Chorals „Jesu, meine Freude“ (BWV 227, e-Moll). Bezeichnen Sie alle Akkorde mit Funktionssymbol und Stufenzahl.
LK-Vertiefung
eA-Vertiefung: Beschreiben Sie die Funktionsharmonik in einem chromatisch erweiterten Beispiel (z. B. Wagner, „Tristan“-Akkord). Wie weit trägt das Funktionsmodell, wo bricht es?
Quellen: Riemann Musiklexikon (Schott) (Schott Music) · Klett Spielräume Musik Oberstufe (Klett)
Rhythmik, Metrik, Notenwerte — Notation und Lesen
Basiskmk-epa-musik-basisKernpunkte
- Notenwerte: Ganze (4 Schläge im 4/4), Halbe (2), Viertel (1), Achtel (1/2), Sechzehntel (1/4), Zweiunddreißigstel (1/8). Punktierung verlängert um die Hälfte des Grundwerts.
- Pausen-Werte analog zu den Notenwerten: ganze Pause (hängt unter der 4. Linie), halbe Pause (sitzt auf der 3. Linie), Viertel-, Achtel-, Sechzehntelpause mit charakteristischen Zeichen.
- Taktarten: gerade (2/4, 4/4, 2/2 alla breve) und ungerade (3/4 Walzer, 6/8 Tarantella, 9/8, 12/8 Gigue, 5/4 Mars von Holst, 7/8 osteuropäische Volksmusik).
- Metrum: Verteilung von schweren und leichten Schlägen. Im 4/4: 1 stark, 3 mittel, 2 und 4 leicht. Synkope = Verschiebung des Akzents auf einen leichten Schlag (Grundbaustein des Jazz).
- Tempo-Angaben: italienisch (Largo, Adagio, Andante, Allegro, Presto), seit Mendelssohn auch metronomisch (BPM, viertel = 120).
- Triole: 3 Noten im Zeitraum von 2 gleichartigen. Polyrhythmik 3:2. Quintole 5:4 (selten, in moderner Musik).
- Auftakt: unbetonter Anfangsschlag vor der ersten Takt-1. Auftakt wird vom Schluss-Takt abgezogen.
NOTENWERTE UND PAUSEN — DAUERVERHÄLTNISSE
Welche drei Beschriftungen in "Notenwerte und Pausen — Dauerverhältnisse" sind prüfungsrelevant?
Folgeaufgabe: Skizziere dasselbe Schema ohne Beschriftungen und ergänze sie aus dem Gedächtnis.
Typische Fehler
- Punktierungen werden falsch berechnet - punktierte Halbe = 3 Viertel, nicht 2.
- Triolen werden mit normalen Achteln verwechselt.
- Alla breve (2/2) wird als 4/4 gelesen, was die Tempogestaltung verfälscht.
Übungsaufgabe
Notieren Sie den Rhythmus eines vorgesungenen Beispiels im 6/8-Takt. Identifizieren Sie die Auftakte und kennzeichnen Sie alle Synkopen.
Quellen: Klett Spielräume Musik Oberstufe (Klett)